Zum Hauptinhalt springen

Wie funktionieren Abnehmspritzen?

Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht es um die Dubai-Schokolade der Hirnforschung.

Vor zehn Jahren wäre das noch Science Fiction gewesen: Man spritzt sich ein Mittel und nimmt ab. Genial. 

Okay, ganz so science-fiction-mäßig wäre das eigentlich nicht gewesen. Abnehmspritzen sind keine neue Zauberei aus der TikTok-Ära. Ihre Geschichte beginnt in der Diabetesmedizin: Seit Mitte der 2000er-Jahre werden GLP-1-Medikamente eingesetzt, um den Blutzucker bei Typ-2-Diabetes zu regulieren. Dass viele Patient:innen dabei auch Gewicht verlieren, war früh bekannt. 

Vor zehn Jahren gab es mit Liraglutid sogar schon eine zugelassene Spritze zur Gewichtskontrolle. Neu ist also nicht die Idee, sich ein Medikament zu spritzen und abzunehmen. Neu ist die stärkere Wirksamkeit der jüngeren Wirkstoffe – und dass Medikamente wie Ozempic, Wegovy oder Mounjaro aus der Facharztpraxis heraus in Alltagsgespräche, Feeds und Körperbilder gewandert sind.

Das Versprechen der Medikamente ist groß

Abnehmspritzen stehen für die Hoffnung, dass Abnehmen nicht mehr nur eine Frage von Disziplin, Kalorienzählen und Durchhalten (also Willenskraft) ist, sondern auch von Biologie. Das Versprechen dieser Medikamente ist groß: weniger Hunger, schneller satt, weniger Essen, weniger Heißhunger. In Studien (Öffnet in neuem Fenster) verloren Erwachsene mit Wegovy – einem der Mittel – nach 68 Wochen im Schnitt etwa 15 Prozent ihres Körpergewichts, bei Tirzepatid waren es in einer großen Studie nach 72 Wochen je nach Dosis etwa 15 bis 21 Prozent.

Und der Hype lässt sich auch in Zahlen sehen. In Deutschland ist schwer zu sagen, wie viele Menschen die Medikamente tatsächlich nur zum Abnehmen nutzen, weil Abnehmmittel in der gesetzlichen Krankenversicherung grundsätzlich ausgeschlossen sind und viele Verordnungen privat laufen. Zugelassen sind diese Mittel zur Behandlung von Adipositas oder Übergewicht mit Begleiterkrankungen, nicht als kosmetische Spritze für fünf Kilo weniger.

Ein Ziel der Spritzen: das Gehirn

Für GLP-1-Therapien bei gesetzlich Versicherten mit Diabetes zeigen BARMER-Daten (Öffnet in neuem Fenster) aber einen deutlichen Anstieg: von rund 260.000 Menschen Anfang 2020 auf rund 550.000 Ende 2024. In den USA gaben in einer KFF-Umfrage (Öffnet in neuem Fenster) Ende 2025 bereits 12 Prozent der Erwachsenen an, aktuell ein GLP-1-Medikament wie Ozempic oder Wegovy zu nehmen: zum Abnehmen, gegen Diabetes oder wegen anderer Erkrankungen. 

Das würde ich aber hier nicht thematisieren, wenn der Fokus dieser Abnehmspritzen nur im Bauch liegen würde. Er liegt unter anderem im Gehirn. Die Medikamente greifen in Systeme ein, mit denen Gehirn und Körper Hunger, Sättigung, Belohnung und Essverhalten regulieren. Wie kann eine Spritze dafür sorgen, dass Essen plötzlich weniger zieht? Schauen wir es uns an. 

Vorab ein Disclaimer: Ich bin kein Mediziner und dieser Newsletter ist kein Ersatz für ärztlichen Rat. Mich interessiert, wie die Medikamente im Gehirn wirken sollen. Welche Nebenwirkungen es gibt, ob die Spritzen generell sinnvoll sind oder nicht – das mache ich heute alles nicht zum Thema.

