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Gnadenlose Schaffenskraft

Andrea Volkmann erschafft Dinge mit Humor und Herz. Ihr Lebensweg führte über fürsorgliche Selbstverkleinerung zum Mut, den eigenen Ideen zu folgen und zu vertrauen.

Wenn Andrea Volkmann eine Idee hat, lässt sie sich von kaum etwas aufhalten. „In meinem Kopf baut sich alles bis ins kleinste Detail zusammen und dann arbeite ich so lange daran, bis es mir gefällt und ich zufrieden bin“, sagt sie. Diese Fähigkeit findet Anwendung in ihrem Garten, in dem sie Obst, Gemüse und unterschiedliche Gewürze zieht, in ihrer liebevoll dekorierten Wohnung und auch in ihren handgemachten Kunstwerken rund um den Beachvolleyball, durch die ich sie kennengelernt habe.

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Wilson, Mikasa und molten. Bei Andrea Volkmann finden sie alle ihr passendes Zuhause.

Designs mit Humor

Andrea näht so einiges aus alten Volleybällen, zum Beispiel Bauchtaschen, Federmäppchen, Portemonnaies, Kosmetiktaschen oder Schlüsselanhänger. Das Signature-Produkt ihrer Marke „volleywool“ (Opens in a new window)sind gehäkelte Balltaschen, die ich nicht nur praktisch, sondern auch sehr lustig finde, weil die Balltaschen zum jeweiligen Design der unterschiedlichen Volleybälle passen.

Mein Ästhetik und Ordnung liebendes Herz erfreut es sehr, den molten in der blau-rot-weißen oder grün-rot-weißen Tasche verschwinden zu sehen und auch, dass Andrea die Mikasa-Tasche mit der Einführung des neuen Balls um eine pink-violette Facette erweitert hat. Auch der Wilson hat bereits sein eigenes Design, das trifft genau meinen Humor, wenn ich mir vorstellte, wie unwohl sich mein neuer Wilson in einem Mikasa-Beutel fühlen würde.

„Es gibt mir ein warmes Gefühl, wenn ich Leute mit Bauch- oder Balltaschen von mir sehe, aber es ist mehr ein Hobby als ein Geschäft“, sagt Andrea. Sie folgt einfach ihren Ideen: Zu den Deutschen Meisterschaften kreierte sie zwei Puppen, die aussehen wie Nele Barber und Melanie Gernert. „Ich weiß gar nicht mehr warum, aber mir wurde online so eine Therapiepuppe angezeigt und die sah einfach aus wie Nele“, erzählt sie lachend.

Therapiepuppe Nele

Melli Gernert & Nele Barber als lustige Puppen, eine Idee, die viel Freude verbreitet.

Eigentlich hatte die Puppe zwei Zöpfe. Andrea hat ihre Haare stattdessen zu dem für Nele typischen Pferdeschwanz gebunden und sie mit einem Beachtop und einer Bikinihose ausgestattet. „Dann habe ich lange gesucht, bis ich eine Puppe gefunden habe, die sich zu Melli machen ließ“, erzählt sie. Sie fand eine, schnitt die Haare ab, bemalte sie mit Textilmarker, um Mellis Strähnchen nachzuempfinden, kaufte für 1,50 Euro ein Käppi in der Babyabteilung von vinted und nähte ihr eine Leggings aus alten Stoffresten und GBT-Shirts.

Andreas Kreationen haben für mich so einen angenehmen Vibe. Sie transportieren eine spielerische kreative Energie. Es wirkt, als wenn sie einfach die größte Freude daran hat, eine Idee aus ihrem Kopf zum Leben zu erwecken und ich stelle mir gern vor, wie sie sich während des Schaffensprozesses selbst am meisten amüsiert. „Ich finde das wahnsinnig befriedigend, genauso wie einen Smoothie mit Zutaten aus meinem Garten herzustellen“, sagt sie und stellt zwei Gläser mit Saft aus Rote Beete, Ingwer und Kurkuma auf den Holztisch.

