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Migräne, die ungebetene Soziologin

Es gibt Gestalten, die erscheinen nicht auf Einladung, sondern aus Prinzip. Sie klopfen nicht an, sie treten ein. Die Migräne gehört zu dieser Kategorie existenzieller Grenzgängerinnen: eine Störfrida mit ausgeprägtem Sendungsbewusstsein, ausgestattet mit Aura, Übelkeit und einem erstaunlichen Talent für dramaturgisch maximales Timing (ein neurovaskuläres Phänomen, dessen Termintreue ausschließlich bei Anlässen mit emotionaler Relevanz zuverlässig funktioniert).

Ich finde nichts Gutes an ihr.

Keine verborgene Pädagogik, keinen transformativen Mehrwert, keine dieser gern bemühten Sinnzuschreibungen, mit denen man Leid nachträglich ästhetisiert. Sie ist keine Lehrmeisterin, keine Muse, keine kathartische Weggefährtin – sondern eine Intervention ohne Anstand, ohne Rücksicht und ohne jede Form sozialer Kompetenz (eine Fähigkeit, die man ihr nicht einmal nachträglich andichten sollte).

Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen.

Wochenlang, monatelang hatte ich mich gefreut. Weihnachtsfeier sollte es sein – ein sozialer Mikrokosmos aus Programm, Kaffee, Kuchen, Essen, Zusammensein. Ein Ort der Begegnung, an dem Kontakte nicht nur geknüpft, sondern in ihrer Fragilität respektvoll behandelt werden. Gemeinschaft in ihrer angenehmsten Ausprägung: unverbindlich verbindend, ohne performativen Nähezwang.

Kaum angekommen, meldete sie sich.

Nicht zaghaft. Nicht diskret. Sondern mit jener penetranten Selbstverständlichkeit, die nur Wesen besitzen, die wissen, dass man ihnen am Ende ohnehin nicht entkommt (vergleichbar mit schlecht gelaunten Kontrolleuren ohne Uniform).

Dreieinhalb Stunden hielt ich durch.

Geplant war: bis spät abends.

Realisiert wurde: eine physiologisch vertretbare Kurzfassung.

Das Essen? Keine Chance. Die Aura trat auf wie ein schlecht beleuchteter Vorhangheber – flirrend, dominant, nicht verhandelbar. Und mit ihr jene unromantische, aber überlebenswichtige Rechnung: Vierzig Minuten Autobahn liegen noch vor mir. Heroisches Ausharren hätte nichts bewiesen – außer mangelnde Selbstachtung (eine Disziplin, die man nicht auch noch kultivieren sollte). Also ging ich. Nicht trotzig. Nicht dramatisch. Sondern klug.

Und doch – und hier verweigert sich der Text der Migräne-Logik – war das Entscheidende längst geschehen.

Ich wurde so herzlich aufgenommen, dass es beinahe irritierend war. Kein Abtasten, kein vorsichtiges Distanzhalten, kein sozialer Prüfstand. Ich stand mitten unter diesen Menschen – und niemand ließ mich spüren, dass ich „neu“, „anders“ oder „von außen“ bin. Ich war da. Und das genügte (eine Form der Anerkennung, die erstaunlich selten und deshalb umso kostbarer ist).

Ich fühlte mich angenommen.

Aufgenommen.

Und – man verzeihe mir die Pathosnähe – angekommen.

Nicht als Projekt. Nicht als Sonderfall. Nicht als Fußnote der Gemeinschaft. Sondern als Teil von ihr. Nicht geprägt, nicht assimiliert, nicht vereinnahmt – sondern respektvoll integriert (eine soziale Kunstform, die weder laut noch spektakulär daherkommt).

Besonders bemerkenswert (so die Meinung aller) war meine bewusste Entscheidung, ohne Hörlibert und ohne Hörmine teilzunehmen. Für mich war es eher eine logische Konsequenz, als Schülerin, Übende.

Keine Cochlea-Implantate, keine technische Vermittlung. Obwohl Lautsprache präsent war, erschien mir dieser Verzicht folgerichtig. Denn Technik, so hilfreich sie ist, kann auch eine Hintertür sein – eine elegante Ausflucht aus der Konsequenz, die einem erlaubt, sich halb zu entziehen, statt ganz da zu sein.

Ohne CI blieb mir ausschließlich die Gebärdensprache.

Und ich sage das mit liebevoller Selbstironie: Ich gebärdete vermutlich wie eine Dreijährige. Groß. Deutlich. Langsam. Mit dem Charme einer Person, deren Hände bereits reden, während der Kopf noch sortiert (entwicklungspsychologisch nicht belegt, subjektiv jedoch frappierend zutreffend).

Und was geschah?

Nichts Peinliches.

Nichts Ungeduldiges.

Nichts Abwertendes.

Stattdessen: unendliche Geduld. Betont langsames Gebärden. Vereinfachte Strukturen. Freundliche Wiederholungen. Niemand rollte mit den Augen, niemand beschleunigte demonstrativ, niemand ließ mich spüren, dass ich „aufhalte“. Sie passten sich an – still, selbstverständlich, ohne daraus eine pädagogische Heldentat zu machen (wahre Inklusion erkennt man oft daran, dass niemand darüber spricht).

Es war gut.

Es war richtig.

Es war – im besten Sinne – würdevoll.

Die Migräne hat mir den Abend verkürzt, mir das Essen genommen, den Zeitrahmen beschnitten. Aber sie hat mir nicht genommen, was wirklich blieb. Im Gegenteil: Sie hat es geschärft. Denn manchmal zeigt sich Zugehörigkeit nicht in der Dauer des Bleibens, sondern in der Qualität des Empfangens (eine Erkenntnis, die man nicht in Programmpunkte pressen kann).

Heute gehe ich mit einer tiefen, ruhigen Dankbarkeit. Dankbar für diese

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