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Viel Schnee und viel Meinung

Von Hasnain Kazim - Kulturelle Aneignung / Minneapolis / Tennis / Grönland / Iran / Schnee

Liebe Leserin, lieber Leser,

zunächst etwas Erfreuliches! Es gibt ja immer mal wieder Debatten über “kulturelle Aneignung”. Ich finde, Menschen und Gesellschaften und Kulturen entwickeln sich nur weiter, wenn sie voneinander lernen, sich Dinge voneinander abschauen, kopieren, Eigenes dazutun, anderes weglassen, wieder etwas umformen und auf diese Weise Neues entwickeln. Das ist Kreativität.

Hier ist ein Beispiel für eine meiner Meinung nach gelungene Variante: Der US-amerikanische Komponist Christopher Tin mit Wurzeln in Hong Kong hat afrikanische Gesänge mit Elementen klassischer europäischer Musik vermischt. Entstanden ist, bereits vor gut zehn Jahren, dieses Werk, hier eine Aufführung in London:

https://www.youtube.com/watch?v=XH6IT_tsSUI&list=RDXH6IT_tsSUI&start_radio=1 (Si apre in una nuova finestra)

Tin, der in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag feiert, hat übrigens zweimal den Grammy Award gewonnen - einmal sogar für das Thema der Videospielreihe “Civilization”, womit erstmals eine Komposition für ein Spiel ausgezeichnet wurde.

Wenn das mal nicht „kulturelle Aneignung“ im besten Sinne ist.

Protest, Schüsse, eine Tote in Minneapolis

Mir ist diese Woche einmal mehr aufgefallen, wie schnell Menschen mit einer starken Meinung bei der Hand sind, ohne wirklich zu wissen. Nun hat jeder vielleicht einmal eine nicht ganz so fundierte Meinung oder ist in seinem Denken von Vorurteilen, Schubladen, den Worten und Haltungen anderer et cetera beeinflusst. Aber diese Woche ist es mir besonders aufgefallen.

Zum Beispiel im Fall der durch einen ICE-Beamten getöteten Frau in Minneapolis. Sie wurde am Mittwoch, 7. Januar 2026, in ihrem Auto erschossen. Sofort waren zwei Meinungen im Netz präsent: “Mord!”, rief die eine Seite. “Das war Selbstverteidigung!” die andere. Die Regierung von Trump vertrat natürlich Letzteres. Dabei gab es wenig Infos und zunächst ein Video. Später waren es drei, am gestrigen Samstag wurde ein viertes Video veröffentlicht, das der Todesschütze selbst gemacht hatte.

Klar ist: Es ist ein tragischer Fall, bitter, am Ende ist eine 37-jährige Frau tot. Die scharfe Kritik an ICE kann ich angesichts des harschen Vorgehens gegen Einwanderer in den zurückliegenden Monaten und wegen der verbalen Ausfälle Trumps in dieser Angelegenheit nachvollziehen. Ich habe mir jetzt alle öffentlich zur Verfügung stehenden Videos angeschaut, und ohne die Zeugen zu hören, die Demonstranten vor Ort, die beteiligten Sicherheitskräfte und auch den Schützen selbst, lässt sich allein aus den Filmchen kein wirklich fundiertes Urteil fällen - außer dass unfassbar ist, was geschehen ist, nämlich dass eine Frau bei einer bis dahin gewaltlosen Demo ihr Leben verloren hat. Eine Demonstrantin, die erschossen wurde. In einem Film ist zu hören, wie die Fahrerin selbst und eine weitere Frau verbal gegen den Beamten sticheln. Das ist unschön, rechtfertigt aber null einen Waffeneinsatz. Auch ist zu hören, wie der ICE-Mann die Frau beschimpft. Deutet darauf hin, dass er sich wenig professionell verhält.

