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Was redest du?

Von Hasnain Kazim - Telefonieren im Zug / Mamdani / Claudia Ziegeler / KI / Carlos Cipa

Liebe Leserin, lieber Leser,

diese Woche hat mich das Thema Kommunikation beschäftigt. Wie wir miteinander reden - oder auch nicht. Wie wir Signale senden, bewusst oder unbewusst - und davon ausgehen, dass alle uns verstehen. Darum geht es deshalb heute auch in diesen “Erbaulichen Unterredungen”.

Mancher Kommunikation ist man heutzutage einfach ausgesetzt, ob man will oder nicht. Zum Beispiel im Zug. Ich saß am Mittwoch im ICE von Nürnberg nach Berlin. Eine Frau hinter mir, vielleicht Anfang dreißig, Baseballcap, Sonnenbrille, die Coolness in Person, sagt in ihr Telefon, der Podcast sei fertig aufgenommen, aber er solle bitte zusätzlich auf Jörns Server gesichert werden.

Man ist kurz davor zu fragen, wer denn Jörn ist, da sagt der Mann neben mir in sein Telefon, seine Mitarbeiterin (er nennt den Namen) sei noch bis zum 16. Februar krankgeschrieben, sie sei psychisch eh nicht die Stärkste, aber jetzt habe ihr Mann auch noch den Job verloren, da komme alles zusammen, man müsse auf die Gesamtsituation Rücksicht nehmen. “Wir können in nächster Zeit nicht viel von ihr erwarten”, sagt er.

Auch die Frau vor mir spricht, man muss eher sagen: schreit in ihr Telefon. Am anderen Ende ist, man bekommt es zwangsläufig mit, ihr Mann. Sie sagt ihm, die Creme gegen Fußpilz wirke nicht so gut wie die, die sie letztes Jahr hatte, und wenn er nachher eh zu Aldi gehe, solle er auch in der Apotheke vorbeischauen und die stärkere Fußpilzcreme kaufen.

Ich schrieb über diese Dialoge in den “sozialen” Medien, woraufhin ein paar meinten, ein Zug sei halt “ein öffentlicher Raum”, das müsse ich aushalten, ich solle doch “einfach ins Ruheabteil gehen” oder “Kopfhörer aufsetzen”. Einer meinte, es sei “nicht verboten, im Zug zu telefonieren!”

Natürlich nicht. Es geht nicht ums “Verbieten”. Es geht um Rücksichtnahme. Ich finde, man sollte das Telefonieren in der Öffentlichkeit ächten. Auch das ist ein Aspekt, der mir an Japan so gut gefällt: Man telefoniert nicht in der Öffentlichkeit. Schon gar nicht im Zug. Und nie, nie, nie so, dass andere es mitbekommen! Vor allem nicht, wenn es um Fußpilzcreme geht!

Paradiesische Zustände!

Und ja, natürlich kann man sich Knöpfe ins Ohr stecken und einfach nichts mehr hören und vor sich hinstarren. Bisweilen ja wirklich schön: die Landschaft bei guter Musik an sich vorbeirauschen zu lassen. Aber es ist ja auch ein Kreislauf: Die einen labern ins Telefon, als gäbe es kein Morgen; die anderen hören stumm irgendetwas und sagen weder “Hallo” noch “Tschüss”. Neulich las ich in der “Süddeutschen Zeitung” sogar irgendeinen Krankheitsbegriff dafür, dass Kinder anderen Leuten nicht mehr in die Augen schauen mögen und nicht mehr grüßen. Und dass man das behandeln lassen müsse. Man kann auch jeden Kram pathologisieren.

Ich finde es ja super, wenn man in Räumen, wo Menschen aufeinandertreffen, wie Menschen miteinander umgeht: indem man nicht mit irgendwem telefoniert, auch nicht sich mit Knopf im Ohr verabschiedet, sondern vielleicht auch mal ein freundliches, interessiertes Wort miteinander wechselt. Oder wenigstens den anderen wahrnimmt und nicht so tut, als sei er Luft.

Eine interessante Frage könnte sein: “Wo kommen Sie eigentlich her?” Aber das ist nun schon wieder ein ganz, ganz heikles Thema. Kürzlich hörte ich einen Podcast mit einem Journalisten mit migrantischen Wurzeln über das Thema Rassismus, und ich wettete mir mir selbst, dass darin vorkommt, dass er diese Frage erwähnt und sie als rassistisch empfindet. Ich habe diese Wette gewonnen.