Volleyball-Enthusiastin aus Aachen

Mein Wunsch, Andrea Volkmann für ein Porträt zu treffen, basierte auf dem Gefühl, das mir ihre Produkte vermitteln. „Die Frau hat Humor“, dachte ich mir und im Gespräch stellte sich heraus, dass die Frau, die im Dezember 57 Jahre alt wird, auch noch eine sehr interessante und bewegende Lebensgeschichte hat, von der ich euch gern mehr erzählen möchte.

Zum Interview in ihrem gemütlichen Häuschen reicht Andrea veganen Kuchen und frisch gepressten Rote-Beete-Saft.

Mit 13 Jahren begann Andrea Volkmann Hallenvolleyball zu spielen, bei den Aachener Volleyball Enthusiasten (AVE). „Meine Eltern haben Volleyball gespielt“, erzählt sie. Mutter Hanne ist heute als 81-Jährige noch aktiv. Eine Zeit lang spielten sie zusammen in derselben Mannschaft in der Landesliga. „Ich habe immer lieber viel, als hoch gespielt“, sagt Andrea, die erst mit Anfang 30 den Schritt zu Allemannia Aachen in die Regionalliga wagte und mit dem Team in die zweite Liga Aufstieg. „Ich war Ersatzspielerin im Mittelblock und kam vor allem für die Aufschläge aufs Feld“, sagt sie.

Von der Halle in den Sand

Andreas Aufschläge sind gefürchtet, inzwischen auch in der Berliner Beachvolleyball-Szene. Als sie 2009 „der Liebe wegen“ von Aachen in die Hauptstadt zog, wechselte sie Stück für Stück von der Halle in den Sand. „Ich habe in Aachen auch schon an der Uni Beachvolleyball gespielt, aber hier in Berlin entdeckte ich den Sport dann so richtig für mich. Es gab und gibt ja so viele Plätze“, sagt sie. Angefangen hat sie mit „Lust auf einen Vierer“ auf Beach 61. Dort wurde sie angesprochen und rutsche in eine Damengruppe auf Beachmitte.

Andreas Volleyball-Familie mit Mutter und Vater (oben links und rechts), Sohn Tom (unten links), Aachener Teams und Beach-Mädels in Berlin bei einem Ranglistenturnier.

„Ich hatte beim Hallenvolleyball viel mit der Bandscheibe und allgemein dem Rücken zu tun und Beachvolleyball bedeutet für mich einfach, dass ich meinen Lieblingssport weitermachen kann, nur ohne Schmerzen und mit einem schönen Vibe“, sagt sie. Mit Jadwiga Groß, auch als Gody bekannt, spielt sie seit 2016 Seniorinnen-Turniere auf Landes- und Bundesebene. Bei den Deutschen Meisterschaften 2016 wurden Groß/Volkmann Fünfte, 2017 und 2018 belegten sie Platz drei. „Mein Ziel war immer, einmal Deutsche Meisterin zu sein“, sagt Andrea.

Beobachtung, Bedürfnis, Burn-out

Oft scheiterte sie auf dem Weg an sich selbst. „Ich möchte am liebsten gnadenlos den Ball spielen, der am meisten weh tut“, sagt sie. Und wenn sie konzentriert und ganz bei sich ist, kann sie das auch. „Aber ich habe mich immer schwergetan, gegen Frauen zu spielen, die ich gut kenne, weil ich dachte, dass ich denen weh tue, wenn ich gegen sie gewinne“, verrät Andrea. Oft hatte sie das Gefühl, sich zurücknehmen zu müssen. Deshalb spielt sie gern mit Männern. „Dann bin ich die Schwächste und muss mich nicht zurückhalten“, sagt sie.

Ihr ausgeprägter Fokus auf die Menschen in ihrem Umfeld hat Andrea zu einer guten Beobachterin gemacht und zu einem Radar für die Bedürfnisse anderer, aber gleichzeitig blockierte sie sich damit selbst. „Ich war immer viel im Außen, hatte mit Depressionen und Burn-out zu tun“, sagt sie. Als ihr Lebenspartner krank wurde, verstärkte sich dieses Thema. „Ich habe mich noch mehr auf ihn konzentriert und noch weniger auf mich“, sagt sie. 2018 verstarb ihr Partner. „Es war eine schwierige Zeit und auch eine, in der ich mich fragen musste und durfte: Was möchte ich und wer bin ich eigentlich?“, sagt sie. Es war auch die Zeit, in der sie volleywool gestartet hat. „Das Häkeln und Nähen ist wie Meditation für mich“, sagt sie.

