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Und jetzt: Vorhang auf für Teil 2 unserer Mini-Reihe (Abre numa nova janela) zum aufwendigsten Greenwashing-Märchen aller Zeiten.

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#107 #CCS #Technologie #Greenwashing
BECCS, Drax and Rock’n’Roll
Wir müssen der Atmosphäre Unmengen an CO₂ entnehmen. Dafür sollen Bäume, Raps oder Mais im großen Stil verbrannt werden. Eine angebliche Wunderlösung, die wieder mal die Falschen freut.

Schau Dir mal dieses Häufchen an. Woran musst Du dabei denken?

Vor meinem inneren Auge kommt sofort mein Kaninchen von früher angehoppelt und futtert mir die Dinger aus der Hand. Was wie Tiernahrung aussieht, sind aber eigentlich Holzpellets, die zur Wärme- und Stromerzeugung verbrannt werden.
Die Klimadebatte dreht sich ständig um Kohle, Öl und Gas, natürlich zurecht. Worüber wir aber kaum reden, sind diese Pellets. Dabei sind sie extrem klimaschädlich, teilweise schädlicher als Kohle. Und während Europa sich von der Kohle abwendet, nehmen die Pellets zunehmend ihren Platz ein.
In der EU steigt die Nachfrage nach Biomasse – insbesondere Holz – seit Jahren an. Bis 2035 könnte sie sich gegenüber heute fast verdoppeln (Abre numa nova janela). Das liegt auch daran, dass für den Klimaschutz stark auf Energie aus Biomasse gesetzt wird. Auf dem Papier zumindest ist sie nämlich klimaneutral.
Dazu kommt eine Hoffnung, die sogar noch weitergeht: dass man Bioenergie künftig mit einer Technologie kombinieren kann, die Du schon aus unserer letzten Ausgabe (Abre numa nova janela) kennst – Carbon Capture and Storage (CCS).
Das Ganze nennt sich dann Bio Energy with CCS oder kurz BECCS. Die Fakten rund um diesen Ansatz sind so absurd, dass sie die CCS-Märchen aus unserer letzten Ausgabe fast schon harmlos aussehen lassen. Aber von vorne.
Emissionen rückwärts
Die Idee hinter BECCS: Man verbrennt Biomasse, zum Beispiel Holz, Mais, Raps oder andere Nutzpflanzen und gewinnt daraus Energie. Das dabei anfallende CO₂ wird aufgefangen und im Boden verpresst. Am Ende hat man der Atmosphäre CO₂ entnommen, so das Kalkül. Schließlich binden Pflanzen das Treibhausgas, wenn sie wachsen.
Das Verlockende daran ist, dass man Energie gewinnt und gleichzeitig für Negativ-Emissionen sorgt. Von Letzteren brauchen wir unglaublich viel, um die Erhitzung auf unter zwei Grad zu begrenzen. Und zwar nicht nur, um Restemissionen wettzumachen, sondern auch, um darüber hinaus Emissionen wieder auszugleichen, die wir schon zu viel ausgestoßen haben.
Der globale CO₂-Ausstoß müsste nämlich längst rapide fallen. In diesem Jahr ist er aber auf circa 38 Milliarden Tonnen (Abre numa nova janela) gestiegen. Ohne Negativ-Emissionen sind die Ziele aus dem Pariser Abkommen deshalb nicht mehr zu erreichen.
Die verschiedenen Methoden für Negativ-Emissionen werden meist in „konventionell“ und „neuartig“ eingeteilt. Unter „konventionell“ fallen Aufforstung oder die Wiedervernässung von Mooren. Wälder und Moore binden große Mengen CO₂ in Holz und Torf.
Zu den neuartigen Methoden zählt neben BECCS zum Beispiel Direct Air Capture (DAC), also das maschinelle Filtern von CO₂ aus der Luft.
(Abre numa nova janela)Auch das „enhanced rock weathering“ gehört dazu, also die „beschleunigte Verwitterung“ von Silikatgesteinen. Diese sind Hauptbestandteil der Erdkruste. Verwittern sie, binden sie CO₂. Dieser natürliche, aber sehr langsame Prozess kann beschleunigt werden, indem man fein gemahlenes Silikatgestein auf Böden ausbringt.
Eine weitere Methode ist, Holz oder Pflanzenreste in Biokohle zu verwandeln. Dafür muss die Biomasse unter Ausschluss von Sauerstoff erhitzt werden. Die Biokohle (auf Englisch „biochar“) wird dann im Boden vergraben, wo sie das CO₂ langfristig speichert.
