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Von Erlösern, die keine sind und anderen Phänomenen

In diesen Tagen verlasse ich das Haus nur mit Sonnenschirm und Fächer bewaffnet - in Deutschland würde man mich derart ausstaffiert sofort verhaften. Denn da hat man die letzte Hitzewelle ja so lange für einen ganz normalen Sommer gehalten - bis die Ventilatoren und Klimaanlagen in allen Baumärkten ausverkauft und online nur noch mit wochenlangen Wartezeiten verfügbar waren. Heute bin ich in Venedig längst nicht mehr die einzige, die mit Sonnenschirm herumrennt, Asiatinnen sind die ersten, die keinen Schritt ohne machen.

Einer der besten Freunde des größten Klimaleugners der Welt ankert gerade an der Riva degli Schiavoni: Gestern Abend wurde in Venedig Redentore (Abre numa nova janela) gefeiert, das Fest des Erlösers. Und die 117 Meter lange Yacht des Milliardärs und Trump-Botschafters Tilman Fertitta (Abre numa nova janela)legte bereits am Freitag an der Riva Sette Martiri an - in bester Lage, um das Feuerwerk zu genießen. Dass den Venezianern dadurch die Sicht vom Ufer aus versperrt wurde und die Anwohner über den Elektrosmog klagen - wen juckt’s?

Wenn ich morgens zum Schwimmen auf dem Lido fahre, fuhr ich jedes Mal an diesem gigantischen Dampfbügeleisen vorbei …

und sah, wie die Yacht von einem Polizeiaufgebot bewacht wurde, das einem Armee-Einsatz glich - um ihn gegen mit Flamingo-Schwimmringen bewaffnete Demonstranten zu schützen (Abre numa nova janela) (Klar: in Amerika wäre auch auf die sofort scharf geschossen worden).

Es hätte natürlich viel weniger Aufwand bedeutet, wenn Fertitta seine Yacht im ehemaligen Kreuzfahrthafen angelegt und sich vielleicht, wie viele Venezianer auch, auf einen Klappstuhl am Ufer gesetzt hätte, um das Feuerwerk zu beobachten. Damit wäre er sich der Anerkennung der Venezianer sicher gewesen. Aber nein. Darum ging es ja gar nicht. Sondern um Macht.

Redentore wird von „Vela“, dem operativen Arm der Stadt vermarktet, der auch die einstigen venezianischen Volksfeste Regata Storica und den Karneval organisiert: Sogar der Platz für die Klappstühle muss inzwischen vorher angemeldet werden. Bei mehr als 305 000 Besuchern und Abendessen in privilegierter Lage für die Kleinigkeit von 500 Euro hat das einst venezianischste Volksfest seinen Charme schon lange verloren.

Unsere Sorge gilt natürlich vor allem dem Delfin. Der aber scheint sich schon darauf eingestellt zu haben - das jedenfalls verkündeten die Biologen des CERT (Cetacean Strandings Emergency Response Team) aus Padua, die zusammen mit der Küstenwache und dem Naturkundemuseum den Delfin wöchentlich kontrollieren, und der sich, wie verkündet, bester Gesundheit erfreue: Das Wasser wirke, was den Lärm des Feuerwerks betreffe, als Barriere. Er werde wohl in den ruhigeren Teil des Lagune ausweichen, wenn er bemerkt, dass sich mehr und mehr Boote auf dem Markusbecken sammeln. Schließlich ist es ja nicht das erste Redentore-Fest, das der Delfin hier erlebt. Er hat es nicht so mit dem Geltungsdrang, anders als der amerikanische Botschafter.

Die Anlegegebühren für seine Yacht, by the way, gehen natürlich nicht nach Venedig, sondern nach Rom, weil der Hafen auch an den Ufern Venedigs kassiert. Und da erinnern wir uns gleich daran, dass sich die im Faschismus beschlossene Zwangsehe Venedigs mit dem Festland am 15. Juli zum 100. Mal jährte. An diesem Tag, war ich zufälligerweise am Flughafen Nicelli am Lido, der zum gleichen Zeitpunkt gebaut wurde - von den venezianischen Industriellen und Finanziers des mit Mussolini verbundenen sogenannten “gruppo veneziano”, die für die Zwangsehe mit dem Festland - und damit für ihre Interessen auf dem Festland sorgten. (Die Hintergründe des “gruppo veneziano” lassen sich in diesem ausgezeichneten deutschen Wikipedia-Beitrag (Abre numa nova janela) nachlesen.) Und, nur so nebenbei: Dass die Coppa Volpi (Abre numa nova janela), der Schauspielerpreis, der beim Filmfest Venedigs verliehen wird, immer noch den Namen von Giuseppe Volpi (Abre numa nova janela) trägt, eines Mannes, der die Filmfestspiele gründete, um damit sein Hotel Excelsior zu bewerben - und der dafür sorgte, die italienischen Rassegesetze auch in der Wirtschaft anzuwenden, ist zumindest, ähem, fragwürdig. Aber hier in Italien hat man mit dem faschistischen Erbe ja keine Berührungsängste.