Von einem anderen Mond

Andrea hat herausgefunden, dass sie hochsensibel ist. Sie wusste vorher nicht, dass es so etwas gibt. Oft hörte sie Sätze wie: „Sei nicht so überempfindlich. Stell dich nicht so an.“ Sie sagt: „Ich dachte immer, ich sei von einem anderen Mond.“ Heute findet sie es gut zu wissen, dass sie Pausen braucht und dass es Menschen gibt, die anders fühlen. „Manchmal fühle ich mich zerrissen, weil ich gern zu den Turnieren der German Beach Tour gehen würde, aber es ist mir einfach zu laut und zu viel, deshalb genieße ich die Spiele lieber vor dem Stream“, sagt sie.

Früher hätte sie einfach funktioniert. Viele Jahre arbeitete sie Vollzeit im Schichtdienst als Kinderkrankenschwester, war hauptverantwortlich für den Unterhalt und ging drei Mal pro Woche zum Volleyball-Training. „Inzwischen habe ich gelernt, reinzufühlen, was ich brauche und das auch zu kommunizieren. Und ich war überrascht, dabei sogar auf Verständnis zu stoßen“, sagt sie.

Wenn sie mit ihren Mädels essen geht, fragt meist eine, ob Andrea lieber am Rand sitzen möchte. In einem Beachvolleyball-Urlaub auf Fuerteventura stellte kürzlich ein Spieler seine Musikbox auf die andere Feldseite, als er Andrea auch dem Nachbarfeld entdeckte. „Ich weiß ja, du magst das nicht so“, sagte er. „Es ist sehr schön, so wahrgenommen zu werden“, sagt Andrea. „Früher habe ich mich sofort aus Situationen zurückgezogen, wenn es für mich nicht gepasst hat und habe nichts gesagt, weil ich nicht wollte, dass andere ihren Urlaub oder eine Situation verändern, für mich“, sagt sie.

Ein Traum wird wahr

In diesem Sommer hat Andrea zum ersten Mal seit 2018 wieder die Deutsche Meisterschaft der Seniorinnen mitgespielt. Dabei ist ihr eine Begegnung in besonderer Erinnerung geblieben. „Eine Gegnerin kam nach dem Spiel zu mir und sagte, ich könne ja wirklich alles. Da kamen mir die Tränen, vor allem, weil ich es so beeindruckend fand, die Größe zu haben, einer Gegnerin zu sagen, wie toll sie ist, obwohl man selbst gerade verloren hat“, erzählt sie. Wir erinnern uns, es war ja eine ihrer größten Ängste, andere Frauen durch ihren eigenen Erfolg freudiger Momente zu berauben. „Ich habe das Gefühl, die Stimmung untereinander hat sich verändert“, sagt Andrea. Vielleicht hat aber auch sie sich verändert.

Andrea erzählt, dass sie und Gody anders gespielt haben als bei den Meisterschaften zuvor. „Wir haben uns von Nele und Melli abgeschaut, sehr positiv miteinander zu sein, uns gegenseitig zu vertrauen, auch wenn wir zurückliegen und uns nach jedem Ballwechsel zu umarmen“, sagt sie. Mit ihrer positiven Einstellung und ohne die Sorge, andere durch ihren Erfolg zu verletzten, gewannen Groß/Volkmann jedes ihrer acht Spiele und hielten am Ende strahlend zwei Goldmedaillen in die Kamera: Deutsche Meisterinnen in der Altersklasse Ü54. „Für mich ging ein Traum in Erfüllung. Das war wie ein Befreiungsschlag“, sagt Andrea.

Endlich ist es soweit. Gody und Andi sind Deutsche Meisterinnen im Beachvolleyball.

