
Es gibt Menschen, die kommen nicht als Problem zur Welt. Das ist wichtig. Sie werden erst später dazu ernannt.
Meistens von gut integrierten Erwachsenen mit neutralem Gesichtsausdruck, pädagogischem Kugelschreiber und erstaunlich stabilem Vertrauen in die eigene Durchschnittswahrnehmung. Die Hüter der neuro-normativen und absoluten Wahrheit.
Diese Menschen sagen als Kinder vielleicht: „Das Licht tut weh.“
Und dann beginnt die eigentliche Ausbildung. Nicht in Mathematik, Rechtschreibung oder sozialer Kompetenz, sondern in jenem großen zivilisatorischen Fach, das nirgendwo im Stundenplan steht und doch täglich geprüft wird: Selbstverleugnung bei gleichzeitiger Höflichkeit. Denn wenn für sie etwas Wahrheit ist, dann die Vielfältigkeit von Wahrnehmungen, die Vielfältigkeit von Sinneseindrücken und die Pluralität und Diversität bei gleichzeitiger Ambiguität. Das ist komplex und schwierig für die Hüter der absoluten Neuro-Normativität.
Das Kind sagt also: „Das Licht tut weh.“ Die Welt antwortet: „Nein, das tut es nicht.“ Und das ist natürlich faszinierend, weil hier ein Mensch einem anderen Menschen nicht etwa erklärt, dass er selbst das Licht anders erlebt, sondern dass der andere seine eigene Wahrnehmung bitte falsch zu erleben habe. Das ist ungefähr so, als würde jemand sagen: „Ich habe Durst“, und die Gruppe antwortet: „Nein, du bist nur zu empfindlich gegenüber Flüssigkeit.“
Willkommen in der Normalität.
Normalität ist ja diese herrliche Mehrheitsfiktion, bei der alle so tun, als sei der Durchschnitt ein Naturgesetz. Wer darunter leidet, hat Pech gehabt. Oder eine Störung. Oder einen Förderbedarf. Oder, wenn es ganz schlecht läuft, eine Persönlichkeit.
Und so beginnt Torque.
Torque ist dieses innere Verdrehungsmoment, das entsteht, wenn ein Mensch mit einer bestimmten Wahrnehmung, einem bestimmten Nervensystem, einer bestimmten Aufrichtigkeit und einer bestimmten Reizoffenheit in Formen gepresst wird, die für ganz andere Menschen gebaut wurden. Es ist die Kraft, mit der ein sensibler, hochbegabter, autistischer, ADHS-betroffener oder sonst wie nicht DIN-genormter Mensch versucht, gleichzeitig wahrhaftig und beschäftigungsfähig zu bleiben.
Das ist komplizierter, als es klingt.
Denn die Gesellschaft sagt ja nicht offen: „Bitte verrate dein inneres Erleben, damit der Ablauf nicht gestört wird.“ Das wäre zu ehrlich. Stattdessen sagt sie: „Sei doch einfach du selbst.“ Und meint damit: „Aber bitte in einer Version, die niemanden irritiert, keine Zusatzarbeit macht, nicht zu laut, nicht zu leise, nicht zu direkt, nicht zu unklar, nicht zu intensiv, nicht zu bedürftig, nicht zu müde, nicht zu wach, nicht zu empfindlich und keinesfalls grundsätzlich im Recht ist.“
Das hochsensible Kind lernt also, dass es nicht sensibel ist, sondern schwierig. Das hochbegabte Kind lernt, dass es nicht schnell denkt, sondern arrogant wirkt. Das autistische Kind lernt, dass Ehrlichkeit zwar eine Tugend ist, aber nur, solange sie sozial dekorativ bleibt. Das ADHS-Kind lernt, dass Begeisterung stört, Traurigkeit nervt, Wut unangemessen ist und Langeweile ein moralisches Versagen darstellt.
Und alle lernen: Wenn du dich verbiegst, bist du reif. Wenn du daran zerbrichst, warst du eben vulnerabel.
Das Geniale an diesem System ist seine Eleganz. Es produziert den Schaden und diagnostiziert anschließend die Bruchstellen.
Ein Mensch, der jahrelang seine Wahrnehmung unterdrückt, seine Bedürfnisse entschuldigt, seine Reizgrenzen ignoriert, seine Direktheit polstert, seine Wahrheit in sozialverträgliche Häppchen schneidet und dabei innerlich langsam aus dem eigenen Leben auszieht, wird später gefragt, warum er so erschöpft sei.
Vielleicht Depression.
Vielleicht Burnout.
Vielleicht mangelnde Resilienz.
Vielleicht sollte er Achtsamkeit machen.
Achtsamkeit ist hier besonders schön, weil viele Betroffene ihr halbes Leben damit verbracht haben, ihre Wahrnehmung nicht ernst nehmen zu dürfen, und dann in einem Kurs für 399 Euro lernen sollen, wieder auf sich zu hören — allerdings bitte ohne daraus Konsequenzen abzuleiten, die den Arbeitgeber, die Familie oder die therapeutische Grundannahme belasten könnten.
Der eigentliche Witz ist: Viele dieser Menschen waren nie unaufmerksam. Sie waren zu aufmerksam. Sie haben zu viel bemerkt. Zu früh. Zu genau. Zu unerbittlich.
Sie haben gemerkt, dass der Chef „offene Kommunikation“ sagt und Bestrafung meint. Sie haben gemerkt, dass die Familienharmonie nur funktioniert, solange niemand die Wahrheit ausspricht. Sie haben gemerkt, dass manche Teams nicht an Konflikten leiden, sondern an der gemeinsam organisierten Vermeidung von Realität. Sie haben gemerkt, dass „stell dich nicht so an“ oft einfach bedeutet: „Dein Nervensystem soll bitte meine Bequemlichkeit nicht stören.“
Aber wer das sagt, hat natürlich ein Problem.
