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Betonchick = Akustik des Horrors

Betonchic und Designerstille – Warum viele Praxen heute schön, aber nicht hörbar sind

Es ist ein architektonischer Trend, der sich flächendeckend wie eine optisch hochglanzpolierte Epidemie ausbreitet: Betonchic. Kombiniert mit ein paar rustikalen Holzelementen, einer Designerlampe in Messingoptik, einem diffuser Deko-Schriftzug an der Wand („breathe“, „balance“, „smile“) – fertig ist die neue Praxisästhetik, die sich quer durch sämtliche Fachrichtungen zieht. Ob Physiotherapie, Ergotherapie, Zahnarztpraxis oder Radiologie – der Look ist stets derselbe: glatt, reduziert, ästhetisch. Und leider: akustisch desolat.

Denn was man bei all der optischen Kuratierung geflissentlich übergeht, ist jener Umstand, der für viele Menschen – insbesondere für jene mit Hörbehinderung – essenziell ist: akustische Verträglichkeit.

Die Wände reflektieren. Die Böden hallen. Die Stimmen tanzen wie Klanggespenster durch den Raum. Keine Vorhänge, keine Teppiche, keine schallschluckenden Elemente – nichts, was Sprache in ihrer Klarheit bewahrt oder Nebengeräusche dämpft. Der ästhetische Minimalismus entpuppt sich für Menschen mit Cochlea-Implantaten oder Hörgeräten als maximalistischer Reizsturm.

Und so steht man da. Oder sitzt. Wartend. Im akustischen Bermuda-Dreieck aus Brummen, Plätschern, Stimmenwirrwarr und Glastresenreflexionen. Kommunikation wird zum Hochleistungssport. Zur mentalen Expedition über Abgründe aus Nachhall und Unverständnis. Wer versucht, sich über den Tresen hinweg verständlich zu machen, kämpft nicht nur gegen die akustische Umgebung – sondern auch gegen ein System, das Design über Funktionalität stellt.

„Schön soll’s sein.“

Ja. Ist es.

Aber was nützt das schönste Interieur, wenn die Menschen darin einander nicht verstehen?

Ich gestehe: Ich hasse alles an dieser Entwicklung.

Nicht aus Prinzip – sondern aus Erfahrung.

Aus der täglichen Konfrontation mit einer Ästhetik, die exkludiert statt einzuladen. Die visuelle Kohärenz feiert, aber akustische Barrierefreiheit ignoriert. Die Kommunikation zur Herausforderung macht – dort, wo sie selbstverständlich sein müsste.

Es geht hier nicht um Luxus. Sondern um Teilhabe. Um Würde. Um das einfache Recht, sich mitteilen zu können – ohne ständige Wiederholung, ohne peinliches Nachfragen, ohne das diffizile Gefühl, zu stören, weil man nicht „normal“ hört.

Was es bräuchte?

Ein Umdenken. Eine Ästhetik, die nicht nur fürs Auge, sondern auch fürs Ohr gestaltet ist.

Praxisräume, die nicht klingen wie Tiefgaragen mit Deko-Schriftzug.

Therapieumgebungen, die nicht zur Prüfung für das zentrale Nervensystem werden.

Und Architekt*innen, die akustische Inklusion nicht als nachträgliche Fußnote, sondern als konstitutives Prinzip begreifen.

Denn ja: Auch Stille kann laut sein – wenn sie aus Ignoranz erwächst.

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