Wenn heterosexuelle Frauen in den Sex- und Beziehungsstreik gehen, können sie die Welt aus den Angeln heben. Oder doch nicht?

Vor ein paar Tagen erschien im SZ Magazin ein Interview mit mir zum Thema Heterofatalismus (Opens in a new window), also der wachsenden Unlust heterosexueller Frauen, sich in romantischer und/oder sexueller Weise mit Männern abzugeben. Der Post zum Interview bei Instagram ging einigermaßen steil, die Reaktionen waren interessant, um es vorsichtig auszudrücken. Grund genug, sich das Thema Heterofatalismus etwas näher anzuschauen.
Die Lysistrata-Methode
Die Idee, Männer durch romantische Verweigerung zur Vernunft zu bringen, ist alles andere als neu. Im fünften Jahrhundert vor unserer religiösen Zeitrechnung schrieb der griechische Dichter Aristophanes das Stück Lysistrata (Opens in a new window). Darin geht es um zwei Städte, deren Heere ständig im Krieg miteinander liegen. Die Frauen beider Städte haben irgendwann so sehr die Schnauze voll von all dem Leid, das die Männer verursachen, dass sie sich zusammentun, um die Barbarei zu beenden. Sie beschließen unter ihrer Rädelsführerin Lysistrata, so lange nicht mehr für Sex mit ihren Ehemännern zur Verfügung zu stehen, bis diese aufhören, sich zu bekriegen. Nach viel Hin und Her - einige Frauen werden der Bewegung aus Sehnsucht nach ihren Männern abtrünnig, einige Männer versuchen, die Festung, in der sich die Frauen verschanzt haben, zu stürmen - sehen die Kriegstreiber endlich ein, dass die Frauen am längeren Hebel sitzen, und geben nach.
Aristophanes schrieb diese Komödie als satirischen Kommentar zu dem Krieg zwischen Athen und dem von Sparta angeführten Peloponnesischen Bund, der zu dem Zeitpunkt schon zwanzig Jahre dauerte. Weder haben die Frauen der beiden Stadtstaaten wirklich einen Sexstreik ausgerufen, noch hat die Veröffentlichung des Stücks zum Frieden beigetragen - er dauerte nach der Uraufführung noch weitere sieben Jahre.
Wo Aristophanes augenzwinkernd ein fiktives Szenario beschrieb, können sich westliche Gesellschaften derzeit life und in Farbe anschauen, was passiert, wenn Frau sich tatsächlich von Männern abwenden. Und wo das Dichtwerk zum Schmunzeln über die allzu menschliche Schwäche der Männer, ihre Achillesferse, wenn man so will, einlädt, sieht die Wirklichkeit härter und auch unheimlicher aus.
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Frauen und freier Wille - kann das gutgehen?
Die von Männern für Männer gestaltete sesshafte Zivilisation hat über Jahrtausende dafür gesorgt, dass Männer eine Partnerin - und damit Zugang zu Sex und Fortpflanzung - fanden. Wer das Warum dahinter verstehen möchte, dem sei mein erstes Sachbuch “Female Choice - Vom Anfang und Ende der männlichen Zivilisation” (Opens in a new window) ans Herz gelegt. Die Männer nutzten Gesetze (s. hierzu unter anderem Codex Hammurabi, Codex Nesilim), um Frauen in eine Abhängigkeit zu zwingen, so dass sie nicht anders konnten, als sich in sexuell treue, heterosexuelle Langzeitpartnerschaften zu begeben, um Armut und Schande von sich und ihrem Kind abzuwenden.
Heterofatalismus ist die logische Konsequenz in einer Welt, in der der abhängig machende Druck stetig abnimmt. Sichere Verhütungsmittel, gleiche Rechte und wirtschaftliche Eigenständigkeit haben in den letzten einhundert Jahren dazu geführt, dass Frauen in westlichen Gesellschaften heute wesentlich unabhängiger von Männern sind.
Und plötzlich zeigt sich, dass Frauen - anders als Generationen von Maskulisten seit Jahrzehnten behaupten - durchaus keinen ominösen evolutionären Antrieb verspüren, sich in heterosexuelle Beziehungskonstrukte zu begeben. Wenn Frauen nicht länger von Männern in der Geiselhaft wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Abhängigkeit gehalten werden können, ziehen viele von ihnen andere Formen sozialer Bindungen der Paarbeziehung mit einem Mann vor.
