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Stadtbilder, Stadtgeschichten und Friedrich Merz

In "How Fascism Works (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)" arbeitet Jason Stanley zentrale Muster heraus, die faschistische Agitatoren bedienen. Sie beschwören eine mythische Vergangenheit herauf, zu der "die Gesellschaft", zumeist als eine Variante von "Volksgemeinschaft" oder auch Ethnie gedacht, in expliziten Fällen auch als "Rasse", zurückkehren müsse. Zersetzende Kräfte – Juden, Queers, "Ausländer", "Südländer", "junge arabische Männer" usw. – haben die "echten Mitglieder" dieser Gemeinschaft von ihren Ursprüngen entfremdet. Doch damit sei nun Schluss!

Beim großen Zerstörungswerk mitgewirkt hätten Intellektuelle, die sich parasitär im Volkskörper einnisteten. Vor 1933 bezichtigte man jüdische Linksintellektuelle wie Kurt Tucholsky (der sich taufen ließ, aber das fanden die Nazis halt besonders perfide, nur Tarnung, diese Form der Assimilation), an solcher Destruktion mitzuwirken. Das Klischee vom "jüdischen Kaffeehausliteraten" illustrierte die Sicht auf diese zu keiner "echten Handarbeit" mehr fähigen Unheilstifter. Heute wettert man in den USA gegen "Kulturmarxisten", in Deutschland gegen das "Shitbürgertum" und lässt zwar das "jüdisch" weg, meint aber letztlich eine ähnliche Wirkung von volksfremden “Gelaber”, das "Offenkundiges" doch nur tarnen würde in vielen Worten. Und das, während die Protagonisten sich in NGOs und an Universitäten durchs Leben schmarotzen.

Stanley selbst verlässt nun die USA. Als einer von "diesen Leuten". Es ist zu gefährlich geworden für Faschismusforscher dort.

Faschisten wähnen sich dabei allzu gerne als Opfer vor allem progressiver Strömungen, die ganze Stadtbilder von Idyllen in Orte der Überfremdung verwandelt haben, die Männer nicht mehr Männer sein lassen wollen, Weiße diskriminierten und Traditionen aggressiv mit Hilfe "linksgrüner Meinungsherrschaft" unterjochten.

Im Gegenzug hilft da - Stanley zufolge - nur "Law & Order". Also nicht etwa rechtsstaatliche Prinzipien, sondern deren Verdammung als wirkungslos, keine Rücksicht mehr auf die Gewaltenteilung! Die Rechte von Angeklagten und Abzuschiebenden im Besonderen und Grundrechte im Allgemeinen oder gar hinderliche Gesetze und Gerichte seien erstmal ordentlich abzuräumen.

Dieser Aktionismus sei - auch Stanley - durchsetzt von Sexualängsten. Vor “Verschwulung”, vor Auflösung der "biologisch bedingten" Geschlechtsidentitäten, aber auch vor abgespaltenen eigenen Begehrensimpulsen. Diese projizieren Faschisten auf Andere, zumeist auf als "schwarz" oder "arabisch" markierte Männer. Solche Bevölkerungsgruppen werden in Rassismen zumeist als “zivilisatorisch-evolutionär näher an der Natur" verortet, ein typisches Muster in diesem Traditionsbestand. Da schwingt auch viel Neid weißer Heteromänner mit, nicht mehr wie der Neandertaler ihr mal eben einen mit der Keule über den Kopf geben zu können. Stattdessen wittert man dieses Verhaltensmuster nun in Anderen, entkoppelt von Realitäten. Horkheimer und Adorno nannten das "pathische Projektion".

All das verdichtet sich in einer ausgeprägten Feindlichkeit gegenüber Metropolen.

Stanley überschreibt das entsprechende Kapitel in "How Fascism Works" mit "Sodom and Gomorrah", der berühmt-berüchtigten biblischen Erzählung. Metropolen und Großstädte sind Orte der ungehemmten Perversionen, des Kontrollverlustes - wie auch der tatsächlich kulturell und sozial ausdifferenzierten modernen Gesellschaft. Hier gibt es Subkulturen, finstere Ecken, es sehen nicht alle gleich aus und Soziolekte jenseits ländlicher Dialekte bilden sich heraus. Der SWR fasste das wie folgt zusammen:

"Im Kapitel ‚Sodom und Gomorrha' fasst Stanley die Dynamik zwischen Stadt und Land ins Auge. Denn der Rechtsruck kommt vom Land. (...) Von den Städtern wirtschaftlich und kulturell abgehängt, fantasiert sich der Faschist vom Land als der wahre, der ehrliche und fleißige Amerikaner und beschert den als faule Schmarotzer empfundenen Städtern eine faschistische Regierung. Stanley zitiert Trump in einer Rede an seine Anhänger aus der Provinz: ‚Schauen Sie nur die Innenstädte an, da gibt es keine Bildung, da gibt es keine Arbeit, da wird man auf der Straße erschossen.'"

