Besuch in Strasbourg/Sentimental Value/Hermann Göring/Claude Sautet/X-mas-Menüs

Hier und da entdeckt man noch eine stolze Trikolore, aber ansonsten scheint Straßburg in diesen Tagen weit weg vom Geschehen in der französischen Hauptstadt, von Frankreich überhaupt. “Strasbourg, Europe” – so schreiben viele hier ihre Adresse, und in dieser Perspektive liegt die schöne Stadt nicht am östlichen Rande der französischen Republik, sondern mittendrin in der europäischen Kernzone, der berühmten Blauen Banane, die sich von London über die Niederlande und Belgien, dem Ruhrgebiet, dem Elsass, dem Rhein-Main-Gebiet, das Ländle und Bayern bis nach Oberitalien krümmt. Ergänzt wird diese supranationale Perspektive durch die Begeisterung für das eigene Elsass – die Kostüme, die Rezepte, die Folklore und die jeden Tag neu erwiesene Relevanz der Geschichte. Der Offizier Alfred Dreyfus war ein Jude aus dem Elsass, die antisemitische Affäre gegen ihn prägte das 19. Jahrhundert, eine moderne Manifestation des Antisemitismus (Abre numa nova janela) und in der Folge auch des Zionismus. Nun hat der unselige, einstige Präsident Nicolas Sarkozy die Memoiren seiner kurzen Gefängniszeit veröffentlicht und sich darin mit dem armen Dreyfus verglichen, der jahrelang eingesperrt war. Und zwar als völlig unschuldiger Mann. Ein kleiner, aber feiner Unterschied zu Sarko.
In der grössten Buchhandlung der Stadt, der Librairie Kléber, wird das Sarko-Buch jedenfalls nicht groß ausgestellt oder beworben – der Pseudo-Dreyfus als peinliche Bückware.
In dieser Saison nennt sich Straßburg auch die Hauptstadt von Weihnachten. Zwar wurde Jesus Christus bekanntlich woanders geboren und eine Beziehung zum Elsass ist ihm nicht nachzuweisen, aber Weihnachten ist bekanntlich eine Sache der Einstellung. Der Weihnachtsmarkt hier ist nocheinmal eine Stufe wahnsinniger als woanders. Die Sicherheitsmaßnahmen auch. Jahr um Jahr versuchen Dschihadisten, hier einen Anschlag zu verüben, darum wacht die Gendarmerie mit einem beeindruckenden, umfassenden Sicherheitskonzept. Erst nach diversen Kontrollen darf man sich im Wunderland des weißen Glühweins und der mannshohen Choucroute-Portionen auf recycelbarem Geschirr austoben. Die Leute stehen Schlange, pilgern mit einem weißen LED-Leuchten in den Augen aus der ganzen Welt hierhin. Wer Weihnachten aber nicht mag, empfindet hier eine verstärkte Stadtbild-Störung.
Trotz des Trubels ist es angenehm leise – mit dem Auto kommt man in der verwinkelten, vollen und kontrollierten Stadt nicht weit, Rad und Tram haben Vorrang. Angenehme, coole Ökologie.
So gut gelaunt und übermütig, so selbstbewusst könnte ganz Europa sein, wenn Politik und Medien statt der anstrengenden und ermüdeten nationalen Bühne konsequenter die regionale und die europäische Perspektive abbilden.
Auf der Fahrt zurück der übliche Downer: die rituelle Grenzkontrolle durch die Bundespolizei – 20 Minuten Dobrindt-Pause für den schnellen Zug. Es gibt sie nur auf der Fahrt in die deutsche Richtung, Frankreich macht beim Rückfall hinter Schengen nicht mit. Kein Attentat der letzten Jahre hätte so verhindert werden können, es ist ein zeitgenössisches Theater der Sicherheit, in dem die Bundesrepublik ihre Fähigkeit zum europapolitischen Rückwärtsgang demonstriert. Genau in die falsche Richtung, dafür mit Schmackes.
So ist derzeit auf vielen Feldern: Rückwärts statt vorwärts. In Straßburg, der alten Hauptstadt des Humanismus, kennt man aber die Logik der Dialektik: Kein Zustand währt ewig und mitten im Alten beginnt schon das Neue.
Ab heute werden die Tage wieder länger.