Man kann diese Entwicklung Sozialen Medien sei Dank in den unterschiedlichsten Ecken der Welt beobachten.
Begonnen hat alles in Südkorea in den 2010er Jahren, mit der 4B-Bewegung. Die vier B stehen im Koreanischen für die Silbe “kein” und die vier Bereiche, in denen sich die Frauen verweigern: Sex, Dating, Heirat, Kinder bekommen. Trotz der Offenheit nach Westen ist Südkorea eine extrem patriarchale Gesellschaft, das Land stand in puncto Gleichstellung der Geschlechter 2023 (Opens in a new window) nach einer Erhebung des Weltwirtschaftsforums auf Platz 105 von 146, Partnerschaftsgewalt liegt in Südkorea höher als in anderen Ländern und Frauen sind in Spitzenpositionen von Politik und Wirtschaft eine kleine Minderheit (Opens in a new window). Es ist also kein Wunder, dass es den koreanischen Frauen reichte.
Und obwohl 4B - auch wegen ihres ausdrücklichen Ausschlusses von trans und queeren Frauen - mittlerweile wieder vom Tisch ist, hält der Trend zur Männerfreiheit an. In China beispielsweise können heterosexuelle Frauen heute für Dates Frauen buchen (Opens in a new window), die gewissermaßen auf Mann machen - ohne Männer zu sein. Die gebuchten Frauen verkörpern alles Positive an Männern, kostümieren sich auch wie welche, und kombinieren das mit emotionaler Verfügbarkeit, Sanftheit und Einfühlungsvermögen. Sie geben frustrierten heterosexuellen Frauen gegen Bezhlung die “Boyfriend experience”, die sie sich wünschen.
Und schließlich der Vogue-Artikel von Chanté Jospeh (Opens in a new window), der Anlass für mein Interview mit dem SZ Magazin war. Joseph fragte, ob es Frauen mittlerweile peinlich ist, eine Partnerschaft zu haben, weil sie in ihren Umfeld beobachtete, dass sich immer weniger Frauen öffentlich zu ihrer Beziehung bekennen.
Da ist unbestreitbar etwas im Gange. Belastbare Zahlen zu der weiblichen Beziehungsunwilligkeit gibt es meines Wissens noch nicht, aber dass Frauen sich mehr und mehr von dem entfernen, was sie früher als selbstverständliches Lebensziel gesehen haben, scheint mir kaum zu leugnen zu sein.
Männerhass?
Ich glaube nicht, dass Frauen heterosexuellen Männern grundsätzlich die Freundschaft kündigen wollen. Ich selbst bin heterosexuell und ich finde, dass es Dinge gibt, die einer nur ein Mann geben kann - und damit meine ich nicht seinen Schwanz. Für mich liegt im Urmännlichen etwas ebenso Wundervolles wie im Urweiblichen. Etwas, nach dem ich mich sehne, das ich bewundere und als universelles Gegenstück zu allem Weiblichen in mir empfinde.
Doch diese magische Männlichkeit kommt im täglichen Leben zu einem so hohen Preis, dass ich und viele andere Frauen nicht mehr sicher sind, ob der Gewinn im Verhältnis zu den Kosten steht.
Ungerecht aufgeteilte Verantwortung für Kinder und Haushalt, unselbstständige Partner, die sich um nichts kümmern – nicht einmal um sich selbst, penetrativer Sex, der ihnen keinen Orgasmus bringt, schlechter Schlaf.
Es gibt zahlreiche Studien, die zeigen, dass Frauen Nachteile aus ihrer Beziehung haben.
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(Opens in a new window)Während Männer eher besser schlafen mit einer Frau an ihrer Seite, leidet die Schlafqualität von Frauen (Opens in a new window) erheblich unter der Anwesenheit eines männlichen Schlafgefährten. Männer schnarchen eher, sie sind unruhiger im Schlaf und das wirkt sich negativ auf den Schlaf der Frau aus.
