Warum ich Florian Klenk widersprechen und die Debatte um die Gewaltdebatte geraderücken muss.
Liebe Leser:innen,
Kürzlich veröffentlichte Falter-Chefredakteur Florian Klenk einen Newsletter (Öffnet in neuem Fenster), in dem er das feministische “Bär oder Mann”-Meme kritisierte und seine Sicht auf die Gewaltdebatte schilderte. Ich las seine Ausführungen aufmerksam, musste aber innerlich mehrmals aufschreien. Nein. Und an anderer Stelle nochmals Nein. Usw. Zwischendurch dachte ich auch Ja. Ja, klar. Aber insgesamt ließ mich sein Maily (wie der Newsletter im Falter heißt) mit folgenden Fragen zurück: Warum versteht er das nicht? Wem soll hier eigentlich etwas (Feminismus) erklärt werden? Wieso wird Richtiges einerseits erkannt, aber andererseits nicht richtig verknüpft?
Ich war nicht die einzige (was eigentlich wenig zur Sache tut), die sich an dem Newsletter stieß, die Debatte manifestierte sich wie gewöhnlich schnell auf Social Media (logisch - Florian* hatte sie mit einem Posting auch selbst dorthin getragen). Ich wollte aber nicht in die akute Aufregungsfalle tappen, sondern lieber lang und breit erklären, wieso man einiges in diesem Maily nicht einfach so stehen lassen kann. Also bot ich einen Antworttext für den Falter an. Die Möglichkeit gebe es im Maily nicht, erklärte mir Florian, aber wir einigten uns schließlich darauf, dass ich etwas schreibe und er es dann infolge aufgreift.
Also gehen wir es an, Schritt für Schritt, please bear with me. (Ja, der war Absicht.)
Erklärbärin
Witze soll man nicht erklären, selbiges gilt eigentlich auch für Memes (man versteht sie, oder eben nicht). Aber angesichts der Situation werde ich mir hier trotzdem die Schlittschuhe anziehen, mich aufs Glatteis begeben und ein paar Interpretationspirouetten drehen. Es drängte sich mir nämlich der Eindruck auf, dass das “Bär oder Mann”-Meme (Wer es wirklich nicht kennt, liest bitte hier nach (Öffnet in neuem Fenster)) von Florian etwas anders wiedergegeben wird, als es mir bislang untergekommen ist.
Er schreibt: “(...) Weil es etwas Emotionales berührt: Angst im öffentlichen Raum.” Und weiter: “Aber es ist ein schlechtes Experiment. Denn es arbeitet mit genau dem, was man politisch überwinden will: Stereotype. Der Mann wird zur Chiffre für Gewalt. Das wilde Tier zur vermeintlich berechenbaren Alternative. Das ist analytisch dünn.”
Dazu möchte ich festhalten, dass es beim Bären-Meme eben nicht bloß um “Angst im öffentlichen Raum” geht (auch wenn das die vordergründig offensichtlichste Interpretation ist), sondern schlichtweg um die (theoretische) Gefahr, die für Frauen von Männern ausgeht. Und das betrifft alle Bereiche und gilt ganz allgemein. Der Bär im Wald - an diesem Bild stößt sich Florian ganz besonders und findet es reaktionär - ist weder wörtlich zu nehmen, noch geht es hier im Kern um den Wald. Das Ganze ist nur eine Metapher, wir können gerne auch vom Bär im Fitness-Studio reden oder vom Krokodil in der Oper.
Insofern finde ich dann auch die Bezeichnung “Experiment” nicht ganz passend, denn wir machen keine Experimente im Wald, wir fragen (wie die Politikerin Judith Pühringer) bloß nach einer theoretischen Gefahreneinschätzung. Man kann auch einfach darüber nachdenken, wieso so viele Frauen sich in ihrem Sicherheitsgefühl von Männern derart bedroht fühlen, dass sie lieber den Bär wählen würden. Daran sind keine bösen Märchen schuld.
Wem das gesamte Bären-Bild nicht gefällt, möchte ich an dieser Stelle eine andere Alternativfrage anbieten, die ebenfalls schon viele Runden auf Social Media gedreht hat, und den Punkt, um den es im Bären-Meme geht, auf sehr ähnliche Weise aufzeigt: “Was würdest du tun, wenn es einen Tag lang nur Frauen auf der Welt gebe?” Hier antworten Männer in der Regel mit “Das Gleiche wie immer” und Frauen zählen seitenweise Listen an Dingen auf, die sie dann “endlich” einmal machen könnten, sich nicht fürchten, bevormundet, eingeschränkt oder bedroht fühlen müssten. Es geht hier immer ums Gleiche: Dass Männer für Frauen eine (statistisch sehr relevante) Gefahr darstellen, die umgekehrt so von Frauen für Männer nicht existiert.
