Liebe Leserinnen und Leser,
in Zeiten des Wandels lohnt es sich besonders, über den Tellerrand hinauszublicken. Daher liefert dieser Newsletter viele Eindrücke und Erkenntnisse, die aus der globalen Entwicklung hervorgehen. Los geht es aber mit bedrückenden Studien, die zeigen: Die Klimakrise bereitet uns große Bauchschmerzen – und für Fehlentscheidungen wie den Iran‑Krieg durch Trump haben wir wahrlich keine Zeit mehr.
Klimaphysik: Immer heißer, immer schneller, immer weniger „normaler Alltag“
Seit 2015 hat sich die globale Erwärmung deutlich beschleunigt (Abre numa nova janela) – statt etwa 0,2 Grad pro Jahrzehnt liegen wir inzwischen bei rund 0,4 Grad pro Jahrzehnt. Was lange wie eine abstrakte Zahl wirkte, bedeutet: Wir rasen doppelt so schnell auf kritische Schwellen wie 1,5 Grad zu. Die neue Temperaturdynamik baut das physikalische Fundament dafür, dass Hitzewellen, Dürren und Extremwetter häufiger und heftiger werden.

Eine aktuelle Studie in „Environmental Research: Health“ zeigt (Abre numa nova janela), was das für unseren Alltag heißt. Die Zahl der Stunden, in denen es weltweit zu heiß für normale Tätigkeiten ist – Hund ausführen, einkaufen, leichte Arbeiten im Freien –, hat sich seit 1950 verdoppelt. Im Schnitt verlieren Menschen über 65 heute bereits rund einen Monat pro Jahr an „lebbarer“ Zeit draußen, jüngere Erwachsene etwa 50 Stunden; in Ländern wie Katar ist es für Ältere inzwischen rund ein Drittel des Jahres zu heiß und selbst 18‑ bis 40‑Jährige kommen auf mehr als 800 eingeschränkte Stunden.
Parallel dazu rücken natürliche Schwankungen in ein deutlich aufgeheiztes Klima. Forschende zeigen, dass rund drei Viertel des jüngsten Temperatursprungs auf das Zusammenspiel von Treibhausgasen und dem Übergang von einer außergewöhnlich langen La‑Niña‑Phase zu einem starken El‑Niño‑Ereignis zurückgehen. NOAA hat deshalb begonnen, seine El‑Niño/La‑Niña‑Definitionen anzupassen, weil die alten Schwellen mit der neuen Hitze nicht mehr Schritt halten – „normal“ liegt inzwischen Jahrzehnte hinter uns.
Eine weitere Studie beleuchtet (Abre numa nova janela), wie Hitzewellen und Dürre sich zu gefährlichen Kaskaden verbinden. Hitze‑getriebene „Flash‑Dürre“-Ereignisse haben seit den 1980er‑Jahren stark zugenommen: von etwa 2,5 Prozent der Landfläche pro Jahr auf zuletzt rund 16,7 Prozent, mit einem langjährigen Mittel von knapp 8 Prozent. Besonders seit den 2000er‑Jahren steigt der Anteil rasant – im Gleichschritt mit beschleunigter Arktiserwärmung und Eisschmelze, was Forschende inzwischen als mögliches Anzeichen eines überschrittenen Kipppunkts diskutieren.
Iran‑Krieg, Ölpreis und deutsche Politik in der Zange
Mitten in diese physikalische Zuspitzung hinein hat Trump den Krieg gegen den Iran eröffnet – mit unmittelbaren Folgen für Spritpreise, Inflation und deutsche Politik. Der Ölpreis für Brent sprang zwischenzeitlich auf knapp 120 Dollar je Barrel (Abre numa nova janela), zeitweise ein Plus von bis zu 60 Prozent seit Kriegsbeginn; an deutschen Tankstellen kletterten die Preise über die Zwei‑Euro‑Marke. Ökonomische Institute wie ifo und RWI rechnen vor: Bleibt der Energieschock nur einige Wochen, kostet das rund 0,2 Prozentpunkte Wachstum; hält das hohe Preisniveau an, könnten es bis zu 0,4 Punkte werden – aus einem Mini‑Aufschwung wird fast Stagnation.
Der „Stern“ berichtet von Krisenrunden (Abre numa nova janela) im Kanzleramt und im Finanzministerium, die intern mit Szenarien von minus 0,1 bis minus 0,4 Prozentpunkten BIP‑Wachstum jonglieren – je nach Dauer und Härte des Schocks. Besonders bitter: Die Merz‑Regierung hatte eine Angebots‑Reformagenda vorbereitet – Senkung der Lohnnebenkosten, Milliarden für marode Infrastruktur, steuerliche Entlastung der Mittelschicht, finanziert über eine moderat höhere Mehrwertsteuer.
