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Der Blick der Männer

Der Male Gaze entscheidet seit jeher mit darüber, wie Frauen aussehen, wirken und wahrgenommen werden sollen —  in Filmen, Werbung, Social Media und im echten Leben. Warum das bis heute so wirkmächtig ist und weshalb Bilder niemals neutral sind: darum geht es in diesem Gender-Aha-Moment.

 

Was für eine Herausforderung, ein Titelbild zum Thema
Male Gaze zu recherchieren. Die Bildvorschläge, die selbst auf seriösen Agenturseiten auftauchten, möchte ich direkt wieder vergessen. Und gleichzeitig zeigt genau das, warum wir über dieses Thema sprechen müssen. Denn patriarchale Blickmuster sind tief in unseren Medienbildern verankert — manchmal subtil, manchmal erschreckend offensichtlich, aber rund um die Uhr gegenwärtig.

Genau deshalb widmet sich der heutige Text dem Konzept des Male Gaze. Als Journalistin verstehe ich meine Arbeit nicht nur als Erzählen von Geschichten oder Vermitteln von Informationen, sondern auch als Übersetzen zeitgenössischer gesellschaftlicher Debatten und Worte. Aus diesem Gedanken heraus ist hier — und auch in meinem Journal, das am 26. Mai erscheint — die Rubrik „Gender-Aha-Moment“ entstanden. Dort ordne ich aktuelle Begriffe, Dynamiken und gesellschaftliche Muster rund um feministische Theorie verständlich und alltagsbezogen ein.

Heute also der Male Gaze — übersetzt: der „männliche Blick“. Der Begriff beschreibt, wie Frauenkörper in visuellen Medien wie Film, Werbung, Fernsehen oder Social Media aus der Perspektive eines heterosexuellen Mannes betrachtet, inszeniert und bewertet werden. Dabei geht es nicht nur darum, wer schaut, sondern vor allem darum, wie Frauen dargestellt werden: häufig nicht als komplexe Persönlichkeiten mit eigener Geschichte, sondern primär als Körper, die angesehen, bewertet oder begehrt werden sollen.

Geprägt wurde der Begriff 1975 von der britischen Filmtheoretikerin Laura Mulvey.
In ihrem Essay Visual Pleasure and Narrative Cinema analysierte sie, wie Frauen im klassischen Kino dargestellt werden — und welche Rolle der Blick der Männer dabei spielt. Mulvey machte sichtbar, dass Filme überwiegend aus einer männlichen Perspektive erzählt sind: Die Kamera folgt dem Blick des Mannes, die Handlung orientiert sich an seinen Bedürfnissen und Frauen erscheinen darin vor allem als Objekte der Betrachtung und des Begehrens.

Frauen: gesehen statt gehört


Weibliche Figuren dienen im Film daher oft vor allem dazu, „angesehen zu werden“. Kameraführung, Licht, Kleidung oder bestimmte Einstellungen lenken den Blick gezielt auf den weiblichen Körper und machen Frauen zum visuellen Mittelpunkt — allerdings nicht als handelnde Subjekte, sondern als ästhetische Projektionsflächen. Männer dagegen treiben die Handlung voran: Sie entscheiden, retten, kämpfen oder kontrollieren die Situation.

Mulveys Analyse bezog sich ursprünglich auf Hollywoodfilme der damaligen Zeit, doch ihre Theorie hat bis heute nichts an Relevanz verloren. Ihre Beobachtungen lassen sich problemlos auf die Werbung, Musikvideos, Reality-TV, Social Media oder die Influencer:innen-Kultur in diesen Jahrzehnt übertragen.

Der Male Gaze beschreibt damit nicht nur einen filmischen Stil, sondern ein gesellschaftliches Muster, das beeinflusst, wie Weiblichkeit dargestellt — und letztlich auch wahrgenommen — wird. Der Begriff macht deutlich, dass Bilder niemals neutral sind. Sie transportieren Vorstellungen darüber, wer gesehen wird, wer bewertet wird und vor allem: wer die Macht besitzt, den Blick zu bestimmen. Und genau deshalb ist die gesellschaftliche Relevanz des Male Gaze immer noch groß.

