Saltar para o conteúdo principal

#12 Rolle rückwärts im Silicon Valley

Liebe Leser:innen,

Seit knapp 20 Jahren sind Technologie und Innovation Kernthema meines journalistischen Schaffens. 10 Jahre lang habe ich eine Redaktion geleitet, die auf diese Bereiche spezialisiert war und sich bewusst als fortschrittsfreundlich positioniert hat. Aber was uns die US-Techmilliardäre heute als “innovativ” verkaufen, kann ich so nicht mehr bezeichnen. Jedenfalls nicht uneingeschränkt und nur mit vielen “Ja, abers”. Der Grund dafür liegt in der zunehmenden ideologischen Radikalisierung der tonangebenden Techbros*. Sie propagieren technologischen Fortschritt und träumen gleichzeitig von zutiefst reaktionären politischen Entwicklungen. Tatsächlich träumen sie nicht mehr nur, sie agieren und beeinflussen die Welt aktiv im Rückwärtsgang. 

Die täglichen Nachrichten aus den USA reichen, um davon einen Eindruck zu bekommen. Und die rückschrittlichen, antidemokratischen Visionen haben sich längst auch über Europa ausgebreitet. Der Einflussbereich der Techmilliardäre reicht inzwischen tief in die politischen und wirtschaftlichen Netzwerke in unseren Breiten hinein.

Ich frage mich: Was für ein Fortschritt soll das sein, der unsere Gesellschaft in Sachen Gleichstellung, Diversität und Aufklärung um Jahrzehnte oder Jahrhunderte zurückwerfen will? Denn genau solche Absichten verfolgen die Musks und Thiels und Co. Begleitet von einem Mix aus pseudoreligiösen Ideologien, Allmachts- und Weltherrschaftsfantasien sind wir mit Künstlicher Intelligenz, Algorithmen und Produkten konfrontiert, die uns versprechen, unser Leben zu verbessern. Die Wahrheit ist: Sie verbessern - so wie sie aktuell ausgestaltet werden - vor allem den Kontostand eben jener Techbros. Sie reproduzieren Ungleichbehandlung in Geschlechterfragen, forcieren Online-Radikalisierung und beschädigen unsere demokratischen Grundfeste. 

Sexistisch und rassistisch

Algorithmen, wie sie uns derzeit auf den großen Social-Media-Plattformen geboten werden, sind nicht neutral. KI ist nicht intelligent. Diese Technologien sind grundsätzlich Werkzeuge und Infrastruktur. Werkzeuge, die im besten Fall von allen Menschen gleichermaßen genutzt werden können - im schlechtesten aber nur einer kleinen (weißen männlichen) Gruppe wirklich dienlich sind. Leider sieht es derzeit nach letzterem aus. 

Tools, Plattformen und Chatbots spucken uns nur das aus, womit sie zuvor an Datenmaterial gefüttert bzw. worauf sie programmiert wurden. Und hier kommt die immer bedenklicher werdende Weltanschauung der Tech-Milliardäre zum Tragen. Es ist ein alter Hut, dass Deeplearning KI-Systeme sexistischer und rassistischer (Abre numa nova janela)macht. Dem müsste bewusst entgegengewirkt werden. Aber Diversity ist im Silicon Valley nur noch ein Schimpfwort. 

Kaum hatte Donald Trump seine zweite Amtszeit angetreten, ging ein reaktionärer Ruck durch die Techwelt, die ohnehin in den Jahren zuvor schon fragwürdige Entwicklungen genommen hatte. Facebook-Chef Mark Zuckerberg etwa ließ verkünden, dass es mit dem Diversitätskram jetzt aber genug sei und kündigte einen Kurswechsel an (Abre numa nova janela). Auf Gleichbehandlung wird bei Meta seither gepfiffen. 