Das kann man drehen und wenden, wie man(n) will, das ist eine Tatsache, die jede:r in Gewaltstatistiken nachlesen kann. Insofern möchte ich zum Satz “Der Mann wird zur Chiffre für Gewalt” auch sagen: Ja, eigentlich schon. Das wird er, das ist er. Und natürlich könnten wir dann wieder die leidige Not-all-men-Debatte führen, aber ich möchte mich vorerst weigern. Und zwar weigere ich mich so lange, bis nicht mehr jede dritte Frau von Gewalt betroffen ist, bis Männer wie Dominique Pelicot nicht einfach so 80 andere Männer im Umkreis von nur wenigen Kilometern finden, die dann jahrelang gemeinsam eine betäubte Frau vergewaltigen. Ich weigere mich so lange, bis nicht alle paar Tage wieder ein Promimann oder Unternehmensmanager mit Schlagzeilen zu Übergriffen, Gewalt oder Machtmissbrauch auffällt.
Nicht alle Männer, nein natürlich nicht alle. Aber es ist wirklich das Unwichtigste an der gesamten Gewaltdebatte, dass wir das immer dazu sagen müssen, nur damit kein Mann gekränkt ist. Ich gebe hier einen bewährten Satz mit: Angegriffen ist, wer sich angegriffen fühlt. Alle anderen können sich in der Debatte auf das fokussieren, worum es wirklich geht: die Opfer. Und wie man etwas zum Besseren verändern kann.
Wer sagt was wann wo wie
Kommen wir zu einem Punkt, wo ich Florian uneingeschränkt zustimme - und zwar ebenfalls, weil es hinreichend belegt ist: Die meiste Gewalt gegen Frauen geschieht in Partnerschaften und im näheren Umfeld. Dazu schreibt er “Das ist nicht spektakulär. Es ist nicht instagrammable. Aber es ist die Realität. Der fremde Täter im Gebüsch ist die Ausnahme, nicht die Regel.”
Während ich ihm hier in der Sache zustimme, muss ich aufgrund dessen, wie er seinen Punkt erläutert, doch wieder heftig widersprechen. Erstens: Es ist sehr wohl spektakulär, genau das ist es ja, worüber Feminist:innen und Gewaltexpert:innen ständig reden. Von diesem immensen (spektakulären) Ausmaß an Gewalt in den eigenen vier Wänden.
Zweitens: Stimmt, es ist die Realität, es ist nicht/kaum der fremde Täter im Gebüsch. Aber das ist bekannt, (wir) Frauen reden uns genau darüber den Mund fusselig - und zwar egal wo. Wir schreiben darüber in Artikeln, wir posten dazu auf Social Media, wir diskutieren in unserem Umfeld. Und jeder Kanal hat seine Sprache und seine Möglichkeiten.
Diese Gewaltstatistiken sind eben schon “instagrammable”, denn sie sind die Grundlage, die Ursache, auf der Memes wie der Bär basieren. Der Bär kommt nicht von ungefähr. Es geht eben nicht um das Bild von Rotkäppchen im Wald, es geht um die allgegenwärtige Gewalt, die überall lauert, an jedem Tag, in großem und in kleinem Ausmaß.
Was muss Feminismus
“Feminismus, wenn er mehr sein will als Empörung und Clickbait, braucht Präzision. Er muss Strukturen benennen, nicht Bilder verstärken.”, schreibt Florian weiter.
Abgesehen davon, dass sich viele (zurecht) daran stoßen, wenn ein Mann erklärt, was Feminismus muss (aber ich schenke ihm das hier mal großzügig), geschieht das alles ja. Und zwar seit es Feminismus in seinen unterschiedlichen Wellen gibt. Frauen, Feminist:innen tun all das gleichzeitig. Sie sind präzise, sie schreiben Bücher** dazu, sie führen Studien durch, sie tragen Daten, Zahlen und Fakten zusammen. Feminismus macht das. Frauen, Feminist:innen benennen Strukturen, Stichwort “das Patriarchat”. Genau das ist die zugrundeliegende Struktur, nur ist das Wort unbeliebt bei vielen Männern und sie wollen von eben dieser Struktur dann eigentlich gar nicht wirklich etwas wissen und bleiben lieber bei sich und ihren persönlichen Gefühlen. Frauen, Feminist:innen empören sich, ja selbstverständlich tun sie das. Sie müssen. Wo bitte wären wir heute und wo sollen wir von hier noch hinkommen, wenn wir uns nicht empören? Selbstverständlich empöre ich mich, dass es in keinem einzigen Land auf der Welt im Jahr 2026 komplette Geschlechterparität gibt, selbstverständlich empöre ich mich darüber, dass jede dritte Frau Gewalt erfährt.
