Bernd Christian Otto forschst seit vielen Jahren zu Magie – und praktiziert sie auch. Warum sehen wir uns eigentlich so sehr nach Magie?
Warum sehnen sich Menschen sich so sehr nach Magie?
Wenn man historisch darauf blickt, ist das zunächst überraschend: Der Begriff „Magie“ ist zwar rund 2500 Jahre alt, war aber über die längste Zeit der westlichen Kulturgeschichte kein romantischer, sondern ein ausgrenzender Begriff. Magie galt als gefährlich, als Gotteslästerung, als Häresie. In der frühen Neuzeit war sie sogar ein Straftatbestand – crimen magiae. Man hielt magische Praktiken durchaus für wirksam, und genau deshalb waren sie so bedrohlich.
Das heißt: Magie war lange Zeit nicht das, was wir heute damit verbinden – Zauber, Staunen, Fantasiewelten?
Genau. Über Jahrhunderte war Magie etwas, das man anderen zuschrieb, um sie zu markieren und auszugrenzen. Gleichzeitig gab es aber immer auch eine Innenperspektive: Menschen, die Magie praktizierten und sie positiv beschrieben. Diese Perspektive lässt sich bereits seit der Spätantike nachweisen. Magie wurde hier als sinnstiftende Kraft verstanden – als Möglichkeit, Ordnung zu schaffen und Wandel zu ermöglichen.
Und irgendwann kippt diese jahrtausendealte Dynamik?
Ja. Ab dem 18. Jahrhundert verändert sich der Umgang mit Magie langsam. Sie wird weniger als religiöses Verbrechen verfolgt, und im 20. Jahrhundert schließlich kulturell neu besetzt. Literatur, Kunst und Popkultur tragen entscheidend dazu bei, dass Magie nicht länger ausschließlich mit Gefahr verbunden ist, sondern mit Entwicklung, Hoffnung und Transformation. Gleichzeitig erleben viele Menschen ein Gefühl von Entzauberung durch ein rein rationales Weltbild. Magie wird so zu einer Antwort auf diese Leerstelle.
Ist das auch der Grund, warum magische Traum- und Fantasiewelten heute so stark anziehen – bei Kindern wie bei Erwachsenen?
Ja, hier überlagern sich zwei Ebenen. Zum einen die uralte Faszination für Wirkmächtigkeit: Grenzen überschreiten, Einfluss nehmen, Veränderung ermöglichen. Zum anderen die Sehnsucht nach intensiver Erfahrung in einer Welt, die oft als funktional und entleert erlebt wird. Magie verspricht unmittelbare Erfahrung – ohne Institutionen, ohne Mittler.