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Die ersten Mitstreiter kommen (RDS #3)

Es eine Obsession zu nennen, wäre zu viel gewesen. Aber Thomas dachte viel nach über Hobbes, diesen Philosophen, mit dem er neben dem Vornamen eigentlich nur eine weitere Sache teilte: Diese existentielle Angst, das Wissen darum, wie zerbrechlich alles ist. 

Hobbes hatte mal geschrieben: “Meine Mutter empfand eine so große Furcht, dass sie Zwillinge zur Welt brachte, mich und zur gleichen Zeit die Furcht“.

Die Klimakrise, der um sich greifende Faschismus, Hunger selbst in so einem reichen Land wie Großbritannien. Thomas musste nur auf die Zahlen gucken, um zu wissen, wohin das führte, wenn sich nichts änderte: Milliarden Menschen auf der Flucht weltweit, Massensterben, Kriege. 

Aber Thomas wusste auch, dass sich Antworten finden ließen auf diese Probleme. Nur waren sie anders als bei Hobbes. Das ganze Gerede des Philosophen davon, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei, war nichts anderes als die Grundlage des Neoliberalismus: Jeder ist sich selbst der Nächste. “There is no such thing as society”, hatte die ultrarechte Premierministerin Margaret Thatcher gesagt. Die größte Lüge aller Zeiten.  

“Hey”, sagte Thomas zu der Frau in der Krankenschwesteruniform, die die Tür geöffnet hatte. “Ich bin Thomas von der Initiative ‘Lambeth kann das!’ Vielleicht haben sie unsere Plakate in der Straße gesehen?”

“Ja”, sagte die Frau. “Sorry, ich komme gerade von der Schicht und bin ziemlich fertig. Was wollen sie?”

“Wir sind eine Bürgerinitiative, die gegen Obdachlosigkeit und Hunger im Viertel kämpft, vielleicht begegnet ihnen das Problem auch?”

“Ja, klar”, sagte die Frau zögerlich. “Jeden Tag in der Notaufnahme vom Lambeth Hospital.”

“Dann wissen sie ja wahrscheinlich noch besser als ich, wie die Situation ist. Wir sind eine Gruppe von Bürgern, die es satt haben, von der Politik im Stich gelassen zu werden. Nächsten Donnerstag machen wir ein Community-Treffen, um zu besprechen, was wir machen können – es gibt den Plan, Sitze im Gemeinderat zu übernehmen. Vielleicht wollen sie ja kommen?

***

Die Trainings fanden gerade jeden Abend statt, jeweils im Keller eines anderen Hochhauses in Saint-Denis. Immer waren Leute da. Nicht so viele wie Jamal und Dénise gehofft hätten, aber es war auch nicht niemand – und in der Apathie, die sich seit Jahren in den Häuserschluchten der Pariser Vororte ausbreitete, war das ein Zeichen der Hoffnung. 

“Was macht den Staat aus?”, fragte Dénise.

“Dass es uns im Stich lässt?”, antwortete jemand der mit im Stuhlkreis saß.

“Dass er korrupt ist?”

“Rassistisch?”

“Ja, stimmt alles”, sagte Dénise. “Und was liegt da drunter? Dass er auf Gewalt basiert. Dafür existiert er. Das ist seine Stärke – und auf diesem Feld können wir ihn nicht schlagen. Gegen Tränengas, Maschinenpistolen und gepanzerte Fahrzeuge kommen wir nicht an. Da können wir unsere Wut rauslassen, aber der Preis ist zu hoch, und jedes Mal verlieren wir. Aber das heißt nicht, dass wir nicht gewinnen können. Es gibt einen Weg, der Imperien in die Knie gezwungen hat.”

“Und diesen Weg sind viele Menschen vor uns gegangen”, sagte Jamal. “Menschen wie wir: Braune Menschen, Schwarze Menschen, Menschen, die unterdrückt werden. Mahatma Gandhi, Rosa Parks, Nelson Mandela – viele haben Gewaltfreiheit als Schwäche verlacht. Aber diese Menschen haben die Geschichte der Menschheit umgeschrieben. Und das wollen wir auch tun.”

In den ersten Häusern liefen bereits die Beratungen darüber, welche Forderungen man stellen wolle. Es wurde viel diskutiert, auch in den Hausfluren, wo Menschen beieinander stehen blieben, um zu sprechen: über Politik, und was sich ändern müsse.

Bald sollten die Forderungen beschlossen und abgestimmt werden. Aber Forderungen waren nichts, wenn man keinen Druck machen konnte. Dafür zu sorgen – dafür hielten Jamal und Dénise gerade die vielen NVDA-Trainings ab: non-violent direct action.

***

Es war ein bisschen surreal, aber deshalb nicht weniger schön. Skibbidi hatte auf dem GenZ4JusticeROMANIA✊-Discord zu einer Demo aufgerufen. Aber nicht auf der Straße, sondern in-Game, also in der Minecraft-Welt. Jetzt standen sie da, die pixeligen Figuren in der pixeligen Welt. Es waren nicht viele, vielleicht 30-40, aber einige hatten Schilder mitgebracht, wie auf einer richtigen Demo. 

Skibbidi hatte sich eine Rede geschrieben, aber plötzlich fand er es albern. Er sprach schon so viel in seinen Streams. Stattdessen forderte er die anderen auf, sich in kleinen Gruppen zusammenzustellen und einfach mal miteinander zu reden: “Warum seid ihr heute hier?” Dann fragte er, wer Lust hätte, auch vor der großen Gruppe zu sprechen. 

Er wusste, wie scheu Gamer sein konnten. Aber drei Figuren meldeten sich und Skibbidi hatte ein Gefühl: dass er gerade die ersten Mitstreiter außerhalb seiner Crew gefunden hatte. 

Das war der dritte Teil einer Serie. Du willst die vorigen Teil der Revolution der Schönheit (RDS) lesen? Hier entlang:






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