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Zwischen Rückzug und Resonanz – vom leisen Recht, sich selbst zu genügen

Es gibt Tage, die sich nicht erklären lassen wollen – und es auch nicht müssen. Tage, die sich der insistierenden Taktung des Alltags entziehen, die weder leisten noch liefern, sondern schlicht existieren. Still. Unaufgeregt. Fast eigensinnig in ihrer Weigerung, sich funktionalisieren zu lassen.

Und manchmal beginnen sie nicht im Rückzug – sondern in einem leisen Aufbruch nach draußen.

Gestern führte mich ein schmaler Wanderweg entlang eines Flusses, der sich nicht aufdrängte, sondern vielmehr begleitete – gleichsam ein fließender Gedanke, der neben mir herlief. Das Wasser trug dieses ruhige, unaufgeregte Glitzern, das weder spektakulär noch unscheinbar ist, sondern einfach da. Präsenz ohne Pose.

Der Weg selbst war von einem kleinen Auwäldchen gesäumt, dessen Licht eine eigene Qualität besaß. Kein klares Hell, kein dunkles Grün – vielmehr ein gefiltertes Dazwischen, ein Spiel aus Schatten und Bewegung, das sich jeder Eindeutigkeit entzog. Die Luft war mild, endlich nicht mehr von jener schneidenden Kälte durchzogen, die den Körper zusammenzieht und die Gedanken beschleunigt. Stattdessen: ein Atem, der sich weiten durfte.

Und dann – beinahe wie ein kunstvoll gesetzter Akzent in einem ansonsten leise gehaltenen Satz – der Eisvogel.

Ein flüchtiger Moment, kaum greifbar, und doch von einer Intensität, die sich exponiert gegen alles Alltägliche stellte. Dieses tiefe Blau seines Gefieders – nicht bloß Farbe, sondern fast ein Ereignis. Als hätte jemand einen Splitter Himmel aus der Weite herausgelöst und ihm Flügel verliehen. Er flog an mir vorbei, ohne zu verweilen, ohne sich sehen lassen zu wollen – und genau darin lag seine Wirkung. Schönheit, die nicht bleibt, sondern berührt und weiterzieht.

Die Vögel um mich herum waren laut, beinahe überbordend in ihrer akustischen Präsenz – und doch nicht störend. Es war kein Lärm, sondern ein vielstimmiges Geflecht, das sich in die Landschaft einfügte. Dazwischen hin und wieder ein Hauch von Wind, der die Blätter bewegte, ohne sie zu beunruhigen. Und sonst – eine Ruhe, die nicht leer war, sondern getragen. Eine äußere Stille, die nicht Abwesenheit von Geräusch bedeutet, sondern das Fehlen von Dringlichkeit.

Entlang des Weges fanden sich kleine Schnitzereien – kunstvoll, verspielt, manchmal fast augenzwinkernd. Figuren, Formen, kleine Interventionen menschlicher Kreativität, die sich nicht über die Natur erhoben, sondern sich in sie einschrieben. Kein lautes „Sieh mich an“, sondern ein leises „Ich bin auch da“. Und ich musste schmunzeln. Über diese stille Form der Gestaltung, über die liebevolle Mühe, die darin lag – und vielleicht auch ein wenig über die Erkenntnis, dass Schönheit nicht immer wächst. Manchmal wird sie gemacht. Und beides darf nebeneinander existieren.

Ich war nicht weit unterwegs. Der Körper setzte seine Grenzen mit jener Klarheit, die keinen Raum für Verhandlung lässt. Und doch – oder gerade deshalb – war dieser Weg nicht weniger reich. Vielleicht sogar im Gegenteil. Denn er entzog sich der Versuchung, Strecke mit Bedeutung zu verwechseln. Es ging nicht um das Ankommen. Es ging um das Dasein im Gehen.

Und mit jedem Schritt, der keiner Zielvorgabe folgte, stellte sich eine leise, innere Ruhe ein.

