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Essay I: Zwei Welten – Leichtigkeit und Schwebewelt

Es gibt zwei Welten, die nebeneinander existieren – und doch von Grund auf verschieden sind.

Die Welt der “normal” Hörenden

Eure Welt – die der Hörenden – ist erfüllt von Selbstverständlichkeit. Sie lebt von Spontaneität, vom schnellen „Gehen wir noch auf einen Kaffee?“ oder „Lust auf ein Konzert heute Abend?“. Ein kurzer Anruf genügt, und schon ist der Abend geplant. Ein Festivalbesuch, ein improvisierter Ausflug, ein Treffen im Straßencafé – euer Alltag ist von dieser unbeschwerten Beweglichkeit getragen.

Gespräche fließen leicht dahin. Worte wechseln ohne Mühe, ohne Vorbereitung. Ein Nebensatz wird im Vorübergehen verstanden, ein Scherz am Nachbartisch aufgegriffen, das Summen der Hintergrundmusik gar nicht bemerkt. Für euch ist Hören kein Ereignis, sondern Grundrauschen des Lebens.

Meine Welt

Meine Welt sieht anders aus. Auch ich sitze im Café. Aber ich brauche meist Technik, Vorbereitung, damit es funktioniert. Ein spezielles Mikrofon, eine FM-Anlage, die richtige Sitzordnung, ein gut gewählter Platz.

Habe ich diese Hilfsmittel nicht dabei, wird jeder Schluck Cappuccino von höchster Anstrengung begleitet: Nachfragen, Wiederholungen, Lücken, die mein Gehirn füllen muss. Höchste Konzentration, die bald ermüdet.

Während ihr euch treiben lasst, muss ich planen. Ich überlege vorab: Wo setzen wir uns hin? Ist der Platz hell genug, damit ich das Mundbild sehe? Sitzen wir am Rand oder umringt von Menschen? Wie laut ist es? Habe ich die Geräte geladen, vorbereitet, eingepackt? Eure Spontaneität bedeutet für mich manchmal Stress, wenn ich nicht vorsorge.

So zeigt sich der Unterschied: Was für euch mühelos geschieht, verlangt mir Vorbereitung und Energie ab. Ihr springt in die Situation hinein, ich trete bewusst ein – mit bedacht gewählter Strategie. Mit Konzentration und Achtsamkeit.

Konzerte und Begegnungen

Auch ein Konzert erlebe ich. Doch während ihr euch im Klang verliert, wird für mich jeder Takt zu einem Prüfstein. Kommunikation ist fast unmöglich, jede Unterhaltung ein Rätselraten. Ich stehe da, konzentriert, kämpfend, ringe Melodien ab, die ihr einfach empfangt. Wenn es gelingt, ist es ein Erfolg – aber ein Erfolg, der hart erkämpft wurde. (Hier sei erwähnt, dass ich mit Hörlibert, unfassbar gute Erfolge im Musiktraining gemacht habe und Hörmine nun ebenfalls gut aufholt)

Wo ihr euch treiben lasst, navigiere ich. Wo ihr Genuss erlebt, betreibe ich Arbeit. Und wo ihr aus der Leichtigkeit Kraft schöpft, verliere ich sie.

Zwei Signaturen

Euer Leben trägt die Handschrift der Unmittelbarkeit. Meines die der Bedachtsamkeit.

Ihr lebt von Optionen, ich lebe von Entscheidungen.

Ihr habt den Luxus des „Einfach Machens“, ich die Notwendigkeit des „Vorher Prüfens“.

Und doch: Diese Unterschiede bedeuten nicht, dass mein Leben ärmer wäre. Es ist anders. Es ist ein Leben in der Schwebewelt – einer Welt zwischen Klang und Stille, zwischen spontaner Einladung und durchdachter Planung. Kein Raum der reinen Leichtigkeit, aber ein Raum, in dem jeder Erfolg, jede gelungene Begegnung umso wertvoller ist, weil sie nicht selbstverständlich war, sondern errungen. Und vor allem: das bewusste Erleben, das achtsame konzentrierte Genießen und Erarbeiten - erfüllt mich mit unfassbarem Glück. Nichts geschieht nebenbei, nichts verliert an Wert, weil ich abgelenkt bin.

Übergang

Genau hier beginnt das zweite Thema, das mit dem ersten untrennbar verwoben ist. Denn das Leben in zwei Welten, das Leben in einer Schwebewelt, bringt unweigerlich eines mit sich: die Notwendigkeit von Grenzen. Wo Spontaneität nicht selbstverständlich möglich ist, wo jeder Schritt Bedacht erfordert, da wird das Ziehen einer Linie nicht zum Luxus, sondern zur Bedingung, überhaupt handlungsfähig zu bleiben.

Essay II: Grenzen – Würde in Linien

Grenzen gelten in vielen Augen als Einschränkungen. Für mich sind sie das Gegenteil: Sie sind Wegweiser, Rettungsleine, Lebensnotwendigkeit.

Warum ich Grenzen brauche

Mein Leben ist nicht beliebig dehnbar. Arzttermine, Reha-Sitzungen, Therapien, Selbsthilfegruppen – sie alle fordern Zeit, Energie, Aufmerksamkeit. Dazu Seminare zur Fortbildung, die ich besuche oder selbst halte, familiäre Verpflichtungen, organisatorische Aufgaben. Schon der Alltag ist eine Balance zwischen Erfüllung und Erschöpfung.

Grenzen setzen heißt: Ich weiß, wie weit ich gehen kann. Ich weiß, wann meine Kräfte aufgebraucht sind. Und ich weiß, dass ich nicht mehr leisten muss, als ich vermag.

Grenzen und andere Menschen

Für viele, die gesund sind, wirken meine Grenzen kleinlich. „Komm doch trotzdem mit“, „Das geht schon irgendwie“, „Stell dich nicht so an“. Solche Sätze höre ich. Doch sie verraten nur eines: Meine Grenze ist ihnen gleichgültig. Sie sehen sie als verhandelbar, als Laune, als Missverständnis.

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