SACHBUCH-KRITIK (Abre numa nova janela)
Wenn das Gehirn gefragt ist...
Mal angenommen, du hast im Frühjahr ein Buch zum Teil gelesen, warst auf einer eindrücklichen und vergleichsweise intensiven Buchpremiere mit Autorin und autarker Moderatorin in der Urania Berlin, hast das Buch fertig gelesen, im Frühsommer für ein Print-Magazin rezensiert, Teile des knackig herausfordernden Titels erneut für eine ausführliche queer review aufgegriffen, fein säuberlich Notizen ins iPhone gegeben, Zitate ausgewählt, Gedanken festgehalten, gar einen Review-Hook festgelegt – und dir wird das Gerät gestohlen und da du es nicht sonderlich wolkig magst, gab es kein Cloud-Backup.

Was also tun? Immerhin soll das Buch, das aufzeigen will, wie bestimmte neurobiologische Veranlagungen empfänglich für gewisse Glaubenssätze machen, doch noch stattfinden. Nun – so wird eben erneut zumindest ein wenig reingeblättert und so wenigstens eine zwar kürzere, doch hoffentlich nicht minder aussagekräftige Rezension draus. HOF-FENT-LICH! So viel vorweg: Der Komplexität vor allem der zweiten Hälfte von Leor Zmigrods Das ideologische Gehirn. Wie politische Überzeugungen wirklich entstehen, in der Übersetzung von Matthias Strobel erschienen im Mai bei suhrkamp nova, kann ein Text ohne Notiz-Anker kaum gerecht werden. Warum das allerdings so schlimm gar nicht sein muss, wird gleich noch einmal aufgegriffen.
Übung und Überzeugung
Im Kopf geblieben ist natürlich das Podiumsgespräch Mitte Juni zur Buchpremiere in der Reihe bzw.:BEZIEHUNGSWESEN in der Urania Berlin (in der auch quasi traditionell der Buchpreis-Shortlist-Abend stattfindet (Abre numa nova janela) und Robin Alexander seinen Real-Polit-Thriller Letzte Chance vorstellte (Abre numa nova janela)), in der Zmigrod vor gut gemischtem und größtenteils sehr engagiertem Publikum mit der Tagesspiegel-Wissenschaftsredakteurin Farangies Ghafoor heiter bis eindringlich nicht nur über „das“ sondern sowohl „das individuelle“ wie ein... mehr oder minder „kollektives“ Gehirn sprach. Was Sinn ergibt, kommen viele der Annahmen und Erkenntnisse in ihrem Buch doch aus Experimenten und Studien.
https://steady.page/de/018e38c0-7a57-4e1c-b5b8-4c831b91d2f7/posts/ba8b6f09-1ebe-4a7f-8e8e-ad72c88826d1 (Abre numa nova janela)Der Abend in Berlin (der Stadt, in der Zmigrod mit dem Schreiben ihres Buches begann, wie sie uns erzählt) beginnt mit einem kleinen kognitiven Test namens Alternative-Use-Test. Wir als Publikum sollen Vorschläge machen, was mit einem Flyer so angestellt werden könne. Von Papierflieger über Konfetti zu Frieden stiften kommen diverse Ideen und so kann Leor Zmigrod früh einen der wesentlichen (Ansatz-)Punkte ihres Forschens und Schreibens machen. Stichwort: Rigidität. Oder auch: Wie fixiert ist unser Denken, wie flexibel agiert unser Hirn und letztlich wie weit können unsere Gedanken springen.
Körper-Denken
Zmigrod, die seit 2019 an der Universität Cambridge forscht, argumentiert, je rigider desto anfälliger für Indoktrination und ideologisches Denken, Radikalisierung und Extremismus, dies auch unabhängig von der Richtung. Links oder rechts, Wurst und Tofu, Verbrenner oder E-Auto, Kapitalismus oder Marxismus – das spiele zunächst keine Rolle bzw. spielten in diesen Punkten teils auch Umwelteinflüsse und „das Nest“, in das wir geboren wurden, und in dem wir aufwachsen eine Rolle. (An diversen Stellen musste ich hier an die Filme Gotteskinder und Rabia denken.) Doch kommt die Wissenschaftlerin ein wenig ins Schlingern, wenn es darum geht, ob soziologische und demoskopische Einflüsse eine Rolle spielen oder nicht.
https://steady.page/de/018e38c0-7a57-4e1c-b5b8-4c831b91d2f7/posts/0bb32bd6-7488-4eb2-a6ad-4495ac5668b0 (Abre numa nova janela)Zum einen meint sie, im Buch wie an jenem Abend, dass das so komplexe wie irritierende Gehirn zwar für sich funktioniere – wenn es auch ein Ganz-Körper-Organ sei – und individuell sei, aber doch auf das Äußere anspringe. Wie sehr also die spezielle Rigidität wirke und wie sehr im Vorfeld die Umwelt, bleibt zunächst offen. Ebenso größtenteils wie sehr rigides Denken „befördert“ oder eher kreatives und offenes Denken eingeschränkt werden kann, etwa wenn ich im Umfeld eines nationalistischen oder streng religiösen oder fundamentalistischen Haushalts aufwachse. (Die Romane Monstergott von Caroline Schmitt und Heimat von Hannah Lühmann sollten hierzu passen.)
