Wir leben in Simulationen - aber ganz anders, als der Film "Matrix" es uns zeigte ...
Hatte Immanuel Kant recht? Nicht unbedingt eine Frage, welche die soziale Welt bewegt. Wenn sich aber aus ihm ableiten ließe – und aus Forschungen, die aktuell zu ähnlichen Annahmen führen – dass wir uns tatsächlich in so etwas wie einer Simulation bewegen, nur ganz anders, als Filme wie „Matrix” es behaupten -, dann könnte ja doch ein gewisser Reiz im folgenden Storytelling liegen.
Die „Kritik der reinen Vernunft” Kants postuliert eine strikte Unterscheidung zwischen „Ding an sich” und Erscheinung (für uns). Wir können die Welt nicht erkennen, wie sie an sich ist, sondern nur, wie sie uns aufgrund der „Auswertung unserer Sinnesdaten” (mal unpräzise formuliert) durch Verstand und Vernunft (das ist das Vermögen zu schließen, also jenes, Schlussfolgerungen zu generieren) erscheinen lässt.
Klarer verstanden werden kann das, zumindest, wenn man es möchte, indem man Kants Annahme folgt, dass Kausalität nicht „in der Welt” ist, sondern eine Kategorie, die Sinnesdaten auf Ebene des Verstandes ein- und zuordnet. Wir prägen unseren Wahrnehmungen solche Verknüpfungen auf. Bei Kant geht es hierbei nicht um Nützlichkeitserwägungen, sondern um ein Verstehen der Erscheinungen als etwas, das von vor der Erfahrung liegenden kognitiven Vermögen erkannt wird als z.B. kausal verknüpft. Wie es an sich ist, das können wir nicht wissen.
Aktuell greift die „Interface Theory of Perception” (ITP) von Donald D. Hoffman diese
Grundannahme auf (übersetzt mit DeepL):
Wir bewegen uns in einer komplexen Ikonographie - wie in einem Computerspiel. Nur dass wir auch hören, schmecken, riechen und tasten können. Um uns herum betrachten wir “Gestalten”, also Formen von Objekten und Wesen, die wir wiedererkennen und als räumlich voneinander getrennt wahrnehmen - ein Effekt, der nur auftritt, wenn etwas beobachtet wird. Die “Quantenwelt” funktioniert in sich anders, soweit bisher erforscht. Wie tatsächlich alles mit allem zusammenhängt oder auch nicht, dass wissen wir nicht.
Die ITP geht davon aus, dass unsere auf Sinneseindrücken aufbauenden und diese synthetisierenden Wahrnehmungen „die Realität” nicht abbilden, verstehen, begreifen, sondern, dass es sich um so etwas wie die Benutzeroberfläche eines Computers handelt.
Klicke ich auf das Symbol für „Word”, dann öffnet sich das Programm. Das Interface bildet eine Schnittstelle zu „der Realität” Textverarbeitung, in der wir uns mit ihrer Hilfe bewegen – sie zeigt aber nicht die elektromagnetischen Prozesse in dem Computer. Würden wir ihn öffnen, um durch das Spiel mit den Kabeln, Platinen und Lötstellen Word zu starten, würden wir scheitern und könnten das Programm ohne Interface auch nicht nutzen. Das Wissen um die Wahrheit der Funktionsweise könnte uns sogar daran hindern, uns „in der Welt”, so, wie wir sie annehmen, erfolgreich orientieren zu können.
Hoffman formuliert diese Annahmen im Rahmen der Evolutionstheorie – genauer der „Fitness Beats Truth”-Theorie (FBT). Diese besagt (übersetzt mit DeepL):
Weil die Anpassung an das, was uns als Realität erscheint, wichtiger sei, als dass unsere
Annahmen wahr sind. Das wird bei Hoffmann begründet mit einer Art „Naturzweck” (wobei Natur schon ein Begriff des Interfaces ist) – Überleben und Arterhaltung. Darüber kann man nun lange streiten, ob nun wirklich „Fortpflanzung” der Daseinszweck sei. Wenn es denn stimmt, wie von Hoffman zitierte Theoreme es vorschlagen, dass z.B. Raum und Zeit als Kategorien des Interfaces von für uns undurchschaubaren Quantenebenen lediglich abgeleitet uns die Orientierung in ihnen ermöglichen, dann ist dieser Zweck ja selbst eine ihm zufolge zwar mathematisch herleitbare, aber eben doch Annahme auf Ebene des Interfaces. Diese könnte aber ebenso durch andere ersetzt werden. Dass z.B. die Möglichkeit (simulierter) sinnlicher Erfahrung ein Sinn in sich selbst ist, der genossen und erlitten werden kann, und Fortpflanzung ein Nebeneffekt von Spaß (im besten Falle) – weil auch die Unterscheidung von Lust und Unlust dem Überleben dient und Lustgefühle angestrebt werden.