Wenn Sie in diesen Tagen einen Kinobesuch erwägen, also statt oder nach oder vor Avatar 4 – der bei mir für heute Nachmittag auf dem Programm steht, in Gesellschaft unseres Sohnes, mit dem ich auch schon 1 bis 3 gesehen habe – dann empfehle ich Sentimental Value.
https://www.youtube.com/watch?v=q79C2lkG8dk (Abre numa nova janela)Wie die allerbesten Filme ist auch dieser hier ein Nachdenken über das Medium selbst, den Wandel der Kunst zur Branche, sowie über Bilder, Familien, Geschlechterrollen, Generationenkonflikte und Erinnerungen. Er tastet sich leicht und klug an sein Thema heran und geht nie auf Nummer sicher. No risk, no fun, das scheint das Motto von Joachim Trier gewesen zu sein. Ich war begeistert von der Schauspielkunst des Protagonisten Stellan Skarsgård, den ich schon in der Serie Tschernobyl genial fand. Völliges Allerweltsgesicht, das mit geringen Mitteln die verblüffendsten Empfindungen auszudrücken versteht.
Schon nach wenigen Seiten dieser spannenden, modernen Biografie wünscht man sich, dass der beschriebene Mann niemals irgendwo Macht über Menschen bekommt, dass seine Schwächen erkannt und die ihm innewohnende Gefahr gebannt werden – aber alle wissen, dass es anders kam. Genau wie Hitler ist Göring nach dem Ersten Weltkrieg ganz unten. Ein Loser, dessen einzige besondere Eigenschaft seine Neigung oder Liebe zur Gewalt ist. Er begeht schwere Straftaten, macht aus seinen Absichten nicht den geringsten Hehl. Er versteckt sich nicht, verstellt sich nicht, sondern gibt landauf landab den Entertainer. Warum wurde er nicht gestoppt?
https://www.chbeck.de/molitor-hermann-goering/product/38770029 (Abre numa nova janela)Andreas Molitor nähert sich dem Leben des Hermann Göring mit beeindruckendem Elan, ohne Routine und sucht zu allen Spezialfragen ausgewiesene Experten auf. Zur Nummer 2 der Nazis hat jede und jeder ein passendes Klischee im Kopf – die hier dargestellte Geschichte ist noch weit schlimmer. Aktuelle Bezüge sind leider nicht zu vermeiden.
In diesen Tagen ist es Zeit für Klassiker. Man ist schon dermaßen an durchgestylte, getestete und KI-unterstützte Serienware gewöhnt, dass man so einen Film anschaut wie das achte Weltwunder: Unverständlich gemurmelte Dialoge. Sätze, die nicht vollendet werden. Autofahrten hin und her, plötzlich und ohne Gurt.Aber wohin? Liebesbeziehungen, die ohne Grund beginnen oder schiefgehen. Das Leben in Cliquen von Freunden, die sich untereinander, in Zweierkonstellation gar nicht mal sehr mögen. Männer tragen noch einen dicken Pulli unter dem Sakko, weil der Klimawandel noch nicht so richtig begonnen hat. Einer der schönsten Filme der Welt vom Meister aller Klassen, Claude Sautet, dem auch der ganze Respekt und die Liebe meines unvergessenen Kollegen Michael Althen galten:
https://www.arte.tv/de/videos/039135-000-A/vincent-francois-paul-und-die-anderen/ (Abre numa nova janela)Langsam macht sich der Weihnachtswahnsinn breit und löst den üblichen, anderen Wahnsinn ab – eine wohltuende Pause. Um gut durch diese Zeit zu kommen, die ja für viele nicht ganz einfach ist, wurde die Kochkunst erfunden.
Schlusswort in dieser Hinsicht soll der große Yoram Ottolenghi haben, dessen Geist der kulinarischen Versöhnung sich ruhig noch weiter entfalten darf im kommenden Jahr. Bei ihm findet man eigentlich immer eine schräge, großartige Idee:
https://ottolenghi.co.uk/blogs/stories/christmas-recipes (Abre numa nova janela)Wie jedes Jahr hat auch der hanseatische Saarländer Herr Grün ein vegetarisches Weihnachtsmenü konzipiert:
https://www.herrgruenkocht.de/das-3-gaenge-weihnachtsmenue-2025-von-herrn-gruen/ (Abre numa nova janela)Kopf hoch,
ihr
Nils Minkmar
PS: Seit der Weihnachtsausgabe dieses Newsletters vor einem Jahr sind weit über 3000 Abonnentinnen und Abonnenten dazugekommen: jeden Tag zehn! Vielen, vielen Dank.
Falls Sie meine Arbeit daran auch finanziell unterstützen möchten und können, so geht das hier:
Bonus: Sie erhalten Zugang zu meiner aktuellen Geschenkideenliste, gerade auch für Last-Minute-Schenker geeignet.
PPS: Ich mache Winterpause, die nächste Ausgabe dieses Newsletters ist am 11. Januar 2026 in ihrem Postfach.
Bonne année.