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Wenn Gleichstellung nur noch Erwerbsarbeit misst, und Fürsorge leise entwertet wird.

Es gibt politische Ideen, die sich modern geben und dabei etwas Entscheidendes übersehen.

Die Debatte um die Abschaffung des Ehegattensplittings gehört dazu.

Auf den ersten Blick wirkt alles logisch: mehr Gleichstellung, mehr Unabhängigkeit, mehr Erwerbsbeteiligung, mehr Gerechtigkeit.

Doch unter dieser Oberfläche gibt es eine Verschiebung. Denn was hier bewertet wird, ist nicht einfach Gleichstellung, es ist ein bestimmtes Lebensmodell, das man vorantreiben möchte.

Dieses Modell ist klar: Beide Eltern arbeiten. Möglichst durchgehend. Möglichst viel.

Wer davon abweicht, gerät in eine Rechtfertigung. Die Mutter, die sich entscheidet, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, wird nicht mehr einfach als fürsorglich gesehen, sondern zunehmend als jemand, der „nicht teilnimmt“.

Das geschieht nicht offen, es zeigt sich in Anreizen, in Sprache, in Erwartungen.

Die Abschaffung des Ehegattensplittings passt genau in dieses Bild.

Sie setzt ein Signal: Ökonomische Aktivität zählt. Alles andere wird still nach unten sortiert.

Dabei ist Fürsorge kein Nebenschauplatz, sie ist die Grundlage jeder Entwicklung.

Kinder wachsen nicht in Strukturen auf, sie wachsen in Beziehungen auf. In Zeit und In Verlässlichkeit.

Und genau hier beginnt das eigentliche Problem, denn Kinder sind nicht alle gleich und haben unterschiedliche Bedürfnisse.

Manche kommen gut mit wenig stabiler Zeit zurecht, andere nicht. Gerade neurodiverse Kinder brauchen oft mehr Präsenz, mehr Ruhe und mehr Kontinuität.

Ob ADHS, Autismus oder Hochbegabung – sie reagieren empfindlicher auf Wechsel, Reizüberflutung und auf fehlende Bindung. Für sie ist Betreuung nicht automatisch Unterstützung, sondern eher Anpassungsdruck.

Wenn politische Modelle jedoch davon ausgehen, dass beide Eltern möglichst schnell und dauerhaft in Erwerbsarbeit stehen, entsteht ein blinder Fleck:

Die Kinder, die mehr brauchen, passen nicht mehr hinein. Oder genauer: Das System passt nicht mehr zu ihnen, es passt sogar noch weniger als bisher. Wir benachteiligen damit jene, die wir eigentlich einbinden wollen.

Wer dauerhaft gegen die eigenen Bedürfnisse funktionieren muss, wird nicht leistungsfähiger sondern erschöpft. Anpassung kann kurzfristig funktionieren, langfristig führt sie zum Gegenteil dessen, was man eigentlich erreichen wollte. Burnout ist hier kein Einzelfall, sondern logische Folge.

So entsteht ein Paradox: Ein System das mehr Teilhabe will, produziert Bedingungen, unter denen manche weniger Arbeitsfähig werden.

Mit der Abschaffung des Ehegattensplittings verschwindet nicht nur ein steuerlicher Vorteil, es verschwindet Spielraum.

Spielraum für unterschiedliche Lebensmodelle, Spielraum für unterschiedliche Kinder.

Gleichstellung müsste eigentlich bedeuten, wählen zu können, ohne strukturellen Druck in eine Richtung. Doch wenn ein Modell systematisch unattraktiver gemacht wird, ist die Wahl nicht mehr frei.

Früher ging es darum, Frauen Zugang zur Arbeit zu ermöglichen. Heute geht es zunehmend darum, sie darin zu halten.

Aber echte Freiheit zeigt sich nicht darin, dass alle das Gleiche tun, sondern darin, dass unterschiedliche Wege tragfähig bleiben.

Sei es individuell nach den Bedürfnissen von Kindern zu entscheiden oder auch als Elternteil sagen zu können “Ich möchte die ersten Jahre, zu Hause bei meinem Kind/Kindern bleiben”.

Vielleicht ist die eigentliche Frage nicht, ob Erwerbsarbeit wichtig ist, sondern warum Fürsorge so wenig zählt und wohin das ganze führen soll.

2026 Bianka Seredinski-Holzner

Tópico Ambiguität Orientierung