Stand jetzt werden rund zwei Milliarden Tonnen CO₂ pro Jahr aus der Atmosphäre gezogen. Dreimal darfst Du raten, wie viel davon auf die Kappe von neuartigen Methoden geht.
Die Hälfte? Ein Drittel? Ein Zehntel?
Leider alles falsch, die richtige Antwort ist: quasi nichts. Genauer gesagt: weniger als 0,1 Prozent aller Negativ-Emissionen. Auf dem Schaubild (Abre numa nova janela) kannst du sehen, dass BECCS davon wiederum weniger als die Hälfte ausmacht:

Warum reden wir dann hier überhaupt über BECCS, wenn es momentan kaum eingesetzt wird? Weil sich das bald ändern könnte. Die Negativ-Emissionen müssen nämlich stark ansteigen: laut einer Studie von Nature Climate Change von jetzt zwei Milliarden Tonnen pro Jahr auf bis zu zehn Milliarden (Abre numa nova janela) bis 2050. Um das zu erreichen, wird große Hoffnung auf BECCS gelegt.
BECCS ist zentraler Bestandteil vieler nationaler Strategien für Negativ-Emissionen, unter anderem in Deutschland. Auch die EU macht sich für BECCS stark. Selbst der IPCC rechnet mit einem großflächigen Einsatz.
In allen Szenarien, die mit dem Pariser Abkommen konform sind (siehe Abschnitt 3.5.2 (Abre numa nova janela) im dritten Teil des aktuellen IPCC-Berichts), sollen bis Ende des Jahrhunderts insgesamt 530 bis 670 Milliarden Tonnen CO₂ mithilfe von CCS abgeschieden werden. Für rund die Hälfte davon soll die BECCS-Methode sorgen.
Du kannst Dir vorstellen, was das bedeuten würde. Unzählige BECCS-Anlagen müssten wie Pilze aus dem Boden schießen. Es bräuchte Kraftwerke, Pipelines, CO₂-Speicherstätten und natürlich jede Menge Biomasse. Wie soll das funktionieren?
Holz ist die neue Kohle
Schauen wir uns das mal am Beispiel von Großbritannien an. Die Regierung dort butterte in den letzten Jahren zig Milliarden in die Förderung von Bioenergie. Das meiste Geld floss dabei an nur einen einzigen Empfänger: an einen Konzern, der die Liste der größten britischen Emittenten mit Abstand anführt.
Dieser Konzern heißt Drax. Er betrieb in North Yorkshire eines der größten Kohlekraftwerke Europas, bis er 2021 vollständig aus der Kohle ausstieg. Trotzdem laufen die Kraftwerke bis heute weiter. Inzwischen verfeuert Drax dort im großen Stil Holzpellets – ohne das CO₂ wieder einzufangen. Der Konzern produziert damit rund vier Prozent des britischen Strombedarfs.
Für die Umrüstung von Kohle auf Biomasse hat der Konzern mehr als sieben Milliarden Pfund vom Staat (Abre numa nova janela) erhalten. Als wäre es nicht absurd genug, einen Konzern zu subventionieren, der bereits so viel zur Zerstörung des Klimas beigetragen hat, stammten die Subventionen auch noch aus dem Topf für erneuerbare Energien.
Biomasse gilt offiziell als erneuerbar, schließlich wachsen Pflanzen nach. Das ist nicht nur in Großbritannien so, sondern auch in der EU. Darum werden europaweit in Kohlekraftwerken immer mehr Holzpellets verbrannt (Abre numa nova janela) – mitsamt den dazugehörigen Steuergeldern.
Auch RWE rüstet mit staatlicher Unterstützung zwei seiner alten Kohlekraftwerke in den Niederlanden um. In einem verfeuert der Konzern laut eigenen Angaben seit 2025 bereits ausschließlich Holzpellets.

Tatsächlich ist Biomasse in der EU laut offiziellen Zahlen (Abre numa nova janela) die größte Quelle bei den erneuerbaren Energien – und zwar deutlich: 2024 machte Biomasse (größtenteils Holz) fast die Hälfte davon aus.
Was die Statistik verschweigt: Holzpellets verursachen beim Verbrennen, aber auch entlang der ganzen Lieferkette, enorm viel CO₂. Gleichzeitig dauert es mindestens Jahrzehnte, bis Bäume nachwachsen und wieder annähernd so viel CO₂ binden wie kurz vor der Abholzung. Zeit, die wir in der Klimakrise nicht haben.