Diese Interface-Theorie der Wahrnehmung hat sehr weitreichende Folgen, denkt man sie weiter. Hoffman lässt soziale, gesellschaftliche Prozesse dabei weitestgehend außen vor. Diese „Interfaces” treten jedoch auch als userspezifische Modelle bzw. Konfigurationen unserer selbst als Individuen wie auch der Annahmen über die soziale Welt auf, in der wir einander begegnen. Und zudem auch als Simulationen Anderer wie auch dessen, was diese über uns annehmen könnten.
Der Quantenphysiker Dr. Lukas Neumeier verbindet sie mit dem „Free Energy Principle” von Karl Friston (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Neumeier wird zwar stärker in der Esoterik rezipiert derzeit als in den Wissenschaften; Friston und Hoffman sind jedoch ernstzunehmende Naturwissenschaftler. Und nach Jahrzehnten der Beschäftigung mit Sozialphilosophie hängen diese Ansätze meines Erachtens auch keineswegs im luftleeren und lediglich neu-spirituellen Raum (auch wenn es auf diesen leeren Raum bei den Spirituellen hinausläuft).
Eine umfassende Diskussion von Modellen in diesem Zusammenhang findet sich auch hier (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Die Theoreme Fristons (der als Anwärter auf Nobelpreise gehandelt wird) besagen (das ist nun eine auch, aber nicht nur von claude.ai unterstützte Recherche): Ähnlich wie unsere Weltwahrnehmung allgemein als eine Benutzeroberfläche verstanden werden kann, die lediglich eine Schnittstelle zu Prozessen (oder Zuständen) bietet, die wir gar nicht kennen oder verstehen, verfügen Individuen über Modelle der sozialen Wirklichkeit – mentale „Repräsentationen”, die jedoch selektiv Erfahrungen einordnen auf Basis auch sozialerProgrammierungen (durch Schule, Medien, Familie usw.).
Das Free Energy Principle (FEP) ist ein mathematisch fundierter Ansatz, der erklärt, wie biologische Systeme ihre eigene Existenz aufrechterhalten. Die zentrale Idee: Lebende Systeme müssen die „freie Energie” – ein Maß für die Überraschung oder Unvorhersagbarkeit ihrer sensorischen Eingaben – minimieren. Dies geschieht durch zwei komplementäre Strategien:
Erstens aktualisieren sie kontinuierlich ihr internes Modell der Welt (Wahrnehmung), um Vorhersagefehler zu reduzieren.
Zweitens handeln sie in der Welt (Aktion), um ihre Vorhersagen wahr zu machen.
Ein Organismus, der systematisch überrascht wird von seiner Umgebung, könnte sein charakteristisches Gleichgewicht verlieren und aufhören zu existieren. Daher sind wir alle „Prognosemaschinen”, die ständig versuchen, die Differenz zwischen Erwartung und Erfahrung zu minimieren - damit uns nichts Schlimmes passiert. Dies erklärt, warum wir so stark an bestehenden Weltbildern festhalten – sie dienen so gesehen der Selbsterhaltung.
Diese subjektiven wie kollektiven Modelle setzen sich aus hochgradig fehleranfälligen Annahmen über die soziale Welt zusammen und zielen auf interne Kohärenz. Sie müssen dem Individuum in sich schlüssig erscheinen, sonst beginnt es zu grübeln – die Gedanken rattern vor sich hin.
