Das seltsame, widersprüchliche Abenteuer, ein Mensch zu sein
Eine Kolumne von Christina Emmer
#3 - Zwischen Brotdosen und Freiheitsgedanken
Zwei Teenager im Haus,
ein Kommen und Gehen,
Kopfhörer, die Welten verschlucken,
kleine Zickereien,
Milchpackungen, die leer zurück ins Kühlschranklicht gestellt werden.
Aber in Wirklichkeit sind es nicht sie.
Nicht sie sind laut.
Es ist laut in mir.
Geh.
Bleib.
Sei vernünftig.
Sei frei.
So viele Stimmen,
kein Dirigent,
jede mit Recht,
jede mit Gewicht,
jede zieht an mir
in eine andere Richtung.
Ich habe das alles gewollt.
Die Kinder.
Dieses Leben.
Die Verantwortung.
Und ich habe es getragen.
Jahrelang.
Nicht immer still.
Aber immer zuverlässig.
Wie ein Herz, das einfach schlägt,
ohne Applaus.
Und jetzt?
Jetzt sitze ich in meinem Wohnzimmer
und irgendwas stimmt nicht.
Es ist nicht das Außen,
das mich erschöpft.
Es ist das Ringen in mir.
Dieses ständige Rechnen:
Wie viel Freiheit darf ich mir nehmen,
ohne dass etwas zerbricht?
Wie viel bleibe ich,
ohne mich selbst zu verlieren?
Meine Tochter wächst
in ein Leben hinein,
das größer wird als ich.
Mein Sohn findet Wege,
die ich ihm nur noch zeigen,
nicht mehr gehen kann.
Und ich?
Ich fühle mich plötzlich verloren.
Zwischen Entscheidungen, die ich nicht mehr treffen will.
Und Entscheidungen, die ich nicht mehr treffen kann.
Weil sie sie selbst treffen.
Und ich weiß nicht,
ob ich mich darüber freuen soll
oder ob ich Angst habe.
Angst, sie jeden Tag ein bisschen mehr zu verlieren.
Angst, mich selbst zu verlieren.
Nicht weil sie gehen.
Sondern weil ich schon ein Stück gegangen bin,
aber es mir eigentlich nicht erlaube.
Ich will nicht weg von ihnen.
Ich will hin zu mir.
Ich will den Wind wieder spüren,
nicht nur durch gekippte Fenster.
Ich will mich bewegen,
ohne vorher alles zu bedenken.
Ich will ein Leben,
das nicht nur funktioniert,
sondern pulsiert.
Und dann kommt sie,
diese Stimme:
„Du hast doch schon so viel.
Sei dankbar.“
Und ich nicke.
Und werde gleichzeitig
immer leiser.
Denn tief darunter liegt etwas anderes:
Kein Undank.
Kein Trotz.
Sondern ein leises, hartnäckiges:
Ich.
Zwischen Brotdosen
und Freiheitsgedanken,
zwischen Liebe
und Enge,
zwischen Bleiben
und Gehen
stehe ich
und merke:
Der größte Widerstand
sitzt nicht im Leben.
Er sitzt in mir.
Alles Liebe
Christina
PS: Schreib mir Deine Gedanken dazu in die Kommentare!
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