Besonders wenig Sinn ergibt es, Holz zu verbrennen, um Strom zu produzieren. Das ist extrem ineffizient und sogar dreckiger als Kohle (Abre numa nova janela). Trotzdem verweist auch Drax darauf, dass Bäume nachwachsen – und behauptet (Abre numa nova janela), sein Strom wäre klimaneutral. „Netto-Null-Öl (Abre numa nova janela)“ lässt grüßen.
Tatsächlich emittiert Drax’ Kraftwerk (Abre numa nova janela) momentan ungefähr zwölf Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr. Die ökologischen Verheerungen reichen aber noch weiter als die Emissionen aus Drax’ Schornsteinen.
(Abre numa nova janela)Der Konzern braucht Unmengen an Holz, die er vollständig importiert (Abre numa nova janela) – aus den USA und Kanada, aber auch aus Estland und Lettland. Verschiedene Recherchen (etwa von der BBC (Abre numa nova janela) oder der kanadischen NGO Stand.earth (Abre numa nova janela)) zeigen, dass Drax dafür gerne mal Teile von jahrhundertealten Wäldern kahlschlagen lässt.
Inzwischen ist offenbar auch die britische Regierung skeptischer gegenüber Strom aus Biomasse geworden. Sie wird Drax zwar weiterhin subventionieren, ab 2027 aber mit einer deutlich geringeren Summe (Abre numa nova janela).
Doch der Konzern hat längst eine neue Strategie, mit der er sich weiter am steuerfinanzierten Rettungsring festklammert. Er plant, sein Kraftwerk nach 2030 mit CCS-Technologie auszustatten – also von Bioenergie auf BECCS umzurüsten.
Weil sein Strom angeblich jetzt schon klimaneutral ist, wäre es dann das erste Kraftwerk, das Negativ-Emissionen erzielt. So weit die Greenwashing-Story.
Da ist dann auch die britische Regierung wieder Feuer und Flamme. Sie verkündete vor einem Jahr, dass sie die CCS-Industrie – und damit auch BECCS-Projekte – über 25 Jahre hinweg mit 22 Milliarden Pfund subventionieren (Abre numa nova janela) werde.

Ein Forschungsteam rechnete mal genau nach (Abre numa nova janela), was an Drax’ BECCS-Plänen dran ist. Das Ergebnis: Bis 2053 würde das BECCS-System für keinen Rückgang von CO₂ in der Atmosphäre sorgen. Im Gegenteil. Die Emissionen würden aufgrund der Abholzung sogar ansteigen. Erst ab 2053 wären geringfügige Negativ-Emissionen möglich.
Eine milliardenschwere Wette gegen die Natur
In Europa führt die Nachfrage nach Biomasse – unter anderem von Drax und RWE (Abre numa nova janela) – zu massiver Abholzung. In Ungarn zum Beispiel (Abre numa nova janela) wurden Naturschutz-Regeln gelockert, damit Urwälder in größerem Ausmaß gerodet werden können.
Und in Finnland und Estland (Abre numa nova janela) wurde in den vergangenen Jahren so viel abgeholzt, dass die Wälder dort inzwischen keine Senken mehr sind. Sie emittieren mehr CO₂ als sie aufnehmen. Auch in Deutschland ist der Wald inzwischen zu einer CO₂-Quelle geworden.
Nochmal im Klartext: Wir opfern Wälder für Bioenergie und die schwache Aussicht auf BECCS – und davon profitieren, wieder mal, fossile Konzerne.
Das war aber noch nicht alles. Was ist zum Beispiel mit dem CO₂, das in den BECCS-Anlagen aufgefangen werden soll? Abgesehen von den ganzen Pipelines, die es braucht, um das Gas zu transportieren, muss es auch irgendwo gespeichert werden. Die Möglichkeiten dafür sind begrenzt. In Deutschland wird vor allem über eine Speicherung unter der Nordsee nachgedacht.
Beim weltweit größten BECCS-Projekt in Illinois wird das CO₂ unter einem Stausee verpresst, aus dem das Trinkwasser für die Region kommt. 2024 wurden dort gleich zwei Leckagen (Abre numa nova janela) festgestellt.
Solche Lecks können das Wasser versauern und mit Schwermetallen verseuchen (auch wenn es in diesem Fall glimpflich ausgegangen ist). Das Trinkwasser wäre dann eine potenzielle Gefahr für die Gesundheit vieler Menschen.
Apropos Wasser: Wird BECCS hochskaliert, müsste man künftig auch riesige Plantagen an Mais, Raps oder anderen Nutzpflanzen anlegen. Solche Plantagen sind nicht nur ökologisch fragwürdig, sondern müssten auch bewässert werden.
