AfD, Rassemblement National und die Mechanismen der rechten Landnahme
Die ländliche Fläche tendiert zum Faschismus. Die Zentren, die Metropolregionen setzen auf Freiheit, progressivere Politiken und Pluralität statt ethnonationalistischer Gleichschaltung und kultureller Normalisierung.
So ungefähr kann man - mit unterschiedlichen Akzentsetzungen - die Wahlergebnisse in Frankreich und Deutschland zusammenfassen. Doch warum sind es die ländlichen Gebiete Ostdeutschlands, die Peripherie Frankreichs, die Kleinstädte der deindustrialisierten Regionen, in denen AfD und Rassemblement National ihre stärksten Ergebnisse erzielen?
Im Folgenden sei dies vertieft.
Ich habe dabei Claude AI als Suchmaschine eingesetzt. Als erstes spuckte Claude eine seltsame These aus - zu meiner Verwunderung. Es erschien mir etwas merkwürdig, wie Claude den Erfolg gerade bei jungen Wähler*innen damit erklären wollte, dass diese Bevölkerungsgruppe jene sei, die auf das Auto angewiesen sei. Der wahre Kern dieser Netzrecherche durch KI dürfte darin liegen, dass die AfD da besonders stark ist, wo Infrastruktur fehlt und noch weiter erodiert - im Osten besonders ausgeprägt. Weil nach der Wiedervereinigung zwar industrielle Zentren wie in Sachsen gefördert wurden, aber die Fläche weiter brach lag, die Jugend und insbesondere junge Frauen die Dörfer häufig verlassen und Läden, Banken, Postämter usw. schließen - sich die Bevölkerung also “abgehängt” fühlt. Ich habe das nicht noch mal recherchiert, man betrachte es also als Hypothese, aus der Erinnerung vieler Lektüren heraus formuliert.
Die weiteren Punkte ergaben sich nach gezieltem Nachfragen im Zuge der Recherche mit Hilfe von Claude.
Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass sich in der bundesdeutschen Politik aktuell ein immenser Dominanz- und Unterwerfungswille gegenüber urbanen Lebensformen zeigt.
Angesichts eines Kanzlers aus dem Sauerland prägt dieser auch die Bundespolitik, und ebenso die Ressentiments des Kulturstaatsdiktators, ich bitte um Entschuldigung, Kulturstaatsministers gegen Look & Feel von Buchläden in “Szenevierteln” von Groß- und Studentenstädten. Sie scheinen mirnvon einem ausgeprägten Widerwillen angesichts all dessen zu zeugen, was sich dem Groß- und Kleinbürgertum in satten schwäbischen Dörfern, Villen am Tegernsee oder sterbenden Orten in Mecklenburg-Vorpommern entzieht.
Das ist für Menschen wie mich, ein Schwuler, der vermutlich als Intellektueller wahrgenommen wird, nicht den Familianismus lebt und von dem Grundgesetz noch sehr viel hält, eine existentielle Bedrohung. Sie zeigt sich auch in der Fernseharbeit: Gerade in der ARD gilt als gesetzt, dass das, was in den Metropolen geschieht, nur abgehobener Quatsch weltfremder Spinner sei, “Szene” halt, und das “wahre Deutschland” sich “in der Fläche” abspielt, überspitzt formuliert. Weil sie dort ihre Zuschauer und Hörer vermutet. Also: es lebe der XXL-Friese!
In Frankreich als zentralistischem System kann die Agitation gegen die Freiheit in den Städten auf eine noch eine stärkere Tradition zurückblicken als in Deutschland. In Paris konzentriert sich Macht stärker als in einem föderalen System. Die Pariser gelten als tendenziell arrogant und elitär - die Vorurteile im Bezug auf Berlin sind teilweise anders codiert, eher sub- und multikulturell.
Die Datenlage ist für beide Länder außergewöhnlich gut, und die Parallelen sind verblüffend, die Unterschiede lehrreich.
I. Die empirische Landkarte: Deutschland und Frankreich
1.1 Deutschland: Bundestagswahl 2025 und die neue Tektonik
Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 holte die AfD bundesweit 20,8 Prozent der Zweitstimmen und wurde zweitstärkste Kraft. In allen fünf ostdeutschen Flächenländern war sie stärkste Partei. [1] In Thüringen erzielte die Partei 38,6 Prozent der Zweitstimmen, in Sachsen 37,3 Prozent. [2] In Sachsen-Anhalt erreichte die AfD mit 37,1 Prozent fast das Doppelte der zweitplatzierten CDU (19,2 Prozent). [3]
Das schwächste Ergebnis erzielte die AfD hingegen in Hamburg mit 10,9 Prozent [4] – ein Unterschied von fast 28 Prozentpunkten zu Thüringen.
