Manche Menschen oder Dinge verdienen unsere Liebe nicht. Aber wir supporten sie trotzdem. Wenn das Fansein stärker ist als die eigene Haltung, dann wird auch mal der mutmaßlich übergriffige Künstler, die eigentlich sexistische Literatur oder der ethisch fragwürdige Lieblingsverein schöngeredet. Und ich bin da ganz vorne mit dabei. Hier kommt mein Vorschlag, was man stattdessen machen könnte.
Okay, hear me out: Ich bin ja Eishockey-Fan. Und zwar nicht wegen Heated Rivalry, sondern wegen der Kölner Haie. Oder trotz ihnen sollte ich vielleicht besser sagen, denn mein Heimverein hat mich gerade mal wieder bitter enttäuscht (bitte weiterlesen, ich verspreche, das hat was mit Feminismus und Politik zu tun 😉).
Obwohl der KEC dieses Mal nichts weniger als eine phänomenale Saison gespielt hat. Sie haben die Hauptrunde mit Abstand als Tabellenerster abgeschlossen und sogar den neuen nationalen Rekord für die meisten Siege in Folge (Si apre in una nuova finestra) aufgestellt (16 gewonnene Spiele!!! Btw. müssten sie allerdings auch Platz 2 der meisten Niederlagen hintereinander belegen. Es ist also eine hohe Gefühls-Amplitude für Fans dieses Klubs). Trotz all dem unterlagen sie diese Woche im Halbfinale den Eisbären Berlin (SCHON WIEDER BERLIN ICH KANN NICHT MEHR MIT BERLIN). Und flogen damit aus den Playoffs.
Wenn diese Saison für sich allein stünde, dann wäre das zwar unverdient und schade, aber auch verkraftbar. Aber leider fand das alles vor dem Hintergrund statt, dass die Haie bereits letztes Jahr gegen Berlin verloren haben und dann auch noch das Finale. Plus die Tatsache, dass dieser Verein trotz kontinuierlich guten Chancen schon seit 2002 keine deutsche Meisterschaft mehr gewonnen hat. Also seit satten 24 Jahren nicht mehr - das Kölner Eishockeyversagen hat quasi schon seinen Bachelor.
Folglich könnte man meinen, als Haie-Dauerkarten-Besitzerin von über 15 Jahren sei ich Kummer gewöhnt. Aber dieses Mal ist es anders. Dieses Mal ist da kein optimistisches “Ach wat soll et, Sommerpause und jut es!” in mir mehr übrig. Der Klub verdient meine Liebe einfach nicht und zudem auch nicht meine Zeit, meine Stimme und mein Geld.
Allerdings hat das noch einen ganz anderen Grund als das anhaltende Brechen meines Fanherzens. Einen Grund, der mich so langsam daran glauben lässt, dass die Kölner Haie vielleicht auch besser nicht einmal einen Blumentopf gewinnen sollten. Denn ein paar Ecken weiter gedacht könnte ein Meistertitel eine politische Message senden, mit der ich ein absolutes Problem hätte. Und das liegt wie immer am lieben Geld.
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Am Montag, den 20.04., fanden die beiden Gründe dafür, warum mein Verein meine Liebe nicht mehr verdient, letztendlich zusammen: Der Tag, an dem der KEC schon wieder am Berliner Eishockeyclub scheiterte, war auch der Tag, an dem DER SPIEGEL eine neue, haarsträubende Recherche (Si apre in una nuova finestra) über die neuesten schmierigen Machenschaften von Ex-Bild-Chefredakteur Julian Reichelt veröffentlichte.
Die Journalist*innen beschreiben in diesem Artikel Reichelts neue Arbeitsstelle bei dem “Rechtsaußen-Portal” Nius und berichten von “Hetze gegen Migrant:innen und trans Menschen”, über die “Verbreitung völkischen Gedankenguts” sowie von einem “freihändigen” Umgang mit journalistischen Standards bei Nius (an alle, die schonmal KI-generierte Nachrichtenartikel gesehen haben, iykyk).
Außerdem beantworten sie die Frage, wer eigentlich Reichelt, der sogar 2022 der BILD zu schmuddelig wurde (Si apre in una nuova finestra), und sein groteskes Hetz-Portal aktuell maßgeblich finanziert. Diese Geldbörse heißt Frank Gotthardt. Ein schimmelig-reicher, alter, weißer Mann, der nicht nur Unternehmen in der IT & Medien-Branche besitzt, sondern auch die Mehrheit der Gesellschaftsanteile an einem gewissen Eishockeyverein (Si apre in una nuova finestra) - den Kölner Haien.