In einem Umfeld, in dem die Inflation Richtung drei Prozent läuft und der Zorn an der Zapfsäule wächst, ist eine Mehrwertsteuererhöhung politisch nicht mehr vermittelbar – die Agenda wird zur Makulatur.
Für die Industrie ist es die zweite Energiekrise binnen vier Jahren. Energieintensive Betriebe, die den Gaspreisschock 2022 noch nicht verdaut haben, werden erneut getroffen – durch höhere Öl‑ und Gaspreise, neue Lieferkettenprobleme und enorme Unsicherheit. Ja, nach Trumps jüngster Ankündigung einer baldigen Deeskalation ist der Ölpreis auch wieder kräftig gefallen – Reuters berichtet von einem Einbruch um rund 11 Prozent an einem Tag. Aber genau diese Volatilität zeigt, wie sehr unsere Wohlstandsbilanz von geopolitischen Launen und OPEC‑Plus‑Entscheidungen abhängt.
Energiekrise vs. Transition: Wallace‑Wells und die „Klimaökonomie“
Politisch wirkt vieles nach Rückschritt: Trump erklärt den Klimaschutz zur Nebensache, hebt die Einstufung von CO₂ als Schadstoff auf, und auch in Europa feiern Gas‑ und Kohlekraftwerke ein Comeback. Doch David Wallace‑Wells erinnert in der „New York Times“ daran (Abre numa nova janela), dass die harte Realwirtschaft längst eine andere Geschichte schreibt: 2024 waren weltweit rund 92,5 Prozent der neu installierten Kraftwerksleistung erneuerbar, und zwischen 2025 und 2030 erwartet die Internationale Energieagentur, dass global weiterhin über 90 Prozent aller neuen Kapazitäten grün sein werden.
Auch im Verkehr hat die fossile Kurve ihren Peak überschritten. Weltweit sind die Verkäufe von Verbrenner‑Pkw seit ihrem Höhepunkt vor rund einem Jahrzehnt um mehr als 20 Prozent gefallen, während der Absatz von Elektroautos fast um den Faktor 30 gewachsen ist. 2019 waren nur etwa 3 Prozent der global verkauften Autos elektrisch, 2025 war es bereits etwa ein Viertel – in der EU lag der Anteil von E‑Autos und Hybriden sogar über 50 Prozent, in China überschritten reine E‑Autos die Hälfte der Verkäufe.
Und dann die Überraschungen am Rand: Nepal kam 2024 auf 76 Prozent E‑Anteil bei Neuwagen, Äthiopien überschritt nach einem Importstopp für Verbrenner ebenfalls die 50‑Prozent‑Marke.
Wallace‑Wells spricht deshalb von „Klimaökonomie“: billige Solar‑ und Batteriekapazitäten, volatile Fossilpreise, lokale Energiekrisen und geopolitische Risiken treiben Staaten und Unternehmen in Richtung Erneuerbare – selbst dann, wenn die Politik wackelt. Nicholas Stern, einer der Vordenker der Klimadebatte, nennt das „vorsichtigen Optimismus“: Politisch hätten wir Paris heute vielleicht nicht mehr hinbekommen, technologisch standen wir aber nie besser da.
Die unbequeme Wahrheit ist: Jede neue Klimastudie macht die Lage physikalisch düsterer – jede neue Statistik zur Energieinfrastruktur macht den Strukturwandel sichtbarer.
Tiefe Geothermie: Ruhe im Heizungskeller statt Drama an der Zapfsäule
Genau hier setzt eine deutsche Technologie an, die viel zu selten Schlagzeilen macht: die tiefe Geothermie. Laut Bundesverband Geothermie (Abre numa nova janela) sind derzeit 45 Anlagen in Betrieb, so viele wie nie zuvor – 43 liefern primär Wärme in kommunale und regionale Netze, 12 erzeugen zusätzlich Strom, meist in Kraft‑Wärme‑Kopplung. Weitere 18 Anlagen befinden sich im Bau, und bemerkenswerte 178 Projekte sind in Planung; die Zahl der Aufsuchungserlaubnisse hat sich 2024 nahezu verdoppelt, von 82 auf 155.

Die installierte Wärmeleistung summiert sich aktuell auf 442 MW, die jährliche Wärmeerzeugung auf etwa 1,8 TWh. Mittelfristig hält der Verband 10 TWh im Jahr für erreichbar und sieht perspektivisch das Potenzial, mindestens ein Viertel des deutschen Wärme‑ und Kältebedarfs mit tiefer Geothermie zu decken. Der Charme liegt auf der Hand: Grundlastfähig, witterungsunabhängig, lokal – ohne Importabhängigkeit, ohne Hormus‑ oder Russlandrisiko, dafür kompatibel mit bestehenden Fernwärmenetzen.