Auf Wahlkreisebene wird das Muster noch schärfer: Die AfD stand in 49 Wahlkreisen auf dem ersten Platz, darunter 46 der 48 Wahlkreise in den ostdeutschen Flächenländern sowie je ein Wahlkreis in Berlin, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. [5] In der Studenten- und Großstadt Leipzig holte Die Linke im Bezirk Leipzig II im Gegensatz dazu bei den Zweitstimmen 23,9 Prozent. [6] Universitätsstädte bleiben Inseln im blauen Meer - auch im Westen, z.B, Münster.
Bemerkenswert ist die Dynamik im Westen: In Niedersachsen und Schleswig-Holstein hat die AfD im Vergleich zu 2021 ihre Ergebnisse mehr als verdoppelt. Die Amadeu-Antonio-Stiftung formuliert es pointiert: „Der Westen hinkt dem Osten bei der Zustimmung zur rechtsextremen AfD nur knapp 4 Jahre hinterher.“ [7]
1.2 Die Landtagswahlen: Das Laboratorium Sachsen-Anhalt
Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 wird zum Stresstest für die deutsche Demokratie. In den aktuellen Umfragen kommt die AfD auf 39, die CDU auf 26 Prozent. [8] Die AfD strebt eine Alleinregierung an und hat mit Ulrich Siegmund einen Spitzenkandidaten, der öffentlich erklärt, er wolle einen AfD-Ministerpräsidenten stellen.
Die Arithmetik ist brisant: Rutschen BSW und SPD (je 6 Prozent) unter die Fünfprozenthürde, könnte die AfD mit 40 Prozent der Stimmen 43 von 83 Sitzen im Landtag gewinnen – und damit die absolute Mehrheit erreichen. [9]
In Sachsen-Anhalt befinden sich lediglich zwei Großstädte, im Rahmen dieses Textes sind das solche mit mehr 100.000 Einwohnern - Magdeburg und Halle, beide über 200.000. Analog glänzt als größte Stadt in Thüringen Erfurt mit ca. 214.000, gefolgt von Jena mit ca. 110.000 und Gera mit 95.000 Einwohnern. Städte mit über 500.000 Einwohnern gibt es in Ostdeutschland nur in Sachsen, Leipzig und Dresden, lässt man Berlin außer Acht.
1.3 Rheinland-Pfalz, März 2026: Der Westen holt auf
In Rheinland-Pfalz befinden sich 5 Städte mit über 100.000 Einwohnern - Mainz, Ludwigshafen, Koblenz, Trier und Kaiserslautern. Ob hier von “Metropolen” gesprochen werden kann, das sei dahingestellt. Mainz hat weniger Einwohner als Reinickendorf und halb so viele wie Pankow. Es ist eingebunden in ein urbanes Zentrum mit Frankfurt und Wiesbaden, kann jedoch mit Köln, Hamburg oder München nicht verglichen werden - noch nicht einmal mit Hannover oder Bremen mit jeweils mehr 500.000 Einwohnern.
So zeigt die Landtagswahl in Rheinland-Pfalz vom 22. März 2026 ein typisches Beispiel für das, was dieser Text belegen will: Die AfD erzielte fast 12 Prozentpunkte mehr als bei der Vorwahl und holte mit rund 20 Prozent ihr bestes Ergebnis in einem westdeutschen Bundesland. [11] In Kaiserslautern holte die AfD ihr erstes Direktmandat in Rheinland-Pfalz. [12]
Die Hochburgen im Westen folgen einem Muster: es handelt sich um Städte mit Deindustrialisierungsgeschichte, verlorener Mittelschicht wie auch zurückgebliebenen Dienstleistungsstrukturen. Das dürfte auf Gelsenkirchen und Mannheim-Ludwigshafen ähnlich zutreffen und zeigt eine Strukturanalogie zu manchen Regionen in Ostdeutschland wie z.B. Bitterfeld auf oder auch zu Landtstrichen im Norden Frankreich, die ein anderes Analysefeld bilden als in diesem Text.
1.4 Frankreich: Der Gradient der Entfernung
In Frankreich ist das Muster räumlich noch präziser kartierbar. Das Niveau des RN-Votums ist indexiert auf einen sogenannten „Gradienten der Urbanität“ – die Entfernung zur nächstgelegenen Agglomeration mit mehr als 100.000 Einwohnern.
