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Freitag in Frankfurt

Gedenkstunde für Habermas/Rede Glucksmann/Serie The Hack/Marshmallow-Experiment revisited/Hilfe für Riffreporter/Nigel Slater

Dieses amtliche Kennzeichen lernt man schon in der Grundschule und eine kleine Gruppe bleibt Freitagmittag vor der Frankfurter Paulskirche stehen, um es zu bestaunen: “Der Bundespräsident fährt BMW?”

Gleich beginnt die Gedenkstunde für Jürgen Habermas und es passt zur Übergröße des Verstorbenen, dass sie fast zwei Stunden dauert. Die Paulskirche stammt aus cooleren Zeiten, heute fungieren die riesigen Scheiben wie die wärmenden Glaswände einer Orangerie. Ein Wunder, das niemand umgekippt ist, aber auch das habe ich dort schon mal erlebt. Man wird in so einem Fall in Windeseile herausgetragen, dort ist an alles gedacht. Es ist ein Ort für würdevolles und höchst professionelles Gedenken! Der Oberbürgermeister begrüßt die vielen anwesenden Honoratioren, bittet zuvor um pauschalen Beifall für alle, nicht nach jeder Erwähnung, so sparen wir Zeit. Die Gedenkstunde selbst folgte jenen zivilgesellschaftlichen und intellektuellen Traditionen, die Habermas selbst mitgeprägt hat: Kein Militär, keine Geistlichen. Dafür Reden, drei Stück und dazwischen Musik von Alban Berg.

Ich hatte das Glück, die ganze Familie Habermas über seine 2023 verstorbene Tochter Rebekka schon im Studium kennenzulernen. Damals wohnte sie noch in Frankfurt, in der Friedrichstraße. In der Nähe lag die Westend-Wohnung von Ute und Jürgen Habermas. Dort im Gästezimmer übernachtete ich, als Rebekka und ich am Sammelband “Das Schwein des Häuptlings” arbeiteten. Insofern hatte ich Stoff für mentale Spaziergänge durch die Zeiten, während das Programm seinen Lauf nahm. Danach ging es für die meisten Anwesenden noch mit einem langen Uni-Symposium weiter. Jürgen Habermas gibt kein hitzefrei.

Ich fuhr retour nach Wiesbaden, um aktuell zu schreiben (Öffnet in neuem Fenster). Der Fahrer des Uber (hätte ich S-Bahn oder Regionalbahn gewählt, wäre ich nie und nimmer pünktlich am Schreibtisch gewesen!) war etwas, nicht viel jünger als ich und drehte sich gleich zu Beginn um, um mich anzustrahlen und beide Daumen emporzurecken: Alles gut! Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Er war ehrlich begeistert von allem. Der Mann war gelernter LKW-Fahrer und hatte in Afghanistan die Laster der Nato gefahren. Kurz vor dem Fall von Kabul wanderte er in die Bundesrepublik aus. Nun ist sie sein “absolutes Lieblingsland”. In Offenburg - nicht Offenbach, ich habe nachgefragt – hat er zuerst gewohnt und schwärmte von dem beschaulichen Städtchen am Tor zum Schwarzwald. Denn Frankreich sei nicht weit. Heute lebt und arbeitet er in Frankfurt, wo es ihm auch super gefällt. Ich fragte, ob er noch Familie in Afghanistan habe und er sagte trocken, die seien alle umgekommen. Alle durch eine einzige Bombe, fünfzig Tote. Afghanistan nannte er ein blutiges Land und wirkte heilfroh, entkommen zu sein. Er lobte den zivilen Verkehr hier, die Sauberkeit und Ordnung. Beim Aussteigen – auch Wiesbaden gefiel ihm sehr, sehr gut– reckte er wieder beide Daumen hoch.

Mir tat seine Begeisterung für die deutsche Gegenwart gut. Die AfD würde es hassen, alles daran. Sein Handzeichen war auch ein ferner Gruß an Jürgen Habermas. Es war die Botschaft seiner vielen Bücher: In Deutschland sollen den Leuten keine Bomben mehr auf den Kopf fallen.

Die Nachrichten aus Frankreich waren letztes Mal an dieser Stelle nicht so gut, aus guten Gründen. Am Samstag Abend sah ich dann aber noch, mehr zufällig, die Übertragung der Rede zum Auftakt des Präsidentschaftswahlkampfs von Raphael Glucksmann. Ich hatte zuletzt gar nicht mehr richtig an seine Chancen geglaubt, aber so eine Rede kann eben den ganzen Unterschied machen. Verbindung von Ökologie, Außenpolitik und sozialer Politik bei gleichzeitiger Förderung der europäischen Souveränität, alles gehört zusammen! Konsequente Distanz zu den Extremen, Wende in eine ökologischere Nach-Macron-Ära ohne die europäische Integration aufzugeben, im Gegenteil. Fantastisch. Zehn von zehn Punkten.