Aber es ist nicht nur der Schlaf, sondern auch das, was vorher passiert. Je nach Umfrage haben 70 bis 100 Prozent der Männer bei penetrativem Sex mit einer Frau einen Orgasmus. Dagegen sind es nur 30 bis 65 Prozent der Frauen (Opens in a new window). Die Gründe dafür liegen sicher nicht nur bei dem jeweiligen Mann, sondern auch darin, dass der weiblichen Sexualität in einer patriarchal geprägten Zivilisation unangenehm enge Grenzen gesetzt sind. Einerseits sollen Frauen Männer sexuell glücklich machen, andererseits selbst keine ausdrücklich sexuellen Bedürfnisse haben. Das kann die weibliche Fähigkeit, sich beim Sex fallenzulassen oder auch herauszufinden, was sie abseits von der vaginalen Penetration wirklich kickt (Opens in a new window), sehr beeinträchtigen. Doch was auch immer die Gründe sind: am Ende bleibt es Fakt, dass heterosexueller Sex für Frauen nicht so ein Nonplusultra ist wie für Männer.
Auch die sogenannte Mental Load ist in Beziehungen sehr ungleich aufgeteilt. Mental Load bezeichnet letztlich die Organisation des Alltags. Frauen müssen hier nicht nur für sich selbst und die gemeinsamen Kinder denken, sondern auch für den erwachsenen Partner - der dadurch, dass er nicht von sich aus sieht, was gemacht werden, woran gedacht werden muss, für Frauen zu einem weiteren Kind wird. Frauen organisieren Arzttermine für Männer, sie leisten nicht selten die gesamte emotionale Bindungsarbeit einer Beziehung, sie ersetzen dem erwachsenen Mann Mutter, Freundin, Therapeutin.
“Männer verlieren bei einer Trennung oft auch ihre einzige Freundin (Opens in a new window)”, sagt der Psychotherapeut Björn Süfke, der sich auf die Arbeit mit Männern spezialisiert hat. Der Mann, der es in seinem ganzen Leben nicht zuwegen gebracht hat, aufrichtige, tiefe Freundschaften zu anderen Menschen als seiner Partnerin aufzubauen, stützt sein ganzes emotionales und soziales Wohlbefinden auf die Frau. Und Frauen spüren das. Sie wissen, dass sie die einzige tiefe Bindung ihres Partners sind, dass ihr Partner zurück ins soziale Vakuum fällt, wenn sie sich nicht um ihn kümmern.
Die Frau übernimmt also die Verantwortung für sein Wohlbefinden. Stärkt die Bindung, sorgt für ausreichend We-Time, kümmert sich um seine physische und psychische Gesundheit. Und das ist ein immenses Gewicht, denn umgekehrt leistet der Mann das in aller Regel nicht.
Ohne Zweifel gibt es viele Ausnahmen von diesem Muster. Männer, die sich ihrem Alter angemessen verhalten, die verstehen, dass eine Beziehung Geben und Nehmen ist, die ihre Partnerin genauso oft entlasten wie sie ihr etwas aufbürden. Aber es ist bei der ganzen Geschlechterentwicklung, der wir als Gesellschaft gerade beiwohnen, auch nicht wichtig, ob jeder Mann so ist, ob jede Frau diese Beziehungserfahrungen macht. In beiden Fällen sind es genug Individuen, um eine öffentliche Stimme zu erzeugen.
Sind Männer wirklich so schlimm?
Im Grunde kann man sich die Frage selbst beantworten, wenn man sich die Kommentare unter dem zu dem Interview gehörenden Instagram-Post (Opens in a new window) anschaut. Während die Frauen überwiegend sachlich im Ton sind, inhaltliche Ergänzungen oder Einwände anbringen, reagieren fast alle Männer eingeschnappt. Von schnippischen Kommentaren bis zu blanken Beleidigungen ist da alles dabei.
Niels Ruf, in die Jahre gekommener Schutzpatron emotional unreifer Männer (alte MTV-Zuschauende erinnrn sich), sieht in dem Post eine “männerhassende Schlagzeile”. Da sind (dem Namen nach) Männer, die öffentlich verkünden, dass sie fortan ebenfalls keine Beziehungen zu Frauen mehr wollen; immerhin gäbe es mittlerweile Geschirrspüler und Waschmaschine. Dass diese Wortäußerung ein absolut erschütterndes Beziehungsverständnis offenbart, merken diese Männer nicht. Der Hauptsinn einer Partnerschaft ist demnach, dass einem jemand die Wäsche wäscht und das Geschirr abspült.
Natürlich ist eine Kommentarspalte niemals repräsentativ: hier tummeln sich Menschen, die persönlich betroffen und/oder aufgeregt sind. Alle, die gelassen auf den gesellschaftlichen Wandel oder ein Interview, das den gesellschaftlichen Wandel zu erklären versucht, reagieren, tauchen in Kommentarspalten nicht auf. Das verzerrt den Eindruck, schon klar. Dennoch fällt die Diskrepanz zwischen den Geschlechtern auf.
