
Ich gestehe: Ich sammle. Nicht Gold, nicht Diamanten, nicht Porzellanfiguren. Nein – ich sammle Steine. Kühlschrankmagnete und Lesezeichen ebenfalls, versteht sich, doch die Steine sind mein eigentliches Kryptonit.
Egal wohin ich reise – einer muss mit. Mal kantig, mal glatt, schimmernd oder matt, warm von der Sonne oder kühl vom Regen. Am liebsten finde ich sie dort, wo sie mir begegnen dürfen: auf einem Bergpfad, am Strand, am Wegesrand oder im Gelände. Nie dort, wo es verboten ist – denn nicht jedes Land sieht es mit Humor, wenn man seine Geologie als Souvenir deklariert. Dann muss ein Magnet genügen.
Ich halte meinen Fund in der Hand und frage mich: Was hat dieses unscheinbare Stück Welt nicht schon alles gesehen?
Denn Steine sind Chronisten ohne Worte. Sie sind das sedimentierte Gedächtnis der Erde. Sedimentgesteine erzählen von urzeitlichen Meeren, die längst verdunstet sind, von Schalen winziger Wesen, die sich zu Schicht um Schicht türmten. Magmatische Gesteine tragen den Pulsschlag des Erdinneren, geboren aus glutflüssiger Tiefe, erstarrt in dramatischer Sekunde. Metamorphe Gesteine sind wahre Alchemisten – sie verwandeln sich unter Druck und Hitze, ohne jemals ihre Identität ganz zu verlieren.
Und all dies stammt aus einer Welt, die 4,54 Milliarden Jahre zählt. Ein Zeitmaß, das so unermesslich ist, dass selbst unsere größten Kathedralen wie kurzatmige Skizzen wirken. Ich – winziges Menschlein – trage also nichts Geringeres als ein Archiv der Schöpfung in meiner Tasche nach Hause.