Hier kommt dann auch endlich das liebe Geld und das Märchen von der Rettung in letzter Sekunde ins Spiel.
Es war einmal nämlich eine Jungfrau in Nöten. Ein Eishockeyklub, der nicht genug Sponsoren davon überzeugen konnte, ihn finanziell zu unterstützen. Doch trotz leerer Taschen verlangte die böse Stiefmutter Lanxess-Arena immer noch Berge von Dukaten für die Hallenmiete (laut dem DLF im Jahr 2024 40.000 Euro (Si apre in una nuova finestra) für ein einziges Heimspiel). So kam es dann, dass im Jahre 2010 besagter Eishockeyklub in so starke pekuniäre Bedrängnis geriet, dass nur noch ein Wunder ihn vor der Insolvenz retten konnte. Und dieses Wunder erschien.
Aber nicht in Form der tausenden Charity-Shirts, die die treue Fangemeinde in Massen kaufte, um mit ihren Geringverdiener-Einkommen ihre sportliche Liebe zu retten. Es erschien in Gestalt des strahlenden Ritters Frank Gotthardt, der sowohl mit Dukaten als auch Kontakten die Jungfer KEC vor dem Ruin rettete. Alle atmeten auf, die Jungfer war in Sicherheit, die Stiefmutter befriedigt und niemand hinterfragte die Lichtgestalt, die zur Rettung in letzter Sekunde maßgeblich beigetragen hatte.
Bis sich im Frühjahr 2024 erneut ein Schatten über das Eis legte. Der Ritter entpuppte sich doch als Geschäftsmann und auch seine Einstellung als alles andere als ritterlich. Und wie enttarnen sich Männer und ihre Motive in modernen Märchen? Richtig, vor einem Podcast-Mikrofon.
In einem Interview für ein lokales Koblenzer Gesprächs-Format (Si apre in una nuova finestra) sprach Frank Gotthardt zum ersten Mal mit Reichweite über seine Rolle als Vermieter, Finanz-Förderer und Gesinnungsgenosse von Nius und dessen Galionsfigur Julian Reichelt. Der Deutschlandfunk berichtete und zitiert (Si apre in una nuova finestra) Gotthardt mit: „Ich glaube, dass unsere Medienlandschaft eine Ergänzung im konservativen Bereich braucht. Die Übermacht der Medien, die eher links zu verorten sind, die ist halt sehr groß. Und da muss man einfach etwas tun.“ Und weiter: „Die neue Mitte ist ja links, insofern müssen wir ja rechts von der Mitte sein.“
Vor dem Hintergrund der SPIEGEL-Berichterstattung darüber, was “rechts von der Mitte” also gerade so en vogue und sagbar ist, wirken diese Aussagen auf absurdeste Weise verharmlosend und weltfremd. Aber was erwartet man auch von einem Multimillionär über 70. Anstand kann man sich eben immer noch nicht kaufen. Übrigens auch nicht als Fan der Kölner Haie.
Denn in Fankreisen gab es alles andere als einen Aufschrei dazu. Wenn überhaupt, dann munkelte man nur verharmlosend über die fragliche Relevanz eines Mediums auf Youtube. Was wir in Deutschland nämlich nur quälend langsam erkennen: Menschen, die offen für Verschwörungserzählungen sind, scheren sich nicht darum, wie “legitim” der Kanal ist, auf dem sie verbreitet werden. Jedenfalls gab es statt massenhaften Fan-Protesten in 2024 das:
eine Vereins-Pressestelle, die um den heißen Brei herumredete, was den potentiellen Einfluss seines Besitzers auf die politische Haltung des Vereins angeht
eine offizielle Haie-Fanprojekt Stellungnahme, die so viel sagte wie "Was geht uns das als Fans an?”
einen einzelnen Fan, Michael Schulze, der sich mit einem offenen Protestbrief an die Kölner Haie wandte (Si apre in una nuova finestra), Stellungnahmen forderte und eine Kündigung seiner Dauerkarte erwog und
eine schweigende Mehrheit, zu der auch ich zählte.