Ich wünschte, jemand hierzulande könnte die einzelnen kritischen Punkte unserer politischen Gegenwart so cool zu einem Gesamtbild verbinden und dabei verständlich bleiben. Würde überhaupt mal so scharf und umfassend nachdenken.

Danach, auch sehr gut, traten der Ökorealo Yannick Jadot und die Sozialistin Carole Delga mit ihm auf die Bühne, ein wichtiges Symbol. Beide verfügen noch über alle Tassen im Schrank, möchten –oh Wunder!- selbst nicht kandidieren und gewinnen Wahlen! Derzeit liegt Glucksmann nur wenige Prozentpunkte hinter dem Favoriten Édouard Philippe. Da könnte sich was tun. Erstmal ist die Rede von Raphael Glucksmann in Aubervilliers selbst (Öffnet in neuem Fenster) schon ein Ereignis!

Es gibt so viel an den sozialen Netzwerken und Ki zu kritisieren, dass man glatt vergessen könnte, dass die Medienmisere gar nicht mit ihnen gar begonnen hat. Schon in frühdigitaler Zeit gab es Fake News und krumme Dinger, Journalisten, die es nicht so genau nehmen mit ihren Methoden. Sie trugen damals schon dazu bei, dass das Vertrauen in der Gesellschaft erodierte – und das Vermögen der Familie Murdoch wuchs. Eine neue, spannende und humorvolle Serie erinnert noch mal an den großen britischen Telefon-und Mail Skandal aus den späten nuller Jahren. Am Anfang der ersten Folge war ich vom Design der Haarteile und der direkten Ansprache an die Zuschauerinnen und Zuschauer irritiert, aber dran blieben lohnt sich! Was als Mediensatire beginnt, entwickelt sich rasch zum tiefgründigen Gesellschaftsdrama.

https://www.arte.tv/de/videos/125066-001-A/the-hack-1-7/ (Öffnet in neuem Fenster)

Das Marshmallow – Experiment von Walter Mischel hat es längst in die Alltagskultur geschafft: Ob Kinder gleich zugreifen oder es schaffen, abzuwarten und sich so eine größere Belohnung zu verdienen wird als Indiz für ihr späteres Glück im Leben gedeutet. Wenn man länger darüber nachdenkt, kommen Fragen auf: Was ist mit solchen Kindern, die gelernt haben, Erwachsenen zu misstrauen? Die verhalten sich clever, wenn sie den Marshmallow aufessen. In diesem Artikel im Atlantic – der für mein Empfinden den New Yorker als das wichtigste amerikanische Magazin abgelöst hat – kommt noch mal, neben einer Darlegung neuerer Erkenntnisse zum Thema, ein anderer, sehr sympathischer Aspekt hinzu: Ein Loblied auf Wesen, Gestalt und Existenz des Marshmallows! Der Text von Ian Bogost ist eine Ehrenrettung für den sofortigen und sorgenfreien Genuss (Öffnet in neuem Fenster), auch gerade in Stresssituationen.

Die Medienlandschaft sortiert sich neu, viele spannende Sachen passieren. Ich bin ja hier bei Steady mit gleich zwei Projekten vertreten, diesem sonntäglichen Newsletter und unserem Geschichtspodcast Was bisher geschah! (Öffnet in neuem Fenster) Die Bereitschaft, für Inhalte zu zahlen und, ebenso wichtig , sie interessiert, sogar mit Begeisterung zur Kenntnis zu nehmen, ist weit und breit vorhanden. Etablierte Medienmarken hingegen schwanken stark in ihrer Form – mich nerven ja schon allein die Outbrain-Anzeigen für Hörgeräte, Sandalen und Anlagetipps. Nun sind die Freunde des Projekts Riffreporter (Öffnet in neuem Fenster)an einer Wegscheide und brauchen ein wenig mehr Geld, um sich weiter zu entwickeln. Man findet dort erstklassigen Journalismus zu den Themen Wissenschaft, Umwelt und Gesundheit, immer mit einem besonderen Zugang. Peter Spork macht dort mit, Christian Schwägerl und viele andere. Es ist eine gute Sache, die ich unterstütze (Öffnet in neuem Fenster) – und tun Sie es mir gerne gleich!

Bei diesem stressigen Wetter muss man sich gut ernähren. Ich wende mich da ganz vertrauensvoll an unseren Freund Nigel Slater (kostenlos nach Registrierung!)

https://observer.co.uk/food/recipes/article/nigel-slaters-recipe-for-chicken-broad-beans-and-olives (Öffnet in neuem Fenster)

Und wie macht es unsere vegetarisch inspirierte Freundin von Fitgreenmind? Hängt im coolen Oslo ab.

https://www.youtube.com/watch?v=T2vpBr4hJ4o (Öffnet in neuem Fenster)

Kopf hoch,

ihr

Nils Minkmar

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