In einer Perspektive kann man sehen, wie die Frau das Lenkrad einschlägt, in einer anderen kann man nur erkennen, dass sie auf den Mann zufährt. Dass der ICE-Typ das Auto umrundet und vor das Fahrzeug geht, wissend, dass Autos zur Waffe werden können - ebenfalls ziemlich unprofessionell. Dass die Frau davonfahren will, anstatt der Aufforderung der Sicherheitsleute Folge zu leisten, das Auto zu verlassen - auch keine gute Entscheidung.

Aber deswegen auf sie schießen und nicht auf die Autoreifen, wenn man denn ihre Flucht unbedingt verhindern muss? Welch ein Irrsinn.

Ob es Mord war, fahrlässige Tötung (gibt es im US-Strafrecht so nicht eins zu eins, in manchen Bundesstaaten heißt es “Negligent Homicide”) oder Selbstverteidigung, werden am Ende die Gerichte entscheiden müssen. Inwieweit das in dieser politisch aufgeladenen Stimmung ein zufriedenstellendes Urteil sein wird, ist ungewiss.

Die Frau wird dadurch leider nicht wieder lebendig.

Runde Tennis gefällig?

Manche werden mir wahrscheinlich widersprechen, aber ich finde die Empörung über die Tennisrunde des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Kai Wegner, übertrieben. Der Stromausfall, verursacht durch einen Sabotageakt, hat Teile Berlins tagelang lahmgelegt. Es wurde, soweit ich das aus der Ferne beurteilen kann, am Ende solide gelöst. Wie angekündigt, waren am Donnerstag alle Haushalte und Firmen und Einrichtungen wieder am Netz.

Dass jemand, der politisch verantwortlich ist, in solch einer Situation auch mal “den Kopf frei kriegen” möchte, wie Wegner es selbst formulierte, und eine Stunde Tennis spielen geht, kann ich verstehen. Dass er das in einer ersten öffentlichen Runde verschwiegen und stattdessen das Bild eines Mannes im Dauereinsatz ohne Pause vermittelt hat, halte ich für einen Fehler. Das ist kritikwürdig. Aber so sehr, dass er, wie gefordert wurde, zurücktreten müsse? Ich finde: nein.

Das Verhalten wurde verglichen mit dem Verhalten von Anne Spiegel, die ab Dezember 2021 Bundesfamilienministerin war und zuvor Umweltministerin von Rheinland-Pfalz. Ihr wurde vorgeworfen, während der Flutkatastrophe im Ahrtal mit mehr als 180 Toten zu spät und falsch reagiert zu haben, vor allem aber, wenige Tage nach der Katastrophe für mehrere Wochen in den Urlaub gereist zu sein, aber den Eindruck erweckt zu haben, vor Ort im Krisenmanagement eingebunden gewesen zu sein. Ich finde, mehrere Wochen Urlaub versus eine Stunde Auszeit, das sind unterschiedliche Dimension an Fehlverhalten.

Ebenso wurde das Verhalten Wegners mit dem Lachen von Armin Laschet bei einem Besuch im Krisengebiet während der Flutkatastrophe verglichen. Laschet war damals Kanzlerkandidat der Union, von seinem Lachen im Flutgebiet kursierte kurze Zeit später ein Video im Netz. Es wurde ihm massiv zum Vorwurf gemacht, obwohl er nicht über die Flutopfer oder über die Situation lachte. Später verlor er die Bundestagswahl gegen Olaf Scholz. Das Lachen wirkte, keine Frage, unpassend. Aber es war, fand ich ebenfalls, nun kein Grund, sein politisches Ende zu fordern, wie es damals geschah.

Vielleicht sehe ich das auch in einem milden Licht, weil ich mich daran erinnere, dass ich mich einmal während einer Beerdigung enorm zusammenreißen musste, um nicht laut zu lachen. Das lag daran, dass eine unfreiwillig komische Situation entstanden war, ich konnte wirklich nichts dafür. Zum Glück merkte es, außer meinem Sohn, der ähnlich empfand, niemand. Es gab auch Situationen während meiner Bundeswehrzeit, als wir bei ernsten Angelegenheiten in Formation angetreten waren und ich plötzlich alles daran setzen musste, bloß nicht zu lachen. Es wäre sehr unangemessen gewesen. Aber ich finde, das ist menschlich.

