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„Aber gestern ging’s doch…“ – Über die Rechtfertigungsfalle, den Verdacht und das unverschämte Glück guter Stunden

„Aber gestern hast du doch noch dies und jenes gemacht – da ging es dir anscheinend gut genug.“

Man muss diesem Satz zugutehalten: Er kommt selten mit roter Warnleuchte. Er erscheint nicht als offensichtliche Aggression, eher als eine scheinbar rationale Beobachtung – geschniegelt, geschniegelt im Tonfall, geschniegelt in der Logik, geschniegelt bis zur Unkenntlichkeit dessen, was er tatsächlich ist: eine subtile Delegitimierung. Ein kleines, höflich lackiertes Skalpell, das man dir in die Rippen schiebt, während man noch lächelt, als wäre das hier ein Gespräch unter zivilisierten Erwachsenen und nicht die spontane Einberufung eines Gerichtsverfahrens.

Und zack: du stehst da. Nicht als Mensch, sondern als Beweismittel.

Denn dieser Satz ist nie einfach ein Satz. Er ist ein Narrativ in Reinform. Er ist eine implizite Theorie über dich – und über Krankheit – die so bequem ist, dass sie sich in viele Köpfe nahezu selbst einrichtet, wie ein teures Sofa:

Wenn du gestern konntest, kannst du heute auch.

Wenn du heute nicht kannst, willst du nicht.

Wenn du nicht willst, bist du bequem.

Wenn du bequem bist, manipuliert du.

Wenn du manipulierst, bist du moralisch fragwürdig.

Und wenn du moralisch fragwürdig bist, darf man dich belehren, drängen, maßregeln – und sich dabei selbst noch für erstaunlich empathisch halten.

Willkommen im Club der chronisch Kranken: Wir sind nicht nur krank. Wir sind außerdem regelmäßig Projektionsfläche. Für Erwartungen. Für Kontrollbedürfnisse. Für die stille Panik anderer Menschen, dass das Leben vielleicht doch nicht vollständig planbar ist – und dass Körper manchmal nicht kooperieren, obwohl man ihnen freundlich erklärt, dass es gerade unpraktisch wäre.

1) Die unsichtbare Krankheit und die sichtbare Unterstellung

Chronische Erkrankung ist oft unsichtbar. Und das Unsichtbare hat in unserer Kultur ein Imageproblem: Was man nicht sieht, lässt sich leichter bezweifeln. Was sich nicht messen lässt, wird gern als „Befindlichkeit“ delegiert. Was sich nicht in Zahlen, Diagramme und klare Ablaufpläne pressen lässt, wirkt auf manche Menschen wie eine persönliche Kränkung.

Und dann kommt er: der Satz.

Er wirkt wie eine Art sozialer Leistungstest. Nicht medizinisch – sozial. Er prüft nicht deine Symptome, sondern deine Glaubwürdigkeit. Er sagt: Zeig mir eine Krankheit, die in mein Weltbild passt. Und wenn du diese Krankheit nicht liefern kannst – weil du eben nicht täglich identisch leidest, nicht immer gleich erschöpft bist, nicht jeden Morgen mit derselben Dramaturgie zusammenbrichst – dann wird aus deiner komplexen Realität ein Verdachtsmoment.

Das ist nicht nur verletzend. Es ist existenziell entwertend.

Denn die Unterstellung, man würde „Rosinen picken“, ist nicht einfach ein missglückter Kommentar. Sie ist ein Angriff auf die Integrität. Sie unterstellt Absicht, wo in Wahrheit Notwendigkeit ist. Sie etikettiert Selbstschutz als Taktik. Sie macht Grenzen zu einem moralischen Problem.

Und das ist perfide, weil es dich in eine Position zwingt, die du weder gewählt hast noch gewinnen kannst: die Rolle der Angeklagten.

2) Die Rechtfertigungsfalle: Ein Labyrinth ohne Ausgang

Hier kommt die eigentliche Grausamkeit: Der Satz „Gestern ging’s doch“ ist ein Köder. Er lockt dich in die Rechtfertigungsfalle – und die hat keine Tür nach draußen.