Quelle:

https://www.swr.de/kultur/literatur/jason-stanley-wie-faschismus-funktioniert-100.html (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Lauter Faulenzer hausen dort in den Städten, die von Grundsicherung leben und als Totalverweigerer die Pflicht zur Arbeit zurückweisen.

Das letzte Kapitel des Buches überschreibt Stanley somit: "Arbeit macht frei". Er beschreibt, wie Faschisten Arbeit als Tugend für "echte" Bürger betonen, während sie Minderheiten als faul oder parasitär behaupten. So werden soziale Spaltungen vertieft. Mit dieser Analyse zielt Stanley auf die neoliberale Ideologie der "hard working people" ab, deren Ursprung er in einer faschistischen Denkweise sieht: die Schmarotzer und die, die "nur von unseren Steuern leben", werden so ausgeschlossen und abgewertet.

Damit schließt sich der Kreis. Wenn jetzt "Weltoffenheit" von der deutschen Regierung daran geknüpft wird, dass jene "willkommen seien", die "der Wirtschaft" nützen, dann hallt darin nach, was Stanley schreibt.

Hannah Arendt hatte gute Gründe, in "Vita Activa" eine Kritik der den Menschen nur funktionalisierenden Arbeitsgesellschaft zu formulieren, der sie dann von Zwängen befreite öffentliche Räume als Sphäre des Politischen gegenüberstellte. Erst hier sei gemeinsames Handeln in ihrem Sinne möglich – ein ergebnisoffenes, nicht zweckrationales Verbundensein von Menschen, die sich zusammen um ihre Zukunft kümmern können und auch fähig sind, Spontanität zu leben, neu anfangen zu können.

Das gibt es auch in Dorfgemeinschaftshäusern, Schützenvereinen und Trachtengruppen. Voll entfalten kann es sich nur in der Pluralität von Metropolen. Für Menschen, die nicht in die Korsette sächsischer oder bayerischer Provinzen passen, sind sie die einzigen Entfaltungsräume. Ich fühle Beklemmungen in ländlichen Räumen, wo nur Weiße auf den Straßen zu sehen sind. Sofort.

Metropolen sind auch für Queers ein Überlebensraum. Sie bieten zumindest prinzipiell Möglichkeiten des Handelns im Arendtschen Sinne: in Künstler- und Theatergruppen, bei Prideparaden und deren Vorbereitung, in Bars und Clubs.

Wie verheerend vereinzelnd - in meinen Augen - angesichts dessen diese ganzen Fick-Apps wirken, Grindr & Co, wurde mir bei der Lektüre von "Hundesohn" von Ozan Zakariya Keskinkilic (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) klar. Die Beschreibung von Dates, über die Apps arrangiert, die Profile anderer Männer dort, ihre Art, sich zu präsentieren, die Chats bilden einen wichtigen Teil der Erzählweise. Dadurch verschwinden aber andere soziale Räume; tatsächlich, auch das Berliner SchwuZ kämpft ums Überleben.

Keskinkilic schreibt auch über sein Misstrauen gegenüber weißbürgerlichen Gays wie mir, und das zu Recht – es gibt viel Rassismus und Muslimfeindlichkeit in “der Szene” und auch Exotisierungen und auf Körper projizierte Klischees, die verletzen, die Zwischenmenschlichkeit gar nicht erst zulassen.

Trotzdem fand ich auffällig, dass diese Szene- und Community-Erfahrungen, die in meinem Debüt-Roman "Das Erbe (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)" eher in Kneipen und Clubs, in "Schmidt's Tivoli" und im Kino situiert sind, in "Hundesohn" nicht auftauchen. Es sind eher postmigrantische Orte in Berlin und viel Zerrissenheit aufgrund der eigenen Familiengeschichte, in der die Hautfigur aufwuchs und doch nicht aufgehen kann, wie sie selbst beschreibt, alleine schon, weil sein Türkisch im Alter von ungefähr 12 Jahren stagnierte. Und doch öffnet sich Zeko sich ganz dem Kosmopolitischen, kann Französisch, Hebräisch, sogar Elbisch und löst so auch die Fixierung auf "Herkünfte" auf. Was wieder die typische Metropolenerfahrung zeigt.