Fehleranfällig können diese sein, weil sie sich in der Welt der Interfaces bewegen, nicht unter Rekurs auf Fragen wie jene, ob unsere Sinneseindrücke lediglich funktional sinnvoll sind; sie setzen stattdessen voraus, Realität 1 zu 1 mental zu repräsentieren und beharren darauf. So glauben wir zwar, wir “bildeten Realität ab” - wir sind aber stattdessen darauf angelegt, permanent eine möglichst geringe Differenz zwischen dem, was wir erwarten, und dem, was wir tatsächlich erfahren, zu generieren. Damit uns nichts überraschen kann. Weil Überraschungen in der freien Wildbahn einst auch die plötzliche Begegnung mit dem Säbelzahntiger bedeuten konnten. Es ist halt eine Orientierungsfunktion der Benutzeroberfläche. Sie generiert Verhalten in konkreten Situationen: Ich passe mich lieber an Autoritäten an, weil diese mich sanktionieren könnten – ich erwarte also, dass ich Situationen heil überstehe, indem ich schön brav bleibe. Gilt sogar für deutsche Talkshows im Falle potenzieller, kümftiger Machthaber.
„Free Energy” entsteht in dem Gap zwischen Erwartung und Erfahrung. Es kann sein, dass ich auf ungerechte Autoritäten treffe, die mich trotzdem sanktionieren. Dann muss ich das Modell ggf. umbauen und die Annahme „es gibt ungerechte Autoritäten” in es integrieren.
Diese Modelle sind auch deshalb hochgradig fehleranfällig, weil sich Mechanismen wie „Attributionsfehler (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)” einschleichen. In der Sozialpsychologie wurden diese offenkundig gut untersucht: Im Falle eigenen Regelbruchs – zu schnell fahren – neigt man dazu, die Umstände dafür verantwortlich zu machen. „Ich hatte es eilig”. Bei anderen dazu, dass das Verhalten im Charakter des jeweils Anderen begründet liegt – „der Raser auf der Autobahn ist ein egoistisches Schwein!”. All das geschieht, um die Modelle von sich und der (sozialen) Welt stabil zu halten. „Confirmation Bias” ist ein weiterer solcher Mechanismus – man neigt dazu, Aussagen für richtig zu halten, die eigene Modelle bestätigen und so einen stabilen „Normalzustand” zu generieren, um sich mit der individualisierten Benutzeroberfläche in der Welt orientieren zu können.
Die politischen Implikationen dürften auf der Hand liegen. Rassismus oder Antisemitismus, auch Queerfeindlichkeit, ist z.B. ein System solcher Annahmen. Der Attributionsfehler tritt z.B. so auf: Wenn ein prominenter, weißer Musiker – oder ein Präsident – Minderjährige kraft der Macht seiner Prominenz oder Reichtums missbraucht, liegt das an den Umständen und ggf. auch an der Minderjährigen, die ja nur „verführen” wollte - ist halt so. War es ein Nicht-Weißer, dann liege das in seiner vermeintlich „niederen Natur” begründet.
Individuelle Modelle koppeln sich dabei an Gruppenidentitäten, die zudem ihre auf diese Selbstrepräsentationen ieinwirkenden Erfahrungen als die maßgeblichen einschätzen – weil diese Erlebnisse die Gruppenidentitäten ja generierten. Kommen dann Personengruppen mit anderen Erfahrungen daher und meckern z.B. gegen dieselbe mediale „Materie”, die eigene Gruppenidentitäten fütterte, sei es Winnetou oder Pipi Langstrumpf, dann ist auf einmal der Teufel los.
Es liegt schon nahe, diese hier nur angedeuteten Konzeptionen als Simulationen zu verstehen. Es sind alles Prozesse, die aus Stabilisierungssehnsüchten heraus auch geteilte soziale Simulationen generieren, in denen Fremdgruppen als Gefahr behauptet werden. Obwohl weit und breit kein Säbelzahntiger in Sicht ist.
Im Falle der USA führte das Zeitdiagnostiker schon dazu, Metamodelle zu entwickeln, dass dort buchstäblich zwei Simulationen, also differente Welt-Modelle, aufeinander krachen – in denen es keinerlei geteilte Prämissen mehr gibt. Und es ist auch kein Zufall, dass das vor allem jene das für sich zu nutzen wissen, die auch sehr gut mit Computersimulationen umgehen können: die Technofaschisten.
