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Männer um die 50: Krise oder Charaktertest?

Frauen kommen in die Perimenopause und sind manchmal emotional “etwas neben der Spur”. Aber was passiert eigentlich mit dem Mann? Welche Krise kriegt der? Und wie können wir uns gegenseitig helfen, um nicht als Single aus der Nummer hervorzugehen?

 Ein Interview mit Dr. Pablo Hagemeyer

Dr. Pablo Hagemeyer- der nette Narzisst, wie er sich selbst nennt. Was ganz schön entwaffnend ist. Man nimmt ihm den Narzissten trotzdem nicht ganz ab, aber er wird´s wohl besser wissen.

Pablo Hagemeyer ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Bestseller-Autor und bezeichnet sich selbst als „nettes Arschloch“, weil er selbst Narzisst ist. Eins seiner Lieblingsthemen neben Hochsensibilität, Angst und Beziehungsmustern. Das Schöne: Er kann uns die psychologischen Themen so erklären, dass sie uns im echten Leben weiterhelfen – klar, verständlich und ohne erhobenen Zeigefinger. Sein Fokus liegt dabei besonders auf den Dynamiken, die Menschen in belastenden Lebensphasen prägen.

Im Interview sprechen wir über ein Thema, das oft unter dem Radar läuft: den Mann ab 50 in der Krise. Was passiert in dieser Lebensphase wirklich? Warum verändern sich manche Männer spürbar? Was können wir als Frauen und Partnerinnen präventiv tun – um zu verstehen, zu begleiten und nicht erst zu reagieren, wenn es knallt? Und wann muss man die Tür von außen zuziehen und gehen? 

 Dr. Hagemeyer, Frauen kommen in die Perimenopause und dann in die Menopause. Das ist ganz offiziell und für viele sind das keine Fremdworte mehr. Aber was passiert mit den Männern Ende 40, Anfang 50? Viele Frauen erleben ihre Männer verändert, emotional distanziert, reizbarer oder risikofreudiger. Was ist da los?

 Männer in der Krise sind anders. Wir reden hier vom gekränkten Mann, der zuschaut, wie sein Idealbild bröckelt.  Das bedeutet: Die Frustration nimmt zu. Das Ich-Ideal des Mannes und das, was wir in der Gesellschaft vor uns hertragen, verflüchtigt sich, wenn man ein gewisses Alter erreicht hat. Auch bei Männern ist die Haut nicht mehr straff, die Falten werden zahlreicher, die Libido lässt nach. Wenn es nicht mehr so steht, wie es stehen soll, fühlt sich der Mann gekränkt. Da kann es schon vorkommen, dass er es persönlich nimmt, was das Leben ihm bietet und er das eher negativ sieht. Anstatt zu sehen, was er geleistet hat und das ist meistens eine ganze Menge: Die sprachliche Kompetenz etwa nimmt mit dem Alter zu, das Ausdrücken von Gefühlen und Gedanken. Gut, zu viele Männer kennen ja leider nur Wut und Lust, aber eigentlich ist das ein Grund zur Freude.

Wenn es eine Krise des Mannes gibt, ist sie auf jeden Fall mitbedingt durch eine hormonelle Veränderung. Die weiblichen Hormone nehmen zu und der Mann fühlt sich, als wäre er ein Hermaphrodit. Also quasi ein Mann-Weib, ein undefinierter Fluide. Er fühlt sich rabattiert und macht sich billiger als er eigentlich ist. Kurz: Wir sprechen hier von einer klassischen Selbstbewertung. Und wie kompensiert man die? Mit einemPorsche, einer Affaire, erhöhter sexueller Aktivität vor Bildschirmen, Alkohol, Kokain… Dann kommt der Zusammenbruch der Selbststruktur, der inneren Ordnung und das Ganze kann symptomatisch als Depression weiterlaufen. Hoffnungslos, freudlos und verzweifelt- das sind die führenden Merkmale nach dem neuesten Stand der Forschung, gekennzeichnet durch erhöhte Cortisonwerte.

 

Ok, ganz so weit gehen wir jetzt mal nicht. Sagen wir, die Krise läuft noch. Was können wir Frauen tun?

 Es gibt einen Übersetzungsfehler, wenn Männer und Frauen miteinander sprechen. Das ist das Problem. Wenn die Frau sagt, dass es ihr schlechtgeht, kommt der Mann mit Lösungsvorschlägen. Dabei wollte die Frau nur reden und der Mann sollte nur validieren, bestätigen, würdigen, dass es der Frau schlechtgeht. Nur der ist halt lösungsorientiert. Deswegen wäre tendenziell ein Übersetzungsgerät sinnvoll. Hilfreich ist, wenn wir ähnliche Bindungsmuster haben, ähnliche Erfahrungen gemacht haben, Ähnliches passt zu Ähnlichem. Auch wenn das viele nicht denken, es passt besser als das Komplementäre.

 

Gegensätze ziehen sich in der Krise also nicht an?