Dabei signalisiert diese Frage in den allermeisten Fällen nur Interesse am anderen. Die eigentliche Frage dahinter ist: “Ich interessiere mich für dich, was ist dein Lebensweg?” Ich frage das daher ganz oft. Wissend, dass es auch natürlich unpassende Gelegenheiten gibt, das zu fragen. Und dass manche Leute auch nicht darauf antworten wollen, was ihr gutes Recht ist. Dann fragt man halt nicht weiter. So einfach ist das. Es gibt ja kein Recht auf eine Antwort.

Wie auch immer: Ich bin dafür, dass wir mehr miteinander reden. Die Frau mit dem Fußpilz habe ich gefragt, welche Creme sie denn nun besser findet, und sie hat sie mir empfohlen.

Gut, dass ich jetzt Bescheid weiß.

Was redet Mamdani da?

Vergangene Woche hat der neue New Yorker Bürgermeister Zoran Mamdani darüber geredet, wie er sich seine Stadt vorstellt, nämlich als eine weltoffene Stadt, die Fremde willkommen heißt. Das unterstütze ich und finde es löblich, denn welche Stadt, wenn nicht New York, hat ihr Dasein Migration und der Vielfalt der Kulturen zu verdanken? “Big Apple” ist doch der “Melting Pot”.

Nur leider verfiel Mamdani - es war zu erwarten - darauf, seine Religion als gedankliche Basis für sein Bild zu verwenden. Er erzählte, dass der Islam “auf einem Narrativ der Migration” entstanden sei. Er erwähnte den Propheten als Beispiel für einen Migranten und zitiert eine Koransure, wonach wir denjenigen, die für die Sache Allahs migrieren, nachdem sie verfolgt wurden, in dieser Welt mit einem guten Zuhause versorgen müssten. Überhaupt müsse man an der Seite der Fremden stehen und ihnen Herberge bieten.

https://www.youtube.com/shorts/ss385Hqtl84 (Opens in a new window)

Das, ich betone das, finde ich durchaus richtig. Aber warum nicht eine neutrale, konfessionsunabhängige Rede zu diesem Thema? Warum eine, in der er, wie all die streng Religiösen, nach jedem Erwähnen des Propheten Mohammed den Zusatz “Salla ilahu alayhi wa-sallam”, also “Allah segne ihn und schenke ihm Frieden” hinterherschob?

Man mag nun sagen: Du übertreibst, es ist doch egal, Hauptsache, er ist für Weltoffenheit und Toleranz! Dem muss ich widersprechen. Ich kritisiere seine Rede, weil er - ganz bewusst, er ist ein intelligenter Mann und weiß, was er tut - Codes der Radikalen und Extremisten nutzt. Seit langem predigen die Mullahs, Migration sei ein Weg, ihre Vorstellung von Islam zu verbreiten. Sie sagen, auf diese Weise könne man auch jene Gebiete erobern, in denen Muslime derzeit noch nicht die Mehrheit bildeten. Mamdani redet exakt wie sie. Er zitiert genau die Koranstellen, die sie auch regelmäßig zitieren.

Wer das nicht weiß, erkennt nicht, wem Mamdani da beiläufig seine Reverenz erweist. Klingt doch eigentlich ganz nett, ganz wunderbar und gut, es ist doch völlig harmlos, sind wir nicht alle für Weltoffenheit und Vielfalt, dafür, dass wir Menschen, die zu uns kommen, ein Zuhause bieten und dass sie es eine neue Heimat nennen können? Solch unterschwellige Botschaften, halb versteckt, irgendwie harmlos klingend, aber für die, an die sie sich richten, klar verständlich, nennt man, wenn es in Richtung Rechtsextreme geht, “Dog Whistle”. Aber auch hier trifft das zu. “Wenn Glaube uns den moralischen Kompass bietet, an der Seite des Fremden zu stehen, kann eine Regierung die Mittel dazu stellen”, sagt Mamdani. Tja.

Mein Misstrauen beruht darauf, dass ich solche Worte von den religiösen Fanatikern in unterschiedlichen islamischen Ländern zur Genüge kenne. Und es beruht darauf, dass Mamdani sich offen dazu bekennt, Mitglied der “Democratic Socialists of America” zu sein.