Frauen sind einem geschlechtsspezifischen Blick ausgesetzt — einem Blick, der auf patriarchalen Vorstellungen darüber beruht, wie Weiblichkeit auszusehen und sich zu verhalten hat. Und das beginnt früh.

Sichtbarkeit vs. Selbstverlust


Seit Kindheit an wird Frauen durch Bilder vermittelt, wie sie aussehen sollen, um als attraktiv, erfolgreich oder begehrenswert zu gelten: schlank, jung, makellos, sexy. Kompetenz, Persönlichkeit oder Erfahrung treten dabei nicht selten hinter Äußerlichkeiten zurück.

Wir Frauen lernen deshalb oft schon als Mädchen, dass unser Aussehen wichtiger sei als unser Können, unser Wissen oder unsere Meinung. Dieses Rollenbild überträgt seine Wirkung aber nicht nur auf uns selbst. Der Male Gaze prägt auch,
wie wir auf andere Frauen blicken.

Fragen wie „Wie sehe ich aus?“ oder „Bin ich attraktiv genug?“ sind für uns wichtiger als: „Wie fühle ich mich eigentlich?“ oder „Was möchte ich wirklich?“ Der Blick auf den eigenen Körper wird zur dauerhaften Selbstbeobachtung.

Ein wichtiger Punkt dabei — gerade weil sich manche Männer bei solchen Themen schnell persönlich angegriffen fühlen: Der Male Gaze ist kein Vorwurf an einzelne Männer. Es geht nicht um individuelle Schuld, sondern um das Verständnis eines kulturellen Systems, das über Jahrzehnte gewachsen ist und bis heute unsere Bilder, Erwartungen und Rollenbilder prägt.

Gerade deshalb ist es so wichtig, diesen Mechanismus sichtbar zu machen. Für Männer — aber auch für uns Frauen. Denn nur das, was wir erkennen, können wir hinterfragen.

Dazu habe ich gerade ein Journal fertiggestellt, das am 26. Mai erscheint: EMPOWERT – Das 77-Fragen Journal für Frauen. (Öffnet in neuem Fenster)

Denn nur wenn wir über diese Themen wie heute zum Beispiel den Male Gaze sprechen, schaffen wir Raum für neue gesellschaftliche Perspektiven: für vielfältigere Bilder, mehr Selbstbestimmung und ein weibliches Selbstbewusstsein jenseits von Anpassung, Bewertung und gesellschaftlicher Dauerbeobachtung.

Und vielleicht beginnt genau dort eine wichtigere Frage als „Wie wirke ich?“ — nämlich:
Wer bin ich eigentlich, wenn niemand auf mich schaut?

 

Foto von Sinead Fouche (Öffnet in neuem Fenster) 

Hinweis der Autorin: Wenn dir meine Texte gefallen und dir vielleicht auch etwas geben – Klarheit, Wut, Einordnung oder auch das Gefühl, nicht allein zu sein – dann freue ich mich über deine leise (oder laute) Unterstützung. Ich bin zwar schon lange Journalistin aber ich starte gerade erst mit meiner freien Arbeit. Daher wäre es toll, wenn du meinen Newsletter abonnierst oder Mitglied wirst. Ich teile jede Woche per Newsletter exklusive Beiträge, gebe Hintergrundinfos oder erzähle weitere spannende Geschichten, die man dann als Member erhält: Immer mit feministischem Bezug, gespickt mit Erfahrungen aus meinem Arbeitsleben und darüber, wie wir Frauen uns unterstützen und gemeinsam gegen das Patriarchat behaupten können. Einzig, um ein erfüllteres Leben unter faireren Bedingungen für uns zu erschaffen.

Am 26. Mai erscheint ein Journal für Frauen.

Kategorie Gender-Aha-Moment

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