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Rage Against The Machine – Wut und Unmut als Potenzial

Die Wut hat keinen guten Ruf. Wer schnell tobt, wer wütet, wer ausrastet, gilt als undiszipliniert und unberechenbar – eventuell sogar als gefährlich. Nicht nur Nahestehende leiden unter einer wütenden Stimmung, sondern oft auch man selbst. Insbesondere unterdrückte Wut kann immense Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Um die Oberberg Klinik, eine Fachklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, zu zitieren:  

„Auf lange Sicht machen unterdrückte Gefühle krank. Das Immunsystem wird schwächer und wir werden anfälliger für Infekte. Darüber hinaus können unterdrückte Gefühle körperliche Stressreaktionen aller Art auslösen: erhöhter Bluthochdruck, Diabetes, Herzerkrankungen, Nierenschäden, Magenprobleme. Auf psychischer Ebene können Erkrankungen wie Depressionen (Si apre in una nuova finestra), Angstzustände (Si apre in una nuova finestra) oder Suchterscheinungen (Si apre in una nuova finestra) resultieren.“

https://www.oberbergkliniken.de/artikel/die-macht-von-unterdrueckten-gefuehlen-wie-sich-innere-wut-auf-die-psychische-gesundheit-auswirken-kann (Si apre in una nuova finestra)

Gleichzeitig kommen wir nicht durch die Welt, ohne uns ab und an etwas zu ärgern – und manchmal sehr. Der emotionale Zugriff auf die Welt ist ein philosophisch reichhaltiges Thema (Si apre in una nuova finestra), sowohl als soziale Außenwelt als auch als eigenes psychisches Erleben, d.h. als individuelle Innenwelt.

Da mich das große Ganze bekanntlich ebenso interessiert wie das kleine Komplizierte, habe ich die Anfrage vom Deutschlandradio Kultur schnell zugesagt, im Rahmen des Formats „Im Gespräch (Si apre in una nuova finestra)“ an einer Sendung mit dem Titel „Die Macht der Wut und was aus ihr erwachsen kann (Si apre in una nuova finestra)“ teilzunehmen. Die Idee: Moderatorin Gisela Steinhauer spricht zunächst mit mir und „Wutcoach (Si apre in una nuova finestra)“ Merlin Faude, während wir anschließend anrufende Hörerinnen und Hörer zuschalten.

https://www.deutschlandfunkkultur.de/im-gespraech-maechtige-gefuehle-wie-umgehen-mit-wut-100.html (Si apre in una nuova finestra)

Während des Gesprächs habe ich zunächst klargestellt, dass auch ich schlechte Laune durchaus aus der Praxis kenne – und zu jenen gehöre, die schnell „hangry (Si apre in una nuova finestra)“ werden:

https://www.youtube.com/watch?v=C4fcCOuhfYE (Si apre in una nuova finestra)

Dass ich damit keineswegs allein bin und die hungerbedingte schlechte Laune ein Massenphänomen ist, sieht man allein daran, dass, wenn man den Begriff „hangry“ googelt (es ist ein Kofferwort auf „hungry“ und „angry“), man auf eigens eingerichtete Krankenkassen-Webseiten stößt, die diesen kulinarischen Wuttypus eigens thematisieren (sowohl die Seite der AOK (Si apre in una nuova finestra) als auch die Seite der Barmer (Si apre in una nuova finestra) ist durchaus informativ). Warum manche von uns besonders gereizt reagieren, sobald sich eine Mahlzeit nach hinten verschiebt (oder ausbleibt), weiß die Wissenschaft übrigens nicht definitiv. Sehr wahrscheinlich hat es aber mit dem Blutzuckerspiegel zu tun, und einige von uns können besser damit umgehen als andere, wenn dieser sinkt. Ebenso werden, wie so oft, die Gene eine wichtige, aber nicht ganz durchschaubare Rolle spielen.

Einschreiten, wo es nötig ist

Interessanter als der individuelle Wutstoffwechsel ist – zumindest für mich als Sozialphilosoph – der gesellschaftliche Wutpegel, der sich hierzulande wohl kaum mit Unterernährung erklären lassen dürfte. Wer in den sozialen Netzwerken (oder in den öffentlichen Verkehrsmitteln) unterwegs ist, findet früher oder später Menschen, die einander anpampen, grob angehen oder beleidigen, und zwar unabhängig von der letzten Mahlzeit. Dass es Courage erfordert, zwischenmenschliche Übergriffe zu thematisieren und jene, die anderen unnötig das Leben schwer machen, in ihrem Verhalten zu korrigieren, hat während der Deutschlandfunk-Aufzeichnung (Si apre in una nuova finestra) der Anruf einer engagierten Krankenschwester gezeigt. Sie erzählte davon, wie manche Patienten ihre schlechte Laune am Personal auslassen, andere sogar im wahrsten Sinne übergriffig werden – und wie sie es sich zur Gewohnheit gemacht hat, dann nicht zu schweigen, sondern stattdessen einzugreifen, Übeltäter zu ermahnen und freundlich, aber bestimmt auf zwischenmenschliche Anstandsregeln zu verweisen. Das war einer der Momente in dem Gespräch, die mich besonders beeindruckt haben; weil es einen Unterschied macht, nicht nur wie wir miteinander umgehen, sondern ebenso, welchen Umgang wir anderen durchgehen lassen und wo wir schweigen, obwohl wir etwas sagen könnten oder sollten.

