Es gibt sie jetzt, „die Kollapsbewegung“, die sich selbst noch nicht vollständig definieren und alle Fragen beantworten kann. Im Nachgang des Kollapscamps hatte ich viele Gespräche mit ganz unterschiedlichen Menschen und Intentionen rund um’s Camp, die nächsten Schritte und den Begriff der Kollapsbewegung ganz grundsätzlich. Das war und ist spannend, denn es zeigt einerseits die Dynamik, die in diesem Thema steckt und das wir zur richtigen Zeit mit dem richtigen Thema und einem guten Angebot richtig erfolgreich um die Ecke gekommen sind. Andererseits liegen jetzt ganz viele Möglichkeiten (und Aufgaben) vor uns, aktiv zu werden und diese sich gerade findende Bewegung auszugestalten, was für mich einer der ausschlaggebenden Punkte war, mich auf Kollaps und Kollapsbewegung einzulassen und dieses Feld zu einem der beiden Schwerpunkte meiner politischen Arbeit zu machen: shut shit down and get shit done!

offene Fragen
Viele der angesprochenen Gespräche enden mit Fragen, auf die es noch keine Antwort gibt und noch nicht geben kann, weil die Kollapsbewegung dazu noch viel zu jung und zu klein ist. Es gibt keinen riesigen theoretischen Überbau, der es ermöglicht, sich in Interpretationen, Diskussionen und Auslegungen diverser Strategien zu verlieren und es gibt noch keine Daten, die es benötigt, um auf die ein oder andere Frage konkret und fundiert antworten zu können. Mir drängt sich dabei ganz besonders die Verteilungsfrage auf, auf die ich gleich noch ausführlicher eingehen werde. Ebenso spannend und unbeantwortet ist bis jetzt aber auch die nach dem Faktor Zeit, die mir am Dienstag (u.a. deshalb kommt der Blogtext auch zu spät) im Rahmen von Tadzio Müllers (Opens in a new window) Diskussion mit Uli Brand (Kapitalismus am Limit) (Opens in a new window) in Jena und dem anschließenden Abendessen bewusst gestellt wurde. Bisher zeigt sich, dass Menschen in Katastrophensituationen zusammenrücken und in der Regel glücklicherweise einander helfen. Die Flutkatastrophen in Valencia und dem Ahrtal können da als aktuelle Beispiele genannt werden, ebenso die Organisierungen, die in amerikanischen Städten entstehen, in denen ICE wütet und wo sehr kreative Mittel und Wege gefunden werden, um Gemeinschaften zu schützen.
Wenn die Katastrophe Dauerzustand wird
Diese positiven Erfahrungen, die nach Katastrophen zu beobachten und auch empirisch zu belegen sind, sind natürlich ein wesentlicher Antrieb für uns alle, die wir uns mit solidarischem Preppen befassen. Wir gehen von der Grundannahme aus, dass Beziehungen und Netzwerke uns besser schützen und durch diverse Kollapsszenarien helfen als Vorräte, weil Menschen in Notfällen solidarisch agieren und sich gegenseitig unterstützen. Deshalb fangen wir an unterschiedlichen Ecken momentan an, Mittel und Wege zu finden, um genau das in die Tat umsetzen zu können: den Aufbau handlungsfähiger, solidarischer Strukturen, konkrete praktische Arbeit, die vielen helfen kann. Wir können aber die Frage nach dem Faktor Zeit nicht beantworten: wie lange hält diese Solidarität an? Was passiert, wenn im Kollaps die Katastrophe auf ganz unterschiedliche große und kleine Arten zum Dauerzustand wird?

Wird oder ehrlicherweise wann wird der Punkt kommen, an dem aus Solidarität dann eben doch wieder Konkurrenzkampf wird und was dann? Ganz zentral in diesem Zusammenhang wird die Verteilungsfrage, die mich schon lange beschäftigt, weil sie eine wesentliche Frage (nicht nur) für die Kollapsbewegung werden wird und weil ich weiß, dass wir sie momentan weder beantworten können noch wollen, denn das bedeutet, dass wir uns aktiv damit auseinandersetzen müssen, was kein einfaches Unterfangen ist. Verteilungsfragen sind schon jetzt überall präsent: Wohnraum, Arzttermine, Medikamente und das bereits sprichwörtliche Klopapier zu Pandemiezeiten. Krankenhäuser beschäftigen sich nicht erst seit Corona mit dem Thema der Triage, der Einteilung der Verletzten (bei einer Katastrophe) nach der Schwere der Verletzungen.
Wie vermeiden wir Handlungsunfähigkeit?