Der RN-Stimmenanteil beträgt 24,6 Prozent in Zonen unter zehn Kilometern von einer Großagglomeration, steigt auf 33,8 Prozent in einem Radius von zehn bis zwanzig Kilometern, auf 37,7 Prozent zwischen zwanzig und dreißig Kilometern und überschreitet die 40-Prozent-Marke zwischen dreißig und fünfzig Kilometern. [13]
Bei den Europawahlen 2024 erzielte der RN mit 31,47 Prozent ein historisches Ergebnis und kam in 32.613 von 35.015 Kommunen – also 93 Prozent der französischen Gemeinden – auf Platz eins. [14] In manchen ländlichen Departements waren die Werte extrem: Im Aisne-Departement stimmten 50,64 Prozent für den RN, in der Haute-Marne 47,13 Prozent. [15]
Das Wachstum seit 2019 ist selektiv: In Gemeinden unter 5.000 Einwohnern stieg der RN-Anteil um 10,7 Punkte auf 38 Prozent, in Großstädten über 100.000 Einwohnern hingegen nur um 2,9 Punkte auf 17 Prozent. [16] Das Gefälle zwischen ländlichen Räumen und Metropolzentren war damit größer als je zuvor.
Paradoxerweise: Obwohl der RN flächendeckend dominiert, ist er in lokalen Institutionen kaum verankert. Bei den letzten Regional- und Departementalwahlen 2021 holte er zwar respektable Erstrundenresultate, gewann aber keine einzige Präsidentschaft. [17]
II. Die Kontakthypothese: Wer keine Fremden kennt, fürchtet sie am meisten
2.1 Das Paradox der abwesenden Bedrohung
Die rein geographische Betrachtung verleitet zu einer vereinfachten Kausalität: Land wählt rechts, Stadt wählt links. Die Forschung ist skeptischer. Für Deutschland wie für Frankreich gilt das gleiche Kernparadox: Das xenophobe Wahlverhalten explodiert präzise in den Territorien, wo es sehr wenige Ausländer gibt. [18]
Dieser Befund hat in der Sozialwissenschaft einen Namen: die Kontakthypothese, zurückgehend auf den Sozialpsychologen Gordon Allport. Ihre Kernaussage: Vorurteile gegenüber Fremdgruppen schwinden, wenn man tatsächlich mit Angehörigen dieser Gruppen in Kontakt kommt – und wachsen umgekehrt in deren Abwesenheit.
Eine Studie der Universitäten Bielefeld und Münster bestätigte diesen Zusammenhang bis auf kommunale Ebene: Die AfD ist vor allem dort erfolgreich, wo es viel Arbeitslosigkeit und einen niedrigen Ausländeranteil gibt – und beide Variablen haben dabei keinen eindeutigen Zusammenhang untereinander. [19]
2.2 Der Ost-West-Unterschied als Kontakthypothesen-Laboratorium
Eine Studie aus Sachsen (2026) belegt den Mechanismus auf Gemeindeebene: Personen in Gemeinden mit höherer Zuwanderung äußern weniger Sorgen vor Islamismus – und wählen mit geringerer Wahrscheinlichkeit die AfD. [20]
Besonders aufschlussreich ist der Ost-West-Vergleich: In Ostdeutschland, wo der Ausländeranteil im Durchschnitt weniger als halb so hoch ist wie im Westen, gilt die Kontakthypothese stärker – einwanderungsfeindliche Einstellungen nehmen mit steigendem Ausländeranteil allmählich ab.
In Westdeutschland hingegen zeigt sich jedoch in manchen Regionen die Gruppenkonflikthypothese als zutreffend, die besagt, dass ein wahrgenommener Anstieg der Zuwanderung zur Unterstützung rechtspopulistischer Parteien führt. [21] Vermutlich, Hypothese, ist dieses die Folge von starker Konkurrenz im Niedriglohnsektor in Kombination mit Statusverlusten in den letzten 3 Jahrzehnten - zum Beispiel in Teilen des Ruhrgebiets. Ähnliches zeigte sich in Hamburg in den 80er Jahren, als insbesondere in den Stadtvierteln, in denen die Containerisierung und Automatisierung im Hafen für Abstürze in Biografien sorgte. Ich müsste das noch genauer recherchieren, das ist aus der Erinnerung geschrieben; es zeigt sich jedoch als strukturanalog zu dem, was z.B. Edouard Louis und Didier Eribon im Bezug auf Nordfrankreich beschreiben: Es gibt keine Partei, die für diese Bevölkerungsgruppen Politik macht.