Wenn du beginnst, dich zu erklären, betrittst du ein Labyrinth, dessen Wände aus fremden Maßstäben gebaut sind. Du erklärst deine Tagesform, deine Schwankungen, deine Erschöpfungskurven, deine Schmerzspitzen, deine kognitive Ermüdung, dein Nervensystem, deine Reizverarbeitung, deine Medikation, deinen Schlaf, deinen Stress, deinen Körper.

Und während du erklärst, merkst du: Es geht nicht um Verstehen. Es geht um Kontrolle. Es geht um das trügerische Bedürfnis des Gegenübers, eine eindeutige, lineare Welt zu erzwingen, in der jeder Zustand eine klare Ursache und ein verlässliches Muster hat. In der man die Realität sortieren kann wie Aktenordner.

Aber chronische Krankheit ist kein Aktenordner. Sie ist eher ein… sagen wir: ein wildes Archiv, in dem manchmal jemand nachts die Beschriftungen austauscht.

Du kannst dich also rechtfertigen – und wirst dennoch nicht freigesprochen.

Denn die Rechtfertigung wird als Bestätigung gelesen:

„Aha, sie erklärt sich. Da muss ja was dran sein.“

Und wenn du dich nicht rechtfertigst, gilt es ebenso als Bestätigung:

„Aha, sie erklärt sich nicht. Also hat sie keine Argumente.“

Das ist die klassische Doppelbindung: Egal was du tust, du verlierst. Die Rechtfertigungsfalle ist ein System, das sich selbst füttert.

Darum ist eine der radikalsten Formen von Selbstachtung manchmal dies: keine Rechtfertigung.

Nicht, weil man trotzig sein will. Sondern weil man begreift: Dieses Gespräch ist nicht auf Verständnis angelegt. Es ist auf Bewertung angelegt.

3) Das unverschämte Glück guter Stunden

Und jetzt – jetzt kommt die Stelle, an der ich es wirklich sagen will, laut und ohne Entschuldigung:

Gute Stunden sind kein Betrug.

Sie sind kein Beweis gegen Krankheit.

Sie sind ein Geschenk innerhalb der Krankheit.

Wenn es geht, dann geht es. Und wenn es geht, dann ist es Genuss pur. Dann ist es ein seltenes, kostbares Stück Normalität – nicht als Norm, sondern als Moment. Dann ist da dieses kleine, rebellische Aufatmen: Oh! Heute kann ich!

Und was passiert dann?

Dann will man leben, als würde man etwas aufholen. Man will erledigen, erleben, bewegen, organisieren, lachen, fahren, gehen, tragen, räumen, planen – manchmal mit einer Dringlichkeit, die Außenstehende für „Übertreibung“ halten.

Dabei ist es oft etwas anderes: eine Art existenzielle Ökonomie.

Wenn Energie da ist, nutzt man sie.

Nicht aus Gier, sondern aus Vernunft.

Nicht aus „Rosinenpicken“, sondern weil man gelernt hat, dass das Fenster sich jederzeit schließen kann.

Es ist wie Sonne im November: Du stellst dich nicht daneben und sagst, „Ach, heute bleib ich drin, vielleicht kommt sie morgen wieder zuverlässiger.“ Nein. Du gehst raus. Du drehst das Gesicht hin. Du nimmst alles mit.

Und genau das ist die Tragik: Der Moment, der eigentlich Freude sein sollte, wird von außen moralisiert. Als wäre Glück ein Indiz, dass du vorher übertrieben hast. Als wäre Lachen ein Widerspruch zu Schmerz. Als wäre Lebenshunger ein Zeichen von Unaufrichtigkeit.

Dabei ist es schlicht: Wer oft verzichten muss, liebt die Möglichkeit umso mehr.

4) „Du bist inkonsequent“ – Nein, mein Körper ist komplex

Das Problem ist: Viele Menschen lieben Kohärenz. Sie wollen, dass Dinge zusammenpassen. Krankheit soll „sich verhalten“. Sie soll stabil sein. Messbar. Wiederholbar. Idealerweise auf Knopfdruck.