 Das Topf- und Deckel-Prinzip funktioniert nicht. Lieber ähnliche Töpfe sein. Was heißt Bindungsmuster? Damit sind ähnliches Verhalten gemeint und kognitive und emotionale Strukturen, die erlernt sind, 40 % davon sind genetisch.  Wenn man ähnliche Bindungsmuster hat, die das Gegenüber aus der Erfahrung heraus kennt, weiß es genau wie ich, wie ich idealerweise funktioniere. Sprich: Man muss so sein können, wie man ist. Wer will schon ständig Energie aufbringen, um sich zu verstellen?

 

Woher weiß ich denn, ob meine Beziehungsmuster zusammen passen?

 Es gibt 5 Grundmuster der Persönlichkeit, auch die Big 5 genannt:

Fangen wir an mit Neurotizismus, das ist die Neigung heftiger zu reagieren als der Durchschnitt. Wenn zwei immer vorsichtiger sind, funktionieren sie gut zusammen. Sagen wir, sie sind eher vermeidend, was Konflikte betrifft, bekommen schneller Angst, dann ist das eine ganz reibungslose Geschichte. Ist einer eher zurückhaltend und neurotisch und mit jemanden liiert, der draufgängerisch und furchtlos ist, einer, der sich nichts scheißt, ist der Stress ja vorprogrammiert. Wird er dann selbst von der Person als Psychopath oder Narzisst bezeichnet, kommt er in die ständige Vermeidung und die andere Person ist immer auf der Hut.

Dann gibt es die Extraversion, die beschreibt, wo jemand Energie bezieht. Da geht es um Rückzug und Geselligkeit. Hoch ist gesellig, aktiv und durchsetzungsstark, niedrig dagegen ruhig, zurückhaltend, man braucht wenige soziale Reize.  

Die Gewissenhaftigkeit zeigt, wie organsiert, zuverlässig und leistungsorientiert jemand ist. Dann gibt es noch die Offenheit für Erfahrungen: Bin ich eher neugierig oder konservativ? Interessiert an Neuem oder eher traditionsorientiert? Und Nummer 5 ist die Verträglichkeit, einhergehend mit der Frage, wie mich andere mögen, bin ich empathisch und harmonieorientiert oder kritisch und konkurrenzorientiert? Es geht bei all diesen Punkten um keine Bewertung, sondern je nachdem welche Kombination zwei Menschen haben, passt es besser oder schlechter. Dasselbe Merkmal kann hilfreich, aber auch hinderlich sein. Irgendwann ist die Butter auf dem Brot eben zu dick und es schmeckt nicht mehr. 

 

 

Und wenn ich merke, es passt einfach nicht mehr?

 Man kann sich entscheiden, eine Beziehung mit jemanden zu führen, der besser zu einem passt.

 

Und ich dachte, es gibt jetzt Paartipps?

 Nein, es ist wichtig, dass man sich ehrlich macht und sich selbst bewusst, dass die Veränderung da ist, man muss das große Ganze erkennen. Vielleicht sind die Kinder schon groß, das Haus ist abbezahlt oder man macht es halt noch, nur eben getrennt.

Dann kann man gucken, ob es einen neuen Lebenspartner gibt, der besser passt. Das muss auch nicht klappen, da andere Menschen und die dazugehörigen Illusionen häufig noch größer sind. Meistens werden es sexuelle Eskapaden. Penis und Vagina sind die Sensoren für ein neues Leben. Das kann man mal machen: Diese körperlichen Sensoren nochmal prüfen, auch erstmal innerhalb der Beziehung, indem man an der Intimität arbeitet. Zum Beispiel, indem man tagsüber Sex hat und nicht immer abends im Bett, sich lustige Varianten überlegt. Aber wenn man dann feststellt, man passt nicht mehr zusammen kann das ein normaler Vorgang sein, den man nicht intellektualisieren muss. Es gibt ja keine Doktrin, die besagt, man muss zusammen sein. In der Gesellschaft ist alles im Fluss, da kann man auch das Modell Ehe in Frage stellen, wenn es einen unglücklich macht. Je höher der Cortisolspiegel ist, desto schlechter. Weil wir uns selbst unnötig unglücklich machen.

 

Müssen wir nur mehr vermitteln zwischen den Geschlechtern?

 Das ist ja nie verkehrt. Man muss übersetzen und zur Sprache kommen. Wer sich nicht verstanden fühlt, muss den Mund aufmachen. Und das kann man ganz professionell angehen: Jourfixes vereinbaren, Paargespräche führen, geleitet oder alleine, um wieder in Kontakt zu kommen. Denn eigentlich liegt eine Kontaktstörung vor, zu sich selbst und zum anderen. Wer möchte neben einem völligen Fremden leben? Das ist schmerzhaft.

Wir dürfen den Konflikt nicht fortsetzen, nur weil es unangenehm ist, ihn zu klären.