Zusammengefasst: Im Osten fehlt teilweise schlicht die Erfahrung mit dem Anderen, und da, wo sie gemacht wird, wie z.B. in Leipzig, kann die AfD auch nicht ganz so stark punkten. Dresden bildet hier allerdings eine Ausnahme. In Dresden I und II lag die AfD bei der Bundestagswahl mit fast 30% vorne. Im Westen kann auch direkte Konkurrenz um Ressourcen und Anerkennung eine Rolle spielen, sofern die Interaktion von Verteilungskämpfen geprägt ist.
2.3 Migration als Wahlkampfthema: Der Salienz-Effekt
Bei den Europawahlen 2024 war die Immigration für 23 Prozent der Franzosen das wichtigste Thema, noch vor dem Kaufkraft-Thema (18 Prozent) – und insgesamt machten 43 Prozent es zu einem der drei Hauptmotive ihrer Wahlentscheidung. [22]
Die CNRS-Forscherin Swanie Potot beschreibt einen Mechanismus, der weit über simple Fremdenfeindlichkeit hinausgeht: Der Fremde verkörpert die Globalisierung – verbunden mit Produktionsverlagerungen, Lohndruck und internationaler Arbeitskonkurrenz. Die politische Sphäre greift das Migrationsthema auf, weil es den Eindruck von Handlungsfähigkeit vermitteln will – im Gegensatz zur Finanzwelt, gegen die niemand wirklich etwas ausrichten kann. [23]
Der Sciences-Po-Forscher Pascal Perrineau bringt es auf den Punkt: Keine einzige Studie zeigt eine Explosion eines systemischen Rassismus, der die Franzosen plötzlich erfasst hätte. Im Gegenteil zeigen soziologische Erhebungen eine wachsende Toleranz. Wenn die Migrationsfrage eine so zentrale Rolle im RN-Votum spielt, dann deshalb, weil sie in den Zusammenhang des Widerstands gegen eine unkontrollierte Globalisierung eingebettet ist. [24]
Die politische Implikation ist klar: Wer Migration immer wieder als das zentrale politische Problem rahmt, arbeitet – bewusst oder unbewusst – an der Stärkung genau jener Kräfte, die er zu bekämpfen vorgibt.
2.4 Die Côte d’Azur: Was die Ausnahme erklärt
Nizza, das Var-Departement, die Alpes-Maritimes: Die Côte d’Azur ist die scheinbare Ausnahme vom Kontakthypothesen-Muster – hohe Ausländeranteile, trotzdem massive Rechtsanteile. Hier wirkt ein anderer Effekt: jahrzehntelange rechte politische Kultur (der Front National war hier seit Jean-Marie Le Pen strukturell verankert), lokale Elitennetzwerke, tatsächliche Konkurrenz im Niedriglohnbereich und eine spezifische mediterrane Identitätspolitik.
Die Ausnahme bestätigt die Regel: Es ist nicht die bloße Präsenz von Migranten, die rechts macht. Es sind die sozialen Bedingungen, unter denen Kontakt stattfindet – oder eben nicht stattfindet.
III. Die Stadt als Moloch: Ein faschistisches Narrativ mit moderner Wirkung
3.1 Die ideengeschichtliche Genealogie des Antiurbanismus
Hinter den Statistiken liegt ein Narrativ, das so alt ist wie die Großstadt selbst. Der Antiurbanismus – die Stadt als Ort der Sünde, der Vermischung, des Verfalls – hat eine lange Tradition im europäischen Denken: ein Ort des Sittenverfalls, dem gegenüber das Land Reinheit und Authentizität verkörpert. [25]
Das wirkte bis zu den Roten Khmer, großer Sprung bis nach Südostasien, ja - diese evakuierten in Kambodscha die Städte und zwangen die Bevölkerung zur Arbeit auf dem Acker. Sie ermordeten dabei bis zu 25% der Bevölkerung. Das mag man nun unter “ist doch eine ganz andere Kultur” verbuchen; Strukturelles wie die Stadt-Land-Differenz wirkt jedoch überall. Die roten Khmer agitierten dabei auch dezidiert ethnonationalistisch und vernichteten anderen Ethnien Zugeordnete. Sie traten als Kommunistische Partei auf und werden gerne als Exzess der Linken eingeordnet. Das Totalitäre kombiniert mit rassistischem und anti-urbanem Vernichtungswillen ist jedoch eine strukturell rechte Praxis - wie auch die ausgeprägte Intellektuellenfeindlichkeit der in Paris ausgebildeten Intellektuellen wie z.B. Pol Pot.
