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Geduld. Oder: Die Kunst, ein Wort zu hassen, das alle so gerne verschenken

Es gibt Sätze, die werden mit einer solchen Selbstverständlichkeit ausgesprochen, dass man fast geneigt ist, ihnen eine gewisse Unschuld zu unterstellen.

„Hab einfach noch ein bisschen Geduld.“

Ein Satz, leicht hingeworfen wie ein gut gemeinter Schal über die Schultern eines frierenden Menschen – nur dass dieser Schal in Wahrheit aus grobem Jutegewebe besteht und latent kratzt.

Ich habe mich kürzlich dabei ertappt, genau diesen Satz selbst zu sagen.

Zu jemandem, der – wie ich – mit einem Cochlea-Implantat lebt.

Zu jemandem, der sich durch diesen zähen, mitunter unerquicklich langwierigen Prozess des Hörens, Verstehens, Einordnens bewegt.

Ich sagte also, mit jener fast schon routinierten Milde:

„Hab Geduld.“

Und bekam zur Antwort:

„Ich habe ja keine Wahl.“

Ein Satz, der nicht laut war. Nicht anklagend.

Und doch von einer fast schon unverschämt präzisen Wahrhaftigkeit.

Denn ja.

Genau das ist der Punkt.

Wir haben keine Wahl.

Und an dieser Stelle beginnt das leise Knirschen in meinem eigenen Inneren.

Ein Geräusch, das verdächtig nach kleinen scharfen Zähnen klingt – das Wiesel ist wach.

Kapitel I: Das Wiesel und die semantische Zumutung

Mein inneres Wiesel ist, um es vorsichtig zu formulieren, kein großer Freund der Geduld.

Es ist kein kontemplatives Wesen. Es sitzt nicht in stiller Andacht auf einem moosbewachsenen Stein und reflektiert über die Langsamkeit des Seins.

Nein.

Es nagt.

Am Tischbein.

An Möbelkanten.

Mit einer Hingabe, die irgendwo zwischen Protest und Verzweiflung oszilliert.

Allein das Wort Geduld hat eine bemerkenswerte Wirkung auf dieses Tier.

Das Fell sträubt sich in einer Geschwindigkeit, die physikalisch vermutlich noch nicht hinreichend erforscht ist.

Die Augen verengen sich.

Ein leises, aber sehr bestimmtes inneres Knurren setzt ein.

Geduld ist für das Wiesel keine Tugend.

Es ist ein Affront.

Ein sprachlicher Versuch, etwas Unverhandelbares in eine moralische Kategorie zu pressen.

Kapitel II: Die Büffelin und ihr aussichtsloser Feldzug

Nun wäre ich nicht ich, hätte ich nicht ein Gegengewicht installiert.

Die Büffelin.

Sie ist das, was man gemeinhin als stabil bezeichnen würde.

Ein Wesen von stoischer Gravitas, ausgestattet mit einer beneidenswerten Fähigkeit zur Erdung.

Wenn das Wiesel hyperventiliert, tritt sie auf den Plan.

Langsam.

Bedächtig.

Mit einem Blick, der sagt: Wir schaffen das.

Sie bemüht sich. Wirklich.

Mit einer Ernsthaftigkeit, die fast schon rührend ist, versucht sie, Ordnung in das Chaos zu bringen.

Sie denkt in größeren Zeiträumen.

In Prozessen.

In Entwicklung.

Sie weiß – und hier liegt ihre tragische Größe – dass es dauert.

Und doch:

Selbst sie, diese Inkarnation ruhiger Beharrlichkeit, stößt an Grenzen.

Denn was hier verlangt wird, ist nicht bloß Gelassenheit.

Es ist das Aushalten eines Zustands, der sich der unmittelbaren Beeinflussung entzieht.

Ein permanentes Dazwischen.

Ein fortwährendes Nicht-ganz.

Kapitel III: Geduld als rhetorische Verlegenheitslösung

Was mich zunehmend irritiert – nein, mehr noch: was mich in eine subtile Form des inneren Widerstands treibt – ist die Leichtigkeit, mit der dieses Wort verwendet wird.

Geduld.

Es wird ausgesprochen, als handle es sich um eine Ressource, die man nach Belieben aktivieren kann.

Wie eine App.

Geduld.exe – bitte jetzt starten.

Dabei ist die Realität eine andere.

Was wir hier erleben, ist kein simples Warten.

Es ist ein hochkomplexer Anpassungsprozess.

Ein permanentes Rekonstruieren von Welt.

Ein Zusammensetzen von Fragmenten.

Ein Interpretieren, ein Konfabulieren, ein tastendes Annähern an etwas, das früher selbstverständlich war.

Und währenddessen:

die Erwartung, dies alles bitte mit einer gewissen Anmut zu tun.

Mit Geduld.

Kapitel IV: Die Ironie der Selbstadressierung

Und dann dieser Moment.

Dieser eine, kleine, fast unscheinbare Moment, in dem ich selbst zur Überbringerin dieses Satzes werde.

„Hab Geduld.“

Ich höre mich das sagen – und es ist, als würde ich mir selbst beim Konfabulieren zusehen.

Als würde ich eine Rolle spielen, die ich in ihrer Gänze durchschaut habe und dennoch reproduziere.

Welch exquisite Ironie.

Ich, die weiß, dass Geduld genau dann am wenigsten verfügbar ist, wenn man sie am dringendsten benötigt.

Ich, deren Wiesel bereits bei der bloßen Erwähnung dieses Begriffs einen inneren Aufstand probt.

Ich, die erlebt, wie sehr sich Prozesse ziehen können, wie sie sich dehnen, wie sie sich dem Zugriff entziehen.

Und dennoch sage ich es.

Vielleicht, weil es kein besseres Wort gibt.

Vielleicht, weil Sprache an dieser Stelle kapituliert.

Vielleicht, weil wir alle versuchen, etwas Unkontrollierbares in eine Form zu bringen, die zumindest halbwegs tröstlich klingt.

Kapitel V: Es ist keine Tugend. Es ist Zeit.

Und vielleicht – ganz vorsichtig, fast tastend formuliert – liegt hier der entscheidende Perspektivwechsel:

Es geht nicht um Geduld.

Es geht um Zeit.

Zeit, die vergeht, unabhängig davon, wie wir sie bewerten.

Zeit, die arbeitet, auch dann, wenn wir das Gefühl

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