Nicht das System.
Der Mensch.
Der Mensch ist dann schwierig. Zu direkt. Nicht teamfähig. Emotional. Unflexibel. Negativ. Überkritisch. Nicht belastbar. Oder mein persönlicher Favorit: „nicht lösungsorientiert“, was in vielen Kontexten bedeutet: „Du hast das Problem zu klar benannt, bevor wir ausreichend Zeit hatten, es in eine PowerPoint-Folie umzubenennen.“
Und irgendwann entsteht dieser absurde Zustand, in dem ein Mensch sich selbst nur noch durch die Augen jener betrachtet, die ihn nie verstanden haben.
Das ist der eigentliche Verlust des Ichs.
Nicht dramatisch. Nicht filmisch. Keine große Szene im Regen.
Eher ein stiller Verwaltungsakt.
Das eigene Ich wird nicht ermordet. Es wird abgeheftet.
Unter „schwierig“.
Unter „zu sensibel“.
Unter „muss an sich arbeiten“.
Unter „kann Feedback schlecht annehmen“.
Unter „hat Potenzial, wenn er sich besser integriert“.
Und wenn dieser Mensch dann nach Jahren sagt: „Nein. Ich bin nicht falsch. Ich habe nur sehr lange versucht, in eine falsche Form zu passen“, dann wird es gefährlich.
Denn nichts irritiert ein normatives System mehr als ein Mensch, der nicht mehr um Erlaubnis bittet, sich selbst zu glauben.
Dann wird aus Sensibilität plötzlich Trotz.
Aus Klarheit wird Arroganz.
Aus Selbstschutz wird Verweigerung.
Aus Grenze wird Angriff.
Aus Authentizität wird Störung.
Und aus dem Menschen wird ein Geisterfahrer.
Das ist eine bemerkenswerte Diagnose: Geisterfahrer. Sie sagt nicht, dass jemand falsch empfindet. Sie sagt nur, dass jemand in die falsche Richtung fährt. Aber was, wenn die Straße selbst falsch gebaut ist? Was, wenn alle anderen nur deshalb in dieselbe Richtung fahren, weil sie nie gefragt haben, wohin diese Straße führt? Was, wenn Anpassung nicht Reife ist, sondern kollektive Betäubung mit Monatsgehalt?
Natürlich verliert man auf diesem Weg Dinge.
Man verliert Arbeitsplätze, weil man nicht so tun kann, als seien sinnlose Meetings eine spirituelle Übung in Organisationsloyalität.
Man verliert Beziehungen, weil man irgendwann keine Kraft mehr hat, Liebe mit dauerhafter Selbstverkleinerung zu verwechseln.
Man verliert Zugehörigkeit, weil Zugehörigkeit oft bedeutet, dass man an der gemeinsamen Lüge teilnimmt und dabei möglichst dankbar aussieht.
Man verliert vielleicht auch die Illusion, dass Verstandenwerden automatisch geschieht, wenn man sich nur klar genug erklärt.
Das tut es nicht.
Manche Menschen verstehen dich nicht besser, wenn du dich erklärst. Sie verstehen nur genauer, wo sie dich künftig pathologisieren können.
Und doch gibt es einen Punkt, an dem diese Verluste nicht mehr nur Verluste sind. Sondern Rückgabe.
Rückgabe dessen, was einem nie hätte genommen werden dürfen.
Die eigene Wahrnehmung.
Die eigene Grenze.
Die eigene Aufrichtigkeit.
Das eigene Nervensystem.
Das eigene Nein.
Das eigene Ich.
Vielleicht ist Heilung dann nicht, endlich normal zu werden.
Vielleicht ist Heilung der Moment, in dem man aufhört, sein Leben als dauerhafte Übersetzungsleistung für Menschen zu führen, die gar nicht zuhören wollten.
Vielleicht ist Heilung, wenn man sagt:
Ja, das Licht tut weh.
Ja, die Lautstärke erschöpft mich.
Ja, ich sehe den Widerspruch.
Ja, ich brauche Rückzug.
Ja, ich bin nicht „zu viel“.
Ich bin nur zu lange in Räumen gewesen, die zu wenig Platz für Wahrhaftigkeit hatten.
Und vielleicht ist Torque genau das: die lebenslange Verdrehung eines Menschen unter dem Druck, für andere plausibel zu werden.
Bis er irgendwann beschließt, nicht mehr plausibel zu sein.
Sondern echt.
Und dann steht er da, scheinbar gegen die Fahrtrichtung, während alle hupen. Als Geisterfahrer der Autobahn der Neuro-Normalität versus Leben.
Aber vielleicht ist das der erste Moment seines Lebens, in dem er nicht falsch fährt.
Sondern endlich nicht mehr gegen sich selbst.
Heute ist Neurodiversity Pride day. Sagt man. Aber eigentlich sollte es jeder Tag sein. Wir sind mit #ADHS, #Autismus, #PDA, #Dyspraxie oder #Hochbegabung oder #Hochensibilität nicht falsch. Jeder hat ein individuelles Nervensystem. Wie es erschreckt bzw. geprägt wurde und ob wir ein Mismatch mit unseren Lebensrealitäten haben, das steht auf einem anderen Stück Papier.
Dazu passt auch ein Beitrag vom letzten Jahr zum Pride Day zu einem Positionspapier der Autismus-Diagnostik bei Erwachsenen (Opens in a new window)