Ich spiele zwar kein Tennis, aber in Stresssituationen mache ich eine Tour mit dem Fahrrad oder gehe eine Runde mit Frau Dr. Bohne, die sich sehr über zusätzliche Gassigänge freut. Ich bin mir sicher, Helmut Schmidt, der diese Woche als leuchtendes Gegenbeispiel zu Wegner herangezogen wurde, weil er als Hamburger Innensenator während der Flutkatastrophe im Februar 1962 bis zur Erschöpfung handelte, hatte auch seine Stressabbaumethoden. Zog er sich womöglich zu Zigarettenpausen zurück, die, aneinandergereiht, täglich mehr als eine Stunde ergaben? Nur gab es zum Glück keine Videos davon und keine “sozialen” Medien, in denen jeder Kleinkram zu einer Regierungskrise aufgeblasen wurde.

Mich stört die Einhelligkeit, mit der viele Menschen komplexe Sachverhalte innerhalb von Minuten beurteilen und Leute verurteilen. Ich habe eigentlich nie Vorsätze fürs neue Jahr, aber dies dann vielleicht doch: darauf zu achten, nicht selbst vorschnell zu meinen und zu urteilen.

Was nicht heißt, dass man keine starken Meinungen haben und scharfe Kritik üben sollte. Es ist richtig, hohe moralische Maßstäbe an Politiker anzusetzen und korrektes Verhalten einzufordern. Aber wir sollten darauf achten, dass wir keine unrealistischen Forderungen stellen. Sonst möchte am Ende niemand mehr politisch verantwortungsvolle Jobs übernehmen.

Huhu, Europa!

Völlig irre fand ich diese Woche die Debatte über die Drohungen Trumps gegen Grönland. Kürzlich hörte ich ein Interview mit dem früheren SPD-Politiker Peer Steinbrück, der sich darüber echauffierte, es werde jedes Wort von Donald Trump aufgeblasen. Ich finde, Steinbrück hat völlig recht. Man sollte nicht jeden Hirnfurz Trumps beachten. Jedenfalls nicht als Leser, Zuschauer, Zuhörer von Medien.

Als Politiker sollte man die Dinge allerdings ernster nehmen. Über das Vorgehen der USA in Venezuela habe ich vergangene Woche schon geschrieben. Möglich, dass Trump auch seine Drohungen gegen Grönland ernst meint. Ich finde, Europa sollte Realpolitik betreiben, anstatt auf die Einhaltung von Verträgen zu vertrauen - und Grönland (und entsprechend Dänemark) stärken und beistehen. Wie sagte schon Al Capone? Man erreicht mehr, wenn man höflich und bewaffnet ist, als einfach nur höflich. In solchen Zeiten leben wir leider wieder.

Ich bin ja froh, dass Friedrich Merz (Deutschland), Emmanuel Macron (Frankreich), Giorgia Meloni (Italien), Donald Tusk (Polen), Pedro Sánchez (Spanien), Keir Starmer (Britannien) und Mette Frederiksen (Dänemark) eine gemeinsame Erklärung abgegeben haben, die die Souveränität, die territoriale Integrität und die Unverletzlichkeit von Grenzen einfordert. Man kann nur hoffen, dass diese Länder das auch notfalls durchsetzen können. Europa hätte die Mittel und das Personal. Ob es den politischen Willen hat, zudem aus dem nationalstaatlichen Kleinklein herauskommt und ob die Zeit noch reicht, wird sich zeigen.

Gemeinsame Erklärung einiger europäischer Regierungschefs zu Grönland.

Iran? Free Iran!