Wenn man sich ein bisschen mit denen befasst, weiß man, wes Geistes Kind die sind. Wie die Aktivistin Calla Walsh, die dort ebenfalls Mitglied war, sich dann aber noch weiter radikalisierte und kürzlich ein Video aus Iran veröffentlichte, in dem sie die iranische Polizei lobt:

https://www.youtube.com/shorts/_ZYuCr_2VlY (Opens in a new window)

Mamdani unterstützt offiziell die BDS-Bewegung gegen Israel (“Boycott, Divestment, Sanctions”). Manche Medien schreiben, das sei “nicht automatisch Islamismus” und “nicht antisemitisch”, aber was soll man dazu noch sagen? Mit dem Spruch “globalize the intifada” hat er auch kein Problem. Mich persönlich stört das. Sehr sogar.

Ein Treffen in Wien

Ich möchte Ihnen heute eine Geschichte von einer Leserin erzählen, die mir geschrieben hat und die mir sehr ans Herz gewachsen ist.

Claudia Ziegeler schrieb mir vor einigen Jahren, dass sie meine Bücher gelesen habe und sich über einen Austausch mit mir freuen würde. Sie schrieb mir teils auf Deutsch, teils auf Englisch. Ihre Zuschrift gehörte zu denen, die ich zur Kenntnis nahm, aber aus Zeitgründen zunächst nicht beantwortete. Sie schrieb mir einige Monate später erneut und erwähnte, dass sie derzeit in Pakistan lebe und dass sie besonders spannend fände, dass ich nun in Wien lebte, sie sei nämlich halb Österreicherin und halb US-Amerikanerin. Demnächst komme sie nach Wien, und dort habe sie seit vielen Jahren einen Freund, der mit Nachnamen Hasnain heiße, also meinen Vornamen als Familiennamen trage. Er lebe in Wien, und wenn sie das nächste Mal in Wien sei, würde sie sich freuen, mich einmal persönlich zu treffen und ihn mir bei der Gelegenheit vorzustellen.

Ein paar Monate später verabredeten wir uns bei Herrn Hasnain. Dort traf ich auch Claudia zum ersten Mal. Ich erfuhr, dass sie mit einem deutschen Diplomaten verheiratet ist, weswegen sie auch ein paar Jahre in Pakistan gelebt hatte.

Und wie es bei solch einem Treffen üblich ist, fragte Herr Hasnain, dessen Familie wie meine aus Karatschi, Pakistan, stammt, mich nach meinen Verwandten und wo genau ich herkomme. Ich erzählte ihm von meiner Familie väterlicherseits, und er hörte interessiert zu. Dann erzählte ich ihm von meiner Familie mütterlicherseits, nannte ihm die Namen meiner Großeltern. Er wurde stumm, stand auf und verschwand wortlos aus dem Raum.

Claudia, die ich da noch Frau Ziegeler nannte, und ich schauten uns verwundert an. Er kam zurück mit einem Fotoalbum, schlug es auf - und wer war da zu sehen? Meine Großmutter in Karatschi. Meine Oma und seine Mutter waren beste Freundinnen gewesen.

Irre Geschichte, oder? Da treffe ich einen fremden Mann aus der Millionenmetropole Karatschi in Wien, unser beider Wohnort, und dann stellt sich heraus, dass seine und meine Familie sich sehr gut kennen. Diesen magischen Moment habe ich Claudia zu verdanken.

Ich stand seither mit ihr in Verbindung. Claudia, die Kommunikatorin, die Kunstliebhaberin, die Frau, die Menschen zusammenbringt. Sie wollte gerne ein Buch von mir ins Englische übersetzen. Sie besuchte meine Buchpremiere in Berlin, im Pfefferbergtheater, als ich mit Ricarda Lang diskutierte. Sie empfahl mir Ausstellungen in Wien. Und sie ermutigte mich in meinen schreiberischen Vorhaben.

Dann erkrankte sie an ALS. Und viel schneller, als ich befürchtet hatte, ging es ihr schlechter. Gestern war ich auf ihrer Trauerfeier in Wien. Viel zu früh. Ich bin wirklich sehr traurig. Obwohl ich sie nur wenige Jahre kannte, hat sie einen festen Platz in meinem Herzen. In der offenen, wohlwollenden, herzlichen Art, mit Menschen zu kommunizieren, wird sie mir ein Vorbild bleiben. Mein Mitgefühl gilt ihrem Mann und ihren drei Söhnen.

