Gofigramm

Ich kann mich noch an den Abend erinnern, an dem ich mich an mein Notebook gesetzt und gesagt habe: Ich schreibe jetzt einen Roman.
Ich hatte keine Ahnung, was ich da mache und wie das geht. Wie so oft bei wichtigen Entscheidungen meines Lebens. Natürlich stellte sich heraus, dass die Aufgabe größer war, als ich ahnte. In der ersten Sitzung schrieb ich die Szene, die ich Dir unten als Kurzgeschichte eingefügt habe. Dann hörte ich für eine ganze Weile auf zu schreiben. Bis es uns als Familie so richtig schlecht ging, ich immer mehr Kunst machte, weil sie mir dabei half, nicht den Verstand zu verlieren, und ich mich schließlich als Künstler selbstständig machte. Ohne zu wissen, was das konkret bedeutet.
In den folgenden Jahren arbeitete ich weiter an dieser Geschichte. Der Roman gab mir in einer Zeit, in der alles aus den Fugen geriet, das Gefühl, wenigstens etwas im Griff zu haben. Schreiben ist harte Arbeit. Wie andere Arbeit auch. Doch es ist eine dieser Arbeiten, bei denen Du erleben kannst, wie etwas entsteht und Gestalt annimmt. Das hat mir wahnsinnig gutgetan.
(Öffnet in neuem Fenster)Was ich damals nicht wusste, war, dass ‚TimTom Guerilla‘ erst der Beginn eines größeren Projektes ist. Ich habe es vor fünf Jahren mit ‚Huchting‘ fortgesetzt. Und jetzt steht ‚Wut. Liebe. Filmriss.‘ kurz vor dem Abschluss und ist der dritte Teil auf dieser Reise. Diese drei Bücher sind lose miteinander verknüpft. Sie bauen nicht aufeinander auf, spielen aber im selben Universum, dessen Kern und Ursprung mehr oder weniger der Bremer Stadtteil Huchting ist.
Im nächsten Frühjahr wird ‚Wut. Liebe. Filmriss.‘ erscheinen. Außerdem wird ‚TimTom Guerilla‘ im Herbst zehn Jahre alt werden. Das nehme ich zum Anlass, alle drei Bücher gemeinsam (noch einmal) herauszubringen. So werden die Cover aussehen, die mal wieder mein Freund Manuel Steinhoff für mich gemacht hat. https://www.chunkymonkeydesign.de/ (Öffnet in neuem Fenster) Sie machen gleich auf den ersten Blick klar, dass die Bücher zusammengehören.



Ich freue mich wirklich sehr über dieses erzählerische Projekt. Es hat mich durch die ganzen verrückten letzten Jahre hindurch begleitet. Und ziemlich vieles von dem, was ich erlebt habe, findet sich in ihm wieder. Ganz zu Beginn, vor vielleicht dreizehn, vierzehn Jahren, habe ich vom schnellen Erfolg geträumt. Ich habe gehofft, entdeckt zu werden und auf dem Erfolg eine neue Karriere aufbauen zu können. Stattdessen ist etwas langsam und organisch gewachsen, hat Zeit, Mühe und Lebensenergie gekostet und ist jetzt einfach da. Wie ein Baum, oder so. Klingt das komisch? Ja, vielleicht, aber das ist das beste Bild, das mir gerade einfällt.
Du bist es gewohnt, dass das Gofigramm immer mit einem kleinen Mutmacher endet. Wie wäre es hiermit: Ich lerne aus dieser Geschichte, dass manche Dinge Zeit brauchen, um gesund und solide zu werden. Der schnelle Erfolg ist nicht in jedem Fall wünschenswert, auch wenn es schön ist, wenn man schnell und mit wenig Mühe sein Ziel erreicht. In diesem Fall zumindest bin ich froh, dass die Sache anders verlaufen ist.
Und sie ist ja auch noch gar nicht fertig. Denn falls Du zu denjenigen gehörst, die sagen: Wann kommt denn nun endlich der Nachfolger von ‚TimTom Guerilla‘? Ja. Ich verspreche es. Wenn ‚Wut. Liebe. Filmriss.‘ da ist, mache ich mich an die Arbeit und schreibe das Buch zu Ende.
Übrigens: Ich habe vor, mit dem neuen Roman ganz viel auf Tour zu gehen und Lesungen zu machen. Ab April soll es damit losgehen. Hast Du Interesse an einer Lesung? Dann melde Dich doch gerne bei mir.
Ich wünsche Dir eine tolle Woche. Bis nächsten Montag!
Dein Gofi
Danke für Dein Interesse! Ich bin Gofi, Künstler, lebe in Marburg und engagiere mich für den Erhalt von Kunst, Kreativität, Gemeinschaft und einer menschenfreundlichen Spiritualität. Das GOFIZINE veröffentliche ich bewusst kostenlos für alle, weil ich möchte, dass jede/r Zugang zu guten Inhalten hat, unabhängig von Einkommen und finanziellen Möglichkeiten. Wenn Du mir bei meiner Arbeit helfen möchtest, bin ich Dir sehr dankbar.