Was in Iran diese Woche abging - und noch abgeht -, ist beeindruckend und stimmt hoffnungsvoll. Oberflächlich ausgelöst durch Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Situation und durch Verärgerung über die Inflation, tatsächlich des unterdrückerischen, fanatisch religiösen Systems überdrüssig, gehen derzeit Hunderttausende auf die Straßen und protestieren gegen das Mullah-Regime, das - leider - seit bald einem halben Jahrhundert an der Macht ist.

Erstaunlich nur, wie still es darum in Europa ist. Ich kritisierte diese Woche, dass es in deutschen Medien kaum etwas drüber zu lesen, zu hören, zu sehen gab. Das hat sich inzwischen leicht gebessert, und einige Journalistinnen und Journalisten teilten mir mit, dass es daran liege, dass man oft Proteste in Iran erlebt habe, die am Ende aber nichts bewirkt hätten, und man nun abwarte.

Ich halte das für keine zufriedenstellende Erklärung. Und schon gar nicht, wenn man sieht, dass am Mittwoch, dem Tag, als bereits Hunderttausende “Nieder mit dem Diktator!” riefen, diese doch beachtliche, mutige Geschichte mit keinem Wort Erwähnung in der Tagesschau fand. Iran fand nicht statt.

Ich verstehe, dass Personal knapp ist und Leute, die sich mit der Lage vor Ort auskennen, erst recht. Und ja, Iran vergibt nicht so leicht Journalistenvisa, und auch übers Internet kommt man mehr schlecht als recht an Informationen, zumal das feige Langbartregime offensichtlich nicht mal genug Gottvertrauen besitzt, das Internet intakt zu lassen. Sprich: Das Netz ist, mal wieder, abgeschaltet. Was übrigens immer ein Zeichen dafür ist, dass das Regime wieder mal mit Härte gegen Kritiker vorgeht.

Seit gestern, also Samstag, wird nun in Deutschland deutlich mehr über Iran berichtet.

Bemerkenswert, dass es in Berlin keinerlei Kundgebungen zugunsten der Demonstranten in Iran gibt, wo man doch sonst so leicht auf die Straße findet. Feiert man in manchen Berliner Kreisen das Kopftuch immer noch als “Empowerment” und die Mullahs irgendwie doch als Vertreter des „globalen Südens”?

Verlören diese Typen die Macht, wäre das immerhin eine gute Nachricht im Jahr 2026.

Hurra, Schnee!

An einem Tag redeten wir noch davon, wie schön es mal wieder wäre, Wien in Weiß zu sehen, aber dass wir wohl lange darauf warten müssen. Und schon am nächsten Tag schneite es!

Besonders erfreut hat es meinen Hund Frau Dr. Bohne:

Böhnchen ist wie verrückt im Schnee gerannt, hat sich darin gewälzt und ihre Schnauze hineingesteckt, um dieses oder jenes zu erschnüffeln.

Nur das Salz auf den Straßen macht ihr ein wenig zu schaffen, aber das wischen wir nach jedem Aufenthalt draußen ab, und dann geht’s.

Ich wünsche Ihnen einen geruhsamen Sonntag und eine angenehme Woche!

Herzliche Grüße aus Wien

Ihr Hasnain Kazim

P. S.: Ich freue mich, wenn Sie die “Erbaulichen Unterredungen” abonnieren. Dann erhalten Sie sie per E-Mail - und können mir auch schreiben, indem Sie auf die Mails antworten. An dieser Stelle herzlichen Dank für die vielen Zuschriften mit Anregungen, lobenden Worten, Kritik (und diese Woche mit Bildern von Krüllkuchen, über den ich vergangene Woche geschrieben habe…)! Ich schaffe es leider nicht immer zu antworten, lese aber aufmerksam, was Sie mir schreiben! Ebenso freue ich mich, wenn Sie die Arbeit an den “Erbaulichen Unterredungen” mit einer Mitgliedschaft unterstützen.

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