Im deutschen Nationalsozialismus war analog die Verachtung der Großstadtkultur ein zentrales Mobilisierungselement: Weimars Berliner Nachtleben, das Kosmopolitische, das Queere galten als Verfallserscheinungen, “entartet”. Die Nationalsozialisten träumten von der Rückkehr zu Blut und Boden, zur bäuerlichen Gemeinschaft gegen den Moloch Großstadt. In Frankreich versuchte das Pétain-Regime eine weitgehend fantasierte Identität wiederherzustellen, geprägt vor allem durch den Katholizismus und die Ländlichkeit – eine direkte Absage an Paris und die Republik. [26]
Diese Kontinuität ist wichtig: Was heute als neue Polarisierung erscheint, hat Wurzeln in den ältesten autoritären Fantasien der Moderne.
3.2 Merz und das codierte Signal: Gillamoos vs. Kreuzberg
Im September 2023 lieferte Friedrich Merz einen Satz, der weit über eine Volksfestrede hinausging: „Nicht Kreuzberg ist Deutschland, Gillamoos ist Deutschland“, sagte der CDU-Vorsitzende auf dem niederbayerischen Jahrmarkt in Abensberg. [27]
Der offizielle Pressesprecher erklärte es technisch: Die Aussage beziehe sich darauf, dass etwa sieben von zehn Bürgern in Deutschland in Dörfern und Städten unter 100.000 Einwohnern lebten. [28] Das ist statistisch korrekt – und politisch irreführend. Kreuzberg wurde nicht zufällig gewählt. Es steht als Symbol für Diversität, für einen Stadtteil mit vielen Zuwanderern, und ist eine Hochburg der Grünen mit einem sehr geringen CDU-Wähleranteil. [29] Auch Teile der queeren Szene sind hier angesiedelt.
Die Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann (Grüne) traf den Kern der Aussage: „Er sagt Kreuzberg und meint in Wirklichkeit alle Orte mit Vielfalt. Damit spaltet er aus Kalkül die Gesellschaft.“ [30]
CDU-Politiker Helge Braun übersetzte das Gemeinte ungewollt ehrlich, als er als Beispiele für die „falsche Stadtpolitik“ die Cannabis-Legalisierung und die “freie Wahl des Geschlechts” nannte. [31] Letzteres ist der übliche Quatsch, Geschlechtsangleichungen sind keine “freie Wahl” des Geschlechts, sondern das Gegenteil dessen. Kreuzberg steht nicht für einen Stadtteil mit Drogenproblemen – es steht für das Queere, das Gemischte, das Postnationale. Es ist die kodierte Referenz auf Sodom.
Und zudem für alles, was auf dem Lande mit den Folgen der Neuen Sozialen Bewegungen in den 60er und 70er Jahren assoziiert wird - die “Gammler”, die Kiffer, die Schwulen, die Ökos, die Feministinnen und die “Gastarbeiter”; auch eine soziale Bewegung im buchstäblichen Sinne. In Ostdeutschland, wo es eher unfreiwillig kein “68” gab, weil der “Prager Frühling” alle Hoffnungen im Keim erstickte, wirkt das Ressentiment gegen diese mit ‘”68” assoziierten, kulturellen Muster mutmaßlich noch stärker - obgleich sich von der Umweltbibliothek bis hin zum Neuen Forum die Protagonisten der DDR-Bürgerrechtsbewegung durchaus an ihnen orientierten. Das mag auch ein retrospektives Abstrafen der Oppositionellen von einst sein - eine reine Vermutung meinerseits.
Bemerkenswert insgesamt ist, dass diese Rhetorik nicht mehr nur die Domäne der AfD ist. Merz, als Kanzler seit März 2025 amtierend, hat sie mit der ihm eigenen Aggression gegen “linke Spinner, die nicht alle Tassen im Schrank haben”, endgültig in den bürgerlichen Mainstream zurückgebracht. Ein Muster, das noch in den 70ern und 80ern bis in die SPD hinein üblich war und bei CDU-Politikern wie Alfred Dregger auch als Karrieremotor fungierte. Noch Roland Koch agitierte in den frühen Nullerjahren so - es verschwand jedoch vorübergehend unter Merkel. Der Übergang von der Beschreibung einer politischen Realität zur moralischen Diffamierung urbaner Lebensweisen ist nunmehr erneut vollzogen.