Politisch unterstützt werden die Projekte durch das Geothermiebeschleunigungsgesetz und einen neuen „Förderkredit Tiefengeothermie“ von KfW und Munich Re, der vor allem das Fündigkeitsrisiko abfedern soll. Der Verband rechnet bei entsprechendem Ausbau mit bis zu 24.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen entlang der Wertschöpfungskette, der Vermeidung von rund 34 Mio. Tonnen CO₂ und Einsparungen von bis zu 9 Mrd. Euro an fossilen Importen. Während also der Ölpreis auf Trumps Wort hin Achterbahn fährt, entsteht unter unseren Füßen eine Wärmeinfrastruktur, die genau diese Nervosität überflüssig machen könnte.
AI zwischen Müllberg und Batteriesprung
KI sorgt dieser Tage für Schlagzeilen – oft als Stromfresser der Zukunft. Aber sie kann auch helfen, Ressourcen effizienter zu nutzen. In der Recyclingbranche werden zunehmend KI‑gestützte Kameras und Roboterarme eingesetzt (Abre numa nova janela), um Wertstoffe in gemischten Abfallströmen zu identifizieren und zu sortieren. Große Player wie Waste Management und spezialisierte Firmen wie AMP bauen Anlagen, die unsortierten Restmüll verarbeiten, Wertstoffe herausziehen und organische Fraktionen beispielsweise zu Biochar für CO₂‑Zertifikate umwandeln – ein Ansatz, der ganze Städte unabhängig davon macht, wie gut Bürger:innen ihren Müll trennen.
Bei Elektro‑Altgeräten experimentieren Startups mit „generalized disassembly intelligence“: Roboter, die mithilfe von Computer Vision Schrauben an Flachbildschirmen oder Smartphones finden, entfernen und gezielt an hochwertige Komponenten wie Leiterplatten mit Gold, Kupfer und Palladium herankommen. Ähnliches passiert im Textilbereich, wo KI‑Sortieranlagen Kleidung nach Fasertyp, Zustand und Wiederverwendungspotenzial klassifizieren, um hochwertige Secondhand‑Ware von Stoffen für chemisches Recycling zu trennen. Noch hakt es am Markt – recycelte Materialien sind oft teurer als Neuware, und ohne klare Regulierung fehlen Abnehmer –, aber die Werkzeuge sind da.
Und ja: AI erhöht selbst den Strombedarf, vor allem durch Rechenzentren. Doch genau hier zeigt sich erneut, wie Klimaphysik und Klimaökonomie zusammenlaufen. Der chinesische Batterieriese CATL hat seinen Nettogewinn 2025 (Abre numa nova janela) um 42 Prozent auf 72,2 Mrd. RMB gesteigert – angetrieben nicht nur vom E‑Auto‑Boom, sondern zunehmend von Batteriespeichern für Stromnetze und AI‑Rechenzentren. Die Umsätze im Bereich Energiespeicher wuchsen kräftig, insbesondere in Überseemärkten, in denen der Energiebedarf von Datenzentren steigt und flexible Regelkapazitäten gesucht werden.
CATL geht von jährlichen Wachstumsraten der Branche von 20 bis 30 Prozent in den nächsten fünf Jahren aus und investiert in neue Fabriken in Deutschland, Ungarn, Indonesien und Spanien; Analysten sehen besonders große Sprünge bei Speicherbatterien. Dasselbe AI‑System, das Rohstoffe effizienter sortiert, sorgt also gleichzeitig für Nachfrage nach Speichern und Netzausbau – und beschleunigt damit indirekt die Dekarbonisierung des Stromsystems.
Wenn man all das zusammennimmt, entsteht ein widersprüchliches Bild – aber auch eine klare Richtung. Die Klimawissenschaft schreit Alarm: mehr Hitze, mehr Dürre, weniger Lebenszeit im „Normalzustand“. Die Geopolitik stolpert weiter durch fossile Kriege und Preisschocks. Katherina Reiche baut trotzdem Gaskraftwerke, die teuer (Abre numa nova janela) und problematisch (Abre numa nova janela) sind. Gleichzeitig baut die Welt leise an einer neuen Infrastruktur: mehr Erneuerbare, mehr Speicher, mehr Geothermie, mehr Kreislaufwirtschaft.
Die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob die Transition stattfindet – sie läuft. Die Frage ist, ob sie schnell genug wird, um der Physik davonzulaufen.
In diesem Sinne,
ihr Martin Jendrischik