Edouard Louis (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) – beide Autoren sind ungefähr in dem Zeitraum geboren, in dem mein Roman spielt und ich auch meine "wildeste Zeit" erlebte – schildert seine Ablösung und Wiederaneignung seines Herkunftsmilieus als Einübung bildungsbürgerlicher, akademischer Erfahrungen und schildert sogar die körperliche Mutation als Vehikel der Partizipation an Formen der bürgerlichen Hochkultur wie Theater. Er rekonstruiert dieses als eine Art Verrat n der Arbeiterklasse, der er entstammt, und macht das nun in seinen weiteren Büchern wieder gut. Keskinkilic und Louis lösen sich von sehr unterschiedlichen Herkünften und besinnen sich auf diese zugleich im Zuge des Eintauchens in die Metropolenerfahrung. Bei beiden fehlt, für mich seltsam, der queere Community-Gedanke. Louis fand ein Äquivalent in seiner Freundschaft zu Didier Eribon und Geoffroy de Lagasnerie. Ansonsten schildert er viel Abhängugkeitserfahrungen von den begüterten Schwulen bis hin zu Formen der Prostituion.

Für mich war diese reine Negativsicht irritierend bei der Lektüre. Weil für mich Metropolenerfahrung gerade in solchen Community-Bezügen besteht. Dass es die Möglichkeit gibt, sich handelnd im Sinne Arendts – für die Denken und Schreiben auch Handlungsformen sind – Öffentlichkeiten selbst zu schaffen, gerade in den Metropolen.

Ich will hier jetzt nicht selbst kulturkonservativ jüngeren Gays einen von "früher war alles besser" erzählen. War es ja nicht. Es gab gerade mal das "New Queer Cinema", wenige Bücher, Michel Foucault und Morddrohungen nach dem ersten schwulen Kuss in der Lindenstraße. Es gab eine "Wieder"vereinigung mit völkischem Einschlag, den "Asylkompromiss", Mölln, Solingen und Lichtenhagen und Menschen starben massenhaft an AIDS.

Dass Armistead Maupins "Stadtgeschichten" damals so rein hauten bei vielen Leser*innen, das lag auch daran, dass dort eine schwule und eine trans Figur inmitten einer Community agierten. "Queer as Folk" als Serie setzte auch so an, als Community-Erfahrung zwischen den eher hedonistisch an Nachtleben und Promiskuität Orientierten, den bürgerliche Beziehungen Suchenden und den Politisierten. Keskinkilics Hauptfigur guckt interessanterweise in "Hundesohn" "Friends". Aber sonst ist da wenig queere Popkultur, dafür sehr spannende Bezüge zu türkischen Varianten und viel Kafka. In den Büchern von Louis, die ich gelesen habe, fiel mir gar keine auf.

All dieses Räsonnieren hier dient ja einem Zweck. Und zwar jenem, was es denn ist, was man Faschismen und auch Merz' Stadtbild-Äußerungen entgegensetzen kann. "Hundesohn" und auch die Bücher von Louis bieten da ja schon mal sehr viel an. Die Sicht von Louis taucht als "Wiederkehr" der Klassenfrage auch in diversen Publikationen auf. Eine Bezugnahme auf "Hundesohn" fiel mir angesichts von Merz' Attacken auf das Urbane allerdings noch nicht auf, dabei böte es sich an.

Aber geht all das ohne Popkultur und Communitybuilding? Metropolen sind die Orte, wo sich dergleichen außerordentlich wuchtig formieren kann und das ja auch tut – im Hip Hop zum Beispiel oder auch im Londoner Jazz.

Der Witz ist ja: Das, was die Faschisten hassen, ist genau das Potenzial, das Zukünfte entstehen lassen kann. Es ist das, was die Moderne im Kern ausmacht – Traditionen hinterfragen, Moral von konkret sittlichen Geboten abzulösen und in allgemeine Menschenrechte zu transformieren, Pluralität und Spontanität zu ermöglichen und Menschen einen freien Umgang mit ihren "Wurzeln" zu ermöglichen, ohne dass sie auf diese fixiert werden. Und Formen des Ästhetischen zu generieren, die komplett quer stehen zu Historien- und Heiligengemäldnen, Bauernschuhen und röhrenden Hirschen oder aber diese Formen umdeuten.

Die Faschisten und Rechtskonservativen haben ja zu Recht Angst vor den Metropolen. In ihnen kann sich all das entfalten, was wirklich Freiheit verspricht. Und nichts hassen sie mehr.

Mein eigener Roman "Das Erbe" stellt ein wenig den Versuch dar, das alles aus der Erfahrung eines im Vergleich Älteren als Angebot zu formulieren. Vielleicht fällt das ja bei der Lektüre auf.

 

Sujet Gesellschaft

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