in zwei früheren Folgen ging es bereits um Potenz und Sexualität – ich habe mit meinen Gästen über praktische Hilfsmittel und medizinische Behandlungsmöglichkeiten gesprochen und du hast verschiedenste Erfahrungen von Betroffenen gehört. Weil diese Folgen so gut angekommen sind und ich so viel Feedback darauf bekommen habe, schließe ich daran an.
Wir steigen mit der heutigen Folge (Öffnet in neuem Fenster) noch tiefer in das Thema ein: Es geht um das eigene Erleben. Um Körperbilder. Um Selbstbilder. Und um die Frage: Was ist Sexualität, wenn sich alles verändert hat?
Use it or loose it – Impulse für eine neue Sexualität
Wie sieht Sexualität aus, wenn nach dem Krebs plötzlich alles anders ist? Wie verändert sich das Selbstbild oder sogar die Sicht auf Männlichkeit? Und wie kann Sexualtherapie helfen, neue Wege zur Nähe zu finden?
Zwei Männer nach Prostatakrebs erzählen von ihren Erfahrungen mit erektiler Dysfunktion und wie sich die Sexualität und das eigene Bild von Stärke und Potenz wandelt. Michael streicht den Austausch unter Gleichbetroffenen heraus und Gerhard beschreibt, wie ihm die Sexualtherapie dabei geholfen hat, sich wieder als ganzer Mann zu fühlen – auch ohne Partnerschaft und regelmäßigem funktionierenden Geschlechtsverkehr.
Außerdem in dieser Folge: Sexualtherapeutische Impulse für das Zurückfinden in die Sexualität nach Alain Nickels, ich berichte von einer Genital-Meditation und ein aktuelles Statusupdate von Gerhard ganz am Ende der Folge.
Highlights dieser Folge:
Michael über die Bedeutung von „Mannsein“ jenseits der Sexualfunktion.
Wie Gerhard durch Sexualtherapie an Selbstwert zurückgewonnen hat – und wie ihm Übungen geholfen haben, sich männlicher zu fühlen, unabhängig von Außenbestätigung.
Der offene Austausch mit Gleichbetroffenen (z.B. in Selbsthilfegruppen), der nicht nur Entlastung bringt, sondern auch Mut macht, das Thema Sexualität anzusprechen.
Ein ehrliches Update von Gerhard (4 Jahre nach der Operation): „Das Leben ändert sich“ – und nicht alles hängt am Krebs.
Die Take-aways:
Das Selbstbild ist entscheidend. Wer seine Sexualität nur über Erektionen definiert, erlebt deren Ausbleiben als Verlust der Identität. Wer den Blick weitet, entdeckt neue Möglichkeiten.
Dranbleiben kann sich lohnen. Ob Medikamente, Therapien oder Gespräche: Viele Männer finden mit der Zeit eine individuelle Lösung. Manchmal dauert es. Aber der Weg ist offen.
Männlichkeit hat viele Gesichter. Für den einen bedeutet sie Verantwortung. Für den anderen Empathie. Für manche beides. Oder noch viele andere Aspekte. Männlichkeit hat keinen starren Rahmen. Sie ist etwas, das du gestalten kannst.
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Jumplist
01:00 Michael: Neue Sicht aufs Mannsein
04:08 Angst vor saloppen Sprüchen
07:16 Gerhard: Sexualtherapie
07:58 Überraschende Trauerarbeit
15:09 Selbstliebe und Dankbarkeit erfahren
18:56 Befreiung von Zwang und Druck
23:28 Sexualtherapeutische Impulse nach Alain Nickels
27:22 Alexander: Genital-Meditation
29:32 Statusupdate: Gerhard
32:00 Take-aways
32:42 Vielfältige Männlichkeit nach Krebs
Quellen
Wolfgang Kostenwein spricht im Interview mit der Österreichischen Krebshilfe zu „Lifestyle für Prostatakrebs-Patienten: Sexualität“ (Öffnet in neuem Fenster)
Buchtipp Gerhard: Mark Manson. Die subtile Kunst des Daraufscheißens. MVG Moderne Vlgs. Ges. 2017 (Öffnet in neuem Fenster)
Mag. Alain Nickels (Öffnet in neuem Fenster), Psychoonkologe und Sexualtherapeut
Genital-Meditation aus dem Buch: Beate Absalon. Not giving a fuck. Von lustlosem Sex & sexloser Lust: Gesellschaftlichen Zwang überwinden und lebendige Intimität entdecken. Verlag Kremayr & Scheriau 2024 (Öffnet in neuem Fenster)
Genannte Folgen
Helfen Pumpen und Pillen? – Erektionsprobleme nach Krebs (Öffnet in neuem Fenster)
Sexualität nach Krebs – Wenn Erektion nicht alles ist (Öffnet in neuem Fenster)
Freundschaft mit deinem Körper – Neues Selbstbild bei Krebs? (Öffnet in neuem Fenster)
Internet vs. Ärzt:innen – sichere Infos über Krebs einholen (Öffnet in neuem Fenster)
Sexualtherapeutische Impulse
Wie ist es möglich, zur eigenen und auch gemeinsamen Sexualität zurückzufinden? (Mit freundlicher Genehmigung von: Alain Nickels, Psychoonkologe und Sexualtherapeut, Uniklinikum Salzburg)
Das allerwichtigste zu allererst: Traue dich, es zu versuchen. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Und auch nicht aufhören, es zu versuchen. Also dranbleiben. Aber natürlich die Grenzen der Partnerperson einhalten.