Ein künstliches Signal: „Es kommt Energie an, wir können aufhören zu essen“

Die meisten Abnehmspritzen enthalten sogenannte GLP-1-Rezeptor-Agonisten. GLP-1 ist ein natürliches Hormon, das dein Darm normalerweise selbst produziert, wenn du isst. Es signalisiert dem Körper: „Es kommt Energie an, wir können aufhören zu essen.“ Ein Agonist ist ein Stoff, der eine ähnliche Wirkung wie das natürliche Hormon hat, aber oft stärker oder länger wirkt. 

Semaglutid ist eine künstliche Version dieses Hormons, die so verändert wurde, dass sie im Körper viel länger stabil bleibt (über eine Woche statt nur wenige Minuten). Wichtig: Mounjaro enthält nicht Semaglutid, sondern Tirzepatid. Das ist ein sogenannter Dual-Agonist: ein Wirkstoff, der zwei Andockstellen aktiviert – den GLP-1-Rezeptor und den GIP-Rezeptor (Glucose-dependent insulinotropic polypeptide). Das ist ein weiteres Hormon, das die Insulinsekretion verstärkt und ebenfalls das Sättigungsgefühl beeinflusst

Zeichnen wir den Weg der Abnehmspritzen mal Schritt für Schritt grob nach:

Schritt 1: Die Injektion und der Weg ins Blut

Der Wirkstoff wird unter die Haut gespritzt, meist in den Bauch oder Oberschenkel. Von dort gelangt er langsam und gleichmäßig in deine Blutbahn und verteilt sich im gesamten Körper.

Schritt 2: Die Schleichwege ins Gehirn

Ein zentrales Ziel für die Gewichtsabnahme ist das Gehirn, genauer: Netzwerke, die Hunger, Sättigung und Essensreize bewerten. Normalerweise schützt die Blut-Hirn-Schranke (eine Art enorm wählerischer Türsteher) das Gehirn vor Stoffen aus dem Blut, viele kommen gar nicht erst hinein. Die Mittel erreichen vor allem einige offizielle Seiteneingänge dieser Schranke: Hirnregionen, in denen die Blutgefäße durchlässiger sind, weil das Gehirn dort ohnehin Körpersignale aus dem Blut überwacht, die sogenannten zirkumventrikulären Organe. 

Schritt 3: Hunger dämpfen und Sättigung verstärken

Wenn der Wirkstoff an seine Andockstellen (die GLP-1-Rezeptoren) im Gehirn bindet, passieren zwei Dinge:

  1. Frühere Sättigung: Er aktiviert Nervenzellen im Hinterhirn (besonders im sogenannten Nucleus tractus solitarius oder NTS), die dem Körper melden: „Du bist satt“.

  2. Längeres Sättigungsgefühl: Er beeinflusst den Hypothalamus (die Steuerzentrale für Energie), sodass du zwischen den Mahlzeiten seltener Hunger bekommst. In Studien führte dies dazu, dass Versuchstiere deutlich weniger aßen und die Abstände zwischen den Mahlzeiten größer wurden.

Schritt 4: Den Heißhunger und die Lust auf Belohnung dämpfen

Hier geht es nicht um den Hunger aus Energiemangel, sondern um den Appetit aus Lust (z. B. auf Schokolade oder Chips). Der Wirkstoff beeinflusst das Belohnungssystem im Gehirn. Bildgebungs- und experimentelle Studien deuten darauf hin, dass GLP-1-Medikamente Hirnareale beeinflussen, die mit Appetit, Belohnung und Essensreizen zu tun haben, etwa Insula, Amygdala, orbitofrontaler Cortex und Putamen. Die Evidenz wächst, aber viele Details sind noch nicht endgültig geklärt. Sie scheinen so aber das sogenannte Food Noise zu reduzieren – also die ständigen Gedanken an Essen. 

Studien zeigen, dass das Verlangen nach besonders kalorienreichen, schmackhaften Lebensmitteln dadurch nachlässt. Das Gehirn bewertet manche Essensreize dann offenbar weniger stark. Die Chips schreien nicht mehr ganz so laut, weil der Belohnungseffekt durch Essen gedämpft wird.

Schritt 5: Warum das beim Jo-Jo-Effekt helfen kann

0 Kommentare

Möchtest du den ersten Kommentar schreiben?
Werde Mitglied von Das Leben des Brain und starte die Unterhaltung.
Mitglied werden