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Ein Abend zwischen Abgrund und Ankunft

Es gibt Abende, die sich nicht einfach protokollieren lassen. Sie widersetzen sich der nüchternen Chronologie und insistieren darauf, als Erlebnis erinnert zu werden — vielschichtig, widersprüchlich, beinahe paradox in ihrer Gleichzeitigkeit von Anstrengung und Genuss.

Im Zentrum dieses Abends: Isolde Stöcker-Gietl — Autorin, Journalistin, akribische Chronistin des Abgründigen. Ihre Bücher über wahre Kriminalfälle aus Ostbayern sind keine bloßen Sammlungen spektakulärer Ereignisse. Sie sind sorgfältig reskribierte Narrative menschlicher Grenzerfahrungen, in denen sich Faktizität und erzählerische Verdichtung zu einer eindringlichen Form der Wahrheit verbinden.

Der Saal? Voll wäre eine Untertreibung.

Er überbordete.

Stühle wurden herangetragen, Tische verschoben, Menschen rückten enger zusammen — ein leises, kollektives Einverständnis darüber, dass man für diesen Abend näher zusammenrücken durfte. Und musste. Mit jedem weiteren Gast veränderte sich die akustische Topografie des Raumes. Stimmen überlagerten sich, Geräusche verdichteten sich, ein diffuses Klanggewebe entstand, das weniger hörbar als vielmehr spürbar war.

Für mich bedeutete das: höchste Konzentration.

Ein insistierendes inneres Ausrichten.

Ein beinahe asketischer Fokus.

Gespräche am Tisch — mit meiner Freundin, mit meinem Gegenüber — wurden zu kleinen Kraftakten. Worte wollten erfasst, zusammengesetzt, rekonstruiert werden. Mein Wiesel, sonst flamboyant und vorwitzig, begann zunächst leicht nervös zu konfabulieren, suchte Lücken zu schließen, wo das Gehör nicht Schritt hielt. Die Wasserbüffelin hingegen blieb ruhig, mahnte zur Geduld, zur Sammlung. Zwei innere Stimmen, die sich reziprok balancierten, während ich mich durch diesen akustisch anspruchsvollen Raum bewegte.

Und doch — und das ist das eigentlich Bemerkenswerte — war nichts daran unerquicklich.

Denn ich war nicht nur irgendwie dabei.

Ich war mittendrin.

Am Tisch entwickelten sich, trotz der herausfordernden akustischen Bedingungen, wundervolle Gespräche. Unsere Tischnachbarn, zunächst neugierig, stellten Fragen — viele Fragen. Was ist ein Cochlea-Implantat? Wie funktioniert es? Hört man damit „normal“? Habe ich noch Resthörvermögen?

Es waren keine oberflächlichen Nachfragen. Es war echtes Interesse. Ein Dialog entstand, der sich langsam vertiefte, differenzierte, ausweitete. Ich erklärte, beschrieb, versuchte komplexe Zusammenhänge adäquat greifbar zu machen. Und während ich sprach, bemerkte ich, wie sich Perspektiven verschoben.

Am Ende stand keine technische Detaildiskussion im Vordergrund, sondern etwas viel Grundlegenderes: Staunen.

Ein gemeinsames, beinahe stilles Einverständnis darüber, dass wir in einer Zeit leben, in der solche Technologien existieren. Dass Zugang möglich ist. Dass Teilhabe nicht nur ein theoretisches Versprechen bleibt, sondern — unter den richtigen Bedingungen — gelebte Realität werden kann.

Der Wendepunkt dieses Abends lag in einer Geste, die so unscheinbar war, dass sie beinahe übersehen werden könnte — und doch von immenser Bedeutung: Frau Stöcker-Gietl nahm sich mein Mini-Mikrofon und hängte es sich um.

Was für viele eine kleine, beiläufige Handlung ist, wurde für mich zur entscheidenden Grundlage eines gelingenden Abends. Plötzlich ordneten sich die Worte. Die Sprache gewann Kontur, Tiefe, Verständlichkeit. Ich musste nicht mehr permanent rekonstruieren — ich durfte aufnehmen. Lauschen. Verstehen.

Mein Wiesel?

Ausgelassen. Fast kindlich glücklich.

Es hüpfte innerlich auf und ab und rief: „Sie sieht uns!“

Und genau das war es.

Gesehen werden.

Nicht als abstrakter Gedanke von Inklusion, nicht als wohlmeinendes Konzept — sondern als konkrete, situative, menschliche Handlung. Eine Geste, die

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