„Das ist mein Krebs. Kreiert habe ich ihn selbst“

Besonders beeindruckend ist die Leistung, weil sie mit einem Gepäck spielte, das sie bis dahin nicht geteilt hatte. 2024 bekam Andrea die Diagnose Brustkrebs. „Ich habe zunächst niemandem davon erzählt, weil ich nicht wollte, dass mir jemand reinredet“, sagt sie. Nach einigen irritierenden Arztterminen, viel Recherche und inneren Diskursen mit sich selbst, entschied sie sich nämlich für einen Weg, der in unserer Gesellschaft noch nicht vollumfänglich akzeptiert wird. „Man gibt oft die Verantwortung ab und fragt sich vielleicht: Warum passiert mir das? Ich bin mir schon im Klaren, dass die Verantwortung bei mir liegt. Das ist mein Körper und mein Krebs. Kreiert habe ich ihn selbst“, sagt Andrea. Und deshalb hat sie sich entschieden, sich abseits von Operation und Chemotherapie um ihren Körper und ihre Themen zu kümmern.

„Der größte Teil besteht darin, dem Körper so viel wie möglich Energie zuzuführen, damit er sich selbst heilen kann“, sagt Andrea, die ihre Ernährung komplett umgestellt hat. Sie beschäftigt sich außerdem mit Entgiftung und den eigenen Gedanken und Emotionen. Regelmäßig lässt sie den Heilungsprozess von ihrer Ärztin kontrollieren. Auf ihrem ganzheitlichen Weg erfährt sie viel Unterstützung von ihrer Familie und ihren Freunden, auch weil diese – wie Andrea – positive Veränderungen bemerken: „Ich fühle mich fitter denn je, habe fast 20 Kilo abgenommen“, sagt Andrea.

Auch ihre Depressionen haben sich verändert. „Depressionen zu haben ist ein Gefühl wie Watte im Kopf und das ist durch die Ernährungsumstellung, Entgiftung und Energiearbeit fast weg. Es fühlt sich an, als wäre die Welt wieder heller geworden“, sagt sie. Positive Auswirkungen auf ihre Hochsensibilität sind ihr ebenfalls aufgefallen: „Bei der Deutschen Meisterschaft konnte ich bis zum Schluss bleiben, auch wenn es laut war, es fällt mir leichter, mich mit den Mädels in der Stadt zu treffen. Das ist schön, denn ich wollte nie so eine verschrobene Hexe werden, die allein mit ihren Kräutern im Wald wohnt“, sagt sie lachend.

Andrea genießt ihren Garten, ihren Apfelbaum und das Leben, auch wenn es nicht immer leicht ist.

„Ich habe auch Angst, aber die bringt mich nicht weiter“

Momentan macht Andrea eine Ausbildung zur ganzheitlichen Krebsberaterin, um sich und anderen zu helfen. Ihr Sohn bestärkt sie auf ihren Weg: „Mama, du könntest auch eine zweite Claire sein“, sagt er und bezieht sich dabei auf die Serie Outlander, in der die ausgebildete Krankenschwester Claire in die Vergangenheit reist, wo ihr Wissen um alternative Heilmethoden ihr und vielen anderen Menschen von großem Nutzen ist. „Das ist mein Weg und ja, ich habe auch Angst, aber ich weiß, dass die mich nicht weiterbringt“, sagt Andrea.

Sie weiß, dass sie Geduld braucht. „Es hat schließlich auch Jahre gedauert, bis der Krebs entstanden ist, da verschwindet der auch nicht von jetzt auf gleich, das wird oft übersehen”, sagt sie. Momentan spielt Andrea einmal pro Woche Beachvolleyball bei Pro Sport an der Waldbühne. „Gerade werde ich immer besser“, sagt sie. Aber sie übertreibt es nicht. Zu viel Sport sei nicht gut, erklärt sie, das macht den Körper sauer. Es ist aber auch wichtig, die Dinge zu tun, die sie liebt und da gehört Beachvolleyball dazu.

„Ziele setzen ist wichtig. Eines war die Deutsche Meisterschaft, ein anderes ist, eine 15-20 Stunden Stelle zu finden und nebenbei meine Beratung aufzubauen. Ich möchte die Menschen darin bestärken, ihre Selbstheilungskräfte zu entdecken und Vertrauen zu haben“, sagt Andrea. Und wir wissen ja inzwischen: Wenn Andrea Volkmann eine Idee hat, entsteht in der Regel etwas Schönes daraus.

Topic portraits.

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