Es brauchte weitere zwei Jahre der augenscheinlichen Radikalisierung besagten Portals und der sportlichen Enttäuschungen durch den KEC, um mich nun dasselbe erwägen zu lassen wie Michael Schulze (King, btw). Nämlich nicht meine nächste Dauerkarte zu kaufen, nicht mehr zu Auswärtsspielen zu gehen, keine Zeit und kein Geld und vor allem keinen öffentlich sichtbaren Support mehr in eine Sportmannschaft zu investieren, deren finanzieller und sportlicher Erfolg direkt oder indirekt einer politischen Agenda zugute kommen könnte, die diametral zu allem steht, wofür ich einstehe.
Und das, Ladies, Gents and Genbies, ist der älteste Konflikt seit es "Cancel Culture” gibt: Ist meine Liebe für eine umstrittene Sache nur “guilty pleasure” oder doch schon Doppelmoral?
Diese Frage stellt sich nicht nur mir in Bezug auf die Kölner Haie, sondern auch vielen anderen Menschen mehr oder weniger öffentlich bezüglich u.a. ihrer musikalischen, literarischen, sexuellen oder wirtschaftlichen Präferenzen.
Bin ich ein schlechter Mensch, wenn ich bei Amazon bestelle? Eine schlechte Feministin, wenn ich Dark Romance oder Harry Potter lese? Eine unaufrichtige Demokratin, wenn ich dem AfD-Onkel beim Familientreffen nicht widerspreche? Ein schlechtes Vorbild, wenn ich doch wieder kränkelnd arbeite?
Dieser Konflikt zwischen Moralvorstellung und Bequemlichkeit oder Haltung und Bedürfnis treibt viele um. Er hat tonnenweise Texte, Diskussionen und schlechte Gewissen produziert. Alle immer auf der Suche nach der Antwort auf die Frage, ob und wie man beides haben darf.
Dabei haben wir das schon längst.
Wir machen ja ständig beides. Wir treffen Kaufentscheidungen für und gegen Amazon. Wir kritisieren, was an Kunst oder Künstlern sexistisch ist, die wir mögen. Wir lassen den alten Onkel schwadronieren und gehen links wählen. Die Tatsache, dass das alles kein konsistentes Verhalten und nicht nur gute Entscheidungen darstellt, hält uns ja nicht davon ab, es zu tun.
Was diese ganze Diskussion und das Kopfzerbrechen über diese Dissonanzen allerdings ist, ist oft genug nur ein Schönreden von Verhaltensweisen, die vor allem eines sind: nicht optimal. Nicht vorhersehbar, nicht eindeutig, nicht rational. Dass wir denken, dass das so sein müsse, ist zuallererst ein Problem des Selbstbilds und dann der Moral.
Jedenfalls bin ich müde geworden, mir ständig über eine Frage Gedanken zu machen, auf die es augenscheinlich keine befriedigende Antwort gibt. Weil die Antwort bisher immer war: es kommt darauf an, wie viel Ambivalenz du aushältst. Ob dir dein eigener Vorteil wichtiger ist als die Veränderung zu sein, die du in deiner Welt sehen willst. Und ob das jedes Mal so sein soll oder nur in der Hälfte der Fälle.
Dass uns für unsere Kontraste weder jemand verurteilt, noch uns die Absolution für sie erteilt, ist unbefriedigend. Aber der Preis dafür, dir nicht mehr von Moralinstanzen wie Religion, Denkschule oder Gesellschaft diktieren lassen zu müssen, was du tun und lassen sollst, ist, diese Entscheidung selbst treffen zu müssen. Unbequem, aber auch irgendwie weniger anstrengend als kontinuierliches Schönreden.
Was also stattdessen machen?
Zum Beispiel, herausfinden, was an der Dissonanz tatsächlich stört. Die geschäftliche Assoziierung meines Klubs mit Medien vom rechten Rand oder dass meine Toleranz dessen nicht zu meinem Selbstverständnis als Feministin passt? Beides fühlt sich unangenehm an, aber eins von beiden stellt womöglich einen stärkeren Antrieb dar, mein Verhalten tatsächlich zu verändern.
Aber wodurch auch immer angestoßen, es gibt zwei Verhaltensänderungen, an die ich immer zuerst denke, wenn es mir ansonsten schwer fällt, einen “eindeutig richtigen Weg” einzuschlagen. Und das ist erstens, wofür ich mein Geld ausgebe und zweitens, ob ich über meine Kritik an einer Sache spreche oder schweige.
Unsere Konsumentscheidungen und öffentlichen Bekenntnisse (eine oft unterschätzte Währung), wie besagter offener Brief des Haie-Fans Schulze, sind die größte Macht, die wir haben.
