
"Pop-Literatur" - solche zu verfassen mühten sich viele in den 90er Jahren. Manche ordneten Christian Kracht dem Genre zu, andere auch Rainald Goetz ("Subito", "Rave"); als eine Art "Vorzeigeautor" feierten Rezensenten Benjamin von Stuckrad-Barre für sein Romandebut "Soloalbum". Ich bin nie allzu weit vorgedrungen in diesem Werk und hatte, vielleicht zu Unrecht, eher den Eindruck, dass da jemand eine banale Hetero-Liebesgeschichte dadurch zu "Pop" erklärte, dass er Oasis-Titel über die Kapitel schrub.
Oasis hätte ich damals in meinen eher an Warhol, den Pet Shop Boys oder Massive Attack orientierten Vorstellungen von Pop gar nicht als solchen gehört. Die Band sammelte zwar Sounds und Harmonien bei den Beatles zusammen und zeigten großes Pathos - ich empfand es als jedoch als rockistisch, was die machten. Eine gänzlich unakademische Zusammenfassung dessen, was "rockistisch" heißt, findet sich hier:
Etwas ausführlicher kann man das, was ich dazu denke, in meiner Dissertation "Docutimelines" in dem Kapitel "Afrofuturismus versus Rockismus (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)" nachlesen.
Benjamin von Stuckrad-Barre arbeitete in den späten 90er Jahren u.a. in der Firma von Friedrich Küppersbusch, der "Pro Bono" in Köln. Ich hatte das Glück, selbst angestellt bei Me, Myself Eye, in deren Räumlichkeiten für ein Jahr eingemietet zu werden - er war zu dem Zeitpunkt nicht mehr dort. Zu der Zeit arbeitete ich zunächst in dem Segment auf dem Pro Bono-Server, in dem zuvor Benjamin von Stuckrad-Barre seine Dokumente generierte. Die waren natürlich gelöscht. Ich hatte Drehbücher zu schreiben mit lauter erfundenen O-Tönen von Interviewpartnern, die wir noch gar nicht befragt hatten - zur Vorlage bei der Filmstiftung NRW zwecks Förderantrag. Deshalb geriet ich auch ins Kölner Exil: NRW-Effekt. Ich musste mich dort mit Erstwohnsitz melden.
Es ging um die zwölfteilige Dokumentationsreihe "Pop 2000 - 50 Jahre Popmusik und Jugendkultur in Deutschland". Ihre Besonderheit: Nicht zuletzt durch eine zuvor von mir gefertigte Doku über Elvis Presley, dessen Musik ich mit Hilfe des damals noch sehr originellen Alan Posener als wichtigstem Interviewpartner auch zeitgeschichtlich einbettete, erzählten wir Popmusik im historischen Kontext und das auch noch Ost und West parallelgeschaltet. Was für Jugendliche relevant war, bauten wir ein. Eine irrwitzige Archivrecherche in allen ARD-Archiven wie auch dem DRA zog sich mehr als ein Jahr hin - der Archivar des (damals noch) SFB ging gar nicht mehr ans Telefon, wenn er unsere Nummer erkannte.
Die "Pop 2000"-Folgen hat jemand dankenswerterweise gerade wieder bei Youtube hochgeladen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Ich war für den Auftaktfilm über die 50er Jahre wie auch die 3 Folgen zu den 80er Jahren als Autor zuständig und arbeitete maßgeblich an der Gesamtkonzeption mit. Wir erhielten gleich 2 Grimme-Preise - einer ging an den WDR-Redakteur, Rolf Bringmann, zusammen mit Jörg A. Hoppe, meinem Chef, der eine tatsächlich enorme Produzentenleistung vollbrachte. Der wurde andere uns Autoren verlieren - Frank Jastfelder, Stefan Kloos, Tom Theunissen und mich - wie auch die Executive Producerin Simone Adelsbach.
Das Pop-Thema spielen die 80er Jahre-Folgen von vorne bis hinten durch. Es war das Jahrzehnt, in dem so etwas wie ein "Pop-Bewusstsein" in Deutschland erwachte, das Künstler wie David Bowie, Bands wie ABC und Style Council oder auch die bereits erwähnten Pet Shop Boys vor allem in Großbritannien initiierten. Sie fanden Möglichkeiten, Pop auch mit progressiven Inhalten zu füllen.
Die 80er Jahre-Filme schildern so den Prozess des Umschlagens der großen sozialen Bewegungen der 70er Jahre mit dem Ausläufer "Friedensbewegung" Anfang der 80er Jahre hin zur frühen (Der Plan, Ideal), später zur eher verschlagerten (Nena, Hubert Kah) Neuen Deutschen Welle. Diese mündete in eine reine Ästhetisierung von Jugendkultur, die düstere Seiten der gesellschaftlichen Entwicklung eher überschrub oder aber, wie im Falle von Gothic, zum Ausdruck brachte. Im Osten formierte sich mit dem Punk als dortigem Underground eine Art Gegenbewegung dazu. Ästhetik füllten Musiker*innen im Schatten der Mauer wieder mit gesellschaftlich relevanten Inhalten.
