Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht es um infantile Amnesie.

Neulich hat meine Schwester ein Video verschickt, in dem meine Nichte auf allen Vieren hockt. Ein Meter vor ihr liegt ein Spielzeug, das sie – logisch – unbedingt erreichen will. Sie will sich auf den Weg machen, ihr einziges Problem: Sie kann noch gar nicht krabbeln. Also versucht sie alles in ihrer Macht stehende. Und aus irgendeinem Grund hält sie es für absolut hilfreich, wenn sie ihr rechtes Bein zunächst quer nach hinten in die Luft streckt. Turns out: Hilft gar nicht so sehr beim Krabbeln. Das merkt sie auch, hört trotzdem nicht damit auf, und beginnt irgendwann verzweifelt zu meckern und zu schreien.
Es wird nicht mehr lange dauern, bis sie vorwärts kommt. Und kurze Zeit später wird sie sitzen können, sie lernt zu stehen, spricht ihre ersten Wörter, isst richtige Lebensmittel. In den ersten Lebensjahren passiert enorm viel. Und trotzdem wird sie sich – wie die meisten von uns – nicht an diese ersten Meilensteine ihres Lebens erinnern können.
Babys lernen in einer Geschwindigkeit, die jeden KI-Algorithmus wie einen Taschenrechner aus den 80ern aussehen lässt, aber ihr Betriebssystem weigert sich beharrlich, diese Daten langfristig zu archivieren. Das Fachwort dafür: infantile Amnesie oder auch Kindheitsamnesie.
Was steckt hinter den Blackouts über unsere ersten Lebensjahre? Und warum können die ersten Jahre uns trotzdem prägen, selbst wenn wir uns nicht an sie erinnern könnnen?
Wie soll ich erinnern, was ich nicht beschreiben konnte?
Ein Disclaimer vorab: Der genaue Grund dafür, warum wir uns an sehr frühe Kindheitserlebnisse nicht erinnern, ist noch nicht ausgeforscht. Es gibt aber Faktoren, die ziemlich wahrscheinlich eine Rolle spielen.
Ein Faktor (und ehrlich gesagt ziemlich plausibel) ist Sprache. Kleine Kinder speichern (Öffnet in neuem Fenster) ihre Erlebnisse am Anfang offenbar noch nicht so ab, dass sie später wie ein inneres Hörbuch abrufbar wären. Das kommt erst nach und nach, grob ab dem Alter, in dem Kinder nicht nur Wörter kennen, sondern Sprache auch wirklich als Werkzeug benutzen, um Erlebnisse zu sortieren und zu erzählen. Ab dann werden Erinnerungen eher sprachlich organisiert und lassen sich später auch leichter wiederfinden.
Man kann sich das vorstellen wie ein Dateiformat-Problem: Früh gespeicherte Inhalte liegen in einem anderen Code vor. Später kommt ein neues System dazu (Sprache, Erzählen, Kategorien) und plötzlich passt das alte Format nicht mehr so richtig. Das Ergebnis: Der Abruf wird schwierig. Kinder, die sprachlich früh sehr fit sind, zeigen oft auch früher so etwas wie ein stabiles autobiografisches Gedächtnis.
Das Ich als Ankerpunkt
Damit eine Episode aus unserem Leben wirklich haftbar wird, braucht sie außerdem einen Ankerplatz (Öffnet in neuem Fenster) in unserer Identität. Wir speichern Erlebnisse erst dann als autobiografisch ab, wenn wir ein Konzept davon haben, wer dieses Ich eigentlich ist, dem diese Dinge zustoßen.
Ein wichtiger Schwellenwert ist hierbei der Spiegeltest, den Kinder meist im Alter von etwa zwei Jahren bestehen, wenn sie erkennen, dass das Gesicht im Spiegel ja sie selbst sind. Diese Fähigkeit (oft „Theory of Mind“ genannt) wird ungefähr in dem Alter stabiler, in dem auch die ersten verlässlichen, später erinnerbaren „Ich-war-da“-Erinnerungen auftauchen.
In der Zeit zwischen dem dritten und elften Lebensjahr durchläuft dieses Selbstbild einen echten Wandel. Während ein dreijähriges Kind sich noch über konkrete Fakten definiert und etwa sagt: „Ich habe braune Haare“, entwickeln ältere Kinder bis zum elften Lebensjahr abstrakte Merkmale wie: „Ich bin mutig!“ Diese zunehmende Komplexität des Selbst scheint dazu zu führen, dass Erinnerungen besser organisiert und damit dauerhafter im Langzeit-Ich verankert werden können.