3.3 Frankreich: Paris als Feindbild, die Périphérie als Heimat
In Frankreich läuft diese Rhetorik über einen Begriff, der inzwischen zum akademischen und politischen Schlüsselbegriff geworden ist: die „France périphérique“ – das periphere Frankreich. Geprägt vom Geographen Christophe Guilluy, von der Rechten umgehend annexiert. Die Metropolen werden als Gewinner der Globalisierung dargestellt, als weltoffene Inseln einer abgehobenen Klasse, die das „eigentliche Frankreich“ nicht mehr kennt. Es heideggert gewaltig in diesen Diskursen - “Eigentlichkeit” ist ein zentraler Begriff in dessen Werk. Strukturell zeigen werden hier Entfremdungsmodelle mobilisiert: Die Moderne entfremdete die Menschen ihrer Wurzeln. Das ist immer eine Gefahr auch progressiver Ansätze, in diese Rhetorik einzustimmen - sei es in der Kritik an KI oder dann, wenn linke Theoretiker wie Frederic Jameson die von Heidegger gepriesenen Bauernschuhe, gemalt von van Gogh, gegen Andy Warhol ins Feld führen. Das wirkt wie ein Randaspekt, ist aber zentral und strukturell auch das, was die “Impfkritiker” zu Zeiten von Corona inspirierte.
Die räumliche Dynamik ist eindeutig belegt: Die großen Städte wie Paris, Lyon, Marseille gelten als Horte des Widerstands, während ihre Peripherien stark für den RN stimmen. Dieses Zentrum-Peripherie-Gefälle hängt teilweise mit der sozialen Zusammensetzung dieser Peripherien zusammen: Sie konzentrieren Arbeiter und Unterschichtangehörige, die früher in den Stadtzentren wohnten und diese wegen Gentrifizierung, Immobilienpreisen oder veränderten Lebensumständen verlassen haben. [32]
Die moralische Aufladung dieser Geographie hat Geschichte: Von Jean-Marie Le Pen über Marine Le Pen bis Marion Maréchal-Le Pen zieht sich der Vorwurf einer „décadence généralisée“ durch die Geschichte des Front National – Laxismus, Immoralität, Gewalt, sinkende Bildungsniveaus wurden als Verfallserscheinungen der Republik gebrandmarkt. Für all das steht die Großstadt. [33] Marine Le Pen ersetzte lediglich das Wort „décadence“ durch das gemäßigtere „déclin“ – die Botschaft blieb dieselbe.
Eric Zemmour, ein ehemaliger Journalist, der den RN noch rechts überholt, spielte die Karte der Ruralität, also Ländlichkeit, noch aggressiver: Sein Bewegungsname Reconquête verweist explizit auf die mittelalterliche Reconquista – einen Kreuzzug, der das ursprüngliche Frankreich von fremden Einflüssen befreien soll. [34] Das rurale Frankreich wird dabei zur bedrohten Festung, Paris zur Dekadenzmetropole.
3.4 Die USA: Das transatlantische Analogon
In den USA ist die Konstruktion der Metropole als moralischer Moloch noch weiter fortgeschritten. Real America – das ländliche, weiße, christliche Amerika – steht gegen die coastal elites, gegen New York und San Francisco als Symbole des Verderbs. Die Trump-Bewegung hat diesen Antagonismus ins Zentrum ihrer Identitätspolitik gestellt: Fly-over country gegen die dekadenten Küstenstädte, gottesfürchtige Kleinstädte gegen queere Großstadtkultur, America First gegen einen globalisierten Kosmopolitismus ohne Heimat. Die strukturelle Parallele zu Deutschland und Frankreich ist unverkennbar – es ist dieselbe Grundgrammatik, nur in verschiedenen nationalen Varianten.
3.5 Warum das Narrativ wirkt
Das Metropolen-als-Moloch-Narrativ hat eine klare psychologische Funktion, die über bloße Wähleransprache hinausgeht. Es produziert eine moralische Gemeinschaft der Bedrohten: Das Land ist nicht nur sozioökonomisch marginalisiert, sondern auch sittlich im Recht. Die Stadt muss nicht nur abgelehnt werden – sie muss bekämpft werden, bevor sie „ganz Deutschland“ oder „ganz Frankreich“ transformiert.
Die Unterstützung, die der RN im ländlichen Frankreich findet, hängt wesentlich damit zusammen, dass Wähler das Gefühl haben, die Partei teile ihre Probleme – und dass sie sich mit einer Partei identifizieren können, deren Vertreter selbst als Parias, als Opfer von Klassenverachtung und intellektuellem Hochmut gelten. [35]
Die Metropole als dekadenter Moloch und die Provinz als moralische Heimat – das ist keine Beschreibung, sondern eine Konstruktion. Sie verlangt nicht nach Empirie, sondern nach Emotion. Und sie ist, wie die Faschismusforschung seit Jahrzehnten zeigt, einer der wirksamsten politischen Affekte überhaupt – weil sie den Ressentiments der wirtschaftlich Abgehängten eine moralische Würde verleiht: Ihr seid nicht die Verlierer. Ihr seid die Reinen.