In die Radio-Talkshow eingeladen wurde ich übrigens, weil von mir dazu bereits ein Essay im Tagesspiegel erschienen war, im Rahmen der Bauernproteste im Winter 2024 (Si apre in una nuova finestra):

„Homo erectus, Homo sapiens, Homo furiosus. Wir haben offenbar permanent eine problematische Evolutionsstufe erreicht: den Wutbürger. Eine Kulturgeschichte des aufgebrachten Mitmenschen.“

https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/von-forken-und-fackeln-eine-kleine-geschichte-des-wutburgertums-11016949.html (Si apre in una nuova finestra)

Ebenso habe ich mich damals länger mit Christiane Florin über Wut als politische Triebfeder unterhalten:

https://www.deutschlandfunk.de/ich-wuete-also-bin-ich-jan-skudlarek-ueber-furor-als-gefahr-fuer-die-demokratie-dlf-3d161bb1-100.html (Si apre in una nuova finestra)

„Ich bin eure Vergeltung“

Wie wichtig Wut und Aggression auf einem politischen Makro-Level sind, sieht man immer wieder im Rechtspopulismus, allen voran bei Donald Trump, der nicht nur permanent missmutig und wütend wirkt (zuletzt wohl, weil er trotz lächerlicher Bitten den Friedensnobelpreis nicht erhalten hat (Si apre in una nuova finestra)), sondern ebenso seine letztlich erfolgreiche Kampagne zur Wiederwahl auf dem Vergeltungsgedanken aufgebaut hat.

https://www.theguardian.com/us-news/2023/mar/05/i-am-your-retribution-trump-rules-supreme-at-cpac-as-he-relaunches-bid-for-white-house (Si apre in una nuova finestra)

„In 2016, I declared: I am your voice. Today, I add: I am your warrior. I am your justice. And for those who have been wronged and betrayed: I am your retribution.“

– Donald Trump (2023)

Dass Vergeltungs- und Wutpolitik auf gesellschaftlicher Ebene ähnlich gesundheitsschädlich sind wie auf individueller, sehen wir momentan in den USA, die sich wegen Trumps massiven autokratischen Angriffen auf die Demokratie in einer weiteren Polarisierungsphase befinden. Dass man Wut nicht zwangsweise mit Wut begegnen muss, sieht man wiederum am „Portland-Frosch (Si apre in una nuova finestra)“. Trotz Trumps Versuchen, mit hypermilitarisierter Abschiebe-Polizei ICE und einer als Machtgebärde eingesetzten Nationalgarde, die Zivilbevölkerung zu Gewalt zu provozieren (welche die Regierung dann wiederum niederschlägt, als zirkulärer Akt der Selbstlegitimation; der Karikaturist Adam Thompson zeichnete deswegen für den New Yorker die Karikatur „Operation Circular Reasoning (Si apre in una nuova finestra)”), haben sich einige Demonstranten dazu entschieden, der trumpistischen Militär- und Polizeigewalt im pazifistischen Froschkostüm zu begegnen:

https://politik.watson.de/politik/usa/258440919-usa-trump-proteste-in-portland-gehen-mit-wilden-kostuemen-viral (Si apre in una nuova finestra) (Si apre in una nuova finestra)

Mittlerweile gibt es sogar ein neues Antifa-Logo:

Vor allem wurde der Portland-Frosch bereits biblisch vorhergesagt:

Im Ernst: Die Demo-Kostümierung ist ein schönes Beispiel dafür, dass man nicht auf jede Provokation reagieren muss, und stattdessen auf eine absurde politische Wirklichkeit ebenso absurd, aber wirkungsvoll antworten kann.

Überhaupt muss Wut nicht immer destruktiv sein. Es geht auch konstruktiv. In einem weiteren Interview, das ich neulich gegeben habe, sage ich zum gesellschaftlich-emotionalen Miteinander (bzw. Gegeneinander):

„Wut oder Empörung müssen nicht automatisch schlecht sein. Man kann sich auch für die gute Sache empören, man kann für soziale Gerechtigkeit sein und das energisch tun, es laut tun.“

https://youtu.be/6kFPkgMuAnk?t=637 (Si apre in una nuova finestra)

 

Unmut kann Motivation sein

Dass ich auch mit dieser Haltung nicht allein bin, zeigt die frisch erschienene Publikation „Mut zum Unmut“ von Paul Starzmann und Matthias Meisner:

https://dietz-verlag.de/isbn/9783801207076/Mut-zum-Unmut-Eine-Anleitung-zur-politischen-Widerspenstigkeit-Matthias-Meisner-Paul-Starzmann (Si apre in una nuova finestra)

Wer seinen Unmut nutzt, um daraus nicht Aggression entstehen zu lassen, sondern konstruktive politische Veränderung, hat nicht nur einen vorbildlichen Umgang gefunden mit seinem psychischen Innenleben, sondern eine Triebfeder, die durch und durch konstruktiv sein kann. Starzmann und Meisner beschreiben in ihrem Buch viele Fälle – von Graffiti über Protestbewegungen bis zu politischen Karrieren – in denen Menschen unbequem und widerspenstig waren oder sind; und gleichzeitig zielstrebig, motiviert und veränderungswillig. Das Buch zeigt auf, wie Unmut zu Selbstwirksamkeit führen kann und, idealerweise, auch zu veränderten Bedingungen und einer besseren Gesellschaft. Mein Aufruf an euch, an uns, an mich ist also letztlich: Es ist normal, wenn wir mal wütend sind (oder auch mal „mütend (Si apre in una nuova finestra)“), doch langfristig sollten wir eine ohnmächtige Wut überwinden zugunsten einer konstruktiven, selbstwirksamen Widerspenstigkeit. Mut zum Unmut! Denn an Energie mangelt es uns nicht, weder individuell noch gesellschaftlich. Die Frage ist, wie so oft, wie wir sie einsetzen.  

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