Man muss sich über Folgendes klar werden: Was ist mein Bedürfnis? Was will ich noch erleben, bevor ich in 20 Jahren dement werde? Wenn man gerne Golf spielen und segeln will und der andere auch, ist es sinnvoll, gemeinsame neue Habits zu entwickeln. Rituale und Gewohnheiten wie Yoga oder Sport sind extrem wichtig, um fit zu bleiben, aber auch für die Gemeinsamkeiten. So kann man sich den unangenehmen Themen widmen und stellen. Da, wo der Schatten ist, ist der Weg.

 Was wenn der andere die Krise negiert?

Ich würde den Partner einsperren und die Schüssel wegschmeißen. Oder ihn ans Bett festbinden. Alternativ könnte man ihn auch so anbrüllen, dass er merkt, dass eine Krise da ist. Es gilt, den Bann der Verleugnung durchbrechen. Es ist nun mal sehr unangenehm, dass man eine Krise hat. Das kann man auch immer kombinieren mit Leichtigkeit, Humor und Witz. Unangenehm können wir nur ertragen, wenn es auch ein bisschen Spaß macht. Dann stellt man sich halt mal in die Küche mit dem großen Messer und sagt: „Schatz, wir müssen reden!“ Man muss auch nicht immer Drama machen, es ist auch nicht schön, wenn man immer nur herumheult.

Viele finden das dann pietätlos und unsensibel, aber das kann ich auch steuern: Opferrolle und Jammertal sind selbstgewählt. Dem muss man sich bewusst werden. Es nervt halt auch irgendwann, immer Opfer zu sein und ob man es auch wirklich ist, ist die Frage. Man hat immer die Freiheit zu gehen. Nur Kinder und Finanzen hindern einen, aber auch dann kann man einfach sagen: „Fuck you!“ Und dann zieht man halt in eine 2-Zimmer-Wohnung und hat dann irgendwann die Chance, sich selbst wieder wahrzunehmen. Das ist viel wertvoller. Übrigens: Wir reden hier nicht nur vom Mann, der in der Krise ist. Viele Frauen kontrollieren und jagen ihre Männer regelrecht. Die haben die Muschikontrolle! Die Lebensrealität vieler Männer ist, dass sie eigentlich eine Partnerin für ruhige Abende, etwas Sex und auch nur Kuscheln haben wollen. Und die Frau ist unberührbar. Die Frauen sind nicht nur die armen, die sich hier abarbeiten.  Es geht durchaus auch andersrum.

 Gibt es noch etwas, was ich vor der Krise tun kann? Präventiv?

 Man muss selbst von sich wissen, ob man die ideale Person ist. Wenn man sich verändert, muss man das neu herausfinden. Wer präventiv agieren will, sollte ein paar Marker, anschauen, die sogenannten red flags. Hier muss man sich fragen, ob es Verhaltensmuster gibt: Ist da jemand gezielt narzisstisch, psychopathisch, manipulativ, lustig- unterhaltsam, langweilig oder wirkungslos? Man muss sich selbst kennen. Worauf springt man eher an, was triggert einen? Was sind die eigenen Überzeugungen, die man hat. Die sind häufiger der Brainfuck. Geht man eine Ehe oder Partnerschaft ein, dann hält man zusammen bis zum bitteren Ende, laut Eheversprechen. Aber wenn man emotional missbraucht wird, kann man diese Ehe verlassen. Wenn Grenzverletzungen stattfinden, mir Sachen wehtun oder ich mich schämen muss. Man muss wissen, ob das eigene Bauchgefühl richtig ist. Ist jemand sehr von sich überzeugt? Stellt sich übermäßig dar oder redet schlecht über andere? Wenn sich solche Dinge zeigen, sich wiederholen, intensivieren und nicht korrigieren lassen, der andere sie nicht korrigieren kann oder will, wenn das dysfunktionale Muster bombenfest im Sattel sitzt, dann ist es die Mühe nicht wert.

Selbstschutz geht vor Fremdschutz. Also muss man sich selbst retten und wissen, was ist unverhandelbar. Was sind die roten Linien? Es gilt, in die eigene Fülle zu kommen. Das man selbst für sich weiß, was man braucht und welche Kompetenzen man hat, wo man emotional bedürfnisorientiert aufgefüllt wird und innerlich glücklich ist. Dass man ein gutes Selbstwertgefühl hat, weiß, was einem wichtig ist und Spaß macht, seine Habits, Routinen und Menschen hat, die einen spiegeln, die einen nehmen, wie man ist. Dann ist die Liebe da, dann geht es uns gut. Dann braucht man auch niemanden, der einem dauernd sagt, dass man toll ist.

 

Mehr zu Dr. Pablo Hagemeyers Arbeit und Kontaktmöglichkeiten, gibt es hier:

 

www.neurodoctor.de (Abre numa nova janela)

www.ipse-institut.de (Abre numa nova janela)

www.sinnsucher.de (Abre numa nova janela)

Dieser Mann schreibt und schreibt und wir lesen und lesen. Neue Bücher "sind in der Mache".

 

 

 

Tópico MINDSET & PERSPEKTIVE

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