Kurzgeschichte
Die erste Szene aus ‘TimTom Guerilla
Das Miles liegt gleich um die Ecke. Wenn ich aus dem Eingang meines Wohnhauses auf die Straße trete, wende ich mich nach rechts und folge der Hermannstraße nur wenige Meter bis zum Niederwall. Dort überquere ich die Kreuzung, biege nach links ab und gehe die leichte Steigung nach oben, bis ich an die Stelle komme, an der die Detmolder Straße in die Kreuzstraße übergeht. Und da ist es auch schon. Rechter Hand führt eine Treppe hinab in den ehemaligen Bunker. Ich öffne eine Glastür und gehe rein. Hm. Das sieht anders aus, als ich es erwartet habe. Irgendwie zu nett. Irgendwie nicht abgefuckt genug. Bin ich hier wirklich richtig?
Ein junger, dicklicher Typ in Karohemd und mit rötlichen Landeierbacken steht hinter einem Tresen und begrüßt mich ostwestfälisch, nämlich überhaupt nicht.
»Äh, hallo. Ich hab ne Frage«, sage ich.
Mein Gegenüber reagiert nicht, sondern schaut mich schweigend an. Wahrscheinlich will er, dass ich weiterrede.
»Ich hab ein Demo bei euch in den Briefkasten geworfen. Ich, also wir sind ne Band, und wir würden gerne mal bei euch auftreten.«
Jetzt reagiert er. Er lässt seinen Kopf Richtung Tresen sinken, klatscht eine Hand gegen den zotteligen Pony und macht mit den Lippen ein ratterndes Geräusch, indem er eine Menge Luft aus seinem Körper entweichen lässt. »O Mann«, sagt er. »Sag mal, weißt du, wie viele Demos hier bei uns reinkommen?«
Soll ich darauf antworten? Was weiß ich? Sind es viele? Wahrscheinlich. Das muss eine rhetorische Frage sein. »Und werden die alle bei euch in den Briefkasten gesteckt?«
Mit einer Gegenfrage hat er nicht gerechnet. Seine Selbstsicherheit schwankt.
»Ja, nee, weiß nicht, nicht so viele. Wie heißt ihr denn?«
»TimTom Guerilla.«
Kein Wiedererkennen, kein Erinnern. Sein Gesicht bleibt völlig ausdruckslos.
»Und was macht ihr für Musik?«
»Punk.«
Jetzt wieder eine Reaktion. Und was für eine. Seine Augen weiten sich. Sein fusseliger Bart bebt. Er ist richtig entsetzt. »Punk!«, stößt er hervor. »Hast du Punk gesagt? Weißt du überhaupt, wo du hier bist?«
»Ich, äh, im Miles am Niederwall?«
»Ja, im Miles! Und was wir hier spielen ist Jazz. Verstehst du? JAZZ! Nicht Punk! Sag mal, weißt du eigentlich, wie sehr mir das auf die Nüsse geht, dass ihr Typen euch nicht einfach mal vorher über den Laden erkundigt, in dem ihr auftreten wollt? Warst du schon mal auf unserer Homepage? Hast du dir einfach mal das Programm angeguckt? Macht ihr das immer so, dass ihr irgendwo reinspaziert und spielen wollt?«
Der Fusselbart hat einen unerschöpflichen Vorrat an rhetorischen Fragen. Gut, dass man die nicht beantworten muss. Da ich gerade mit einer Gegenfrage einen gewissen Erfolg gehabt habe, versuche ich den Trick nochmal. »Bist du der Geschäftsführer?«
»Nein, äh. Ich bin der Zivi. Der Geschäftsführer ist Uwe. Der sitzt da hinten.«
»Okay, ich geh mal zu Uwe. Mal gucken, was der sagt.«
»Das kannste sowieso vergessen«, ruft der Zivi hinter mir her. »Der sagt dir auch nichts anderes als ich. Außerdem«, brüllt er, kurz bevor ich in Uwes Büro trete, »ich hab euer Demo gehört. Das ist überhaupt kein Punk! Das ist REGGAE oder SKA. Mit Punk hat das überhaupt NICHTS ZU TUN!!!«
Uwe mag vierzig sein, vielleicht ist er auch älter. Seine Gesichtshaut ist grau, seine Augen dunkel umrandet, und als ich eintrete, hustet er rasselnd. Seine ölig-schwarzen Haare hat er zur Seite gestrichen. Eine tägliche Rasur hält er wohl für übertriebene Körperpflege. Das Büro, in dem er hockt, ist verraucht, auf dem Schreibtisch steht ein übervoller Aschenbecher. Die Wände sind kahl. Das einzig Farbige in diesem Raum sind rote, gelbe und grüne Aktenordner. Vor ihm liegt der Ausdruck einer Excel-Tabelle, in der jede Menge Zahlen stehen.
Jetzt hebt er seinen Kopf und betrachtet mich mit einem müden Blick. »Ja?«, sagt er. Mehr nicht. Der Sauerstoff ist knapp hier. Da muss man sich kurz fassen.