Und das kritisierte “Bilder verstärken”? Es ist keine Frage von entweder/oder. Entweder Bären-Meme oder Statistiken. Das Meme ist die Statistik, ist die Lebensrealität von Frauen in einer Metapher. Eigentlich recht simpel. Weil man Menschen nun einmal nicht nur mit komplexen Aufsätzen und langwierigen Gegenreden wie dieser hier erreichen kann, müssen wir auch Memes posten. Und da dürfen wir auch kurz mal polemisch sein und lachen. Das ist gar kein Widerspruch.
Die Studien
Bleibt noch der Punkt der Studien, die Florian anspricht. Er schreibt: “Wer das (Wie Gewalt entsteht Anm.) verstehen will, muss tiefer gehen: In Dunkelfeldstudien. In Gerichtsakten. In die rechtsextreme Manosphere, in radikal-religiöse Echokammern oder in die oft erschreckend banalen Realitäten von Ermittlungsarbeit.” Auch an dieser Stelle muss ich wieder sagen: Aber da sind wir doch, das tun wir doch! (Ich schreibe häufig von “wir”, weil ich mich sowohl als Frau, als Feministin als auch als Journalistin in Florians Text angesprochen fühle.)
Ich habe zum Beispiel die Dunkelfeldstudie, die in Deutschland im Februar veröffentlicht wurde - es war die erste seit sehr vielen Jahren - sehr genau gelesen (Florian, du auch?). Und ich war schockiert, welche Zahlen sie zutage brachte. Zum Beispiel jene, dass überhaupt nur fünf(!) Prozent der Gewalttaten zur Anzeige gebracht werden. Von da weg kann man also hochrechnen, wie groß das Ausmaß häuslicher Gewalt wirklich ist. Die betrifft im Übrigen durchaus auch Männer bzw. oftmals Buben. Die Täter sind aber immer zum überwiegenden Teil männlich, egal gegen wen sich die Gewalt richtet. Womit wir wieder bei der Grundlage von “Bär oder Mann” wären, bei der Erklärung, warum so viele Frauen die “Not-all-men”-Debatte leid sind.
Florian schließt seinen Newsletter mit: “Was wir brauchen? Weniger Symbolik, weniger gefällig inszenierte Männerscham, sondern mehr Analyse. Sozialforschung, also Aufklärung statt Angstbilder. Weniger „Bär oder Mann“, mehr die unbequeme Frage, warum Gewalt dort passiert, wo sie passiert, wie sie „vererbt“ oder ideologisch legitimiert wird – und warum wir nicht gut genug darin sind, sie zu verhindern.”
Da möchte ich teilweise zustimmen: Wir brauchen Analyse. Wir brauchen Sozialforschung. Das ist richtig. Wir brauchen aber natürlich auch Symbolik, wenn wir Statistiken und Verhältnisse breitflächig kommunizieren wollen, wir brauchen Metaphern und ganz sicher brauchen wir die Scham auf der richtigen Seite. Und das ist nicht jene der Frauen.
Was mich letzten Endes wohl am meisten an Florians Maily gestört hat, war der implizite Vorwurf an Feminist:innen, sie würden ihre Sache nicht richtig machen, sie würden bloß lustige polarisiernde Bildchen verschicken und sich eigentlich nicht richtig auskennen - mit Zahlen, Daten, Fakten. Aber das Gegenteil ist der Fall. Ich für meinen Teil kann sagen: ich liebe den Bär und ich lese Statistiken. Vielleicht ist das der Grund, warum ich auch über ein Meme lachen kann.
In diesem Sinne, alles Liebe.
Wir treffen uns im Wald!
*Wir kennen uns, sind per Du und haben nach seinem und vor meinem Text etwa eine Stunde miteinander telefoniert, daher erspare ich mir den Nachnamen ab dieser Stelle.
**Wie viele Männer haben “Das andere Geschlecht” von Simone de Beauvoir gelesen? Wollen wir dazu eine Umfrage machen?