und Kreativität kann Torwart-Seelen heilen
Das wird jetzt ein etwas ungewöhnlicher Blogbeitrag. Heute, während ich diese Zeilen schreibe, beginnt die WM 2026 und ich bin alles andere als ein eingefleischter Fußballfan. Diese Zeilen entstehen auch sehr spontan, eigentlich war ein anderer Text geplant, aber ich habe gestern die Doku “Mission Sommermärchen 2006” im ZDF angesehen.
Nun scheinen das Thema kreativer Lebensstil und Sport meilenweit auseinander zu liegen. Aber nur scheinbar. Sie haben viel mehr miteinander zutun als man denken würde.
Eine Folge der Dokureihe widmet sich Oliver Kahn, dem damaligen Nationaltorwart und Bayern-Torhüter. Nach einer fantastischen Karriere hatte er in den Jahren 2003/2004 einen ziemlichen Durchhänger. Er verlor die Gunst der Fans, war zwar in körperlicher Höchstform, aber vergaß, dass auch der mentale Teil in der Leistungsfähigkeit eine große Rolle spielt. Vielleicht muss man bedenken, dass vor rund 20 Jahren das Thema mentale Gesundheit noch nicht so im Fokus stand, wie es das heute tut - insbesondere im Fußball war zu dieser Zeit Sensibilität nicht gern gesehen und so stand eher als Stärke getarnte toxische Maskulinität im Zentrum. Und so boxte sich Oliver Kahn mit Härte durch, ohne so recht zu wissen, was mit ihm nicht stimmte.
Härteres Training, Druck, nicht erfüllte Erwartungen, Trotz und möglicherweise auch ein Männlichkeitsbild, das nicht dem entsprach, wie es im Inneren aussah, führten dazu, dass der “Titan” sich und auch der Mannschaft immer wieder im Weg stand. Eine Serie an Niederlagen und schlechten Spielen folgte. In einem Interview reflektiert er die Zeit, zwanzig Jahre später, was zeigt, dass Dinge Zeit brauchen.
Aber er erzählt auch von einem ganz bedeutenden Moment, der auf eine Art so klein und gleichzeitig so groß war, dass es eine ganze Haltung verändern kann. Und dieser Moment hatte mit einem großen Stück Pappe und einem dicken Filzstift zutun.
Der kleine Junge und sein Schild
Oliver Kahn erzählt, wie er im Spiel FC Bayern gegen VFL Wolfsburg am 28. Februar 2004, nachdem er sich vier Tage zuvor im Champions League Hinspiel gegen Real Madrid einen heftigen Freistoß-Patzer geleistet hatte und damit Bayern mit Unentschieden in die Rückrunde führte, einen kleinen Jungen am Tribünenrand entdeckte. Ein kleiner Fan mit einem Schild.
“OLLI, REAL IST VERGESSEN!”
Hier geht´s zur Doku "Mission SommerMärchen" (Abre numa nova janela)
Kahn macht in diesem Spiel keinen Fehler und die Bayern gehen mit 2:0 aus dem Spiel.
Nun versetzen wir uns mal in ein Münchener Kinderzimmer, ein paar Tage zuvor. Der kleine Junge wusste, dass er Karten für das Wolfsburg-Bayern-Spiel hat, er wusste, dass “sein” Torhüter eine Pechsträhne und eine harte Zeit hat. Er sitzt auf seinem Bett und überlegt, was er tun kann, damit sein Verein wieder auf Spur kommt. Was kann er schon tun? Er ist noch klein und einer von vielen. Am liebsten würde er seinem Helden Motivation zurufen, aber das Stadion ist laut, niemand wird ihn hören. Vielleicht stellte er sich vor, wie er sich fühlen würde, wenn die ganze Welt sauer auf ihn gewesen wäre, weil er einen Fehler gemacht hätte. Und er schnappt sich eine gelbe Pappe, die er noch aus dem Kunstunterricht übrig hat und nimmt einen dicken roten und schwarzen Filzstift und schreibt auf, was ihm auf dem Herzen liegt.
Und plötzlich wird aus ein bisschen Papier und Tinte ein Stück Magie und eine Sache, die große Veränderung schaffen kann. Zum richtigen Zeitpunkt, die richtigen Worte, sichtbar, laut, obwohl sie einfach nur leise dastehen.
Ob es so oder vielleicht auch etwas anders war, werden wir wohl nie so recht rausfinden können. Aber eins ist sicher: Der kleine Junge hat eine kreative Lösung für sein und Ollis Problem gesucht. Er hat mit den Mitteln, die er hatte, das Lauteste getan, was er im Stadion tun konnte. Mut zu gesprochen. Und der Zuspruch kam an.
Was wir von dem kleinen Jungen lernen können
Du musst dafür nicht ins Stadion gehen, aber kleine Botschaften, handgeschrieben, auf Post its, in Butterbrotdosen oder auf dem Kopfkissen, haben eine enorme Kraft. Und sie kosten kaum Zeit und kein Geld. Wir können kleine, liebevolle, motivierende, bestärkende Notizen schreiben oder zeichnen und sie uns liebgewonnen, wertvollen Menschen geben oder völlig Fremden unter die Windschutzscheibe stecken. So oder so, ich glaube, es gibt niemanden, der sich nicht über eine nette, aufmunternde oder auch vergebende Botschaft freut.
Ein kleines Zeichen, ein mikro-kreatives Werkzeug, um das Leben unserer Lieben, das eines struggelnden Torwarts oder auch der ganzen Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Und wir können nie wissen, wieviel Bedeutung ein solcher Zettel für den Empfänger haben kann.
Als Kinder haben wir diese Zettel viel häufiger geschrieben. Warum haben wir damit aufgehört?
Und wann fängst DU wieder damit an?
Herzlich,
Deine Joana
PS: Schau mal, was auf der Post klebte, die mir meine Kundin Judith vorige Tage geschickt hat:
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