All das hatte wenig mit dem zu tun, was "Pop" so alles hier in den 90er Jahren als Paradigma hervorbrachte. Es gab eine zwar eine rege Pop-Philosophie in diesen Jahren, oft plakativ, die viel mit Jacques Derrida, Gilles Deleuze und Michel Foucault spielte, oft jedoch, ohne deren Werk wirklich zu durchdringen. Und es gab viel plattes Geplapper, das alles zu Pop erklärte, um nicht weiter nachdenken zu müssen.
Im Zuge der Gestaltung von "Pop 2000" waren für uns andere Ansätze wichtig - auch solche, die ich mir selbst erarbeitet hatte und die sich z.B. am "Existentialisten-Szenario" der 40er und 50er Jahre orientierten.
Diese von Albert Camus und Jean-Paul Sartre angestoßene "Szene" gab sich betont anti-bürgerlich, spielte mit der radikalen Freiheit zelebrierenden Haltung der philosophischen Werke, Romane und Dramen der beiden Autoren. Man tanzte Jitterburg zu "Jazz" im "Tabou"; einem Kellerlokal im Quartier Latin. Man ließ sich Bärte wachsen, trug bohemienartige Klamotten (nicht nur schwarze Rollkragenpullover) - Juliette Gréco avancierte zur Muse der Existentialisten.
Solche "Szenen" thematisierte später auch die CCCS in Birmingham (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) rund um Stuart Hall (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Diese Pop-Forscher analyisierten gerade nicht ausschließlich bunte Oberflächen und Techniken der "Bricolage", des Zusammenbastelns von Zeichen. Ihnen gelang es vielmehr, scharfe Kritiken der neoliberalen Thatcher-Ära am Leitfaden von Popkulturen zu formulieren und zugleich auch aufzuzeigen, wie sich durch Umdeutungen und Aneignungen des Mainstreams widerständige und dissidente Praxen herausbilden konnten
Anders formuliert: Sie kappten nicht die sozialen Bezüge, in denen sich Popkultur formiert, sondern fanden hegemoniale Muster rund um Nation, "race" und Klasse, die in ihr verhandelt und auch problematisiert werden.
Deutlich wird dies z.B. im Frühwerk von Hanif Kureishi: Sowohl im Drehbuch zu "Mein wunderbarer Waschsalon" als auch in "Der Buddha aus der Vorstadt" diskutiert er durch und durch poppig solche Fragestellungen. In "Mein wunderbarer Waschsalon" stellte er die Machtverhältnisse zwischen "White Trash" und einem "Paki" dadurch auf den Kopf, dass die ökonomische Macht der Abkömmling von Einwanderern innehat - im Rahmen einer schwulen Liebesgeschichte. Beide werden attackiert von "National Front"-Neonazis. Der Film ist ein scharfer, kritischer Kommentar zur Thatcher Ära. "Der Buddha aus der Vorstadt" schildert aus Sicht eines als "Paki" Gelabelten den Aufbruch des Punk und dann New Wave in den späten 70er Jahren und zeichnet dabei auch ein Portrait des frühen Billy Idol
In solchen Lektüren fand ich wieder, was ich unter "Pop-Literatur" verstand: weniger ein Pop-Werden von Literatur als eine Auseinandersetzung mit der Möglichkeit, sich von Pop inspirieren zu lassen. Wichtig dabei Praxen der intermedialen Verweise. "Popkultur" ist ein Fundus medialer Erzeugnisse, in denen sich Menschen in Lebenswelten bewegen und die sie ggf. als Katalysator und Ausdrucksmittel im eigenen Werden adaptieren. In meinem Debutroman "Das Erbe" finden sich viele solcher Verweise.
Eine weitere Möglichkeit: Wie im Falle der Existentialisten Philosophie Popkultur werden zu lassen. Gerade Sartre war bis in die Schreibweise hinein stark vom Kino beeinflusst. Sein Roman "Der Aufbruch" folgte filmischen Schnitttechniken, "Der Ekel" nutzte Krimi- und Film Noir-Dramaturgie und übertrug sie auf die Philosophie. Er schrieb auch Drehbücher, seine Dramen waren durchaus populär gestaltet. Seine Literatur der Wahl, also der Freiheit und des Engagements, unterlief zudem bürgerliche Vorstellungen des Schreibens als ästhetsierende Kultivierung des realen Lebens. All das floss in “Das Erbe” ein, dass in seinen Vorstellungen von Subjektivität eher Sartre als den Postmodernen folgt.
Stuart Hall seinerseits verarbeitete in seinen Schriften zu populären Kulturen auch die Machttheorie von Michel Foucault - für mich zentraler Impuls meines Denkens und auch meiner medialen Arbeit. In dieser fehlten mir - wie Jürgen Habermas - jedoch immer die Kriterien, anhand derer Macht auch kritisierbar bleibt. Ich fand sie meinerseits immer in der Kantischen Tradition, dem Grundsatz formaler Gleichheit wie auch dem Imperativ "Instrumentalisiere niemanden". Also dem Gebot, jedem und jeder als Zweck an sich selbst zu begegnen in Achtung der Autonomie des Anderen.
All das bildet nun den Background meines Roman-Debüts "Das Erbe". In diesem Trailer habe ich es knapp zusammenzufassen versucht:
https://www.youtube.com/watch?v=40ge-sLxTq4 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)