Sexualität umfasst nicht nur eindeutig sexuelle Handlungen, sondern hat 3 Dimensionen: Beziehung, Fortplanzung und Lust. Zu einer intakten Beziehung gehören die Gefühle von Sicherheit, Schutz, Angenommen-Sein, Nähe, Akzeptanz, Geborgenheit, Zugehörigkeit. Bei einer Krebsdiagnose passiert es plötzlich, dass die Beziehungsdimension einen höheren Stellenwert hat. Das heißt aber nicht, dass die anderen beiden Dimensionen verschwinden, sie sind nur im Hintergrund. Es ist also gut und richtig, das Bedürfnis nach Sexualität nach Krebs weiter zu verspüren.
Ein Schlüssel für die Bewältigung kann sein, sich 2 Themen im Detail zu überlegen, am besten schreibst du das für dich auf, in die Notizen am Handy, oder in einem Dokument auf deinem Computer, oder du kannst es auch als Sprachnotiz aufnehmen:
Was bedeutet Sexualität für mich?
Was bedeutet die Diagnose und die aktuelle Situation für meine Partnerperson?
Sexualität ist nicht nur Geschlechtsverkehr, auch das Gespräch darüber gehört dazu, genauso Nacktheit, körperliche Intimität, Hautkontakt, sich in den Arm nehmen, halten.
Ein Schlüssel fürs Zusammenfinden ist die offene Kommunikation. Viele sind das nicht gewohnt, weil wir Sexualität als etwas Nonverbales, Spontanes kennen. Wenn es für dich schwierig ist, so ein Gespräch zu starten, versuche es z.B. bei einem Spaziergang. Da sind Start und Ende vordefiniert, die körperliche Bewegung regt auch die Gedanken an – und weil man sich nicht starr gegenübersitzt ist auch das Gespräch an sich beweglicher.
Wissen und Information. Entweder, so wie du es jetzt machst, über einen Podcast – danke an dieser Stelle, dass du bis hierhin gehört hast – oder auch im Internet. Bitte achte darauf, nur legitime und evidenzbasierte Quellen anzuzapfen. Es gibt leider sehr viel schräge Seiten mit Falschinformationen im Netz. Wie du dich richtig informierst, hörst du in der Folge „Internet vs. Ärzt:innen – sichere Infos über Krebs einholen“, die im März 2025 erschienen ist.
Sexuelle Ressourcen aktivieren. Jeder hat sexuelle Ressourcen. Wie geht das?
Alleine oder mit Partnerperson die Lebensgeschichte analysieren. Wie war Sexualität früher? Wann war sie am schönsten? Was könnten wir probieren?
Sex mit sich selbst haben, also Masturbation, um den eigenen Körper und dessen Empfindsamkeit kennenzulernen. Das wird sogar medizinisch bei Erektionsproblemen empfohlen, im Folgentitel ist es schon genannt: Use it, or loose it. Für den Penis und seine Erektionsfähigkeit ist es physiologisch wichtig, regelmäßig stärker durchblutet zu werden.
Eigene Wünsche und Bedürfnisse wahrnehmen und mitteilen. Z.B. „Ich habe keine Lust auf Sex, aber will mich mit dir in die Badewanne legen“ oder „Ich will, dass wir uns massieren.“
Sich Zeit geben und Druck vermeiden.
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