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Nur eine Frau

Dann auch noch taub. Bestimmt psychisch. Der Nächste bitte.

Es gibt Texte, die schreibt man nicht aus literarischem Ehrgeiz.

Man schreibt sie, weil das Schweigen sonst zu laut wird.

Dieser Text ist so einer.

Er entsteht aus weit, weit, über einem Jahr medizinischer Zirkularität, aus wiederholten Schüben, aus bleibenden Einschränkungen – und aus der Erfahrung, dass ein System, das sich selbst für rational hält, erstaunlich schnell irrational wird, sobald es komplex wird.

Oder weiblich.

Oder behindert.

Oder beides.

Der Kreisel

Ich nenne es den Kreisel, weil es keine andere Metapher gibt, die diese Form der Bewegung ohne Fortschritt treffender beschreibt.

Symptome sind da. Seit Jahren. Aber stabil. Vor einem Jahr eine Verschlechterung….

Diese Symptome sind nicht subtil, nicht eingebildet, nicht flüchtig.

Sie beeinträchtigen meinen Alltag. Meine Mobilität. Meine Sicherheit.

Seit über einem Jahr.

Seit einem weiteren Schub, der vieles verschlechtert hat. Dauerhaft.

Der erste Satz fällt früh:

Ohne MRT kann ich nichts machen.

Gesagt vom Neurologen.

Sachlich. Unaufgeregt. Fast bedauernd.

Die Symptome?

Kommen bestimmt vom Rücken.

Bitte Orthopädie.

Der Rücken als Platzhalter

Der Orthopäde ist gründlich. Und ehrlich.

Der Rücken ist in Ordnung.

Orthopädisch findet sich nichts.

Um diese Symptomatik zu erklären, müssten sieben bis acht Bandscheibenvorfälle gleichzeitig vorliegen.

Ich habe keinen einzigen.

Zurück.

Zuständigkeit auf Wanderschaft

Der Neurologe denkt nach.

Nicht über Ursachen – über Zuständigkeiten.

Dann eben Hautarzt.

Der schaut.

Findet nichts.

Bestätigt: alles in Ordnung.

Die Haut ist unschuldig.

Technik als Projektionsfläche

Dann die nächste Idee:

Die Cochlea-Implantate.

Immerhin: OP.

Am Kopf.

Und wo der Kopf ist, da ist – in medizinischer Mythologie – schnell das Gehirn.

„Das ist ja eine OP am Gehirn.“ (wurde tatsächlich so gesagt)

Ein Satz, der sich wissenschaftlich nicht halten lässt, aber erstaunlich oft ausgesprochen wird.

Die CI-Klinik misst.

Testet.

Justiert.

Überprüft alles, was überprüfbar ist. Ach ja, fun fact: Keine OP am Gehirn.

Ergebnis:

Keine Auffälligkeit.

Keine Erklärung. Alles in bester Ordnung, sämtliche Parameter tip top

Notaufnahme: der Ort der Wünsche

Zwischendurch: Notaufnahme.

Dringend kommen, hieß es.

Dort dann die Frage:

Was wünschen Sie sich von uns?

Eine Diagnose?

Eine Einschätzung?

Eine Intervention? Oder vielleicht ein Schnitzel mit Pommes?

Ohne MRT – leider – nicht möglich.

Der Kreis schließt sich

Zurück zum Neurologen.

Kommen Sie wieder, wenn wir ein MRT machen können.

Der Satz beendet kein Gespräch.

Er vertagt ein Leben.

Und dann kommt sie: Die letzte Schublade

Wenn alle organischen Erklärungen versagen, wenn jede Fachrichtung einmal dran war und niemand zuständig bleiben möchte, öffnet sich zuverlässig die letzte Lade:

Psychisch.

Neurologe.

Hausarzt.

Der Ton wird weich.

Fast fürsorglich.

„Ganz klar psychisch.“

„So eine Ertaubung steckt ja keiner so gut weg.“

Ein Satz, der nicht fragt, sondern festlegt.

Ein Satz, der mehr über gesellschaftliche Vorstellungen verrät als über meinen Zustand.

Denn was hier mitschwingt, ist nicht Analyse – sondern Annahme.

Nur eine Frau.