Das wird mit steigender Erderhitzung immer aufwendiger. Eine Nature Communications Studie (Abre numa nova janela) zeigt, dass BECCS den globalen Wasserstress verdoppeln könnte – und sich damit sogar stärker auswirken würde als die Erderhitzung selbst.
(Abre numa nova janela)Auch der Flächenbedarf wäre enorm. Eine Science-Studie (Abre numa nova janela) von 2024 berechnete, wie viel Land für BECCS benötigt würde, wenn es nach IPCC-Szenarien ginge.
Die Studien-Autor*innen kommen zu dem Schluss, dass der IPCC das Potenzial von BECCS und von Negativ-Emissionen insgesamt in seinem letzten großen Bericht bei Weitem überschätzte. Offenbar zeichnete die damals verfügbare Literatur noch ein unvollständiges Bild der teils katastrophalen Folgen.
So bräuchte man für BECCS und Aufforstung laut Studie bis zu drei Milliarden Hektar Land für Bäume, Mais, Raps und Co. Das entspricht dreimal der Fläche Europas. Die ökologische und humanitäre Katastrophe wäre vorprogrammiert. Das Land würde als Ackerfläche fehlen und die Ernährung von 300 Millionen Menschen gefährden. Unvorstellbar.
All I want for christmas is Enteignung
BECCS als große Lösung für Klimaneutralität – diese Rechnung geht selbst in der Theorie nur auf, wenn man zahlreiche Variablen herauskürzt. Für eine Sache taugt BECCS aber hervorragend: Es liefert fossilen Akteuren ein neues Greenwashing-Playbook. Für Konzerne wie Drax und RWE ist es ein willkommener Rettungsanker, Bäume statt Kohle in ihren Kraftwerken zu verbrennen.
Das alles zeigt einmal mehr, dass fossile Konzerne alles dafür tun, um ihre Milliardengeschäfte zu retten, egal wie sehr sie dem Planeten dabei schaden. Statt Kohlestrom ist es dann eben Plastik oder Bioenergie.
Wir haben es in diesem Newsletter schon oft geschrieben: Die Klimadebatte versteift sich viel zu häufig außschließlich aufs CO₂. Von fossilen Akteuren gefeierte Wundertechnologien wie BECCS und DAC sind dafür das beste Beispiel. Sie liefern eine vermeintliche Lösung für unsere Emissionen, während offensichtliche Zusammenhänge ausgeklammert werden.
Das lenkt auch erfolgreich davon ab, dass wir längst über jegliches verträgliche Maß an Emissionen hinausgeschossen sind. BECCS und Co. gaukeln uns vor, dass wir noch ein Ass im Ärmel haben, eine Wunderlösung, die uns vor der Erderhitzung rettet, ohne dass wir dafür große Veränderungen bräuchten.
Dabei nützen uns solche Technologien rein gar nichts, wenn die globalen Emissionen nicht bald rapide sinken. Dafür braucht es nicht weniger als einen radikalen Wandel. Und wenn wir schon bei radikalen Schritten sind: Wie wäre es, wenn wir als allererstes mal damit anfangen, fossile Konzerne endlich zu enteignen?
Das war unsere letzte von 24 Ausgaben für 2025. Wir freuen uns sehr, dass Du an unserer Seite stehst, egal ob Du schon seit vier Jahren als Leser*in dabei bist oder erst seit zwei Tagen. Wenn Du möchtest, schreib uns doch gerne in einer kurzen Nachricht, was Dich in diesem Jahr beschäftigt hat oder was Du Dir für 2026 wünschst.
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Unser Klimasong kommt diesmal von den Foals: Like Lightning aus dem Jahr 2019. Passend zum Zeitgeist damals zeigt das Musikvideo einen Bigfoot (ein großes haariges Wesen aus der nordamerikanischen Folklore), der eine globale Revolution anführt, mit Blitzen um sich wirft und die Welt Stück für Stück ein bisschen besser macht.
https://www.youtube.com/watch?v=gTHmJ1gol9c (Abre numa nova janela)Wäre das nicht ein passender kollektiver Neujahrsvorsatz? Öfter so sein wie dieser Bigfoot und 2026 zu einem neuen 2019 machen.
Wir verabschieden uns in eine kleine Winterpause und melden uns am 17. Januar wieder mit der nächsten Treibhauspost zurück! Genieß die Feiertage.
Herzliche Grüße
Manuel
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