Sobald ein Social Media-Post minimal über meine Bubble hinaus Reichweite erzeugt, kommen solche Kommentare. Beobachte nun, wie ich zuerst einen Text über digitale Gewalt schreibe und anschließend unfreiwillig zu meinem eigenen Fallbeispiel werde.

Im LinkedIn-Post, unter dem der Kommentar erschien, hatte ich über meinen Talk Diese E-Mail kann dich nicht töten (Öffnet in neuem Fenster) bei der re:publica gesprochen. Es ging um Selbstregulationsübungen für den digitalen Alltag.
Klar, dieser Kommentar kann mich auch nicht töten.
Der Kommentar ist banal. Interessant ist, woran er mich erinnert hat.
Denn die Journalistin und Autorin Ingrid Brodnig sprach bei derselben Veranstaltung darüber (Öffnet in neuem Fenster), dass wir digitale Gewalt oft nur in ihren extremsten Formen betrachten: Drohungen, Hasskampagnen, Einschüchterung. Dabei übersehen wir leicht die vielen kleinen Signale oder Botschaften, die es dazwischen gibt:
„Das hier ist lächerlich.“
„Das gehört hier nicht hin.“
„Dich sollte man nicht ernst nehmen.“
Ein einzelner Kommentar macht niemanden mundtot. Die Wirkung entsteht durch die Summe.
Besonders hängen geblieben ist mir Brodnigs Vortrag: Von Frauen, die hasserfüllte Nachrichten erlebt haben, geben 42 % an, vorsichtiger bei der Formulierung ihrer Meinung zu werden. Bei Männern sind es nur 16 %.
Das liegt nicht etwa daran, dass Frauen schwach sind. Sie werden schlicht anders angegriffen. Häufig geht es um Beschämung, Herabsetzung oder Bedrohung. Brodnig hat für ihr Buch „Feindbild Frau (Öffnet in neuem Fenster)“ zehn wiederkehrende Muster solcher Angriffe herausgearbeitet.

Nun ist nicht jeder Troll-Kommentar automatisch digitale Gewalt.
Oder vielleicht doch? Ist der Kommentar unter meinem Post wirklich so banal? Schließlich stellt ein fremder Mann öffentlich meine Expertise infrage. Auf einer Plattform, die meine berufliche Existenz sichert.
Zum Glück macht er das mit so wenig Stil, dass der Kommentar vermutlich mehr Aufmerksamkeit auf meinen Post lenkt, als dem Mann lieb ist. Glück gehabt.
Und trotzdem. Warum passiert das ausgerechnet mir? Warum sehe ich solche Kommentare nie bei anderen? Klar sehe ich mal fachliche Kritik oder Erklärbären. Aber sowas?
Never feed the troll. Alte Internetweisheit. Ist doch klar. Auf so einen Kommentar antwortet man nicht! Diese Regel gilt bis heute. Und sie funktioniert. Auch wenn mir ein paar witzige Konter einfallen. Hilfreicher ist dann die Idee meines Co-Workers Micha: Er markiert den Kommentar bei LinkedIn als „I don’t want to see this“. Eine kleine Maßnahme, um dem Algorithmus zu signalisieren, dass solche Kommentare weniger Aufmerksamkeit verdienen.
Aber nach Brodnigs Talk rumort es nochmal in mir. Ich schreibe diese HEISE SCHEISE und einen neuen LinkedIn-Post. Bevor ich absende, schreibe ich meiner Freundin Dory:

Als ich das schreibe, muss ich ein bisschen bittersüß schmunzeln.
Im ganz Kleinen habe ich das belegt, worüber Brodnig spricht: Ich hinterfrage, ob ich nicht lieber den Mund halten sollte und drehe meine Worte drei Mal um. Ich sag’s nur ungern, mein Herz. Sichtbarkeit ist nicht für alle mit den gleichen Kosten verbunden. Q.E.D.
Deine
Katrin
Das war die 54. Ausgabe von HEISE SCHEISE – dem unregelmäßigen Newsletter in seichter Sprache über neues Leben und Arbeiten.
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