Neues Feld, viele Fragen
Dazu sollte gesagt werden, dass die politische Neurobiologie - also die Erforschung des Zusammenhangs zwischen politischen Einstellungen und der Biologie unseres Gehirns - ein junges Feld ist, das sich ausprobieren, anecken und zunächst wachsen muss. Wozu neben offenen Fragen sicherlich auch manch Widerspruch wie Fehlannahme zählen wird (etwas, das Zmigrod weiß, erwähnt und anerkennt). Doch ist der Band nicht eine simple Aneinanderreihung von Annahmen, Tests wie dem Alternative-Use-Test oder kalten Stresstests) und deren Auswertung sowie Forschungsanalyse.
Vielmehr ist das passend in der Kategorie ZÜNDSTOFF als Wissensbuch des Jahres nominierte (Abre numa nova janela) Das ideologische Gehirn eine Mischung aus dem Genannten sowie politischem Essay und Wissenschafts- wie Forschungsgeschichte, nicht zuletzt gepaart mit Kulturgeschichte, vielen Begriffserklärungen und reichlich Anekdoten. Etwa zu Charles Darwin (und seiner Haltung zu Religion sowie den Einfluss seiner Gattin, der mir neu war) oder der Psychologin Else Frenkel-Brunswik. Woher Ideologien kommen wird ebenso umrissen wie eine Verschiebung hin zu immer jüngeren Radikalen. Wir sprechen und lesen vom >>Körper-Geist-Problem<< und Henne-Ei-Problem, über den Einfluss von Optik und Illusion, die (Un-)Möglichkeit eines Dogmatismus-Gens und eine Art Gehirnscanner, Gruppendynamik und Kommunikation, Anfälligkeit für False-Consensus-Bias und Fake News, die Feinheit der Fingerspitzen und nicht zuletzt gar über eine fundierte Utopie.
(Abre numa nova janela)Ein Band also, der breit aufgestellt ist und vor allem in Teilen der zweiten Hälfte mit sehr vielen wissenschaftlichen, neurobiologischen Fakten, Zusammenhängen und Erläuterungen wahlweise begeistert oder anstrengt. Forschung trifft Streitkultur, politische Meinungsbildung trifft Neurobiologie, Unterhaltung trifft Wissen. Wir lernen mehr über die mögliche Entstehung extremistischer Einstellungen respektive wie sich Radikalität durch Rigidität verhärten kann. Das ist nicht zuletzt im Sinne möglicher Präventionsarbeit eine wichtige Sache, die unbedingt weiter vertieft und erforscht werden sollte. So passt es im Grunde, dass sich am Schluss von Das ideologische Gehirn wie auch am Abend des Buchgesprächs in der Urania manch eine Frage stellt, die die herausgeforderten Leser*innen/Zuhörer*innen zumindest mittelfristig gern aufgelöst sähen. Fortsetzung folgt?!? (In diesem Sinne ist das Fehlen von Notizen weniger wild, endeten doch manche davon mit Fragezeichen. Und: Schreiben bringt Erinnerung.)
AS
PS: Apropos Utopie: In den kommenden Tagen besprechen wir die „reale Utopie“ namens FRIEDEN von Autorin Joana Osman. Kleiner Hinweis: Wer romantisch-naive Geschichten mit wolkigen Worthülsen mag, wird diesen Essay lieben…
(Abre numa nova janela)Die Auszeichnung für die Wissensbücher des Jahres wird seit 1993 vom Magazin Bild der Wissenschaft verliehen. 2025 sind 59 Bücher in sechs Kategorien nominiert. Bis zum 14. August 2025 konntet ihr an der Publikumswahl teilnehmen (Abre numa nova janela). Das Ergebnis dieser sowie die von der 11-köpfigen Jury ausgewählten Titel werden am 21.11.2025 im Dezember-Heft von Bild der Wissenschaft und auf wissenschaft.de (Abre numa nova janela) bekannt gegeben.
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Eine Leseprobe findet ihr hier (Abre numa nova janela).
Leor Zmigrod: Das ideologische Gehirn. Wie politische Überzeugungen wirklich entstehen (Abre numa nova janela); Mai 2025; Aus dem Englischen von Matthias Strobel; 302 Seiten; Hardcover, gebunden; ISBN: 978-3-518-47485-3; suhrkamp nova; 24,00 €