Saltar para o conteúdo principal

Vom Phönix aus der Asche und alten Gangstern

In diesem Jahr jährt sich der Brand der Fenice (Abre numa nova janela) zum 30. Mal. Unglaublich, aber wahr.

In jener Nacht des 29. Januar 1996 saßen der Venezianer und ich im Flugzeug. Im Halbschlaf hörte ich, dass es im Bordfernsehen um einen Brand des legendären venezianischen Theaters ging, und ich glaubte, dass es sich lediglich um einen Jahrestag des Brandes von 1864 handelte, als die Fenice bis auf die Grundmauern abgebrannt war - und das Theater seinem Namen alle Ehre machte, als es nach nur einem Jahr wie der Phönix aus der Asche wiederauferstanden war. Erst als ich bei der Zwischenlandung in Frankfurt die Überschrift des Corriere della Sera sah, begriff ich. Beim Weiterflug machte uns der Pilot bei Vincenza nicht nur auf das Verlassen der Reiseflughöhe aufmerksam, sondern auch auf den Rauch aus der Fenice, der in der Ferne in den lichtblauen Himmel stieg, und wir fragten uns, ob unser Palazzo noch stehen würde.

Wir hatten Mühe, bis zum Campo San Fantin zu gelangen und zwängten uns durch Neugierige, die immer wieder von Polizisten und Feuerwehrmännern zurückgedrängt wurden. Der Campo war abgesperrt, das Pflaster nass und mit Ruß verklebt, überall lagen Löschschläuche, sie zogen sich über die Brücke hin zum nächsten Kanal – denn der Kanal unter unseren Fenstern, der auch die Fenice umgibt, war trockengelegt. Wegen Säuberungsarbeiten. Der Brief, der zuvor bei Bürgermeister Cacciari eingegangen war und auf die Brandgefahr während der laufenden Renovierungsarbeiten im Theater hingewiesen hatte, war nicht zur Kenntnis genommen worden.

 Wir hatten Glück. Die Nacht, in der die Fenice abbrannte, war windstill. Das Feuer brannte wie in einem Kamin – begrenzt von den Außenmauern des Theaters. Ein geringer Funkenflug hätte gereicht, und das ganze Stadtviertel San Marco wäre bis auf die Grundmauern niedergebrannt.

Der damalige Intendant der Fenice-Oper, Gianfranco Pontel, weinte in jede Kamera, die ihm entgegengehalten wurde, er beschwor seine Unschuld  in der Maurizio-Costanzo-Talkshow, er schluchzte in den Nachrichten der RAI und beteuerte, dass er sein Leben gegeben hätte, um das Theater zu retten. Dabei hätten eine funktionierende Feueralarmanalage, ein Feuerwehrmann und ein zweiter Hausmeister schon gereicht. 

In der Zwischenzeit fahndete der venezianische Oberstaatsanwalt Felice Casson (Abre numa nova janela) nach den Ursachen des Brandes und stellte 14 Ermittlungsbescheide wegen Verletzung der Aufsichtspflicht aus, gegen den Bürgermeister, Denkmalschützer, Intendanten, gegen Ingenieure und Hausmeister.

Jeden Tag gab es neue Erkenntnisse, bis man sich in der Bar Al Theatro schließlich fragte, warum das Theater eigentlich nicht schon viel früher abgebrannt war: Der Kanal war seit Monaten trockengelegt, die Feueralarmanlage ausgestellt, ein einziger Hausmeister sollte ein Gebäude von 65 000 Quadratmetern bewachen, und erst wenige Wochen vor der Katastrophe war es im Theater bereits zu einem kleinen Brand gekommen.