Dann auch noch taub.

Natürlich psychisch.

Diese Diagnose ist bequem.

Sie entlastet.

Sie verlangt keine weitere Abklärung.

Sie verschiebt Verantwortung dorthin, wo sie sich elegant entzieht.

Die Gegenrede

Ich gehe zum Psychologen.

Zum Therapeuten.

Zu jenen Menschen, deren Profession es tatsächlich ist, psychische Prozesse zu erkennen und einzuordnen.

Die Antwort ist eindeutig.

„Psychisch? Nein. Ganz klar nein.“

Und dann dieser Satz, der wie ein Schlaglicht wirkt:

„Wenn Ärztinnen und Ärzte nicht weiter wissen, ist das die bequemste Vermutung –und eine Zumutung für unseren Berufsstand.“

Hier wird etwas benannt, das selten so offen ausgesprochen wird:

Psychologisierung als medizinischer Notausgang.

Nicht, weil psychische Erkrankungen trivial wären – sondern weil sie hier missbraucht werden, um Nichtwissen zu kaschieren.

Was diese Psychologisierung wirklich bedeutet

Es bedeutet nicht: Wir haben alles geprüft.

Es bedeutet: Wir wissen nicht weiter.

Und statt das auszuhalten, statt weiterzudenken, weiterzusuchen, wird das Problem verlagert.

Besonders zuverlässig trifft es Menschen mit bestimmten Markern:

weiblich

chronisch krank

behindert

komplex

nicht sofort bildgebend erklärbar

Dann wird aus Unsicherheit eine Diagnose.

Aus Zweifel eine Feststellung.

Aus Medizin eine Erzählung.

Angst ist hier kein Gefühl – sie ist logisch

Ich bin genervt.

Mein inneres Wiesel auch. Es tobt, kratzt, insistiert.

Aber unter der Wut liegt Angst.

Keine diffuse. Keine hysterische.

Eine präzise Angst.

Was, wenn der nächste Schub kommt?

Der dritte. Der vierte.

Was, wenn meine Beine dann nicht mehr sporadisch versagen, sondern dauerhaft?

Was, wenn der Tremor bleibt?

Jetzt – jetzt – könnte man medikamentös eingreifen.

Verzögern. Abmildern. Vielleicht verhindern.

Aber:

Ohne MRT keine gesicherte Diagnose.

Ohne Diagnose keine Medikamente.

Ohne Medikamente keine Prävention.

Der Gipfel der Absurdität: Liquor

Warum keine Liquoruntersuchung?

Antwort: Zu riskant.

Ohne Diagnose.

Vorher bitte ein MRT.

Das ist kein rhetorischer Kunstgriff.

Das ist Realität.

Ein diagnostischer Zirkelschluss, so perfekt geschlossen, dass niemand mehr hinein- oder herauskommt.

Allein gelassen – nicht zufällig

Ich fühle mich: nicht respektiert.

nicht gehört.

nicht gesehen.

nicht ernst genommen.

Nicht, weil jemand böse ist.

Sondern weil niemand zuständig sein will.

Das ist kein individuelles Versagen.

Es ist strukturell.

Systemisch.

Und es trifft nicht zufällig.

Schluss: Sichtbarkeit als Voraussetzung für Würde

Vielleicht ist das Bitterste an diesem Jahr nicht die Erkrankung.

Sondern die Erfahrung, dass man erst beweisbar krank sein muss, um Hilfe zu verdienen.

Dass Prävention nur dann greift, wenn sie zu spät ist.

Dass Vorsorge an Formalien scheitert.

Dass der Körper spricht – und das System sagt: Bitte warten Sie auf das Bild.

Ich bin bereit, mit Ungewissheit zu leben.

Mit Einschränkungen.

Mit Anpassung.

Aber nicht damit, unsichtbar gemacht zu werden, nur weil mein Körper sich nicht rechtzeitig abbilden lässt.

Nachsatz

Dieser Text ist kein Angriff.

Er ist ein Dokument.

Ein Protokoll.

Und eine Zumutung – an ein System, das sich selbst genügt, während Menschen darin allein bleiben

Passt auf euch auf und bleibts xund

Eure Frau Kruemelkuchen

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