Du fühlst ambivalent gegenüber sexistischer Literatur? Dann leih dir die Bücher aus, statt sie zu kaufen oder lies Dark Romance kostenlos online bis dir Autor*innen begegnen, die in einer Form über Sex und Macht schreiben, in der echter Konsens eine Rolle spielt. Du willst das neueste Harry Potter Franchise noch nicht boykottieren? Dann triff dich nach dem Film/Buch/Spiel mit anderen Fans und tausch dich dazu aus, was dich enttäuscht und wie ihr euch trotzdem gegen Rowling positionieren könnt. Oft sind es auch der Mangel an Zeit und Geld, der Menschen daran hindert, eine Konsumentscheidung zu treffen, die sich auch moralisch richtig anfühlt.
Wenn das so ist, dann schweig wenigstens nicht aus Scham dazu. Nimm all deinen Mut zusammen und sprich mit anderen darüber, dass du dir vielleicht nichts anderes leisten kannst, als den Einkauf beim billo Fast-Fashion laden. Du weißt nicht, mit welchen Vorschlägen die Leute dann möglicherweise um die Ecke kommen: Einen Kleidertausch, eine Einladung in die Nachbarschafts-WhatsApp-Gruppe, in der Essen oder Klamotten gerettet und kostenlos verteilt werden vielleicht.
Überwindung ist, was solche Schritte hauptsächlich kosten. Aber so kommen wir aus einer passiven Starre des Schönredens in einen aktiven Umgang mit unseren eigenen Ambivalenzen. Was übrigens auch sehr dabei helfen kann, zu akzeptieren, dass Inkonsistenz und Irrationalität menschlich sind und nicht zuerst wegoptimiert werden müssen, bevor man aktiv ins Geschehen eingreifen kann. Nur im Stillstand wird man zum Teil einer schweigenden Mehrheit oder wird einem so manche Entscheidung abgenommen.
So wie die Entscheidung über die Fortsetzung meiner Dauerkarte bei den Kölner Haien. Die neue ist nämlich schon gekauft. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass sie die Anfrage und Rechnung zur Verlängerung des Vertrags jährlich vor den Playoffs stellen. In einer Phase der Saison, in der es sich noch so viel leichter ignorieren lässt, wieso der Verein mich eigentlich wirklich enttäuscht.
📰 Meine lieben Kolleginnen Stephanie Kossow und Bianca Jankovska sind zuletzt in einem Artikel für die Brigitte zu einer der Fragen interviewt worden, die auch hier im Newsletter anklangen: “Dark Romance - Was uns an Liebesgeschichten über Macht und Begehren fesselt" (Si apre in una nuova finestra).
🎧 Es gibt aber auch die leicht anders lehnende und literaturwissenschaftliche Einordnung bei Eine Stunde Liebe (an der ich eventuell sogar mitgearbeitet habe): “Dark Romance - Machen spicy Stories Liebe und Feminismus kaputt?” (Si apre in una nuova finestra)
🎧 Und noch ein weiterer hörenswerter Podcast: ein Link aus dem Newsletter-Text extra aufgelistet, da wichtig. Der Podcast, der erzählt, was hinter den Kulissen bei Axel Springer u. a. mit Reichelt abging: BOYS CLUB -Macht & Missbrauch bei Axel Springer (Si apre in una nuova finestra)
📖 Aber zurück zum Thema. Einer der genannten Texte, der das Schönreden sehr eloquent hin und her wälzt ist “Monsters - What Do We Do With Great Art By Bad People”:

📖 Und eine Buchempfehlung, die den möglichen psychologischen Hintergrund dazu erklärt, wieso Schönreden sich überhaupt so viel besser anfühlt als den Fakten ins Gesicht zu sehen (Stichwort “kognitive Dissonanz”) ist “Mistakes Were Made (but not by me)”:

Mein erster Print-Artikel im NZZ Magazin! Ist es nicht hübsch geworden?!

🎧 Watch out for die dazu passende Folge des Podcast NZZ-Akzent (Si apre in una nuova finestra), die bald erscheint und die Geschichte noch einmal für all diejenigen erzählt, die sich in Deutschland keine Ausgabe kaufen konnten.
Du möchtest mit mir über etwas, das du bei mir gelesen oder gehört hast, sprechen? Dann kannst du mich über meine Website (Si apre in una nuova finestra) erreichen oder mir bei Instagram eine DM (Si apre in una nuova finestra) schreiben. Ich freue mich auf deine Gedanken!
Danke für’s Lesen und liebe Grüße von
Cleo
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