Aber chronische Erkrankung ist häufig ein dynamisches System. Es gibt Trigger, Schwellen, Verzögerungen, Nachwirkungen. Es gibt Tage, an denen man morgens aufsteht und glaubt, es sei okay – und mittags fällt der Körper in sich zusammen, als hätte jemand die Sicherung rausgedreht. Es gibt Tage, an denen man „funktioniert“, weil man muss – und dann dafür bezahlt, später. Es gibt Kompensationsmechanismen, die von außen aussehen wie Stärke, aber innen schlicht Überlebenskunst sind.

Und dann kommt wieder jemand mit dem Satz, der so banal klingt und so zerstörerisch wirkt:

„Gestern ging’s doch.“

Ja. Gestern ging’s. Und heute nicht.

Das ist kein Charakterfehler.

Das ist der Zustand.

5) Das Wiesel – mein innerer Chronist der Absurditäten

Und hier muss ich mein inneres Wiesel zu Wort kommen lassen, dieses spitzfindige, sarkastische Wesen, das in mir wohnt und gesellschaftliche Absurditäten wittern kann, bevor sie ausgesprochen sind.

Das Wiesel sitzt dann auf meiner Schulter, putzt sich demonstrativ die Schnurrhaare und flüstert, wenn jemand „Gestern ging’s doch“ sagt:

„Ah, interessant. Gestern ging also der Haushalt, toll. Wunderbar. Dann ist die Diagnose hiermit offiziell aufgehoben.

Wollen wir das auch gleich der Krankenkasse faxen? Jetzt wo du uns unterwegs lachen hast sehen …. Sicher ist sicher….

Oder reicht es, wenn ich ein Foto mache, wie sie gestern ihren Einkauf getragen hat – als wissenschaftliche Evidenz?“

Und wenn ich dann, höflich und müde, versuche zu erklären, hebt das Wiesel eine Augenbraue:

„Nein, nein. Erklär du mal schön.

Erkläre den Verlauf.

Erkläre das Nervensystem.

Erkläre die Fatigue.

Erkläre, warum der Körper kein Uhrwerk ist.

Erkläre alles so lange, bis du selbst nicht mehr weißt, wer du bist: Mensch oder PowerPoint.“

Das Wiesel hat recht – und leider auch zu viel Erfahrung. Klappe halten - oft die einzige Lösung.

6) Ein anderes Prinzip: Würde statt Beweisführung

Was ich mir wünsche, ist nicht Mitleid. Nicht Sonderbehandlung. Nicht die große, rührselige Bühne.

Ich wünsche mir etwas viel Einfacheres – und zugleich viel Revolutionäreres: Glauben.

Dass man mir meine Realität lässt.

Dass man akzeptiert, dass ich keine Erlaubnis brauche, Grenzen zu setzen.

Dass man begreift, dass ich nicht „mal eben“ erkläre, um beruhigend zu wirken, damit andere sich wieder sicher fühlen.

Denn das ist oft der Kern: Rechtfertigungen dienen selten dem chronisch kranken Menschen. Sie dienen der Beruhigung der anderen. Dem Wiederaufbau ihrer Ordnung.

Aber meine Würde ist keine Dienstleistung.

Darum: keine Rechtfertigung. Nicht als Trotz, sondern als Selbstschutz. Nicht als Angriff, sondern als klare Linie:

Ich bin nicht verpflichtet, mein Leiden zu beweisen, um Respekt zu verdienen.

7) Und wenn es geht: dann lebe ich. Punkt.

Und ja: Wenn es geht, dann ist da Genuss. Glück. Lebenshunger. Manchmal ein fast übermütiges „Jetzt erst recht“. Manchmal der Drang, möglichst viel zu erledigen, als würde man das Leben nachholen, das einem an anderen Tagen entgleitet.

Das ist nicht „Rosinenpicken“.

Das ist Überlebensintelligenz.

Das ist die Fähigkeit, das Licht zu nutzen, wenn es da ist.

Und vielleicht ist das die letzte, feine Pointe dieser ganzen Absurdität:

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