IV. Die drei Ebenen im Zusammenhang
Die drei Erklärungsebenen dieses Essays sind nicht konkurrierende Theorien, sondern sich gegenseitig verstärkende Mechanismen:
1. Die strukturelle Ebene: Der Rückzug des Staates aus der Fläche, die Deindustrialisierung, die Mobilitätsarmut, das Sterben der Infrastruktur in ländlichen Räumen – das erzeugt realen Frust und bereitet den Boden.
2. Die epistemische Ebene: Die Abwesenheit von Kontakt mit dem Anderen verhindert die Korrektur von Vorurteilen. Wer keine Migranten kennt, bleibt anfällig für Angst-Narrative. Wer keine Queers kennt, bleibt anfällig für Sittenverfall-Rhetorik.
3. Die ideologische Ebene: Das Metropolen-als-Moloch-Narrativ verwandelt sozioökonomische Marginalisierung in moralische Überlegenheit. Es gibt dem Frust eine Richtung und dem Abgehängtsein eine Würde.
Die rechten Parteien – AfD wie RN – sind in allen drei Ebenen wirksam: Sie benennen reale Probleme (Ebene 1), sie füllen das epistemische Vakuum (Ebene 2), und sie liefern das große Narrativ (Ebene 3). Die demokratischen Parteien hingegen haben lange nur auf Ebene 1 reagiert – und dort oft zu spät, zu wenig, und mit dem falschen Framing. Nun übernehmen sie von den Rechten die gesamte Rhetorik.
Es bleibt eine bittere Erkenntnis: Wer Migration immer wieder als das zentrale politische Problem rahmt - der fördert automatisch diese Struktur und somit in Deutschland auch die AfD.
Er gefährdet zudem Menschen - vor allem Migrantisierte und Queers. Und indirekt auch Juden man könnte den ganzen Text mit antisemitischen Stereotypen auffüllen. Die Kosmopoliten ohne Verwurzelung in Landschaft und Tradition, die “zersetzend” nur wirken würden - antisemitische Motive, die auch in den “Schwarzen Heften” Heideggers auftauchen. Juden mit “Dekadenz”, sexuellen Perversionen und dem Urbanen schlechthin zu identifizieren war vor 1933 annähernd üblich, und sie wurden auch als heimliche Strippenzieher hinter Wirtschaftskrisen und den Verheerungen durch den Kapitalismus imaginiert, die Vampiren gleich die “normalen Menschen” aussaugen und ausbeuten würden. Ja, auch der Klassiker “Nosferatu” ist mit antisemitischen Stereotypen durchzogen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Zudem sie, wie Queers und Migrantisierte heute auch, vor allem in Städten halbwegs sicher leben konnten.
Angesichts der offenen Angriffe auf urbanes Leben in seiner Pluralität und zumindest der Möglichkeit von Freiheit zeigt sich hier eine ernstzunehmende Gefahr, die von den Attacken der Bundesregierung auf die Zivilgesellschaft und deren Angriffen auf die Kunst- und Wissenschaftsfreiheit (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) in der Förderpolitik noch verstärkt wird - und es ist kein Zufall, dass dabei auch jüdische Institutionen wie der Zentralrat defunded werden (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Es geht immer um die Einebnung von Minderheitenrechten und die Bekämpfung jener, die vor allem in Städten zu Hause sein können. Dass parallel in das akademische System eingegriffen wird und der Wissenschaft die Reflektion gesellschaftlicher Zustände ausgetrieben werden soll, so wirkt es auf mich, fügt sich nahtlos ein: sind doch auch Studentenstädte letzte Bastionen gegen den gegenwärtig sich formierenden, ethnonationalistischen Autoritarismus - der mit seinen Forderungen nach “Politik für normale Leute” immer eher den Sauerländer meint als den Hamburger, Berliner oder Kölner. Um letztere eigenen Vorstellungen von Volk und Sittlichkeit unterwerfen zu können.
Quellen und Belege
Die Zitatnummern im Text [n] beziehen sich auf die folgende Liste. Alle URLs zuletzt abgerufen März 2026.
[1] Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): Wählerstimmen in Ländern und Wahlkreisen, Bundestagswahl 2025. bpb.de, April 2025.
[2] ZDFheute / dpa: AfD-Wahlergebnisse bei der Bundestagswahl 2025: Erfolg im Osten. zdfheute.de, 24. Februar 2025.
[3] Amadeu Antonio Stiftung: Analyse – Der Westen hinkt dem Osten bei der AfD-Zustimmung nur knapp 4 Jahre hinterher. amadeu-antonio-stiftung.de, April 2025.
