
Es gibt bei ADHS diese sehr besondere Form des Scheiterns, die aussieht wie Improvisationstalent, in Wahrheit aber nur eine teure Mischform aus Vermeidung, Zeitdruck und schlechtem Zubehör ist.
Beispiel aus dem ganz normalen Erwachsenenleben:
Ich brauchte ein Ladekabel. Und haber einen Vortrag.
Nicht heute. Nicht sofort. Nicht dramatisch.
Also genau die Sorte Aufgabe, die im Gehirn in den Bereich rutscht:
unwichtig genug zum Aufschieben, wichtig genug, um die ganze Zeit latent Schuldgefühle zu produzieren.
Ein neurotypischer Ablauf wäre vermutlich:
„Ah, Kabel kaputt. Ich bestelle ein neues.“
Mein Ablauf war eher:
erstmal drei Tage gar nichts,
dann acht Minuten Produktvergleich,
dann Überforderung wegen 47 Varianten,
dann die bizarre Frage, ob ein gutes Kabel vielleicht auch eine Art Identitätsentscheidung ist,
dann wieder nichts.
Man will ja keine Fehlentscheidung treffen.
Was bei ADHS oft dazu führt, dass man statt einer kleinen Fehlentscheidung lieber einen kompletten Funktionszusammenbruch abwartet.
Dann natürlich der vorhersehbare Plot-Twist:
Akku bei 4 Prozent.
Gleich Termin.
Kein Kabel.
Panik mit Restwürde.
Also kauft man in einer Mischung aus Scham und Notwehr im Bahnhofskiosk ein „Ultra Premium Fast Charge Pro Cable“ für 19,99 Euro, was ein Produktname ist, der schon sprachlich klingt, als würde er im Elektrohimmel strafrechtlich verfolgt.
Dieses Kabel funktioniert dann nur unter Bedingungen, die man sonst eher an seltene Mondfinsternisse knüpfen würde:
wenn das Handy stillliegt, der Stecker exakt schräg gehalten wird und man emotional nichts mehr vom Leben erwartet.
Die Pointe ist ja nie der Spontankauf.
Die Pointe ist die Rechnung danach.
Denn jetzt hat man:
ein schlechtes Kabel für 20 Euro,
abends doch noch das richtige Kabel bestellt,
vorsichtshalber noch eins fürs Auto,
und weil man dem eigenen System zu Recht misstraut, gleich noch ein Reservekabel.
Aus einem 9-Euro-Problem ist also ein 56-Euro-Projekt geworden, plus Zeitverlust, plus Stress, plus dieser herrliche Katzenjammer danach, bei dem man erschöpft auf einen Haufen Kabel starrt wie ein Mensch, der versehentlich in ein sehr spezifisches Elektronik-Milieu abgerutscht ist.
Das ist für mich ADHS-Tax in Reinform:
Nicht die eigentliche Aufgabe kostet so viel.
Teuer wird das lange Vorspiel aus Denken, Vermeiden, sich innerlich beschimpfen, dann im Notfall irgendeinen Quatsch kaufen und hinterher die Trümmer verwalten.
Oder anders:
Das Problem war nie das Ladekabel.
Das Problem war, dass mein Gehirn aus einem Ladekabel ein moralisches, logistisches und fast schon philosophisches Ereignis gemacht hat.
Kommt dir das bekannt vor?
Was war dein letzter Schnellfix, der am Ende deutlich mehr Zeit, Geld und Nerven gekostet hat als die vernünftige Lösung?
LG Martin
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