Architektonisch ist der kleine Flughafen sehr interessant - und das Restaurant ist auch einen Besuch wert!

Heute am 19. Juli um 16.58 Uhr jährt sich die Ermordung von Paolo Borsellino zum 34. Mal. Und die Hintergründe werden bis heute totgeschwiegen. Wie ich auch in “All’italiana. Wie ich versuchte, Italienerin zu werden” (Abre numa nova janela)klarzumachen versucht habe, stand hinter den großen Mafia-Attentaten 1992/93 weniger die Mafia, als eine Gruppe aus Neofaschisten, Carabinieri, Geheimdienstlern und gewissen “transatlantischen Kreisen”, die Terror als politisches Instrument einsetzten. Eine Strategie, die sich bereits in den Jahren der Bleiernen Zeit bewährt hatte, in den Siebziger- und Achtzigerjahren, als scheinbar zusammenhanglose Attentate ein Klima der Angst erzeugten, das in dem Ruf nach einem starken Mann münden und vor allem den Historischen Kompromiss zwischen Kommunisten und Christdemokraten verhindern sollte - und die 1994 zur Wahl von Silvio Berlusconi führte.

Salvatore Borsellino, der Bruder des ermordeten Antimafia-Staatsanwalts weist auf diese Hintergründe immer wieder hin. Wer die Rolle der Rechten in der Strategie der Spannung (Abre numa nova janela) und damit in der Zusammenarbeit mit der Mafia beleuchtet, macht sich in einem Italien, das von der Rechten regiert wird, natürlich nicht unbedingt beliebt. Der jetzigen Chefin der parlamentarischen Antimafia-Kommission, Chiara Colosimo (Abre numa nova janela), obliegt es, die die “alternative” Wahrheit zu verbreiten, wobei sie massiv von den italienischen Rechten unterstützt wird: eine Theorie, derzufolge, wie ich bereits schrieb (Abre numa nova janela) - die extrem banale - Ermittlung „mafia e appalti“ rund um die Vergabe öffentlicher Aufträge als Auslöser für die Ermordung von Falcone und Borsellino zu sehen sei.

Colosimo gehört nicht nur zu Melonis rechten Brüdern Italiens, sondern scheint auch eine gewisse Nähe zum Rechtsterroristen Luigi Ciavardini zu haben, einem der Täter des terroristischen Bombenattentats auf den Bahnhof von Bologna (Abre numa nova janela), wie dieses Foto zumindest nahelegt:

Colosimo hat das Foto als “nicht institutionell” bezeichnet und die Freundschaft zum Rechtsterroristen stets bestritten (Abre numa nova janela). Für die Hinterbliebenen der Attentate war ihre Ernennung zur Chefin der parlamentarischen Ermittlungskommission eine weitere Bitternis.

Salvatore Borsellino, hier im Bild mit dem Kronzeugen Gaspare Mutolo (Abre numa nova janela),

hat auch in diesem Jahr wieder seinen Finger in die Wunde gelegt, indem er darauf hinwies (Abre numa nova janela), dass sein Bruder ermordet wurde, um zu verhindern, dass er über die Rolle der Rechtsterroristen beim Attentat auf seinen Freund und Kollegen Giovanni Falcone bei der Staatsanwaltschaft Caltanissetta aussagen würde. Weshalb auch kurz nach dem Attentat aus Paolo Borsellinos Aktentasche der Terminkalender entwendet werden musste, “Denn wenn dieser rote Terminkalender, der die ‚Black Box‘ des Attentats in der Via D’Amelio darstellt, ans Licht käme – ließe sich die Wahrheit nicht mehr verbergen.“

Heute Abend werde ich das WM-Finale verfolgen - und natürlich zu Spanien halten, weil ich es mir schön vorstelle, wenn die Spanier gewinnen, die Trump gerade erst als “schlechte Menschen” bezeichnet hat (Abre numa nova janela). Der nicht fußballaffine Venezianer an meiner Seite (Abre numa nova janela)weiß natürlich nicht, dass dieses WM-Finale heute Abend stattfindet. Warum auch?

Unser jüngster Enkel, zwölf Jahre alt, hat mir schon vor Beginn der Weltmeisterschaft alle Favoriten genau aufgezählt, also Spanien, Frankreich, Argentinien, okay auch England. Deutschland gehörte nicht dazu. Als ich nachfragte, war er etwas, sagen wir: zurückhaltend. Aber weil er mich nicht enttäuschen, sagte er: Ja, die Deutschen haben auch … na ja, ein paar ganz, ja, gute Leute.

Ein geborener Diplomat!

Aus Venedig grüßt Sie herzlich, Ihre Petra Reski

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