Dieses Mindset zieht sich inzwischen durch so gut wie alle Techkonzerne. Und natürlich schlägt sich das auch in ihren Produkten und Plattformen nieder. Im Buch “The New Age of Sexism” beschreibt die Autorin Laura Bates sehr gut, wie die sogenannte KI-Revolution eine neue Ära des Sexismus eingeläutet hat. Dabei geht es zum Beispiel um die massenhafte Erstellung von Deepfake-Pornos**, in denen fast ausschließlich Frauen Opfer von missbräuchlichen Darstellungen sind. Es gibt eigene Apps, mit denen sich solche Videos in Windeseile erstellen lassen. Manche davon funktionieren mit männlich gelesenen Fotos gar nicht, sondern nur mit Bildmaterial von vermeintlichen Frauen. 

Wer das Geld hat

Die 10 reichsten Menschen der Welt sind allesamt Männer (Abre numa nova janela) - die meisten davon in der Techszene aktiv. Sie haben gigantische Vermögen und damit auch extrem viel Macht angehäuft. Macht, die sie dazu benutzen, die Welt und unsere Gesellschaften so zu formen, wie es ihnen beliebt. Frauen, Minderheiten, ja eigentlich alle, die nicht zu diesem Kreis gehören, bleiben dabei auf der Strecke. Die ach so innovativen Technologien sind auf eine Idee von Zukunft ausgerichtet, die nur für wenige Privilegierte gewinnbringend ist. 

Dabei ist Diversität kein “lustiger” sinnloser Zeitvertreib, wie das von reaktionären Kulturkämpfern (hier muss man nicht gendern) gerne dargestellt wird. Diversität erzielt messbare Erfolge. Teams und Unternehmen, die divers aufgestellt sind, erzielen bessere Ergebnisse und bringen die besseren Produkte hervor. Eigentlich ein No-Brainer. Aber dafür steht den Techbros mittlerweile die Ideologie im Wege. Sie möchten sich lieber eine elitäre Welt basteln, in der sie auf alle anderen hinuntertreten und die breite Gesellschaft ihrer demokratischen Rechte berauben können. 

Was ist Innovation?

KI-Konzerne beuten Menschen im Globalen Süden (Abre numa nova janela) für ihre Zwecke aus, auf Social-Media-Plattformen wie dem von Musk betriebenen X werden Hass und Hetze aktiv gefördert und Peter Thiel würde am liebsten das Frauenwahlrecht wieder abschaffen (Abre numa nova janela). Und das soll also Innovation sein?

Fortschritt kann nicht alleine technologisch erfolgen, Fortschritt bedeutet auch, sich gesellschaftlich weiterzuentwickeln. Interessanterweise kommt das in der Innovations-Debatte meistens überhaupt nicht vor. Ganz im Gegenteil. Aber Innovation, die mich als Frau ausschließt, die meine Lebenswelt nicht abbildet oder die sogar aktiv gegen mich arbeitet, ist keine Innovation. Gleiches gilt für andere Bereiche wie ethnische Minderheiten, Menschen mit Behinderungen, usw. Deshalb kann mich das technologiehörige Marketinggerede nicht mehr beeindrucken. Deshalb bestehe ich auf Fortschritt und Weiterentwicklung, die auch gesellschaftliche Fragen mit einschließen. 

Technologie entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie wird von Menschen gemacht. Auch die Rahmenbedingungen, in die sie gebettet ist, werden von Menschen gemacht. Wir sollten also ganz genau hinschauen, worauf wir uns einlassen und wem wir ausgeliefert sind. Es betrifft die Zukunft von uns allen und wir alle haben einen Anspruch auf Innovation. 

In diesem Sinne, alles Liebe.
Wir schreiten voran!

*Für Golem.de (Abre numa nova janela) schreibe ich eine regelmäßige Kolumne (Abre numa nova janela), die sich kritisch mit den Techbros und ihrem politischen Einfluss beschäftigt. 

**In Österreich läuft gerade ein Volksbegehren, das sich dafür einsetzt, dass sexualisierte Gewalt im Internet strafbar wird. Weitere Infos und einen Link zum Unterschreiben findet man hier bei “Digital ist nicht egal” (Abre numa nova janela).


0 comentários

Gostaria de ser o primeiro a escrever um comentário?
Torne-se membro de Keine Frauen e comece a conversa.
Torne-se membro