Im fortschreitenden Kollaps werden Verteilungsfragen in Zahl und Dringlichkeit zunehmen und Verteilungskämpfe werden nicht ausbleiben. Das gilt im Kleinen und mit Blick auf Einzelpersonen, das gilt aber ebenso im großen Kontext von häufiger auftretenden Katastrophenszenarien und der Machtübernahme der Nazis. Wir müssen uns mit dieser Frage ernsthaft auseinandersetzen, denn wir als Linke, Linksradikale und Linksextreme stehen vor einem Dilemma von Ethik & Moral angesichts von Verteilungsfragen, auch und verstärkt im Kollaps. Wir wissen das, genau deshalb führen wir keine ernsthaften und ehrlichen Diskussionen zum Thema. Faschismus macht es den Menschen in dieser Beziehung sehr viel leichter, da Ethik und Moral von Anfang an nicht im Wege stehen, sondern sozusagen per Definition keine Rolle spielen. Wir Linke haben diesen „Luxus“ nicht und sind gezwungen in die entsprechende Auseinandersetzung mit uns selbst und miteinander zu gehen. Wenn Utopien der Kollapsbewegung nicht scheitern sollen, wenn solidarisches Preppen nicht zu früh an seinen Grenzen zerbrechen soll, müssen wir u.a. Antworten finden auf dieses Dilemma. Gelingt uns das nicht, werden wir keinen Umgang finden mit der Handlungsunfähigkeit, mit der wir durch ethische und moralische Fragen konfrontiert werden.
Denn nichts anderes als Handlungsunfähigkeit droht, wenn wir uns in Utopien flüchten und unangenehme Fragen verdrängen und unbeantwortet lassen. Gibt es im Falle von Kollaps so etwas wie falsche oder falsch verstandene Ethik und Moral? Wo enden Ethik und Moral im solidarischen Umgang mit Kollaps, wo beginnt die Lösung von Verteilungsfragen und wo der entsprechende Kampf? Mit welchen Mitteln wollen, müssen und dürfen wir diesen führen? Wo liegen Grenzen von solidarischer Krisenvorsoge und solidarischem Handeln im Katastrophenfall? Welche Kompromisse sind wir bereit einzugehen und welche nicht?
Ich habe darauf keine Antworten und ich weiß, dass das Finden solcher schwer und unbequem wird. Ich weiß auch, dass wir noch etwas Zeit haben, um diese Antworten zu finden, weil wir nach wie vor in einer sehr privilegierten Position sind. Es gibt aber Regionen und Menschen, die diese Privilegien schon lange nicht mehr haben, teilweise nie hatten und es gehört zur Ehrlichkeit auch dazu anzuerkennen, dass wir, um diese Menschen zu finden, inzwischen immer häufiger auch nur noch wenig über unseren eigenen Tellerrand hinausschauen müssen. Je besser wir das Ziel des solidarischen Preppens erreichen, je mehr handlungsfähige Netzwerke und Strukturen es also gibt, desto mehr Zeit können wir uns „erkaufen“, um uns diesen Fragen in aller Konsequenz zu stellen, ehe Antworten da sein müssen. Auch deshalb muss meine Ecke der Kollapsbewegung eine sein, die jetzt ins Handeln kommt und dabei ganz praktisch agiert, statt sich im Ringen um theoretische Überbauten und Begriffsdefinitionen zu verlieren.
Funktionieren Utopien als Dauerzustand?
Was machen wir mit dem Nazi von nebenan, dem Typen in der Nachbarschaft, der seine Freundin schlägt und demjenigen, die mir als queerer Person heute nicht mal die Frage nach Uhrzeit beantwortet, übermorgen aber eventuell meine Hilfe braucht?
Die Kollapsbewegung wie so viele andere, die sich im linken Spektrum verorten und die für das „gute Leben für alle“ kämpfen, arbeitet immer mit Utopien – einer neuen und besseren Form von Zusammenleben, die sich erfolgreich außerhalb kapitalistischer, rassistischer und faschistischer Zwänge behaupten können. Temporär gelingt es, einzelne Orte in gelebte Utopien zu verwandeln – der Hambi, Danni, Lützerath, Klima- und Aktionscamps sind Beispiele dafür, jedoch zeitlich und räumlich sehr eng begrenzt und das ist meiner Meinung nach auch der Grund, warum es funktioniert hat. Werden diese Utopien zum Dauerzustand, werden sie somit mit einem Alltag im Kollaps und mit mehr Menschen konfrontiert als es Infrastruktur etc. zulassen, stehen sie vor den oben bereits aufgeführten Fragen der Verteilung und diese können sie bisher nicht lösen, mussten sie auch noch nicht. Die sowohl von Tadzio Müller (Opens in a new window) als auch von mir (Opens in a new window) in einem unserer Blogbeiträge angerissene Frage nach der Exklusion in linken Strukturen bewegte sich bereits in diese Richtung. Doch im Ernstfall stellt sich die Frage eben nicht nur, wenn es um Zugang zu unseren Strukturen und Veranstaltungen geht. Sie stellt sich, wenn es um die Verteilung von begrenzten Ressourcen im wortwörtlichen Notfall geht. Wer wird von der SoLaWi versorgt, wer bekommt einen Platz in einem Hitzeschutzraum, wessen Keller wird zuerst ausgepumpt, welcher CSD kann geschützt werden und wen versorgen wir mit der Gemeinschaftssolaranlage? An Ressourcenknappheit wird auch solidarisches Preppen und Kollapsbewegung nichts ändern (können), im besten Fall haben wir einen gewissen Einfluss darauf, wann sie spürbar und dadurch zum Problem wird und uns eine Antwort auf die verdrängte Frage abverlangt.