[4] Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), wie [1].
[5] Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), wie [1].
[6] T-Online: Wahlergebnisse nach Bundesländern – AfD liegt im Osten vorn. t-online.de, 24. Februar 2025.
[7] Amadeu Antonio Stiftung, wie [3].
[8] INSA für Nius / PolitPro-Wahltrend Sachsen-Anhalt. Januar 2026. Tagesspiegel: AfD in Sachsen-Anhalt bei 39 Prozent. tagesspiegel.de, 30. Januar 2026.
[9] taz: Landtagswahl in Sachsen-Anhalt – Was die AfD von der Macht fernhält. taz.de, 4. Januar 2026.
[10] Blätter für deutsche und internationale Politik: Sachsen-Anhalt – AfD vor der Macht? blaetter.de, Oktober 2025.
[11] taz: Landtagswahl in Rheinland-Pfalz [Liveblog]. taz.de, 22. März 2026.
[12] taz, wie [11].
[13] Institut Terram: Comprendre la géographie du vote RN en 2024. institut-terram.org, 2024.
[14] LCP / Assemblée Nationale: Carte des résultats des européennes – Le RN en tête dans plus de 90% des communes. lcp.fr, 10. Juni 2024.
[15] LCP / Assemblée Nationale, wie [14].
[16] Fondation Jean-Jaurès / Mathieu Gallard (Ipsos): Les mutations progressives du vote Rassemblement national. jean-jaures.org, 19. Juni 2024.
[17] Fondation Jean-Jaurès: Le Rassemblement national à la conquête des municipales de 2026. jean-jaures.org, Februar 2026.
[18] Romain David: Moins on vit avec des étrangers, plus on vote RN [Substack]. romaindavid.substack.com, Februar 2026.
[19] Volksverpetzer.de (zusammenfassend). Orig. Studie: Universität Bielefeld/Münster: „Climate of Hate: Similar Correlates of Far Right Electoral Support and Right-Wing Hate Crimes in Germany.“ 2019.
[20] Langenkamp, A. / Czymara, C.: Zuwanderung, Sorgen vor Islamismus und AfD-Wahl: Eine Studie auf Gemeindeebene in Sachsen. In: Melcher et al. (Hg.): Subjektive Sicherheit und politische Kultur. Springer VS, Wiesbaden 2026.
[21] Bartholomae, F.W. / Nam, C.W. / Rafih, P.: Wahlerfolg der AfD und die Flüchtlingskrise: Spielen regionale Disparitäten eine Rolle? Wirtschaftsdienst 102 (11), 2022, S. 891–897.
[22] Le Devoir / Ipsos: En France, l’immigration irrigue la campagne des élections législatives. ledevoir.com, 19. Juni 2024.
[23] Le Devoir / Swanie Potot (CNRS), wie [22].
[24] Sciences Po / Cevipof: Le RN n’ira pas plus haut – sociologie du vote d’extrême droite [Interview Pascal Perrineau]. sciencespo.fr/cevipof.
[25] Wikipedia FR: Antiurbain / Urbaphobie. fr.wikipedia.org (Stand 2025).
[26] The Conversation: D’où vient l’obsession identitaire de la politique française? theconversation.com, 2022.
[27] Migazin / dpa: Friedrich Merz – „Nicht Kreuzberg ist Deutschland, Gillamoos ist Deutschland“. migazin.de, 5. September 2023.
[28] T-Online: Friedrich Merz erklärt seine Kreuzberg-Aussage. t-online.de, 5. September 2023.
[29] T-Online, wie [28]. / Berliner Zeitung: Kreuzberg ist nicht typisch Deutschland. berliner-zeitung.de, 5. September 2023.
[30] Freie Presse / dpa: Kreuzberg oder Gillamoos – kühle Reaktion auf Merz-Ausspruch. freiepresse.de, 5. September 2023. Zitat: Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann (Grüne).
[31] Freie Presse / Deutschlandfunk: Helge Braun zu Merz’ Aussage. freiepresse.de, wie [30].
[32] The Conversation / F. Luciardi: D’une extrême droite à l’autre – géographie des votes Zemmour et Le Pen. theconversation.com, 2022.
[33] The Conversation: Le Rassemblement national – quelle identité scolaire républicaine? theconversation.com, Juni 2025.
[34] The Conversation: D’où vient l’obsession identitaire de la politique française? theconversation.com, 2022. Zur Reconquista-Referenz Zemmours.
[35] Institut Terram, wie [13]. Zur „empathie de point de vue“ und „homologie de situation“.