Ein bisschen Ego, ein bisschen Dopamin – und ganz viel „Ich drück mal kurz den Fahrstuhlknopf.“
Manchmal frage ich mich, was in anderen Menschen so vorgeht. Ich denke darüber nach, ob es ihnen wohl gut geht, was sie eventuell erlebt haben oder wie sie geworden sind, wer sie heute sind. Oft frage ich auch nach, weil ich es mag, Perspektiven zu wechseln und in unterschiedliche Sichtweisen und Gefühlswelten einzutauchen – manchmal denke ich aber auch einfach: „So long. And thanks for all the fish.“

Besonders intensiv wird dieses Gefühl, wenn Leute reflexartig Know-It-All-Kommentare unter meine Texte schreiben. Vor einigen Jahren habe ich mir mal die Zeit genommen, all die Personen, bei denen ich dieses Verhalten beobachtet habe, aus der Liste meiner Follower zu entfernen. Ja, meine Kommentarspalte hat einen gewissen Niveaufilter und manchmal bedeutet das eben, dass sie leer bleibt.
Schöner Text. Kleine Anmerkung.
Was ich richtig spannend finde, sind Direktnachrichten auf geteilte Texte, die in etwa so gehen: „Schöner Text, Ninja. Kleine Anmerkung.“ Oha. Danach folgt eine akribische Korrektur zu einem Tippfehler – garniert mit einem humorvollen Nachsatz, der sich selbst ein bisschen zu gut gefällt. Die Kombination aus Deutschlehrer-Energie und unbeirrbarer Einfallslosigkeit ist besonders faszinierend, wenn mir mehrere Menschen unabhängig voneinander denselben Witz schicken – als gäbe es irgendwo ein geheimes Handbuch für naheliegende Pointen.

Erklär mir die Welt
Kürzlich habe ich einen Text gepostet (Opens in a new window)über meine eigene lustige Fail-Geschichte in Bezug auf meine Ranglistenpunkte. Ich habe extra daruntergeschrieben: „Know-It-All-Kommentare dürft ihr gern behalten, wer aber selbst eine lustige oder selbstreflektierte Fail-Story im Hinblick auf DVV-Punkte erlebt hat, ist herzlich eingeladen, sie zu teilen.“
Und, was ist der erste Kommentar? Ein „Explaining-The-World-To-Me-Hinweis von jemandem, der die Caption offenbar nicht zu Ende gelesen hat. Oder er konnte sich einfach nicht beherrschen.

Es gibt sie überall, diese Menschen, die unter Beiträgen die innere Pflicht verspüren, noch eine kleine Ergänzung zu machen. Selbst wenn du schreibst: „Ich weiß das schon, ich finde es nur witzig“, meldet sich zuverlässig jemand mit: „Ja, das gibt es übrigens schon seit 1997“.
Das eigene Wissen zur Schau stellen
Solche Kommentare haben einerseits mit unserem Fokus auf Fehler zu tun, darüber habe ich im Text „Kleine Geste, große Wirkung“ (Opens in a new window)geschrieben. Es spielt aber noch ein anderes Phänomen hinein, das nennt sich in der Psychologie „competence signaling“ und meint den Versuch, das eigene Wissen zur Schau zu stellen und unbewusst zu zeigen: Ich weiß Bescheid. Ich gehöre zu den Eingeweihten. Dabei geht es auch um Dominanz, Status und Signalwirkung und es kann sich kurz gut anfühlen, das zu tun, weil das Belohnungssystem Dopamin ausschüttet – quasi das Like fürs eigene Ego.
Man könnte auch sagen: Der Know-It-All-Kommentar ist das verbale Äquivalent zum „Ich drück mal kurz auf den Fahrstuhlknopf, obwohl er schon leuchtet“ – es ändert nichts, aber man fühlt sich beteiligt.
Und das Schönste daran?
Mit unterschiedlichen Graden der Impulskontrolle machen wir das alle.
Manchmal, weil wir helfen wollen.
Manchmal, weil wir wirklich glauben, dass die Info neu ist.
Und manchmal, einfach, weil das Internet ein Ort ist, an dem jeder kurz glänzen darf – auch wenn es mit Regel 3.4 der DVV-Punkteordnung ist (ich freu mich schon auf den Kommentar dazu, welche Nummer die Regel wirklich hat).