Kollapsakzeptanz ist erst der Anfang
Es gibt bereits einige zaghafte Diskussionen rund um das Thema, aber diese flüchten sich in Utopien und weigern sich geradezu, bis zum Ende zu denken. Sie setzen u.a. an bei Verwaltungsakten wie Mitgliedschaften bei SoLaWis, der nötigen Größe einer SoLaWi, der Beteiligung an Entscheidungsprozessen zu Fragen der Verteilung und der Hoffnung, einfach indigenes Wissen bei uns anzuwenden.
Was dabei unter anderem völlig außen vor bleibt:
1. Es gibt keine auch nur ansatzweise ausreichenden solidarischen Landwirtschaftsprojekte.
2. SoLaWi und dann? Was ist mit Verarbeitung und Transport und entsprechenden Strukturen, Räumen, Maschinen, Fachleuten?
3. Was ist mit allem, was außer Gemüse noch benötigt wird, und das meine ich nicht nur bezogen auf Ernährung?
4. Was ist mit Schutz und Verteidigung, spätestens dann, wenn die Frage nach der Verteilung gar nicht mehr (verbal) gestellt wird, geschweige denn die demokratisch errungenen Antworten noch irgendwen interessieren?
Was ich damit sagen will, ist Folgendes: Solidarisches Preppen ist keine Wunderwaffe und wir werden damit an Grenzen stoßen, die vermutlich auch früher erreicht sind, als wir uns das selbst eingestehen wollen. Aber wir müssen uns diesen Fragen und Herausforderungen ehrlich stellen und wir müssen zügig anfangen, Dinge in die Hand zu nehmen und zu machen, statt uns in theoretischen Diskussionen zu verlieren. Es bringt nichts, über Verwaltungsakte zu reden, wenn es noch nichts gibt, was verwaltet werden kann. Es bringt gleichermaßen nichts, sich utopisch auf indigenes Wissen als Heilsbringer zu fokussieren, wenn die Umstände, denen wir gegenüberstehen, nicht mit der Situation von indigenen Menschen zu vergleichen sind und in vielen Dingen auch niemals vergleichbar sein werden. Es ist ebenfalls in letzter Konsequenz Verdrängung und Selbsttäuschung, nicht über Schutz und Verteidigung reden zu wollen aus einem linken Pazifismus heraus, der einfach schon immer einer war, den sich nur privilegierte Menschen in einer gewissen Arroganz leisten konnten. Indigene Menschen nach ihrem know-how zu fragen und dabei nicht anzuerkennen, dass dieses know-how oft auch bewaffnete Strukturen und Militanz beinhaltet, ist genau diese Verdrängung, Arroganz und Inkonsequenz, die nicht zu Lösungen führt.
Dieser Text soll keinesfalls pessimistisch sein oder von der dunkelsten aller Optionen ausgehen, im Gegenteil. Er soll 2 Dinge zeigen: Kollapsakzeptanz ist wichtig, aber keineswegs das Ende der Arbeit und diese Arbeit wird nicht unbedingt leichter, nur weil wir Realitäten akzeptieren und von (einer Form) falscher Hoffnung losgekommen sind. Er soll außerdem klar machen, dass es im Umgang mit all den verschiedenen potenziellen Kollapsszenarien einiges zu tun und zu bedenken gibt und Zeit dabei auf ganz unterschiedliche Art ein entscheidender Faktor ist. Mit dem Kollapsbewußtsein fängt die Arbeit also erst an. Damit wir diese erfolgreich in Angriff nehmen können, ist es in unserem Kontext aber umso notwendiger mit realistischen Annahmen, Zielen und Plänen zu agieren. Verdrängung, Verweigerung und Utopien führen mit Blick auf Kollapsszenarien nicht nur zu enttäuschten Hoffnungen, aus der die nächste Dosis Hopium wieder heraushilft. Am Ende von Verdrängung & Co. können hier unmittelbar Konsequenzen und Fakten warten, die nicht mehr zu ändern oder zu ignorieren sind.
Je weiter wir mit solidarischem Preppen kommen wollen, desto früher muss meiner Meinung nach die praktische Umsetzung beginnen. Das gilt umso mehr, weil wir selbstverständlich auch mit Ideen und Umsetzungen scheitern werden - try, error, try again, darum werden wir nicht herumkommen. Anpacken ist für mich also das „Gebot der Stunde“ - in der Breite, um schnell möglichst viele Menschen zu erreichen, gleichzeitig aber auch konsequent zugespitzt auf zunächst wenige, die Wissen und Fähigkeiten erlernen, um handeln zu können und anderen ihr Wissen weiterzugeben.