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Magie-Brief

Nach der letzten Nachtpost erreichten mich viele Nachrichten, die sich um Geheimnisse in Familien und vererbte Schicksale rankten - immer verknüpft mit der Unsicherheit: War da wirklich was? Denn, man weiß es gemäß der Natur von Geheimnissen und unbewusster Weitergabe nicht so genau. Wie aber klingt die Stimme der Vergangenheit? Und wie lässt sich ihr auf die Spur kommen?

Bei mir war es so, dass ich eine Obsession für das Auenland entwickelte. Als jene sattgrüne Hügellandschaft aus Tolkiens Welt bezeichne ich einen Landstrich in meiner Heimat, in dem ich sehr gerne spaziere: vorbei an Bächen und Fachwerkhäusern mit Kirschblüten im Frühling. Dieser Ort taucht in vielen meiner Traumreisen auf.

So schön es dort ist, aber eine Weile quälte es mich richtig: Ich recherchierte für einen Artikel und dachte an das Auenland. Ich holte meine Tochter von der Schule, und sah einen goldenen Wiesenweg vor mir. Ich kochte, und wieder schweiften meine Gedanken ab.

Es war, als würde etwas in mir ständig nach Hause rufen.

Als ich an einem langen Wochenende meine Mutter besuchte, stellte ich mich im Auenland abends auf einen Hügel und sah zu, wie die Sonne an einem milchblauen Himmel versank. Ich hatte mich zuvor durch alte Familienunterlagen gewühlt und einen Stammbaum entdeckt, den ein akribischer Verwandter während der NS-Zeit angefertigt hatte. Ich stellte fest: Meine Vorfahren mütterlicherseits waren als Bauern und Bäuerinnen in der Nähe des Auenlandes geboren und gestorben. Nur ein Soldat verließ während des Napoleonischen Russlandfeldzug seine Heimat.

Meine Mutter war zwar ins Ausland gegangen, jedoch für ihre Eltern rasch zurückgekehrt. War ich tatsächlich die erste, die es für längere Zeit an einen anderen Ort verschlug? Und war die bildschöne Landschaft mit Feldern deshalb ein Sehnsuchtsort für mich?

Mir fiel ein Gespräch ein, das ich vor Jahren mit Pesach Lichtenberg geführt hatte. Lichtenberg ist Psychiater aus Israel und forscht zur Bedeutung von Orten, genauer zum Jerusalem-Syndrom. Heute leitet er das Psychiatric Ward A at Kfar Shaul Hospital, eine Einrichtung, die sich auf Tourist:innen mit Jerusalem-Syndroms spezialisiert hat. Das Jerusalem-Syndrom beschreibt Lichtenberg mit einem Beispiel:

Einmal kam ein Mann in die Stadt, und nachdem er ins Hotel eingecheckt hatte, begann er sich plötzlich merkwürdig zu fühlen. Ängstlich. Er nahm ein Bettlaken aus dem Schrank, band es sich um wie eine Toga und verkündete den Passanten auf der Straße, dass der Messias nahe sei.

Jerusalem verändert manche Menschen derart, dass sie sich als biblische Figur wähnen. Jesus, Messias, König David, Johannes der Täufer oder Jungfrau Maria. Wie aber kommt es zum Jersusalem-Syndrom? Lichtenbergs Erklärung klingt einfach:

Da ist irgendwas in der Atmosphäre in der Stadt, das zu dieser Verwandlung führt.

Klar: Jerusalem ist nicht nur eine Sehenswürdigkeit, es ist ein Ort der Pilger. Heiligtümer dreier Weltreligionen befinden sich hier - eine spirituelle Verdichtung, die für manche überwältigend wird.

Und so ist das Jerusalem-Syndrom ein radikaler, ungebetener Moment der Verwandlung, der sich an einen Ort knüpft.

Für mich rückblickend eine wichtige Erkenntnis. Denn als ich vor einigen Jahren in die Nähe des Auenlandes ziehen wollte, rieten mir viele Menschen davon ab. Das, was ich mir von dem neuen Ort verspräche - mehr Ruhe, mehr Natur und dadurch weniger Stress im Leben für mich und meine Familie - fuße letztlich auf einer für den Alltag untauglichen Idealisierung.

Damals hatte ich noch nicht bedacht, dass mich vielleicht auch etwas anderes in die Heimat zog. Nicht nur ein Wunsch nach Ruhe, sondern ein leiser Ruf der Ahn:innen (unesoterisch gemeint).

Ich schrieb Pesach Lichtenberg und fragte ihn, ob es seiner Meinung nach egal sei, wo man lebe. Seine Antwort:

Argomento Nachtpost / Themen-Guide

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