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Selbstbekenntnis einer, die schreibt, um zu bestehen

Ich bin ein Mensch, der schreibt, weil das Leben sonst zu laut wäre und zugleich zu leise. Weil mein Inneres sich nicht in stummem Aushalten erschöpfen will. Ich schreibe, um zu verstehen, was in mir arbeitet, pulst, nach mir greift. Ich schreibe, um meine eigene innere Topographie zu vermessen — mit allen Abgründen, Aufgipfellungen, Schwindelrändern und jenen überraschenden, fast verschwenderisch abundanten Blütenfeldern, die nur im Rückblick sichtbar werden.

Ich schreibe viel über Freude, verpacke alles in ein Gewand aus Satire und Selbstironie. Heute erzähle ich euch aber über die andere Art zu schreiben.

Ich schreibe über meine Ängste. Nicht, um sie kleiner zu machen oder zu erziehen, sondern um ihnen Form zu geben. Worte sind meine tektonischen Linien: Sobald ich sie ziehe, weiß ich, wo die Erde brüchig ist, wo sie trägt, wo sie mich warnt oder mir den Mut schenkt, weiterzugehen. Ich schreibe über Schmerz, weil Schmerz, der keine Sprache findet, zu schweigen beginnt — und Schweigen ist zuweilen gefährlicher als Wut.

Ich schreibe über meine Verletzungen, diese feinen Haarrisse der Seele, die sich manchmal wie Spalten anfühlen und ein anderes Mal wie zarte Linien, die mich daran erinnern, dass ich kein glattes, industriell gegossenes Wesen bin, sondern ein Mensch voller Geschichte, voller Biografie, voller gelebter Wahrheit. In meinen Worten verhandelt sich nicht die Welt, sondern meine Würde: Ich erkenne mich an, wo andere übersehen, verharmlosen, relativieren.

Ich schreibe über meine Wünsche, über jene fragilen, leisen Hoffnungsschimmer, die nicht laut auftreten und doch wie kleine innere Leuchttürme bleiben. Ich schreibe über sie, damit sie nicht in der Betriebsamkeit des Alltags erodieren.

Jedes Wort, das ich darüber schreibe, ist ein Fingerspitzenkontakt mit dem, was ich ersehe und mich dennoch zu formulieren traue.

Ich schreibe über meine Wut — nicht die zerstörerische, sondern die klare, die assertorische Wut, die sagt: „Hier bin ich. Und ich habe ein Recht, gesehen zu werden.“ Worte sind nicht mein Schlachtfeld. Sie sind mein Territorium der Selbstbehauptung. Wenn ich wütend schreibe, verrohe ich nicht — ich differenziere. Ich entwirre die Knoten, die mir das Herz abschnüren. Ich ordne. Ich erhebe. Ich befreie.

Ich schreibe über Enttäuschungen, weil sie sonst wie kleine Dornen im Innern stecken bleiben würden. Niedergeschrieben verlieren sie die Macht, sich zu entzünden. Sie können brennen, ja, aber sie brennen nur einmal — auf dem Papier. Nicht zehnmal in meinem Herz.

Und ich schreibe Briefe an Menschen, die sie niemals lesen werden.

Briefe, die nicht den Weg in einen Briefkasten finden sollen, sondern den Weg aus meinem Inneren heraus. Sie sind keine Botschaften, sondern Gefäße. Ich lege hineine, was mich bedrängt, was mich erschüttert, was mich unausgesprochen verletzt oder überfordert. Ich schreibe sie nicht, um zu senden, sondern um zu entlasten — mein Herz zu entstauen, meine Gedanken zu entwirren, meine Seele von einem Druck zu befreien, den kein Gespräch der Welt auffangen würde. Diese Briefe sind ein Akt der Selbstachtung: Ich verdichte meine Wahrheit, ohne sie preiszugeben.

Ich schreibe über das, was mich belastet, weil Last, in Sprache verwandelt, tragbar wird.

Und ich schreibe über das, was mich aufleben lässt, weil Freude, erst in Worte gefasst, vollständig zu mir zurückkehrt. Ich schreibe über Glück, über Wärme, über Resonanz, weil diese Momente in ihrer Flüchtigkeit sonst so leicht entgleiten würden. Meine Freude ist niemals kitschig; sie ist elaboriert, bewusst, tief. Ich halte sie wie eine botanische Kostbarkeit fest — nicht für andere, sondern für mich.

Ich schreibe über jene Dinge, die mich fordern, geistig wie emotional, weil meine Gedanken nicht stillstehen wollen. Sie oszillieren, sie elaborieren, sie insistieren — und die Sprache ist das einzige Medium, das ihnen gerecht wird, ohne mich zu überfordern.

Darum schreibe ich.

Unaufhörlich. Radikal ehrlich. Ohne Publikum. Ohne Adressat. Das meiste ist nicht für fremde Augen bestimmt.

Meine Worte gehören mir allein.

Nur mir.

Ich schlucke sie nicht hinunter — ich gebäre sie.

Ich verstecke sie nicht — ich bewahre sie.

Ich verschweige sie nicht — ich schütze sie.

Das Gute lege ich ins Töpfchen, das Schlechte ins Kröpfchen — aber ich lege es dorthin, wo nur ich Zugang habe. Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig über mein Innerstes. Ich bin nicht verpflichtet, mich auszulegen wie ein aufgeschnittenes Buch. Ich schreibe im außertischen Raum meines Selbst, jenseits fremder Erwartungen, jenseits neugieriger Augen, jenseits jeder sozialen Kontrollinstanz.

Ich schreibe nicht, weil ich muss.

Ich schreibe, weil ich sonst nicht atme.

Denn Worte sind mein Kompass, meine Selbstfürsorge, meine innere Audienz. Sie sind meine Heilung, auch wenn sie manchmal zuerst wund machen. Sie sind meine Besänftigung, auch wenn sie mich anfangs aufwühlen. Sie sind meine Selbstklärung, auch wenn sie mich zwingt, hinzusehen.

Es gibt keinen Grund, nicht zu schreiben.

Denn Schreiben ist meine Art zu leben.

Meine Art mich zu sehen, weil mich niemand wahrhaftig sieht.

Meine Art, mich selbst zu halten, wenn niemand sonst es kann.

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