Nicht nur Verschwörungstheoretiker, sondern auch Staatsanwalt Casson vermutete zunächst die sizilianische Mafia als Brandstifter – Bosse der Cosa Nostra, vom Rang eines Totò Riina. Rechtsextreme Attentäter wurden auch nicht ausgeschlossen, man erinnerte an das Attentat der Piazza Fontana (Abre numa nova janela). Die Wahrheit war dann ziemlich banal: Zwei venezianische Elektriker hatten das Feuer gelegt, um einer Konventionalstrafe von 50 Millionen Lire, heute 25 000 Euro, zu entgehen, die ihnen wegen verspäteter Arbeiten drohte – zuzüglich des Schadens, die dem Theater durch die Verspätung entstanden wären. Sie hatten den Brand um 20.30 Uhr in der Galerie der Fenice gelegt. Verraten hatten sie sich wegen ihrer falschen Alibis. Überführt wurden sie durch die Beweislast, die Casson dem Gericht mit einer dreidimensionalen Computer-Simulation des Brandes vorführte.

Casson wird von den Venezianern dafür geliebt, dass er damals auch nicht davor zurückschreckte, Haft für die Verantwortlichen zu fordern. Für Bürgermeister Cacciari, für den Intendanten Pontel.

Bei meinen Ermittlungen pflege ich mich nicht von Orden oder Uniformen beeindrucken zu lassen, sagte Casson sanft, als ich ihn interviewte. Der Staatsanwalt war damals ein Volksheld in Norditalien – er hat nicht nur das Attentat von Piazza Fontana als  rechtsterroristischen Bombenanschlag aufgeklärt, die Existenz der Geheimmilizen der NATO „Gladio“ aufgedeckt – und dabei den Staatspräsidenten Cossiga der Mitwisserschaft bezichtigt, sondern auch 31 Managern des venezianischen Chemiekonzerns Montedison die Verantwortung am Krebstod ihrer Arbeiter und an der Verseuchung der Lagune nachgewiesen.

Im Jahr 2001 wurden die beiden Elektriker zu sieben bzw. sechs Jahren Haft verurteilt. Ob das nicht sehr milde Urteile waren?, fragte ich. Felice Casson saß in seinem Büro am Rialtomarkt, schmal und mönchisch und gleichmütig, und zuckte mit den Schultern. Sieben Jahre seien die Höchststrafe für Brandstiftung. Leider habe sich das Appellationsgericht nicht seiner Argumentation angeschlossen, auch die Verantwortlichen zu bestrafen. Die beiden Brandstifter befanden sich damals noch auf freiem Fuß, bis ihr Urteil durch das Kassationsgericht bestätigt wurde. Ob sie noch als Elektriker arbeiten?, fragte ich. Felice Casson sagt: Bei mir zu Hause jedenfalls nicht.

Zwei Jahre später wurde das Urteil vom Kassationsgericht bestätigt. Alle anderen Angeklagten wegen fahrlässiger Brandstiftung, darunter der damalige Bürgermeister von Venedig, Massimo Cacciari, wurden hingegen freigesprochen. Einer der beiden Elektriker floh nach Mexiko und wurde 2007 festgenommen.

Felice Casson ging später in die Politik und saß bis 2018 im Senat. Er kandidierte in Venedig als Bürgermeister, zum ersten Mal 2005, als parteiloser Kandidat, der von einigen Parteien der Mitte-Links-Koalition unterstützt wurde. Sein Gegenkandidat war Massimo Cacciari, der die Privatisierung Venedigs besiegelte und Venedig eine goldene Zukunft verhieß, falls die Stadt einen Bund fürs Leben mit Banken und internationalen Unternehmen schlösse, weshalb wir in ihm bis heute Venedigs Totengräber sehen. Cacciari war damals schon zwei Mal Bürgermeister von Venedig gewesen - und erlangte im ersten Wahlgang nicht viele Stimmen - Casson aber galt den Interessengruppen, die Venedig auch weiterhin aussaugen wollten, als reale Gefahr, weshalb sie sich beim zweiten Wahlgang hinter Cacciari stellten. Bei der Stichwahl scheiterte Casson an 1351 Stimmen, die ihm zur Mehrheit fehlten.

