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Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt (1971)

Am Beispiel von Daniel und Clemens bekommen wir einen Einblick in das Leben homosexueller Männer in der schwulen Subkultur von Berlin zu Beginn der 1970er-Jahre. Dabei liegt der Fokus auf einer gewissen Mitverantwortung für die problematische Situation, in der Homosexuelle auf Grund ihrer gesellschaftlichen Benachteiligung leben. Der Film ist als Aufruf an alle Homosexuellen zu verstehen, ihre Angst und Ohnmacht zu überwinden und aus den subkulturellen Verstecken herauszukommen. Die Aufforderung nach Solidarität und Organisation für den Kampf um Gleichberechtigung wird unter dem Slogan "Werdet stolz auf eure Homosexualität! Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen! Freiheit für die Schwulen!" zusammengefasst.

Dieses als Stummfilm gedrehte und später mit Texten von Sigurd Wurl, Martin Dannecker und Rosa von Praunheim nachvertonte Drama aus dem Jahr 1971 war nicht nur Rosa von Praunheims wichtigster Film, mit dem ihm der Durchbruch als Filmemacher gelang, sondern auch ein Auslöser der modernen deutschen Lesben- und Schwulenbewegung. Der Film hatte direkte gesellschaftspolitische Auswirkungen in der Bundesrepublik und entfaltete auch eine internationale Wirkung. Er trug zum Wandel der Verwendung des Wortes "schwul" vom Schmähwort zur Selbstbezeichnung bei und war stark geprägt von Wut und Frust. Das Werk sollte Schwule und Heteros provozieren, ins Gespräch zu kommen. Das gelang ihm grandios, auch wenn es dabei bis an die Schmerzgrenze gehen musste. Rosa von Praunheims Film wurde sogar mit der ikonischen Kraft der Stonewall Riots in den USA verglichen. Für den deutschsprachigen Raum mag das sogar stimmen.

Als der Film 1973 die erste bundesweite Ausstrahlung im ARD-Fernsehen erfuhr, gab es in Deutschland einen Aufschrei aus der Dominanzgesellschaft. Der Bayerische Rundfunk weigerte sich sogar, ihn auszustrahlen und sendete stattdessen den Rennfahrerfilm Benzin im Blut (1970) als heteronormatives Gegenprogramm.

Ich lege dieses wichtige Zeitdokument allen ans Herz, den konservativen Kulturkämpfern, den oberflächlichen Internet-Allies, den schwulen Spießern und den heutigen queeren Aktivisten. Film kann Gesellschaft verändern, das beweist Rosa von Praunheim, den ich noch einmal selbst zu Wort kommen lassen möchte, hier eindrucksvoll:

"Schwule wollen nicht schwul sein, sondern sie wollen so spießig sein und kitschig sein wie der Durchschnittsbürger. Sie sehnen sich nach einem trauten Heim, in dem sie mit einem ehrlichen und treuen Freund unauffällig ein eheähnliches Verhältnis eingehen können. Der ideale Partner muss sauber, ehrlich und natürlich sein, ein unverbrauchter und frischer Junge, so lieb und verspielt wie ein Schäferhund. Da die Schwulen vom Spießer als krank und minderwertig verachtet werden, versuchen sie noch spießiger zu werden, um ihr Schuldgefühl abzutragen mit einem Übermaß an bürgerlichen Tugenden. Sie sind politisch passiv und verhalten sich konservativ als Dank dafür, dass sie nicht totgeschlagen werden. Schwule schämen sich ihrer Veranlagung, denn man hat ihnen in jahrhundertelanger christlicher Erziehung eingeprägt, was für Säue sie sind. Deshalb flüchten sie weit weg von dieser grausamen Realität in die romantische Welt des Kitsches und der Ideale. Ihre Träume sind Illustrierten-Träume, Träume von einem Menschen, an dessen Seite sie aus den Widrigkeiten des Alltags entlassen werden in eine Welt, die nur aus Liebe und Romantik besteht. Nicht die Homosexuellen sind pervers, sondern die Situation, in der sie zu leben haben."

https://www.imdb.com/de/title/tt0066136/ (Abre numa nova janela)
Tópico Film