Die Angst vor der KI

Vergangene Woche machte ein Text auf “X” über die neuesten Entwicklungen, man sollte sagen: Quantensprünge in der “Künstlichen Intelligenz” die Runde (Opens in a new window). Längst kann die KI sich selbst entwickeln und verbessern. Sie schreibt Programme, die erfahrene Programmierer alt aussehen lässt. Sie schreibt Texte, die sprachlich einwandfrei, elegant und korrekt sowieso sind.

Wenn ich höre, wie bisweilen über KI gesprochen wird: voller Angst, als Bedrohung, ja Gefahr. Gerade in Europa. Klar, es wird Veränderungen geben, Umwälzungen. Aber eben auch neue Chancen.

Kürzlich sprach ich mit meinem Nachbarn darüber. Er ist Mitte neunzig, sein Berufsleben hat er als Uhrmachermeister verbracht. Er erzählte mir, dass die Uhrenindustrie ab 1969, als das Quarz-Uhrwerk in Armbanduhren aufkam, in eine Krise geriet. Quarz-Uhren waren viel billiger als Uhren mit einem mechanischen, handwerklich hergestellten Uhrwerk und dabei aber um ein Vielfaches zuverlässiger und präziser. “Wir dachten: Jetzt ist’s vorbei.” Aber es war nicht vorbei. Natürlich gab es einen Siegeszug der Quarzuhren, aber es gab immer noch genügend Menschen, die mechanische Uhren zu schätzen wussten.

Und dann, erzählt, er, kam das Handy auf. Man glaubte, kein Mensch brauche mehr eine Armbanduhr, da alle ja eine Uhr im Handy hätten. Aber wieder gefehlt: Die Uhrenindustrie, vor allem im Segment der mechanischen Uhren, boomt.

Es kommt also immer darauf an, was die Menschen wollen. Auch wenn die KI sich selbst erneuert und bessert macht, liegt es ja an uns, was wir verwenden.

Neulich sprach ich mit einem Berufspianisten und sagte, es gebe ja schon seit Jahrzehnten Flügel, die digital Stücke spielten. Aber niemand komme auf die Idee, in ein Konzert zu gehen oder sich ein Album zu kaufen, in dem KI die Musik spiele. Der Pianist antwortete: “Erinnerst du dich an das letzte ABBA-Konzert? Das sind Hologramme aufgetreten, nicht die echten Musiker. Und die Konzerte waren ausverkauft.” Es sei also auch eine Frage der Gewöhnung, und wenn die jüngeren Generationen sich an so etwas gewöhnten, würden in Zukunft vielleicht auch KI-Konzerte gut besucht werden.

Ich bin mir da nicht so sicher. Einen von einer KI geschriebenen Roman zum Beispiel würde ich nicht lesen - oder, wenn überhaupt, einmal, um zu sehen, wie sich das liest. Danach hätte ich keine Lust auf weitere Texte dieser Art.

Keine Sorge vor KI zu haben oder sie jedenfalls nicht ausschließlich als Bedrohung zu sehen, heißt aber nicht, sich nicht mit ihr zu beschäftigen. Im Gegenteil: Je früher wir uns mit ihr beschäftigen, je mehr wir uns auskennen, desto besser können wir sie in unserem Sinne nutzen.

Leser Gerhard U. fragte mich kürzlich, ob ich zum Schreiben KI nutzte. “Welche Hard- und Software nutzen Sie, wenn ich fragen dürfte?”, schrieb er. Meine Antwort: Ich nutze KI wie Wörterbücher, um Begriffe nachzuschlagen oder Synonyme zu finden. Ansonsten spielt sie beim Schreiben keine Rolle. Und die Hardware? Die ist hybrid: erst handschriftlich, danach mit dem Computer.

Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Sonntag und eine schöne Woche!

Ein Hörtipp: Carlos Cipa!

https://www.youtube.com/watch?v=gXDEqw01LEs&list=RDgXDEqw01LEs&start_radio=1 (Opens in a new window)

Herzliche Grüße aus Wien

Ihr Hasnain Kazim

P. S.: Ich schreibe die “Erbaulichen Unterredungen” am Freitag und/oder Samstag. Um mir die Zeit dafür freihalten zu können, bin ich auf Ihre Unterstützung durch eine Mitgliedschaft angewiesen.

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