Keine plötzliche Erleuchtung, kein pathetischer Moment – vielmehr ein sanftes Absinken in sich selbst. Außen und innen begannen, sich nicht mehr zu widersprechen. Kein Ziehen, kein Drängen, kein „Du solltest noch…“. Nur ein Zustand, der weder mehr noch weniger wollte, als zu sein.

Nach diesem Morgen in der Natur – jenem sanften Übergangsraum zwischen Außenwelt und innerem Erleben, durchzogen von fließendem Wasser, flüchtigem Blau und einem Hauch von Wind – zog ich mich zurück. Nicht abrupt, nicht trotzig, sondern mit einer fast kontemplativen Selbstverständlichkeit. Es war kein Rückzug aus Schwäche, sondern ein Rückzug aus Notwendigkeit.

Mein inneres Wiesel – sonst quicklebendig, bisweilen überbordend, mit einer Tendenz zur leicht dramatischen Überinterpretation selbst kleinster Regungen – schwieg. Und das in einer Form, die nicht beunruhigte, sondern fast ehrfürchtig stimmte. Kein Nagen, kein Zerren, kein insistierendes „Wir müssten doch eigentlich…“. Es war da, gewiss, aber es hielt inne.

Und die Büffelin – diese große, ruhige Instanz meines inneren Gleichgewichts – ließ mich gewähren. Kein sanftes Schieben, kein mahnendes Heben der Augenbraue, kein „Vielleicht wäre es sinnvoll…“. Sie war da, präsent, wachsam – und gleichzeitig von einer Gelassenheit, die mir Raum ließ.

Manchmal, so scheint es, braucht es genau diese seltene Konvergenz:

Dass all die inneren Stimmen nicht verstummen – sondern sich einvernehmlich zurücknehmen.

Ich habe mir dieses Recht genommen.

Zwei Tage im Jahr, an denen ich nicht funktioniere, nicht antworte, nicht erkläre. Zwei Tage, an denen ich mich nicht in Relation setze zu Erwartungen, Bedürfnissen oder impliziten Ansprüchen. Es ist kein demonstrativer Akt. Kein stiller Protest. Es ist – und ich formuliere das mit Bedacht – eine Form von Selbstachtung.

Und ja, ich habe diesen Tag gebraucht.

Nicht spektakulär. Nicht produktiv im klassischen Sinne. Aber tief wirksam in jener leisen, oft unterschätzten Weise, die sich erst im Nachklang entfaltet. Ein Tag, der nichts fordert – und gerade dadurch so viel gibt.

Am Abend dann ein Perspektivwechsel, fast wie ein sanftes Aufblenden nach einem stillen Monolog.

Selbsthilfegruppe.

Ein Raum, der nicht bewertet, nicht beschleunigt, nicht überfordert. Ein Raum, in dem Lachen nicht erarbeitet werden muss, sondern entsteht. Und ich war da – nicht als Rolle, nicht als Funktion, sondern als Teil dieses Gefüges, das sich aus Erfahrung, Empathie und einem sehr spezifischen, manchmal herrlich schrägen Humor speist.

Und da war es wieder – mein kleines Viecherl.

Zurück auf der Bühne. Präsenz, Lebendigkeit, diese leicht übermütige Begeisterung, die sich nicht lange bitten lässt. Es sprach, es lachte, es sprang gedanklich vielleicht schon drei Schritte voraus – ganz so, wie man es kennt.

Die Büffelin hingegen – und ich sehe sie sehr deutlich vor mir – hatte alle Hufe voll zu tun, uns nicht in einer kollektiven Euphorie über die eigene Begeisterung hinwegtrampeln zu lassen. Mit stoischer Ruhe, einem kaum merklichen Kopfschwenk und der impliziten Autorität eines Wesens, das sich nicht aus der Balance bringen lässt, hielt sie das Geschehen in einer Form, die man wohl als „zivilisierte Dynamik“ bezeichnen könnte.

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