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Kolumne #2: Die Last, die ich lieber selbst trage…

Es gibt einen Satz, den man als verwaiste Mutter eigentlich sagen muss. Einen Satz, der gesellschaftlich akzeptiert ist. Den jeder versteht. Bei dem niemand zusammenzuckt. 

„Ich würde alles dafür tun, mein Kind zurückzubekommen.“ 

Lange Zeit hätte ich diesen Satz genauso unterschrieben. Wie könnte ich auch nicht? Welche Mutter würde nicht alles dafür geben, ihr Kind noch einmal in die Arme schließen zu dürfen?

 

Als ich alte Fotos von Leonie anschaute 

Vor ein paar Tagen habe ich alte Fotos von Leonie angesehen. Eigentlich nur, weil ich eine Petition gegen die geplanten Pflegereformen teilen wollte. Ich suchte Bilder, die zeigen, wie der Alltag pflegender Familien wirklich aussieht. Bilder von Sonden, Medikamenten, Beatmung und Krankenhauszimmern. Von all den Dingen, die hinter politischen Entscheidungen stehen und in keiner Statistik sichtbar werden. 

Doch während ich durch die Ordner scrollte, passierte etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Mir wurde bewusst, wie lange ich diese Bilder nicht mehr angesehen hatte. Nicht, weil ich keine Zeit hatte. Nicht, weil sie irgendwo tief vergraben gewesen wären. Sondern vielleicht, weil ich geahnt habe, wie sehr sie weh tun würden. 

Da war sie plötzlich wieder. Mein großes Mädchen. Nicht die Erinnerung an sie. Nicht die Geschichte von ihr. Nicht das Bild, das andere Menschen von ihr haben.

Sondern Leonie. Mein Kind.

Das Kind, das in mir gewachsen ist. Das Kind, das ich geboren habe. Das Kind, das kämpfen musste, lange bevor wir überhaupt verstehen konnten, wogegen sie da eigentlich kämpft. 

Ich fand Videos, auf denen man sie hören konnte. Diese kleinen Geräusche. Dieses Quieken, das sie manchmal gemacht hat. Und für einen Moment war sie wieder da.

Nicht wirklich natürlich

aber nah genug, um mir das Herz aufzureißen.

  

Was wir uns eigentlich zurückwünschen 

Während ich weiter durch die Bilder scrollte, wurde mir etwas bewusst, das ich in all den Jahren der Trauer noch nie so klar gedacht hatte. 

Wenn ich sage, ich möchte mein Kind zurück, dann wünsche ich mir nicht nur Leonie zurück. Ich wünsche mir ihr ganzes Leben zurück.

Und genau an diesem Punkt begann etwas in mir zu stocken… Denn Leonie gab es nicht ohne ihre Krankheit.

Es gab sie nicht ohne die Beatmung. Nicht ohne die Medikamente. Nicht ohne die Sonden. Nicht ohne die Krankenhausaufenthalte. Nicht ohne die Blutgasanalysen. Nicht ohne die Schmerzen. Nicht ohne die Atemnot. Nicht ohne dieses ständige Hoffen und Bangen zwischen Stabilität und der nächsten Krise.

Leonie gab es nicht ohne dieses Monster von Krankheit.

Plötzlich waren sie wieder da, all diese Erinnerungen. Die Medikamente, die selbst Erwachsene außer Gefecht setzen würden. Die Nächte voller Alarme. Die Tage, an denen wir verzweifelt nach Antworten suchten, weil ihre Werte wieder entgleisten. Die Telefonate mit Ärzten. Die Gespräche mit der Arche. Die ständige Angst. Die Jahre, in denen mein Mann und ich nur noch funktioniert haben.  

Einer bei Leonie. Einer bei unserem Sohn. Immer unterwegs zwischen zwei Welten. Immer zerrissen. Immer mit dem Gefühl, gerade dort zu fehlen, wo man eigentlich sein müsste. 

 

Der Gedanke, der sich wie Verrat anfühlte 

Und dann war da plötzlich dieser Gedanke. Ein Gedanke, der sich im ersten Moment fast wie Verrat angefühlt hat.  

Ich möchte die Zeit nicht zurück.

Nicht einmal für Leonie. Denn wenn ich die Zeit zurückdrehen würde, bekäme ich nicht nur mein Kind zurück. Ich bekäme auch ihr Leiden zurück.

Und das wünsche ich mir nicht. Nicht für einen einzigen Tag. Nicht für eine einzige Stunde. Nicht für einen einzigen Atemzug.

  

Vielleicht ist das Liebe

Vielleicht ist das eine der bittersten Erkenntnisse, die die Trauer mir geschenkt hat:  

„Dass Liebe nicht immer bedeutet, jemanden festhalten zu wollen. Dass Liebe manchmal bedeutet, den eigenen Schmerz zu akzeptieren, weil die Alternative bedeuten würde, dass der Mensch, den man liebt, erneut leiden müsste.“

Natürlich vermisse ich Leonie. Natürlich gibt es Tage, an denen ich sie unfassbar gerne noch einmal sehen würde. Natürlich würde ich alles dafür geben, ihre Stimme noch einmal zu hören oder sie noch einmal in den Arm nehmen zu können.

Aber ich würde niemals wollen, dass sie dafür den Preis bezahlen muss, den sie damals bezahlt hat.

Vielleicht ist das die selbstloseste Form von Liebe, die ich kenne.

Zu sagen: 

„Ich vermisse dich unendlich. Ich werde dich mein Leben lang vermissen. Aber ich liebe dich genug, um dein Fehlen auszuhalten, wenn die Alternative bedeutet, dass du noch einmal durch all das hindurch müsstest.“

  

Ich vermisse nicht dieses Leben

Während ich diese Bilder anschaute, wurde mir noch etwas klar.

Ich vermisse nicht dieses Leben. Ich vermisse nicht die Pflege. Ich vermisse nicht die Krankenhauszimmer. Ich vermisse nicht die Medikamente. Ich vermisse nicht die Angst. Ich vermisse nicht das Funktionieren. Ich vermisse nicht die permanente Überforderung. Ich vermisse nur sie. 

Und vielleicht liegt genau darin eine Form des Weiterlebens.

Nicht, dass der Schmerz kleiner geworden wäre. Nicht, dass die Liebe weniger geworden wäre. Sondern dass man irgendwann erkennt, 

„dass man bereit ist, die Last der Trauer zu tragen, damit der Mensch, den man liebt, seine Last nicht mehr tragen muss.“

Das Paradoxon

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