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Warum du in China die Boulderhalle besuchen solltest

Nirgendwo ist es leichter, etwas über das Leben junger Menschen zu lernen.

Mit dem Fingerspitzen klammere ich mich an dem grau geriffelten Felsen aus Kunststoff fest, mein Fuß wandert suchend die Wand entlang. Meine Finger beginnen abzurutschen, als mir jemand zuruft: “Unten links ist ein Stein!” Erleichtert setze ich meinen Fuß auf den kleinen Absatz, schwinge mich an den obersten Griff und lasse mich auf die Matte unter mir fallen. Die Frau, die mir den Tipp gegeben hat, gibt mir einen High-Five. “Nice!”

Boulderhallen sind einer meiner happy places in Shanghai. Und das nicht nur, weil Klettern Spaß macht. Ich finde, wer nach China kommt und sich nur Tempel und die Große Mauer anschaut, verpasst was. Nämlich, in den Alltag junger Menschen reinzuschauen. Und das geht nirgendwo leichter als in der Boulderhalle.

Bouldern ist Klettern ohne Seil entlang einer mit bunten Griffen markierten Route. Klettersport wird immer beliebter in China, allein in Shanghai gibt es um die 100 Kletterhallen. Heute morgen sind in der Halle im Stadtteil Changning schon etwa ein Dutzend Menschen, die sich gegenseitig Tipps für die Routen geben.

Am Eingang gibt es kostenlose Pflaster und Bananen, aus den Lautsprechern dringt “Hot to Go”, ein Popsong der lesbischen Musikerin Chappell Roan. Die Besucher*innen tragen hochgekrempelte Jeanshosen und ausgewaschene T-Shirts, sie wirken angenehm ungehetzt. Eine Frau hat ihre Haare bunt gestreift gefärbt, wie die chinesisch-amerikanische Eiskunstläuferin Alyssa Liu.

Bouldern zieht in China vor allem Frauen an. In der Kletterhalle, die ich heute Morgen besuche, sind ausschließlich Frauen in ihren 20ern. Sie wirken nicht wie Profi-Sportlerinnen, sondern sind einfach hier, weil ihnen das Auskniffeln einer Kletterroute Freude macht. Als ich wieder und wieder an einer Route scheitere, tippt mich eine Besucherin an: “Du musst den Fuß nach links drehen, dann kannst du dich hochstemmen”, erklärt sie mir. Routen werden häufig zum Gemeinschaftsprojekt, manchmal tauscht man danach noch WeChat-Kontakte aus.

Boulderer sind quasi die Surfer der Großstädte. Den Sport umgibt eine progressive Lockerheit, die dem Tennis oder Fußball fehlt. Klettern kann jeder, man braucht keine spezielle Ausrüstung und verbessert sich schnell.

Oder, wer gehässig sein will, so wie dieser Welt-Autor (Si apre in una nuova finestra), könnte auch sagen: Bouldern ist Selbstoptimierung für ausgebrannte Hipster, die mal wieder was spüren müssen.

Ein bisschen stimmt das: Ich bin auch in Hamburg ab und zu klettern gegangen. In der Hamburger Boulderhalle beschlich mich durchaus das Gefühl, in einen Hort der Produktivität reingelaufen zu sein. Das Publikum war durchtrainiert und sehr männlich, manche hatten sich trotz 11 Grad Außentemperatur das Shirt ausgezogen, andere noch den Laptop dabei, um später bei einem Kaffee etwas zu tippen.

In China sind typische Boulderer eher die jungen Menschen, die ihren Job geschmissen haben und “flachliegen”. Flachliegen ist eine Jugendbewegung in China, durch die viele junge Menschen aus dem Hamsterrad am Arbeitsplatz aussteigen. Bouldern passt gut in ihr Leben, weil sich um den Sport schnell Freundschaften entwickeln und er außerdem volle Konzentration auf ein Ziel erfordert. Viele junge Menschen sehnen sich nach Gemeinschaft und sind von ständiger Erreichbarkeit überfordert.

An der Kletterwand suchen einige nach der Selbstbestimmung, die ihnen im Aufwachsen durch den Druck des chinesischen Bildungssystems fehlte. “Klettern bietet diese Autonomie,” schreibt Shell, ein Bekannter von mir. Er ist so begeistert vom Klettersport, dass er ein 50 seitiges Zine über das Bouldern verfasst hat. “Es gibt keine Zeugnisse oder Prüfungen. Du kletterst, einfach weil du klettern willst.” Eine Studentin erklärt im Zine, ihre Eltern hätten in viele ihrer Entscheidungen eingegriffen. “Aber das Klettern habe nur ich selbst gewählt.”

Zu der laissez-faire Stimmung in der Boulderhalle tragen auch ein paar Besonderheiten des chinesischen Alltags bei: Weil überall Videokameras sind, ist Diebstahl ziemlich selten. Deswegen gibt es keine Schließfächer, meine Tasche liegt in einem Regalfach am Eingang. Viele Einrichtungen in China sehen über Fremdgetränke hinweg, also reihen sich an den Bänken Eiskaffees der to-go Kette Luckin aneinander. 

Gegen Mittag bestellen sich einige Besucher*innen über die Plattform Meituan Mittagessen direkt in die Kletterhalle. Viele verbringen zwischen Klettern, Austauschen und gemeinsam Essen mehrere Stunden in der Boulderhalle. Kletterhallen werden zu sogenannten Third Spaces, also Gemeinschafts- und Wohlfühlorte außerhalb des eigenen Zuhauses oder des Arbeitsplatzes.

Auch die chinesische Regierung stärkt den Klettersport, seitdem er 2020 zur olympischen Disziplin wurde. Sie sucht (Si apre in una nuova finestra) gezielt nach Top-Kletterern mit “hervorragender politisch-ideologischer Haltung”, die China bei den Olympischen Spielen 2028 vertreten sollen. 

Wie China Sport für seine nationalen Ziele einsetzt, habe ich hier schon mal am Beispiel Fußball beschrieben. In dem Text habe ich argumentiert, dass Chinas Sportdiplomatie zeigt: Das Land schafft längst nicht alles, was es sich vornimmt. Auch im Klettersport kommen trotz der Regierungsbemühungen die weltweit besten Kletter*innen nach wie vor aus dem Ausland. In China hat besonders die slowenische Boulderin Janja Garnbret eine große Fangemeinde.

https://steady.page/de/emilys-china-news/posts/11f0ee5b-bb5e-49ed-93d2-5fbd337f4b6b?utm_campaign=steady_sharing_button (Si apre in una nuova finestra)

Nach zweieinhalb Stunden an der Wand zittern meine Arme und ich beschließe, für heute Schluss zu machen. Menschen mit “hervorragender politisch-ideologischer Haltung” habe ich heute nicht kennengelernt. Aber ich glaube sowieso eher an das, was der Alpinist Alex Lowe mal sagte: “Am besten klettern die, die am meisten Spaß daran haben.”

(Si apre in una nuova finestra)
Argomento Junge Menschen