Nicht eine Sekunde glaube ich, dass diese wütenden, aggressiven, beleidigten Männer in einer Frau wirklich nur eine Haushaltshilfe sehen. Sie werden sich vielmehr genauso nach Geborgenheit sehnen wie fast alle in einer Kernfamilie aufgewachsenen Menschen. Für Männer bedeutet eine feste Beziehung darüber hinaus leichteren Zugang zu Sex. Im Gegensatz zu Frauen, die keine Beziehung eingehen müssen, um an Sex zu kommen, sind viele Männer auf eine feste Partnerin angewiesen, um an die psychischen und physischen Annehmlichkeiten sexuellen Austauschs zu gelangen.
Aber genau da offenbart sich die emotionale und psychische Unreife dieser Männer. Anstatt sich die eigenen Bedürfnisse einzugestehen, anstatt zuzugeben, dass einem ohne Frau, ohne romantische Liebe, ohne Sex etwas fehlt im Leben, anstatt zunächst einmal in sich zu gehen und die statistisch belegten Kritikpunkte zu prozessieren, werden die Männer pampig.
Das sind die Reaktionen kleiner Kinder. Da offenbart sich die völlige Unfähigkeit, negative Emotionen konstruktiv zu verarbeiten, da wird der eigene Frust über unerfüllte Sehnsüchte externalisiert und auf Frauen projiziert, da weigert sich einfach alles, die Verantwortung für eigene Lebenserfahrungen zu übernehmen und es bleibt nicht als ein “Selber!” Komplett mit rausgestreckter Zunge. Ich vermute, dass die meisten der Männer, die so unreif reagieren, aktuell keine Beziehung haben, so dass ich mir ersparen kann, mir auszumalen, wie es den Frauen an deren Seite geht.
Aber weil wir auch weiterhin in einer männlich geprägten Zivilisation leben, können sich diese Männer darauf verlassen, dass sich Soziologie und Psychologie um sie kümmern. Ihnen eine male loneliness epidemic bescheinigen, die die Schuld des Feminismus ist und so weiter und so fort. Verstehen Sie mich nicht falsch: Diese Einsamkeit der Männer ist da und sie ist ein Problem. Denn im Gegensatz zu Frauen, bei denen seelisches Leid sich eher gegen sie selbst richtet, kehrt sich Leid bei Männern - auch wegen der unreifen Externalisierung und der gesellschaftlichen Normalisierung männlicher Aggression - eher nach außen und damit gegen andere.
Aber anstatt die Unreife zu fördern, indem man versucht, Frauen wieder in ihre Jahrtausende alte Zwangsrolle als sexuelle und emotionale Dienstleisterinnen zu drängen, wie das bekannte Maskulistenstimmen wie die von Andrew Tate oder auch dem kanadischen Psychologen Jordan Peterson fordern, sollten alle Wissenschaften, die es betrifft, massiv daran arbeiten, Männern Zugang zu ihren Gefühlen zu ermöglichen und sich Ressourcen zur Verarbeitung negativer Emotionen zu erarbeiten. Als Gesellschaft können wir das sein, was die Laienpsychologie Enabler nennt, also toxisches Verhalten am Leben erhalten. Oder wir - als Gesellschaft, als Verbund von Wissenschaften, als Ausdruck von Politik und Justiz, daran arbeiten, das Problem zu lösen.
Denn das Problem wird nicht weggehen. Ich bin als Biologin und Feministin fest davon überzeugt, dass es keinen Weg gibt, der dazu führt, dass sich Frauen auch ohne Zwang, ganz freiwillig wieder zu annähernd 100 Prozent in die sexuell exklusive Langzeitbeziehung begeben. Wir können das akzeptieren und einen konstruktiven Umgang damit finden. Oder wir können es wie Männer in Kommentarspalten handhaben. Ignorieren, externalisieren, jede maskuline und patriarchale Verantwortung ablehnen. Muksch sein.
Die von mir sehr geschätzte arabische Feministin Farida D. formuliert es auf Instagram so: “The problem isn’t that women are now independent; it is that men aren’t.” (Opens in a new window)
Und wer jetzt immer noch nicht genug hat von mir, kann mir bei Instagram (Opens in a new window) oder Bluesky (Opens in a new window) folgen.