Im Jahr 2015 kandidierte er in Venedig erneut für das Bürgermeisteramt. Wieder als unabhängiger Kandidat. Gegenkandidaten waren der Wunderunternehmer Luigi Brugnaro und der linke venezianische Parteifunktionär Nicola Pelicani (Abre numa nova janela). Im ersten Wahlgang war Casson wieder der Kandidat mit den meisten Stimmen. Im zweiten Wahlgang unterstützte das linke (allein dieser Begriff!), von Massimo Cacciari angeführte venezianische Universum nicht etwa den unabhängigen Kandidaten Casson (nichts klingt gefährlicher als Unabhängigkeit), sondern den Unternehmer Luigi Brugnaro. Der mit Venedig bereits gute Geschäfte machte, als noch Cacciari Bürgermeister war - so konnte er die von Sansovino erbaute Scuola Grande della Misericordia, bis zum Jahr 2051 umsonst pachten, im Gegenzug für die elf Millionen Euro, die er seinen Angaben zufolge für die Renovierung ausgegeben hat und das vierzig Hektar große Grundstück in Porto Marghera kaufen, das er später an den chinesischen Investor verkaufen wollte - und dummerweise nun deshalb wegen Korruption vor Gericht steht.

Angesichts dieser Vorgeschichte können Sie ahnen, dass es uns vor den nächsten Bürgermeisterwahlen (vermutlich im Mai) graut. Unabhängige Kandidaten treten erst gar nicht an. Stattdessen kandidiert für die Linke (mir fällt schon schwer, das Wort links zu schreiben, all diese Etiketten sind komplett sinnlos geworden) ein farbloser Parteifunktionär (Abre numa nova janela), und für die Rechte Brugnaros Kronprinz (Abre numa nova janela), der bisherige Stadtrat für Tourismus, dafür sorgen soll, dass Brugnaros Geschäfte weiter gut laufen. Wir also die Wahl haben zwischen Pest und Cholera: einer sogenannten Linken, die mit drei Bürgermeistern (Cacciari, Costa, Orsoni) den Ausverkauf Venedigs in zynischer Weise vorangetrieben hat - und einer Rechten in Person eines Luigi Brugnaro, der nicht nur den Ausverkauf weiter vorantrieb, sondern sich dabei auch noch persönlich bereicherte.

Zum Schluss noch ein Filmtipp - na ja, falls Sie gerade in Venedig sind. Im Kino läuft “Il Doge” (Abre numa nova janela), das Portrait eines venezianischen Kriminellen, Giampaolo Manca (Abre numa nova janela), der 36 Jahre hinter Gittern saß - unter anderem wegen Mord - und der Teil der sogenannten Mala del Brenta (Abre numa nova janela)war, der paramafiösen Gruppe des Veneto, die mit Drogenhandel, Erpressung, Hehlerei, Prostitution ihre üblichen Geschäfte betrieb.

Manca ist heute, wie der Untertitel “Das Portrait einer Läuterung” andeutet, schon lange wieder auf dem rechten Weg und engagiert sich für autistische Kinder. Im Film geht es viel um das alte Venedig - in dem es noch Zigarettenschmuggel gab und Auftragsdiebstähle (Abre numa nova janela) wie den der Gemälde von Bellini und Vivarini aus der Kirche Santi Giovanni e Paolo, ein Coup, an dem Manca als Minderjähriger beteiligt war - der sich verriet, weil er sich in den Luxusboutiquen Venedig eingekleidet und mit dem markierten Lösegeld bezahlt hatte. Der Film erinnert auf kuriose Weise an ein Venedig, das es schon lange nicht mehr gibt.

https://www.youtube.com/watch?v=MxZWgdXYM1A (Abre numa nova janela)

Als ich mir den Film im Cinema Rossini anschaute, war Manca persönlich anwesend - und im Kino saßen viele, die man sonst nicht da sieht. Einige mit vielen Tätowierungen, schlechten Zähnen und teuren Daunenjacken. Und viele Junge, die neugierig waren auf die Geschichten eines alten, venezianischen Gangsters.

Vor dreißig Jahren, als die Fenice abbrannte, hatte Venedig noch dreißigtausend Einwohner mehr.

Aus Venedig grüßt Sie herzlich, Ihre Petra Reski

0 comentários

Gostaria de ser o primeiro a escrever um comentário?
Torne-se membro de Reskis Republik e comece a conversa.
Torne-se membro