Auf der einen Seite findet sich das MAGA-Universum, angeführt von Donald Trump. Dessen Simulation verbindet einen rassistischen, weißen Ethnonationalismus teilweise mit Simulationen des Christlichen – da, wo es im MAGA-Interface nützlich erscheint, damit die „Bewegung” überlebt.
Es wird verstärkt durch Tech-Milliardäre wie Elon Musk, Peter Thiel, Alex Karp. Ihre Modelle von Leben und Überleben operieren prinzipiell antisozial. Sie streben Oligarchien an, in denen sie selbst gut überleben können. Der Rest der Menschheit ist da nicht sonderlich interessant. Sie wollen Staaten nach der Logik von Konzernen errichten, die eigenen Geschäftsinteressen dienen. Was immer ihnen dabei hilft, wird gestützt – was nicht, kann auch gerne vernichtet werden oder von selbst verschwinden. Dazu streuen sie Annahmen wie:
Eine Demokratie, die von “Deep State”-Eliten unterwandert ist
Etablierte Medien als Propaganda-Instrumente
Eine existenzielle Bedrohung durch “woke” Ideologie
Tech-Disruption als Befreiungsschlag gegen verkrustete Strukturen
Eine Vorstellung von Staaten und supranationalen Einheiten (EU, Internationaler Gerichtshof, NGOs ) als reinen Zensur- und Unterdrückungsapparaten
Wissenschaft ist nur eine Tarnung “zersetzender” liberaler und staatlicher, entmündigender Machenschaften und eine Lüge
Auf der anderen Seite: Das liberale Lager. Ihre Welt-Simulation zeigt:
Eine Demokratie, die von Autokraten bedroht wird
Medien als notwendige Kontrollinstanz
Eine existenzielle Bedrohung durch Desinformation
Tech-Konzentration als Gefahr für demokratische Teilhabe
Gewaltenteilung und Institutionen als Garant eines friedlichen Zusammenlebens
Offenes Community-Building statt Konzernstrukturen und Gated Communities
Diversität auf Basis gleicher Rechte für alle
Wissenschaft als Leitfaden rationalen Handelns
Begreift man das nun als Simulationen, die dem Überleben dienenden Interface-Logiken folgen, dann prallen diese heftig aufeinander, ohne noch miteinander vermittelbar zu sein – wobei die Gewalt klar von der ersteren Fraktion und deren Modellen ausgeht. Es kann da keine “Both Sides”-Argumentation geben, weil die Trump- und Thiel-Fraktion gar nicht mehr argumentiert, sondern nur noch postuliert und zuschlägt. Es muss also auch in den Simulationen Mechanismen geben, die zumindest gewaltfreiere Koexistenz ermöglichen.
Das ist zunächst nur eine Diagnostik, die anderen Parametern folgt, als von einer vorausgesetzten geteilten Realität auszugehen, um die gestritten wird. Als Realität wird in den Simulationen zunächst nur das akzeptiert, was dem jeweils eigenen Modell und seinen Erwartungshaltungen entspricht. Das sind auch keine „Bubbles”, die man nur auflösen braucht, und dann ist alles wieder gut. Diese „Interfaces”, Simulationen, Modelle, wie auch immer man sie nun nennen möchte, treten ja auf als Realitäten – wobei unter Realität de facto eine Annahme oder Funktion innerhalb der jeweiligen Simulation verstanden wird.
Das zweite Modell bietet allerdings den Vorteil, eine Koexistenz von Simulationen zu denken, indem es - wie angedeutet - Metakommunikation konzipieren kann: ein Sprechen über Simulationen. Es kann auch Skepsis denken, über reine Überlebens- und Systemerhaltsabsichten hinaus Utopien simulieren und gemeinsamen Spaß imaginieren und prognostisch fühlen - im Gegensatz zum Trump-Regime, das Spaß nur an Bullying, Ausgrenzung, auch tödlicher Gewalt und Abwertung Anderer empfinden kann und sonst gar nicht. Zum Gattungserhalt eine fragwürdige Methode.
In einem zweiten Teil werde ich versuchen, das auszuführen.