Die Rolle der Erzählung
Neben der Sprache und dem Selbstbild spielt die soziale Einbettung eine entscheidende Rolle für das Überleben unserer Erinnerungen. Es gibt Studien (Öffnet in neuem Fenster), die zeigen, dass die Art und Weise, wie wir über unsere Vergangenheit sprechen, mitbestimmt, was davon bleibt. Mütter mit einem elaborativen Erzählstil, die viele Details abfragen und Raum für die Perspektive des Kindes lassen, können ihren Kindern dabei helfen, die Nebelwand der Amnesie zurückzudrängen.
Besonders wirkungsvoll sind dabei sogenannte Deflections, also Gesprächswendungen, die den Ball gezielt an das Kind zurückspielen und es einladen, eigene Details zur Geschichte beizutragen. Eine Längsschnittstudie (Öffnet in neuem Fenster) zeigt aber die unerbittliche Natur der Zeit: Während Kinder im Alter von fünf bis sieben Jahren noch über sechzig Prozent der Ereignisse aus ihrem dritten Lebensjahr abrufen können, fällt diese Quote bei Acht- und Neunjährigen schon auf unter vierzig Prozent. Das Gehirn räumt sein Archiv auf, während wir wachsen.
Was macht eigentlich der Hippocampus, wenn wir ein Baby sind?
Natürlich hat man sich bei all den Forschungen der letzten 100 Jahre (ja, so lange geht man der Frage mindestens schon nach) auch auf die Suche nach neurobiologischen Gründen gemacht. Eine zentrale Rolle spielt dabei, selbstredend, der Hippocampus. Hier werden Erlebnisse in dauerhafte Spuren verwandelt. Und das scheint ja bei Babys und Kleinkindern noch nicht so richtig zu funktionieren.
Untersuchungen an Ratten zeigen (Öffnet in neuem Fenster), dass Tiere am 17. Lebenstag zwar lernen konnten, wo sich Objekte befanden, diese Information jedoch nach nur zwei Stunden wieder vollständig vergessen hatten. Die armen Ratten. Erst am 24. Lebenstag war das Gehirn weit genug entwickelt, um Informationen langfristig zu speichern.
Der Hippocampus scheint eine kritische Phase zu durchlaufen, eine Zeit extremer Formbarkeit, in der Erfahrungen das System erst für die Zukunft kalibrieren. Ein zentraler Akteur in diesem Prozess ist das Protein BDNF, der Brain-derived neurotrophic factor, den man sich wie einen unermüdlichen Gärtner oder einen biologischen Treibstoff vorstellen kann, der die Verbindungen zwischen den Nervenzellen pflegt und festigt.
In Experimenten führte eine Injektion von BDNF bei jungen Ratten dazu, dass sie sich plötzlich doch langfristig erinnerten, was zeigt, dass die Hardware eigentlich bereit war, aber der nötige biologische Impuls fehlte.
Jetzt sind wir Menschen, wie ich hier schon öfter richtiggestellt habe, keine Ratten. Aber diese Reifung des Hippocampus scheint auch bei uns eine entscheidende Rolle zu spielen. Menschen kommen ja mit einem vergleichsweise unreifen Gehirn auf die Welt. Das ist nicht schlecht, im Gegenteil: Es macht uns extrem anpassungsfähig. Wir können uns in sehr unterschiedliche Umwelten reinlernen. Aber dieser Vorteil hat eine Nebenwirkung. Gerade am Anfang ist das Gehirn massiv im Umbau. Und der dauert nicht wie bei Ratten Tage, sondern Jahre.
Kommen wir irgendwie an unsere verschütteten ersten Erinnerungen ran?
Aber sind die Infos über unsere ersten Erlebnisse noch irgendwo im Gehirn abgelegt und wir kommen nur nicht mehr dran? Oder wurden sie damals gar nicht richtig gespeichert?
Beides ist denkbar. Aber es gibt ziemlich gute Hinweise (Öffnet in neuem Fenster) darauf, dass zumindest ein Teil dieser frühen Spuren noch existiert – nur eben nicht abrufbar ist. Als läge da unten im Keller noch ein Karton mit Fotos, aber du hast den Schlüssel zur Kellertür verlegt.
Kann man so frühe Erinnerungen also bewusst hervorrufen?