Plagiator ~ KI ~ Forschung ~ Hommage

Was muss ich mir bei Gesprächen über China immer wieder anhören, dass chinesische Unternehmen nur westliche Produkte kopieren, die Plagiate billiger herstellen und dann den Originalhersteller vom Markt treiben. Alle die Menschen, die dieses Bild noch immer im Kopf herumtragen, sollten nicht nur meinen Taibang-Blog (Opens in a new window) mit der Präsentation von Technologien bei Elektroautos verfolgen, sondern auch ganz genau auf den KI Markt in den USA schauen. Denn dort hat das US-Unternehmen Cursor sein KI-Modell Composer 2 auf den Markt gebracht. Doch schnell fanden KI-Experten heraus, dass das Programmgerüst vom KI-Modell Kimi K2.5 des chinesischen KI-Unternehmens Moonshot AI stammt und ohne Verweis darauf ins eigene Programm geschleust wurde. Auch Elon Musk postet am 20. März: "Ja, es ist Kimi 2.5." Nun ist die Verwendung der meisten KI-Modelle aus China nicht illegal, sondern erlaubt, da China, im Gegensatz zu den meisten US-Modellen, auf Open-Source bei der Künstlichen Intelligenz setzt, um die Anwendungen stärker nutzbar zu machen. Nur sehen die Bedingungen von Moonshot AI eben vor, dass man das öffentlich ausweist. Schließlich verdient Cursor kräftig Geld damit und hat einen jährlichen Umsatz von 2 Milliarden Dollar und das Etikett eines chinesischen KI-Modells ist in den USA nicht gerade förderlich fürs eigene Marketing. Cursor bildet dabei auf dem US-Markt sicherlich keine Ausnahme, so schätzen Experten. Das Geschäftsmodell ist natürlich auch lukrativ: kostenlose chinesische Open-Source-Codes werden genutzt, um US-Unternehmen KI-Dienstleistungen teuer in Rechnung zu stellen. Natürlich werden die Modelle durch eine weite Verbreitung gestärkt, weshalb die chinesischen Unternehmen auch die strategische Entscheidung zu Open Source getroffen haben, nur sollte man eben anerkennen, dass man massenhaft chinesische Zukunftstechnologie für den eigenen Profit und das eigene Geschäftsmodell im Westen nutzt, kopiert und verwendet.
In China bereitet man sich intensiv auf die Zukunft vor. Der weit verbreitete Einsatz von KI in sämtlichen ökonomischen und verwaltungstechnischen Prozessen wird das zukünftige gesellschaftliche Gefüge tiefgreifend verändern. Doch während im zukunftsängstlichen Europa Gefahren und notwendige Hürden diskutiert werden, führen Wissenschaftler in China eine zielgerichtete pragmatische Diskussion. Dabei sind die Überlegungen von Zhuo Xian interessant, der Leiter einer staatlichen Denkfabrik (oder neudeutsch Thinktank) in Peking ist. Er betrachtet die Veränderungen in Unternehmen, die durch KI-Einsatz immer weniger auf Arbeitnehmer angewiesen sind und damit die grundlegende Veränderung der Basis der Sozialversicherungen. Der Forscher macht sich Gedanken über notwendige gesellschaftliche Gestaltung da er schlussfolgert:
Lebenslanges Lernen gilt als zentrales Rezept für die Herausforderungen des Arbeitsmarktes im Zeitalter der KI. Doch die Transformation von Bildungsmodellen ist angesichts der rasanten technologischen Fortschritte im Bereich der KI kein Allheilmittel. Für die meisten Arbeitnehmer kann die Entwicklung des Humankapitals mit der rasanten Evolution der künstlichen Intelligenz nicht mehr Schritt halten.
Zhuo Xian analysiert ebenfalls sehr scharfsinnig die Auswirkungen auf dem Arbeitsmarkt durch die KI-Effizienzgewinne:
Die Überschüsse hocheffizienter Branchen fließen zunehmend in Kapitalgewinne und Gehaltssteigerungen für eine kleine Gruppe von Kernkompetenzen. Die Zahl der Beschäftigten in unterstützenden Funktionen innerhalb dieser Branchen nimmt nicht nur ab – da ihr Humankapitalbeitrag geringer ist als der von KI –, sondern auch ihr Lohnwachstum hält mit den Produktivitätssteigerungen der Branche nicht Schritt.
Die Finanzierung der Sozialversicherungssysteme ist aber auf der bisherigen Beschäftigungsstruktur aufgebaut, die es in dieser Form vielleicht in Zukunft nicht mehr so ausgeprägt geben wird. Deswegen plädiert er für eine Verlagerung der Finanzierung von Sozialversicherungen weg von der Einkommenssteuer hin zur Konsumsteuer. Der durch KI generierte Wohlstand kann mittels "Robotersteuer" ebenfalls in die staatlichen sozialen Sicherungsnetze fließen, wobei er aber einschränkend hinzufügt:
Gewährung von Steuervergünstigungen für „arbeitserweiternde“ Technologien wie Exoskelette und Augmented-Reality-Brillen, die Arbeitnehmer unterstützen, während gleichzeitig Steueranreize verweigert oder moderate Steuern auf Technologien erhoben werden, die Arbeitskräfte rein ersetzen.