Ich bleibe vor ihm stehen, weil er mir den Stuhl vor dem Tisch nicht angeboten hat. Mir wird klar, dass ich die Sache eben beim Zivi ganz falsch angepackt habe. »Ich bin Musiker«, sage ich.
»Aha?« In seinen Augen blitzt so etwas wie Interesse auf. »Was spielst du denn?«
»Posaune.«
»Okay.« Es ist eins von diesen Okays, bei denen die Stimme am Ende nach oben geht und bei denen man nie so recht weiß, ob es eine Frage oder eine Aussage ist. »Ich spiele auch Posaune.«
»Ach, echt? Cool«, sage ich, weil mir nichts Schlaueres einfällt.
»Ja, echt.« Es klingt nicht besonders freundlich. »In was für Formationen spielst du denn?«
»Formationen? Ach so, nee, äh, wir sind ne Punkband«, stottere ich. Irgendwie hat er mich auf dem falschen Fuß erwischt.
»Punk!«, sagt er. Ist das ein Déjà-vu? Der Raum hat ja gar keine Fenster. Hier könnte wirklich mal einer Luft reinlassen, finde ich. »Punk! Mit Posaune?«
Sein Gesicht ist jetzt ganz offen. Er ist ratlos. Was sag ich mal am besten? Vielleicht wieder eine Frage? Das hat bisher doch ganz gut hingehauen. »Warum nicht?«
Uwe klappt den Mund zu, blinzelt zweimal und setzt sich anders hin. Jetzt hat er sich wieder gefasst. »Also, macht ihr so was John-Zorn-mäßiges?« Was muss ich mir denn vorstellen? Ist das so experimentelles Zeug, oder was? Du bist doch hier, weil ihr bei uns spielen wollt. Da versteh ich dich doch richtig, oder nicht?«
»Ja, genau. Nee, John Zorn eher nicht. Also, wir sind ja ne Punkband. Punkrock. Mit Posaune halt.«
»Punkrock mit Posaune«, wiederholt Uwe langsam und mit ausdruckslosem Gesicht. Und dann lacht er. Das kommt so plötzlich, so unvermittelt, dass ich zusammenzucke. »Punk!«, keucht er. »Mit Posaune? Zugposaune, oder was?«
»Äh, ja genau.«.
Eine weitere Lachsalve schallt durch den Raum, so laut, dass der Zivi den Kopf durch den Türspalt steckt.
»Posaune!«, krächzt Uwe, zeigt mit der einen Hand auf mich und wischt sich mit der anderen die Tränen von den Wangen. »Die spielen Punkrock mit Posaune. Punk!«
Im nächsten Moment lachen die Jazz-Schweinepriester im Duett. Aber der Zivi hat recht: Ich hätte vorher die Homepage checken müssen.
News
Griechenland: Es sind noch Plätze frei
Begleite Judith Seibold von CHAVAJA und mich auf eine Reise nach Griechenland vom 17.-24.5.2026

Shaul von Tarsos war radikal. Was er anpackte, das erledigte er zu 150%. Und dabei konnte er rücksichtslos sein – gegen sich selbst und auch andere.
Aufgewachsen als Bürger zweier Kulturen, der hellenistischen und der jüdischen, fließend zweisprachig (Griechisch und Aramäisch), war er in einer multikulturellen, multireligiösen und globalisierten Welt zu Hause. Als Handwerker, jüdischer Theologe und Mystiker. Mit einem großen Ziel: Er wollte die Welt mit seiner Botschaft erobern.
Unter seinem Künstlernamen Paulus (der Kleine) ging er die große Aufgabe an. Wo er auftauchte, spaltete er die Geister. Während die einen ihn liebten und verehrten, war er für die anderen ein rotes Tuch. So erreichte er Europa. Und Europa empfing ihn mit Stockhieben und Gefängnis. Doch einen radikalen Aktivisten wie Paulus stachelte das nur an. Er machte weiter und legte eine Spur, der wir noch heute folgen können.
Komm mit uns dorthin, wo für das Christentum in Europa alles begann: nach Griechenland. Wir besuchen die Orte, an denen Paulus wirkte, an denen er Zuspruch und Widerstand erlebte, an denen er Dinge sagte und tat, die die Leben von Menschen und den Lauf der Geschichte veränderten. Wir versuchen herauszufinden, was ihn antrieb, was ihn für manche so unwiderstehlich machte und welche Bedeutung sein Werk bis heute für uns hat.
Ich bin schon seit vielen Jahren von Saulus aus Tarsos fasziniert. Für mich gibt es fließende Übergänge zwischen den Propheten und Aposteln der Antike und unserem heutigen Verständnis von Künstlern.
Als Guide konnten wir den griechenlanderfahrenen Dany Walter aus Israel gewinnen, der uns den jüdischen Paulus näher bringen wird.
Einen Einblick in Programm erhaltet Ihr hier: Programm_Die_Griechenlandreise (Öffnet in neuem Fenster)
Mehr Informationen zu Chavaja – Bildungs- und Begegnungsreisen erfahrt Ihr hier: https://www.chavaja.de/ (Öffnet in neuem Fenster)
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