Auch kann eine starke staatliche KI-Infrastruktur, wie Rechenzentren, Erträge generieren, die dann ähnlich wie der norwegische Sozialfonds aus Öleinnahmen eben in chinesische Sozialfonds fließen. Als Vorbild für einen solchen staatlichen Aufbau von KI-Infrastruktur nennt Zhuo Xian unter anderem Singapore. Wir dürfen gespannt bleiben, welche Ideen von diesem Regierungsberater sich in der zukünftigen Gestaltung der Sozialsysteme in China wiederfinden werden.
Ab 2026 schließt die EU chinesische Forschungseinrichtungen von den Kernbereichen des "Horizon Europe Programms" aus, welches mit 95,5 Milliarden Euro aus europäischen Mittel finanziert wird. Betroffen sind die Schlüsseltechnologien KI, Quantentechnologie, Halbleiter und Biotechnologie. Chinesische Institutionen dürfen nur noch an Bereichen wie Klima- und Biodiversitätsforschung teilnehmen. Dieses engstirnige und ideologische Vorgehen erinnert mich an ein kleines trotziges Kind, welches beim Spielen in Rückstand gerät, keine Hoffnung mehr auf einen Sieg hat und nun verärgert aus dem Spiel mit der Begründung aussteigt, dass das Spiel sowieso keinen Spaß macht. Egal wie, aber unklug ist diese Entscheidung allemal. Gerade in den Schlüsseltechnologien erlebt China nicht nur einen gewaltigen Forschungsausbau, sondern auch große Erfolge. Diese politische Strategie der EU ist für Europa kontraproduktiv, denn China führt beispielsweise weltweit bei KI-Patenten und bei der 6G-Entwicklung. Durch den Ausschluss schneidet sich Europa von führender Forschung ab. China bietet vollständige Lieferketten, über 2.400 Pilotplattformen für Technologie-Tests und einen Binnenmarkt mit 1,4 Milliarden Konsumenten. Für die Kommerzialisierung von Zukunftstechnologien sind genau diese Skalierungsmöglichkeiten und Datenmengen entscheidend, ohne sie werden europäische Technologien langsamer und teurer entwickelt. Außerdem treiben solche Blockaden China in die Eigenentwicklung und lässt europäische Forschung und Unternehmen an Bedeutung verlieren. So hat der Ausschluss von China beim europäischen Galileo-Satellitensystem zur Entwicklung des chinesischen Beidou-Systems geführt. Das US-Verbot der Zusammenarbeit bei der Weltraumstation ISS motivierte China zum Bau der eigenen Raumstation Tiangong. Durch diese EU-Entscheidung wird Europa langfristig in ihrer eigenen Innovationskraft geschwächt. Während Europa in der Grundlagenforschung noch stark ist, fehlt es an Ingenieurskapazität und Marktdurchdringung, Bereiche, in denen China stark aufgestellt ist. Eine konstruktive wissenschaftliche Kooperation ist demnach eigentlich im Interesse von Europa. Die aktuelle Abschottungspolitik gefährdet jedoch Europas Wettbewerbsfähigkeit im globalen Technologie-Wettlauf.
Zum Schluss möchte ich eine kurze Würdigung an den am 11. April 2026 im Alter von 98 Jahren verstorbenen Guo Daohui (郭道晖) schreiben. Er stammte aus einer berühmten Gelehrtenfamilie in China, deren Vorfahren als "Die drei Helden der Guo-Familie von Xiangyin" (湘阴郭氏三杰) bekannt waren. Er wurde ab 1957 in politischen Kampagnen diffamiert und erst im Jahr 1979 rehabilitiert. Danach hatte er jedoch großen Einfluss auf die Entwicklung des chinesischen Rechtssystems und war maßgeblich an der Ausarbeitung der Verfassung von 1982 beteiligt. So wurde auf sein Wirken hin die Bürgerrechte vor den Staatsorganen gestellt und die entsprechende Artikelanzahl von 3 auf 24 erhöht. Zusammen mit Jiang Ping († 2023) und Li Buyun († 2026) wurde er als einer der „Drei Ehrwürdigen der Rechtsstaatlichkeit" (法治三老) verehrt, eine Generation von Juristen, die das intellektuelle Fundament für Chinas modernes Rechtssystem legte. Als Chefredakteur einer juristischen Zeitschrift, Berater des Obersten Staatsanwaltes und in der Veröffentlichung von vielen Fachbüchern und Aufsätzen förderte er in China kritische Rechtsdiskurse. An seiner Persönlichkeit fasziniert mich besonders, dass er trotz der jahrelangen Diffamierung und politischer Isolation keine Verbitterung aufgebaut hat und tatkräftig an der Modernisierung des Landes bis ins hohe Alter gearbeitet hat. Er steht damit für so viele Menschen in China, die dieses Wesensmerkmal als kulturelle Eigenschaft so hervorragend symbolisiert. Diese Eigenart hat das Land so schnell in die Moderne gebracht. Ich hoffe, dass zukünftige Generationen die bewegte Geschichte und den unermüdlichen Einsatz für die Rechtsstaatlichkeit von Guo Daohui in Erinnerung behalten werden.